Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Der Abschied der dann keiner ist

Gedanken zum Gründonnerstag


»Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes« (Mk 14,25).

I.

Wie alle Lesungen in der Heiligen Woche, gehört auch dieser Satz Jesu beim Letzten Abendmahl »eher betrachtet als gelesen. Betrachtung ist nicht einfach eine Gebetsmethode: sie beschreibt eine Einstellung wachen Hinnehmens all dessen, was uns begegnet, eine Offenheit für unsere Umgebung, eine Bereitschaft, von ihr zu lernen, statt sie zu untersuchen und unseren üblichen Begriffen anzupassen. Wir lesen die Passionsberichte, um uns zu erinnern, dass Jesus – in den Worten des heiligen Paulus – ‚das Bild des Gottes ist, den wir nicht sehen können’. Wir sagen von Jesus: ‚Du hast die Worte Ewigen Lebens’ – seine Worte beschreiben eine gegenwärtige Wirklichkeit, denn ‚ewig’ heißt ‚immer im Jetzt’. Jesu Worte, Taten, Einstellungen offenbaren Gottes Wirklichkeit, jedem von uns jetzt ebenso nahe wie Gott für Jesus war, denn ‚der Geist, der in Jesus lebte und ihn von den Toten auferweckte, lebt jetzt in euch.’ Unser Leben als Christen heißt gemäß jenem Geist leben, heißt Gott den Gott des Friedens sein lassen: für uns und durch uns. Sooft wir Eucharistie feiern, feiern wir, durch Symbole von Brot und Wein, die Wirklichkeit, in der wir alle leben und uns bewegen und unser Sein haben. Gott lädt uns beständig ein, durch die Wirklichkeit, in der wir uns finden, uns der Liebe auszuliefern, die alle Dinge in die Einheit zieht. ‚Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden’ (2 Kor 5,21).

Als Menschen können wir sehr wenig ändern. Wir können andere nicht ändern. Wir können sehr wenig in uns selbst ändern, aber dies sehr Wenige ist ‚unendlich viel mehr, als wir erbitten oder uns vorstellen können’. Was wir ändern können, ist: wie wir die Dinge wahrnehmen ... Gott erkennen, wie er wirkt in allen Dingen, in allen Leuten, den Gott, der in uns weint, und den Gott, der uns beständig wandelt.«

Diese Sätze eines alten weisen Jesuiten mögen uns einstimmen in die Betrachtung des Letzten Abendmahls Jesu und seiner Jünger.

II.

Betrachten wir also diesen jungen Mann. In der Runde seiner Freunde sitzt er beim feierlichen Abendessen. Und er weiß: es ist das letzte Mal, dass wir so beisammen sind. Die anderen, denen er dermaßen auf die Nerven geht mit seiner Botschaft der hereinbrechenden Gottesherrschaft, die alles verwandelt: diese anderen machen bald Ernst. Sie werden ihn töten. Und dann?

Jesus trinkt und lässt den Becher kreisen. Und während er den Wein verkostet, wird ihm klar: Dieses Fest hier, das bald jäh ins Ende stürzt, hört trotzdem nie auf. Ich werde neu trinken von der Frucht des Weinstocks. Und ihr, die Meinen, ihr auch. Wäre es nicht so, dann wäre mein baldiges Sterben und mein ganzes Leben zuvor nichts als Irrtum. Als ich unseren Gott den Gott der Lebenden nannte und nicht der Toten, da hätte ich mich – und euch und alle – getäuscht. Wir wissen aber gut, ihr und ich, dass unser Vertrauen auf den Gott des Lebens nicht enttäuscht wird. Nur weil wir jetzt schon gewiss sind, dass DANN alles gut ist, nur deshalb ist unser Jetzt nicht leer. Ohne innere Spannung hin zu seiner sich bald ereignenden Fülle wäre alles Preisen des Hier und Jetzt nicht Mystik sondern ohnmächtiges Gerede. Umgekehrt stimmt freilich: Ohne unausreißbare Wurzel im je aktuellen Hier und Jetzt wäre alles Schwärmen von himmlischem Dort und Dann nicht Glaube, sondern illusorische Projektion. Gerade auch während Jesus vom neuen Trinken DANN beim ewigen Fest spricht, nimmt er nichts von seiner aufregenden Botschaft zurück, dass dieses Ewige Fest des Gottesreiches eben JETZT hereinbricht. Nur Dann wäre leere Projektion, nur Jetzt (was sofort vorbei ist) wäre Triumph des Nichts, allein die existentielle Spannung JETZT = DANN ist die von Jesus verkündete, bis in den Tod bezeugte, an Ostern selig erfahrene, seit Pfingsten Millionen Herzen erfüllende und für Milliarden bestimmte christliche Wahrheit.

Machen wir uns das durch ein Gleichnis klarer. Auf dreierlei Weisen kann ein Mädchen am Klavier sitzen. Entweder sie klimpert vor sich hin. Oder sie legt die Hände in den Schoß und träumt von Beifallsstürmen für die Konzertpianistin. Oder sie übt jetzt schon dieselbe Melodie, die sie dann im Konzert (spielen wird: in der Zukunft, was die äußere Zeit von Uhr und Kalender betrifft. Aber auch schon) jetzt spielt, was die innere Zeit dieser Musik angeht. Denn da ist es, genau betrachtet, nicht nur die gleiche sondern wahrhaft dieselbe Melodie, die zur selben inneren Musikzeit einsam geübt wird und im Konzert öffentlich erklingt. Ohne Vorfreude und Druck des Konzerts würden die Finger jetzt bloß zum Zeit-Vertreib auf die Tasten hacken, nur dank dem Dann ist jetzt die Zeit erfüllt. Und/Aber ohne ernstes Üben wäre ein Konzert-Gedanke nichts als leere Wahn.

»Am Abend vor seinem Leiden, das ist: HEUTE«, so leitet der Priester am Gründonnerstag die Wandlungsworte ein. Ja: Auch diese vergängliche Abendstunde im April 2007 wird uns (d.h. dieser glaubenden Gemeinde hier) bald neu zuteil an jenem TAG ohne Nacht, da Gott endlich ALLES in allen ist. Also NEU auch DU HEUTE in dir jetzt. Spüren wir das nicht tief in uns in dieser anrührendsten Eucharistiefeier des Glaubensjahres?


Zum Weiterdenken:

Jesuit: Gerard W. Hughes (geb. 1924) in: THE TABLET (London) 31 March 2007, 11

Bald: Warum verwandte die Urchristenheit die Optik der Naherwartung? Weil sie eine lebendige, solidarische Gruppe war. Eine solche lebt stets im Katastrophenbewußtsein, weiß ihr Ende nahe, Eltern spüren das: selbst wenn es uns gelingt, unsere Kinder vor Autos und Drogen zu beschützen, gehen sie doch bald fort, sind hoffentlich freie und glückliche Menschen, aber gewiß nicht mehr diese wunderbar herzigen Wesen wie jetzt. "Kinder, es ist die letzte Stunde" (1 Joh 2,18) - laßt sie uns nicht bloß fotografieren, sondern vor allem so leben, daß sie - vorbei - nicht leer gewesen sei!
Oder denken wir an eine Befreiungsgruppe, z. B. christliche Sandinisten in Nicaragua vor des Diktators Sturz. Wissen sie nicht aus der Geschichte, wie es noch jeder Revolution nach ihrem Sieg ergangen ist? Haben sie nicht das persische Beispiel vor Augen? Kinder, es ist die letzte Stunde, nie mehr wird es so wie jetzt.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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