Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Spring von deiner Bahre!

Gedanken zum zehnten Sonntag im Jahreskreis


I.

Von zwei Totenerweckungen hören wir heute in der Liturgie. Für unseren Glauben wichtig ist jede für sich, und auch ihr Unterschied. Der Prophet Elias »streckte sich dreimal über den Knaben hin, rief zum Herrn und flehte: Herr, mein Gott, lass doch das Leben in diesen Knaben zurückkehren! Der Herr erhörte das Gebet Elijas. Das Leben kehrte in den Knaben zurück, und er lebte wieder auf. Elija nahm ihn, brachte ihn vom Obergemach in das Haus hinab und gab ihn seiner Mutter zurück mit den Worten: Sieh, dein Sohn lebt« (1 Kön 17,21). Jesus hingegen »ging zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen, und er sagte: Junger Mann, ich sage dir: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück« (Lk 7,15).

Der Gegensatz springt ins Auge. Der Prophet ist ein bloßer Mensch, keineswegs Herr über Leben und Tod. Er kann nur mit aller Kraft seines Glaubens zu Gott um das unerhörte Wunder beten. Jesus weiß, dass er diese äußerste Macht innehat, er befiehlt dem Verstorbenen nur knapp: Steh auf! Das Motiv ist beide Male dasselbe. Der Mann Gottes hat Mitleid mit dem Leid der Witwe, die nun auch noch ihren Sohn verloren hat.

Es geht Jesus nicht um eine Schau. Vergleichen wir die Szene mit der anderen, wo er sich gegen die Anrede „Guter Meister“ wehrt. »Was heißt du mich gut? Keiner ist gut, nur einer: Gott« (Mk 10,18). Hier tritt er, weil es um ihn selbst geht, nur als demütiger Jude auf (bekanntlich war Jesus Jude, nicht Christ). Heute geht es nicht um ihn oder sein Verhältnis zum Vater, sondern um eine furchtbar geschlagene Frau, die ihren Einzigen verloren hat. Da handelt Jesus selbstvergessen, unbefangen einfach so, wie sein Mitleid es ihm rät, und gibt der Mutter ihr Kind zurück. Dass er das kann, ist ihm klar. Jeder andere Mensch, der so etwas unternähme, wäre verrückt und bliebe erfolglos. Vor Jesu Befehl weicht der Tod zurück. Durften die Christen daraus später nicht mit Recht schließen, dass Jesus eben mehr ist als bloß ein Mensch wie wir? Mir scheint, in diesem Punkt trifft Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch den Punkt genauer als seine gelehrten (aber nicht hinreichend geleerten sondern mit sog. Wissenschaft zugemüllten) Kritiker, die das Dogma von Christi Gottheit nicht aus dem Glauben der Urkirche sondern dessen späterer griechischer Überfremdung erklären.

II.

Ist die Geschichte aber »echt« so passiert? Trifft auch auf sie zu, was Benedikt XVI. in seinem (korrigierten) Buch - insgesamt zu Recht - feststellt: (Der biblische Glaube) »erzählt nicht Geschichten als Symbole für übergeschichtliche Wahrheiten, sondern er gründet auf Geschichte, die sich auf dem Boden dieser Erde zugetragen hat« ? Hier zweifelt manche(r). Was sagt ihr/ihm ein Christ? Als lebendiges Glied Christi darf er Jesu eigene Worte übernehmen und zu den Zweiflern wie auch ihren scheinbar so glaubensstarken Gegnern gleicherweise sagen: Mensch, ich sage dir, steh auf! Überwinde die Totenstarre deiner Verfallenheit an historische Details. Was liegt dir daran, was damals genau passiert ist? Egal, ob jener Jüngling in Naim real aufgeweckt wurde oder literarisch, ob Gott sich die Story also als Schöpfer oder als Autor ausgedacht hat, zweierlei steht fest: a) Sie stimmt, b) heute ist jener Wiederbelebte auf der Wirklichkeitsebene, die dich im Bann hält, auf jeden Fall tot und für dich belanglos.

Für dich, wie für uns Menschen alle, ist allein wichtig, dass der Mensch Jesus, einer von uns, »in echt« die Macht über Leben und Tod innehat und deshalb auch dich aus deinem Darniederliegen an der »historischen Oberfläche« (Ambrosius) erheben und zum wahren Leben hier und heute und in Ewigkeit neu erwecken kann. Dass er das auch will, darauf kannst du dich verlassen. Aufrichten aber musst du dich, wie jener eben noch tote Jüngling, schon selbst. Dank Jesu Anruf hier und jetzt kannst du es. Atme denn tief ein, vielleicht nach langer Zeit zum ersten Mal wieder im Bewusstsein: So winzig mein Atmen mir scheinen mag, vollzieht es sich doch innerhalb von Gottes Heiligem Geist-ATEM zwischen dem Ewigen KIND in jedem von uns und dessen VATER im Himmel ganz innen.

Und lass dich von Jesus dann deiner Mutter zurückgeben, der wahren Kirche, d.h. der heiligen Gemeinschaft von Glaubenden, wo auch immer der WIND des Geistes dein Herz sie finden lässt. Und bete oft (manchmal auch in gerechter Sprache) eins der Grundgebete unserer Kirche: Ehre sei dem einen GOTT, dem VATER (im Himmel ganz innen), dem KIND (das, wie in Jesus, in jedem Menschenherzen leben will) und der Heiligen ATMUNG (des innergöttlichen und uns mit in sich bergenden WIR), wie es war im Anfang (und seither in allen Generationen des Lebens auf unserer Erde), so auch JETZT (d.h. immer gerade dann, wenn dir dies Wunder deines Seins wieder einmal klarer wird, egal wie glorreich oder schäbig, freudvoll oder entsetzlich die Situation deinem äußeren Menschen vorkommt) und alle Zeit (anderswo sowie später) und in EWIGKEIT (wenn dasselbe, was du jetzt in deiner Isolierzelle singst, in seiner Wahrheit offenbar wird: als lebendiges Teil-Lied des nie mehr verhallenden Großen Festkonzerts). AMEN.


Zum Weiterdenken:

Geleert: Zum (Eckhartschen) Lesemeister und Lebemeister gehört als drittes wichtiges Amt noch der Leermeister (lernen wir von Günter Wohlfart).

In gerechter Sprache: Eins ist das gemeinsame Beten innerhalb einer langbewährten Gemeinschaft. Ein anderes ist das Beten allein oder in vertrautem kleinem Kreis. Jenes braucht feste Formeln, bei diesem dürfen wir abwechseln. Meiner Erfahrung nach stimmt beides: Neue Formulierungen nutzen sich schnell ab und man greift gern auch wieder zu den alten; die gewinnen jedoch dank neuer Facetten stärkere Leuchtkraft.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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