Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Jesu Opfertod erlöst uns
aus der Sinnlosigkeit

Gedanken zum Karfreitag


Sehen wir überhaupt noch, was am Kreuz geschieht? Oder hat das christliche Auge sich allzusehr an den Anblick des Gekreuzigten gewöhnt? Von Jugend auf begegnen wir seinem Bild: oft im Kindergarten und Klassenzimmer, in der Kirche immer. Dabei vergessen wir, wie grausig die stundenlangen Qualen jener Hinrichtung gewesen sind. Wenn fremde Menschen, die mit anderen Leitbildern aufgewachsen sind, uns von ihrem Schock berichten, erst dann erfassen wir plötzlich, wie schockiert wir selbst sein müßten. Ein japanischer Buddhist bezeugt: "Christus hängt hilflos, voller Traurigkeit, an dem senkrecht aufragenden Kreuz. Für das östliche Empfinden ist der Anblick fast unerträglich." Für Christen auch! Gewöhnen wir uns gar deshalb an das Bild - um es nicht mehr zu sehen?

Durch seinen blutigen Tod hat Jesus Christus uns erlöst, so glauben, bekennen, singen die Christen von Anfang an bis heute. Was haben sie sich bei diesen Worten gedacht? Sehr Verschiedenes, je nachdem, was in ihrer Umgebung als selbstverständlich galt. Wo in den Tempeln der Antike noch, um Gott oder Götter zu versöhnen, das Blut der Opfertiere floß, da bot dieser Denkrahmen sich an; so lesen wir im Hebräerbrief, daß Christus "nicht kraft Blutes von Böcken und Kälbern, sondern kraft des eigenen Blutes ein für allemal in das Heiligtum eingegangen ist und so unendliche Erlösung gewonnen hat" (9,12). Uns ist solche Erfahrung fremd; eben durch das Christentum ist der blutige Opferkult abgeschafft worden, da sollen wir natürlich nicht deshalb zu dieser Vorstellung zurück, weil sie früher einmal das äußere Gedankenkleid des neuen Glaubens war, der sie überwunden hat! Jener Gott, den man mit Blut versöhnen muß: Er ist von Jesus als eingebildeter Teufelsvampir durchschaut worden, als Wahn einer Angstreligion, als unwirklicher Götze. Diesen Kern von Jesu Erlösungstat wollen wir nicht - durch ihr blutfixiertes Mißverständnis - wieder verlieren!

Später hat Anselm von Canterbury (+ 1109) die Erlösung neu verstanden, diesmal im Denkrahmen germanischer Ehrbegriffe. Durch die Sünde ist Gott unendlich beleidigt worden, nie könnten wir Menschen diese Beleidigung gutmachen; denn wir schulden Gott sowieso alles, jede Fiber unseres Herzens in jedem Moment. Zudem sind wir arme endliche Wesen, der Beleidigte aber ist von unendlicher Würde, über diesen Graben führt kein Sprung. Wollte Gott uns die Sünde ohne Genugtuung einfach verzeihen, "dann käme es in dem All, das Gott ordnen muß, wegen der verletzten Schönheit der Ordnung zu einer Häßlichkeit," [Cur Deus Homo I,15] die weder Gottes noch unserer Ehre entspräche. Doch Gottes erfinderische Liebe fand den Ausweg: Sein eigener Sohn wurde einer von uns und hat in unserem Namen die Genugtuung vollbracht. Weil Jesus Gott ist, hat seine Genugtuung unendlichen Wert, gleicht die Kränkung der Sünde voll aus. Jesus ist aber auch Mensch, deshalb ist solcher Ausgleich eigene Tat der Menschheit, wir können (in Christus) Gott wieder ehrenvoll ins Auge schauen.

Das ist ein wunderbar tiefer Gedanke von unvergänglicher Wahrheit; doch stimmt er allein innerhalb des feinen, überaus verletzlichen Zusammenhangs der echten Ehre, die mit Liebe und Vertrauen untrennbar verbunden ist. Oft wird Ehre aber bloß formal-äußerlich aufgefaßt; dann erscheint einem groben Sinn - statt des großzügigen, auf unsere Würde bedachten Gottes, wie der heilige Anselm ihn sah - jenes giftige Gottesbild, die Fratze des Tyrannen, der seinen Spaß daran hat, sein selbstgesetztes Herrenrecht bis zum letzten Blutstropfen einzufordern. Unsere Zivilisation ist von der in Ehrendingen so feinfühligen Ritterzeit weit entfernt, Wörter wie Beleidigung und Satisfaktion prägen sie nicht zentral. Anselm hat zwar recht: Der Mensch wird die Genugtuung, die er Gott schuldet, "entweder leisten wollen oder nicht. Wenn er will, aber nicht kann, ist er arm dran. Will er aber nicht, ist er ungerecht. Ob arm dran oder ungerecht: selig wird er nicht sein." [Cur Deus Homo I,24] Dem werden die meisten nicht widersprechen, es läßt sie aber eher kalt. Ist Gott uns vielleicht zu groß geworden, hat er sich zu weit ins Geheimnis zurückgezogen, als daß wir ihm mit Ehre und Genugtuung kommen wollten? Mag sein. Jedenfalls muß Christi Erlösungstat am Kreuz von der Kirche heute anders begriffen und verkündigt werden als vor neunhundert Jahren.

Fragen wir schlicht: warum ist Jesus gestorben? Eine Antwort liegt auf der Hand: Weil er treu zu den letzten Menschen gehalten hat. Die Ärmsten, Allerverachtetsten von damals: Zöllner, Huren, Samariter, sie hat er als gleichwertig angesehen und deshalb die Schubladenspiele der tonangebenden Kreise gestört. "Reich Gottes", das hieß in Jesu Sprache: Heil und Würde für alle. Solche Botschaft paßte denen nicht, die sich deshalb über den menschlichen Sumpf erhoben fühlten, weil sie die übrigen noch tiefer in ihn hineintraten. Darum haben sie die lautere Stimme des Ganzen abgewürgt. Jesus hat seine Botschaft höher geschätzt als sein Leben und ist für sie gestorben, ähnlich wie es - in seiner Nachfolge - zu unserer Zeit Martin Luther King, Bischof Oscar Romero und Tausende nicht so berühmter Christen getan haben. Ihr kostbares Blut hat erlösende Kraft. Wer ihr Sterben bedenkt, dem stärkt sich der Glaube an ihre Heilsbotschaft: "Martyrer" heißt wörtlich "Zeuge". Indem die herrschende Realität ihren unschuldigen Ankläger mordet, entlarvt sie ihre offiziellen Werte als verlogen, die Maske des Üblichen fällt ab und es zeigt sich das ebenso selbstverständliche wie revolutionäre Licht aus der Tiefe: Selig ihr Letzten; denn ihr seid nicht weniger als die scheinbar Ersten. Gottes Liebe, wie Gottes Sonne, leuchtet allen gleich, laßt euch nicht betrügen, sondern kämpft um euer Recht - nicht so allerdings, daß ihr den Spieß bloß umdreht und jetzt die anderen niedertretet, das würde insgesamt nichts bessern. Sondern tut das Eure, den Sumpf des Unrechts auszutrocknen, damit auf fester Erde alle Kinder Gottes in Freiheit und Einigkeit miteinander leben können.

Ist das schon alles, was die Erlösung dem Christen bedeutet? Gewiß nicht. Das Heil reicht weiter und tiefer als irdisches Wohl; nicht nur menschlicher soll die Welt dank der Kirche werden - wie wir das, Gott sei Dank, beim großen Umschwung im Osten erlebt haben und auch für andere Regionen erhoffen - vielmehr ahnen die Christen im blutigen Grauen des Karfreitags das Morgenrot der totalen Erlösung. Nicht nur was wir Menschen durch unmenschliche Regeln einander antun, wird von Jesu Opfertod aufgedeckt. Über den ganzen Kosmos herrscht die Macht des Bösen. Auch der Mächtigste ist der Macht des Todes unterworfen, sterben muß das Schönste; und aus Angst vor dem Untergang verkrallt sich sogar der Unschuldigste immer wieder in das, was er selber will, und tut anderen dabei weh. "Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich," so faßt ein Dichter (Hans Henny Jahnn) die Wahrheit des Ganzen zusammen. Wer mit wachen Nerven über die Erde geht und den Blick in die Finsternisse der eigenen halbbewußten Motive nicht scheut, der kann schließlich sogar den verzweifelten Glauben der gnostischen Frommen verstehen, die Welt sei vom Teufel geschaffen. "Die ganze Welt liegt im Bösen", dieser radikale Satz des Neuen Testaments (1 Joh 5,19) ist ebenso schrecklich wie wahr. Wieso ist er, dank Jesu Opfertod, in einem noch tieferen Sinn doch schon außer Kraft gesetzt? Liegt die Welt letztlich in Gottes liebender Hand?

Um im Kreuz die Heilsbotschaft zu entziffern, brauchen wir allerdings das Auge des Glaubens; unser Verstand sieht nur elendes Scheitern. Erst durch Ostern zeigt sich, was am Kreuz geschah, daß da nicht irgendein Mensch, sondern Gott selbst sich hat annageln und zu Tode foltern lassen. Für wen das so ist, ihm hat sich die Realität ein für allemal verwandelt. Kein Almosen aus der Tasche eines Reichen ist die Wirklichkeit, das den Schöpfer nichts kostet und uns, trotz aller Pracht, doch zu Bettlern erniedrigen müßte. Sondern wir sind Gott etwas wert. Tränen, Blut, rasende Schmerzen, Sterbensangst hat er sich uns kosten lassen. Mehr kann keiner geben für solche, die er liebt. Verglichen mit jenen drei schlimmen Stunden ist alle Wonne der Ewigkeit, die auf uns wartet, bloß ein Klacks. Wer für mich zu leiden bereit ist - natürlich teilt der, wenn es ihm gut geht, mit mir auch seinen Überfluß; das brauchen wir nicht zu glauben, das weiß jeder, der Freunde hat und Freund ist. Glauben müssen wir, daß wahrhaft in Jesus Gott selbst für uns gelitten hat. Nun bin ich gewiß: Wäre in Jesus nur irgendein Mensch gestorben und Ostern ausgeblieben, so würde heute kein Mensch des ersten Karfreitags gedenken. Millionen tun es. Auch wir wollen uns mutig in die Gegenwart des geschundenen Gottesleibes versetzen. Wenn tödlicher Schrecken über uns fällt - für Jesus war er noch unerträglicher und er hat ihn ausgehalten aus Liebe, um uns vorzuleben, vorzusterben, auf daß wir erlöst seien durch seinen Tod. Denn wenn Gott für uns ist und das so sehr, daß er uns zuliebe der Allerohnmächtigste wird: wer oder was ist dann gegen uns?

Was also ist das Kreuz? Den Ungläubigen nur ein sinnloser Galgen neben zahllosen anderen. Andersgläubigen ein verwirrendes Fragezeichen. Das ist es auch für Christen immer wieder. Denn die Frage nach dem Sinn des Ganzen läßt sich nicht irgendwann einmal "lösen" und dann ist sie abgehakt, erledigt. Sie wacht, im Gegenteil, jeden Morgen neu mit uns auf, nur aktuell lebendigem Glauben wird die erlösende Antwort geschenkt. Gebe Gott, daß wir die Botschaft des heutigen Hohen Tages tief innerlich begreifen: Jesus ist der Sinn der Welt in Person; weil er für die Würde von uns Menschen eintritt, so bis zum Letzten wie wir es am Kreuz sehen, deshalb sollen wir trotz aller Grausamkeit des Daseins - um uns an uns durch uns - an der ernsten Liebe des Ganzen zu jedem von uns nicht zweifeln. Sie will auch die Leidensstunden der Milliarden Namenloser von innen her erlösen. Jesus der Gekreuzigte ist gerade nicht der Einzige, er weiß sein Leid als einen Tropfen im Ozean aus Tränen und Blut, der die Geschichte des Lebens ausmacht. "Seht, das ist der Mensch," sagt Pilatus in der Johannespassion. Jeder Mensch wird, immer wieder und zuletzt endgültig, an sein Kreuz geheftet. Selig, wer dann glauben kann, erschrocken doch vertrauensvoll, welch hohen Preis der Schöpfer für uns hingegeben hat, wie wertvoll jeder Leidende in Gottes Augen ist. Auch in den unseren?


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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