Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Mut zum Neuen Leben!

Neujahrs-Gedanken


Anlaß: Neujahr
Botschaft: Obwohl scheinbar alles beim alten bleibt,
ist das Neujahrsfest sinnvoll: als gutes Zeichen des total Neuen Lebens,
das uns vom Trübsinn der Banalität befreit.
Themen: Die Wahrheit der Neujahrsmuffel - christlicher
Widerspruch: Zeichen lügen nicht - Gleichnis der grünen
Flaschen - Was heißt "Alles ist gut"? - nur erwachsener
Glaube käme ohne Zeichen aus - Mut zu neuen Anfängen!
Ziel: Der Hörer entschließt sich zu einem neuen Anfang.


Wieder hat ein neues Jahr begonnen. Schon wieder, denken die Älteren unter uns; zusehends schneller kreist das Karussell der Jahreszeiten. Während des Feuerwerks haben wir an so manche andere Silvesternacht zurückgedacht und uns gefragt, was das kommende Jahr wohl bringen wird. In den nächsten Tagen werden wir uns wohl beim Datum noch manches Mal vertun, gedankenlos die alte Zahl einsetzen - die aber ist vorbei, kommt niemals wieder. Jenes Jahr 2006 nach Christus, das gestern noch unsere Zeit war, ist ab heute Geschichte, versinkt immer tiefer im Abgrund der Vergangenheit. Wer weiß heute, was vor fünftausend Jahren in unserer Gegend geschah?

Neujahr ist ein allgemeines Fest, jeder kann es mitfeiern, was auch sein Glaube ist. Die Uhr schlägt - alle, wie ein kluger Pole sagt. Es gibt aber auch Neujahrsmuffel. Was soll der Klimbim, sagen sie, es ändert sich doch überhaupt nichts, das nächste Jahr wird ebenso banal wie das alte; die andere Ziffer bringt nichts wirklich Neues. Alles geht so weiter wie bisher, der Eindruck des Wechsels ist eine Täuschung, nur ganz Naive fallen auf sie herein. Lieber das Feuerwerk verschlafen und auf Vorsätze verzichten, so erspart man sich die Bitterkeit, daß dann doch alles beim alten bleibt.

Wer so denkt, hat natürlich nicht unrecht, man kann und darf es so sehen. Man muß aber nicht, und ich widerspreche ihm. Nicht theoretisch, aber praktisch. Es gibt nämlich nicht nur die banale Realität, ES (wer? was?) gibt (uns) auch Zeichen der wahren Wirklichkeit dieser Realität. Und die ist nicht banal. Ein solches Zeichen ist das Neue Jahr. Wenn wir es feiern, irren wir uns nicht, sondern achten auf das Zeichen. Die Muffel kommen mir wie Leute vor, die den Backherdschalter verspotten, weil er keine 250° heiß ist, oder den Drehzahlmesser, weil er nicht herumwirbelt. So wird auch an Neujahr nichts neu. Aber an jedem Tag ist alles neu. In Wahrheit ist kein Tag so banal, wie er einem ungläubigen Sinn vorkommt. Jeder ist neu, das feiern wir heute. Deshalb war das Feuerwerk keine Lüge, unsere Vorsätze strecken sich nicht ins Leere. - Das ist kein leichter Gedanke, deshalb will ich ihn mit einem Gleichnis erläutern, das Sie nicht mehr vergessen werden.

Da ist ein Kind, das hat, seit es denken kann, immer nur aus grünen Flaschen getrunken, warum, fragen wir nicht. Sooft es durstig war, wurde ihm eine grüne Flasche gereicht, mit irgendeiner Köstlichkeit drin. Eines Tages nun fährt dieses Kind im Boot über einen weiten See. Ein Sturm bricht los, das Boot kentert, das Kind schwimmt allein mitten im See. Die Sonne brennt, das Kind wird durstig. Aber ach, es gibt keine grüne Flasche. Schlimmer und schlimmer quält der Durst. Doch schau, was ist das? Da schaukelt eine grüne Flasche auf dem Wasser, halbvoll. Gierig setzt das Kind sie an die Lippen, trinkt sie aus und läßt sie traurig los. Was geschieht? Die Flasche füllt sich wieder! Und das Kind begreift die ungeheure Wahrheit: Ich schwimme mitten in Trinkwasser! Es braucht überhaupt keine Flasche. - Wenn es seither wieder durstig wird, macht es einfach seinen Mund auf, wo es gerade ist. Oder aber es greift zu einer der mancherlei grünen Flaschen, die sich hie und da finden; irgendwie schmeckt das Wasser anders, wenn es nicht nur mit der jetzigen Frische labt, sondern auch die Erinnerungen der Kindheit heraufbeschwört. - Soweit das Gleichnis der grünen Flaschen.

Mannigfache Heilszeichen helfen uns, das Rätsel der Welt glaubend zu lösen. Schon das Baby vernimmt ein gutes Zeichen im Kuß und Trostwort der Mutter. Wenn es nachts aufwacht und vor Schreck losweint, dann kommt die Mutter, nimmt es auf den Arm und tröstet: Nicht weinen, ist schon Alles gut. Das ist die Urform des Evangeliums. Stimmt dieser Satz? Ist wirklich alles gut? Oberflächlich gesehen: nein. Weiß die Mutter nicht, daß nebenan im Krankenhaus Menschen wimmern? Daß ein paar hundert Kilometer weiter der Bürgerkrieg eben jetzt ein Glück nach dem andern zerstört? Doch, sie weiß es und sagt trotzdem zu ihrem Kind: Ist schon Alles gut. Und hat recht, denn sie teilt die Einschätzung des Schöpfers: "Gott sah alles an, was Er gemacht hatte: Es war sehr gut" (Gen 1,31).

Dieser Satz enthält ein wunderbares Geheimnis. Im hebräischen Urtext bleibt nämlich offen, ob es um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geht. Das Sätzlein kann also auch heißen: Gott sieht alles an, was Er gemacht hat, es ist sehr gut. Oder: Gott wird alles ansehen, was Er gemacht haben wird, es wird sehr gut sein. Der Übersetzer steht vor einer im Grunde unlösbaren Aufgabe. Die übliche Fassung ist nicht falsch, denn es wird vom Ur-Anfang erzählt. Wahr ist aber auch: die Schöpfung ist noch nicht fertig, jeden Tag neu soll aus Chaos Sinn, aus tierischen Vorstufen reife Menschlichkeit werden. Und Gottes Ruhe nach der Schöpfung endlich, der siebte Tag ist noch gar nicht angebrochen. "Der siebte Tag werden wir selbst sein," sagt der hl.Augustinus [von Ernst Bloch zitiert]: Wenn der Schöpfer sein vollendetes Werk anblicken wird, dann sieht Er auch aus unseren Augen unsere erlöste Welt. Und das wird unser Ewiges Leben sein.

"Da riß der Vorhang des Tempels von oben bis unten entzwei" (Mt 27,51). Dieser Vorhang trennte das unzugängliche Allerheiligste vom äußeren Bereich. Sein Zerreißen bei Jesu Tod bedeutet: Jetzt bricht Gottes Reich herein, "die Lieb'ist freigegeben und keine Trennung mehr" (Novalis). Nach der Zeit braucht es keine Zeichen, auch keine heiligen, "einen Tempel sah ich nicht in ihr", berichtet der Seher über die himmlische Stadt (Offb 21,22), weil dann "Gott alles in allen sein" wird (1 Kor 15,28). Sofern erwachsener Glaube schon in diesem Leben "die Energien der Ewigen Zukunft verkostet" (Hebr 6,5), ist er über die Zeichen hinaus, bedarf keiner grünen Flaschen für seinen Heilsdurst. Und all seinen Mitgeschöpfen, die neben ihm im See schwimmen, soll er nicht die eigenen grünen Flaschen anpreisen, sondern lieber zeigen, wie köstlich das Wasser ist, das uns rings umgibt.

Kein Glaube ist aber jederzeit ganz erwachsen. Noch leben wir in der Zeit und sind für Zeichen dankbar. Deshalb laßt uns Neujahr feiern. Der heutige Tag ist eine jener grünen Flaschen, die kein christliches Etikett tragen, sondern allen Menschen dienen. Das Alte ist vergangen, fangen wir neu wieder an. Niemand ist an seine Vergangenheit gekettet. Können unsere Tage die gewohnte Jahreszahl plötzlich verlieren, warum dann nicht auch die eine oder andere schlechte Gewohnheit? Sollte das Licht an deinem Fahrrad bis gestern nicht geleuchtet haben: bitte, es gibt neue starke Dynamos, die sich auch bei Matschwetter drehen; bau einen ein. Lebst du beziehungslos neben deinem Partner her: bitte, eure erste Liebe von damals ist nur in der Zeit verrußt, in Gottes ewigem Jetzt brennt sie hell und könnte, wenn ihr nur wollt, mit ihrem warmen Licht euer kommendes Jahr beleben.

Und bist du von der Kirche enttäuscht, vielleicht gar angewidert? Bitte: Frag nicht, was die alte Kirche für dich tut. Frag lieber, was kann ich für die neue Kirche tun, damit sie etwas christlicher das neue Jahrtausend angeht. Bedenk: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. In tausend Jahren, wenn der Zeitgeist von heute und all unsere Sorgen nur mehr ein Spezialthema weniger Historiker sein werden - falls es dann überhaupt noch Menschen gibt, werden die Christen ebenso wie wir jahraus jahrein Gott preisen. Wünschen wir einander also von Herzen ein gesegnetes Neues Jahr!


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/neujahr-2007.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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