Jürgen Kuhlmann: Die Spannung zweier Worte an Petrus

Jürgen Kuhlmann:

Die Spannung zweier Worte an Petrus

Eine biblische Überlegung zum Papstbesuch in Luthers Kloster


In Erfurt trifft Papst Benedikt am Freitag auf Martin Luthers Spur. Ein halbes Jahrtausend liegt zwischen den Schritten beider Männer am selben Ort; in der Bibel spannt nur der winzige Abstand von fünf Versen im selben Kapitel 16 des Matthäusevangeliums die gegensätzlichen Jesusworte auseinander, die beider Bekenntnisse prägen.

In Vers 18 wird Petrus zum Grundstein der Kirche ernannt: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen." In Vers 23 heißt Petrus dagegen Satan und Stolperstein: "Weg mit dir, Satan, mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen."

Der erste Satz leuchtet in riesigen Lettern auf Goldgrund von der Kuppel des Petersdomes herab und meint dort natürlich nicht nur den ersten Papst Petrus sondern auch seinen jeweiligen Nachfolger im Papstamt. Was ergibt sich, wenn wir auch das andere Wort Jesu so aktuell auslegen? Nichts anderes als die schärfste Form der protestantischen Papstkritik. "No Popery!" schimpft hier nicht irgendein nordirischer Hitzkopf sondern Christus selbst. Wie schaffen denkbereite Christen es, diese Spannung auszuhalten: sie nicht zerreißen zu lassen, sondern im scheinbaren Widerspruch doch das eine in sich polare Gotteswort zu glauben? Das in der Nachfolge des Erasmus zu versuchen, war vor Jahren das Anliegen dieser Petrus-Predigt. Ich nehme an: Sowohl dem Papst wie auch den evangelischen Christen, die ihn in Erfurt begrüßen werden, ist diese dem gemeinsamen Christenglauben gestellte Aufgabe längst vertraut. Was folgt daraus für die künftige Gestalt der einen vielbunten Kirche Jesu Christi?

Was wird, weiß Gott allein. Doch ahne ich, was ein christliches Herz wünschen darf: Dass in allen Kirchen die Glaubenden sich zusammenfinden, die trotz logisch-organisatorischer Unvereinbarkeit beider Jesusworte dennoch an deren geheimnisvoller Einheit festhalten wollen. Weil sie schlicht der Bibel glauben und zudem erfahren haben, wie irdische Ordnung sich immer wieder vor Gottes Unberechenbarkeit verkrümelt. Sie wundern sich nicht, wenn ein Mitchrist weiterhin bloß einen Pol scharf akzentuiert (wie jüngst der ehedem katholische, dann protestantische Chrismon-Chefredakteur mit grimmiger Papstschelte). Dreieiniges Stereo (links-rechts-Mitte; dieses aktuelle Gleichnis scheint mir heute notwendig) verlangt Deutlichkeit hier wie dort. Freilich auch lebendige Beziehung beider Pole. Sollen zu konfessioneller Trennschärfe Entschlossene (weil Berufene?) nicht einseitig verkümmern, sind sie auf den Versöhnungsdienst ökumenisch Gesinnter angewiesen.

Zu ihnen gehört - daran zweifle ich nicht - auch der Papst. Nach seiner Wahl hatte man in Südeuropa Spaß an einem Wortspiel. "Pastor alemán" heißt auf spanisch, "pastore tedesco" auf italienisch nicht nur deutscher Hirt sondern auch Deutscher Schäferhund. Vor seiner Beförderung musste Kardinal Ratzinger die Pferchgrenze bewachen. Seine Verantwortung als Ober-Hirt reicht weiter, erstreckt sich auch auf die "anderen Schafe" (Joh 10,16). Während der Grenzwächter vor elf Jahren betonte, die protestantischen Kirchen seien "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn" (Dominus Iesus 17,2), hat der Hirt jetzt im Wort zum Sonntag seine Freude bekundet, dass er sich "mit Vertretern der Evangelischen Kirche Deutschlands treffen" und mit ihnen "inwendig beieinander" sein darf.

Das waren pfingstliche Worte. Sie machen die "verteilten Zungen wie von Feuer" (Apg 2,3) nicht zur einförmigen Riesenzunge, weisen aber alle Christen – auch strengstgläubige Katholiken – mit der apostolischen Autorität des für die Einheit Verantwortlichen auf das eine und selbe Feuer in allen Zungen hin. Ich gestehe: Dadurch ist mein geistliches Einssein mit evangelischen Freunden mir auch in der Dimension des Buchstabens aufgefrischt worden, wieder einmal hat Petrus den Auftrag unseres Herrn erfüllt: "Stärke deine Brüder!" (Lk 22,32)

21. September 2011


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/papst-in-erfurt.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann