Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Ohne Gerechtigkeit keine Liebe!

Gedanken zum sechsundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Heute enthält die Liturgie ein Ärgernis. Die rituelle Antwort auf das eben gehörte Evangelium dürfte manchem im Halse stecken bleiben. Wir erfahren von der Möglichkeit, "in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt." "Lob sei Dir, Christus!" Den meisten wird die Kraft der Gewohnheit über die Klippe hinweghelfen, erst danach werden sie sich fragen: Um Himmels willen, was habe ich da gesagt? Ich lobe Christus für die Aussicht auf die Hölle? Lebendig verbrannt werden ist ein gräßlich schmerzhaftes Sterben, auf Erden nimmt es aber wenigstens ein Ende. Und für die Aussicht, daß ich selbst oder andere Menschen uns zuletzt ohne Chance auf Linderung immerfort im Feuer winden, dafür habe ich Beifall geklatscht? Hat der scharfsichtige Meister des Verdachts, hat Friedrich Nietzsche etwa wirklich - und zwar mit einem Zitat des anerkanntesten katholischen Kirchenlehrers - schon meine Denkart beschrieben?

Diese Schwachen - irgendwann einmal nämlich wollen auch sie die Starken sein, es ist kein Zweifel, irgendwann soll auch ihr "Reich" kommen - "das Reich Gottes" heißt es schlechtweg bei ihnen, wie gesagt: man ist ja in allem so demütig! Schon um das zu erleben, hat man nötig, lange zu leben, über den Tod hinaus - ja man hat das ewige Leben nötig, damit man sich auch ewig im "Reiche Gottes" schadlos halten kann für jenes Erden-Leben "im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung". Schadlos wofür? Schadlos wodurch?... Dante hat sich, wie mich dünkt, gröblich vergriffen, als er, mit einer schreckeneinflößenden Ingenuität, jene Inschrift über das Tor zu seiner Hölle setzte "auch mich schuf die ewige Liebe" - über dem Tore des christlichen Paradieses und seiner "ewigen Seligkeit" würde jedenfalls mit besserem Rechte die Inschrift stehen dürfen "auch mich schuf der ewige Haß" - gesetzt, daß eine Wahrheit über dem Tor zu einer Lüge stehen dürfte! Denn was ist die Seligkeit jenes Paradieses?... Wir würden es vielleicht schon erraten; aber besser ist es, daß es uns eine in solchen Dingen nicht zu unterschätzende Autorität ausdrücklich bezeugt, Thomas von Aquino, der große Lehrer und Heilige. "Beati in regno coelesti", sagt er sanft wie ein Lamm, "videbunt poenas damnatorum, ut beatitudo illis magis complaceat." [Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral I 15]

"Die Seligen im himmlischen Reich werden die Strafen der Verdammten sehen, damit die Seligkeit ihnen mehr gefällt." ??? Läßt Jesu Wort vom nie erlöschenden Feuer sich so verstehen, daß wir ihn von Herzen für es loben können, obwohl wir, Angehörige einer inzwischen zivilisierten Nation, die Todesstrafe verabscheuen und in jedem Verbrecher die Menschenwürde so achten, daß wir dem in den Arm fallen, der ihn foltern wollte? Versuchen wir einzusehen, warum Dante sich nicht vergriffen hat.

Das heutige Evangelium enthält ein anderes Sätzlein, das uns einen Hinweis gibt. Als die Jünger einen Konkurrenten, der nicht zu ihrer Gruppe gehörte und sich trotzdem auf Jesus berief, daran hindern wollten, hat der Meister es ihnen verboten: "Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Warum ist dieses tolerante Jesuswort so viel weniger bekannt als sein scharfes Gegenstück "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich" (Mt 12,30)? Ich vermute: Weil jedes organisierte System offiziell mehr Wert auf seine Abgrenzung gegen andere Systeme legt als auf die Unwichtigkeit dieser Grenzen. Deshalb hat die Kirche in den Jahrhunderten ihrer Machtstellung den Gläubigen das abgrenzende Wort wuchtiger eingepredigt als das öffnende.

Wie lassen beide sich ausgleichen? Indem wir das Dogma von Jesu Gottessohnschaft ernst nehmen. Wer ist es, der da sagt "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich"?"Ich, mir, mich": das sagt die Person als solche. Jesu Person ist laut unserem Glauben nichts Geschaffen-Begrenztes, sondern der ungeschaffene, un-endliche SINN selbst, das Gute an sich. Angesichts seiner gibt es keine Neutralität. Wer nicht für das Gute eintritt, stellt sich gegen es.

Im heutigen Sätzlein sagt Jesus hingegen "uns", schließt sich mit seinen Jüngern zu dieser irdisch-bestimmten Gruppe zusammen. Ihr gegenüber kann jemand neutral sein. Denn wer nicht zu ihr gehört, nimmt an ihrer besonderen Perspektive nicht teil, kann diese nicht wahrnehmen, weiß sozusagen nicht, ob dieses Kathedralenfenster bunt leuchtet oder grau ist. Denn das sieht man nur von innen.

Nicht gegen uns, darum für uns: Das ist ein großartiges Toleranzprogramm, nach ihm richtet die katholische Kirche sich seit dem letzten Konzil. Auch im Kleinen, was unsere eigenen Beziehungen zu solchen angeht, die uns fremd vorkommen, ist dies ein ratsames Motto. Wenn wir uns bemühen, äußere Neutralität von uns aus in wohlwollende Verbundenheit umzuwandeln, wird die Welt für beide Teile ein besserer Ort.

Und dieser Jesus droht, andererseits, mit ewiger Hölle. Wie paßt das zu seiner grenzenlosen Güte, mit der er noch im Sterben seinen Todfeinden verziehen hat?

Ich glaube, wir verstehen diese Drohung allzu kindisch und äußerlich. Jeder von uns ist als Kind bestraft worden, Eltern und Lehrer mußten uns Unlust zufügen, damit wir lernten, mit Recht Gefordertes auch dann zu tun, wenn es keinen Spaß machte. Und selbst der Glücklichste kennt Schmerzen, ganz ohne Zahnweh und Liebeskummer geht es nicht. Lassen wir nun sowohl die Autorität als auch die Strafe und den Schmerz ins Unendliche gehen, dann ergibt sich die Vorstellung der Hölle: Gott bestraft Widersetzlichkeit mit ewiger Qual.

Das ist ein angstgemaltes Zerrbild, entstanden in Kindertagen, bei vielen noch im hohen Alter schrecklich aktiv. Im Zusammenhang des christlichen Glaubens an den unendlich liebenden Gott muß es sich verwandeln: zur mündigen Einsicht in die strenge Würde des Guten. Eine Person, die sich lieblos gegen es entscheidet, muß DANN, wenn alle zeitlichen Kulissen verschwinden, tief erschrocken sich als die Frau oder den Mann erkennen, wozu sie sich selbst gemacht hat. Ich stelle mir vor, wie ich dann alle die Situationen, da ich anderen weh tat, wieder erleben muß, jetzt aber von der anderen Seite aus, in innerer Teilnahme an Schmerz, Wut, Enttäuschung jenes Mitmenschen. Und ich bin schuld daran! Wie solche Schande in jemandem brennt, auf dessen Befehl Tausende von Judenkindern Angst, Qual und Tod erleiden mußten, kann niemand sich vorstellen.

Das Böse darf sich nicht lohnen, kann sich nicht lohnen, lohnt sich nicht. Dessen sind wir im Glauben gewiß, diesen ebenso vernünftigen wie offenbarten Kern der Höllenbotschaft löst kein harmloser Kuschelgott-Zeitgeist auf. Gott ist gerecht. ER will aber nicht den Tod des Sünders sondern daß er sich bekehre und lebe. Ich schreibe diese Zeilen vor der Nürnberger Synagoge und erkläre zwischendurch Menschen, die sie besuchen möchten, daß sie trotz (irriger) Werbezettel und Zeitungshinweise an diesem "Tag der Religionen" nicht hinein dürfen, nur Angemeldete haben Zutritt. Eben trat aus dem Seniorenstift ein 88jähriger jüdischer Uhrmacher aus Prag. Er war in Auschwitz, seine Frau und sein Kind wurden dort ermordet, nach dem Krieg sperrten die Kommunisten ihn jahrelang als Spion ins Gefängnis. Ich traue mich, ihn zu fragen: Werden Sie dann, vor Gottes Angesicht, all diesen Menschen, die Ihnen soviel Böses angetan haben, verzeihen? Er schaut mich an und sagt langsam: "Das will ich mir gut überlegen."

Wie Gottes überströmendes Erbarmen die Mißgestalten unserer Schande so bedeckt, daß doch keine Untat vertuscht wird, dieses Geheimnis bleibt uns Zeitlichen verborgen. Hoffen dürfen wir aber, daß der unlöschbare Brand der vollen Gerechtigkeit zuletzt nicht Qual sondern Segen bringt - allen? Auch dem Millionenmörder Adolf Hitler?

Wenige Wochen vor diesem wurde Wilhelm Klein geboren. Am achtzigsten (!) Jahrestag seiner Priesterweihe kam der 103jährige Jesuit am 28. Oktober 1992 vom Altar aus auch auf Hitlers Selbstmord zu sprechen und fuhr fort: "Macht das alles, machte das alles der eine Geist? ‚Ja, ja, jetzt weiß ich nicht, da komm ich nicht mehr mit!' Ich selber auch nicht. Da bleibt mir auch der Verstand stehen, ab er nur der Verstand - die Fähigkeit, mit der wir aus dem allen, was da geschieht, etwas rausschneiden, um es uns anzusehen, und wo wir menschlich eigentlich da immer sagen: ‚Lieber Gott, laß mich mal einen Augenblick Du sein, der liebe Gott, damit ich sehe, was Du alles vorhast mit all dem, was Du da gewirkt hast von Ewigkeit zu Ewigkeit.'
Ja, da steht uns der Verstand still, aber nicht die Liebe, nicht der Glaube, nicht die Hoffnung. Und ich wiederhole: qui Mariam absolvisti et latronem exaudisti, mihi quoque spem dedisti [Du hast Maria (von Magdala) losgesprochen, den Räuber erhört und auch mir Hoffnung gegeben]. Wir werden alle einmal, alle, wenn die Zeit in diesem Tränental, die Vorbereitungszeit, die wir oft auch Purgatorium nennen, wenn die ihren Dienst an uns getan hat. Dann heißt es: ‚So, jetzt darfst du kommen!' Und wenn man mich fragt: ‚Dein Lieblingsgebet?' Komm Herr Jesu, komm!"


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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