Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

War Sartre religiös?

Gedanken zum zweiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


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1) Jesu Kritik an den Schriftgelehrten

2) Göttlicher Auftrag und gesellschaftliche Anerkennung gehören nicht vermischt

3) Jeder Mensch ist dem Guten verpflichtet

4) Ohne Menschenfurcht dem Gewissen folgen!

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1) Jesu Kritik an den Schriftgelehrten

Die Überschrift scheint sinnlos, immerhin war Sartre einer der Wortführer des Atheismus im 20. Jahrhundert. Es sieht so aus, als würde im heutigen Evangelium niemand weniger gezeichnet als er. Was verbindet den modernen Gottesleugner mit den Gottesgelehrten vor zweitausend Jahren? Vernehmen wir, in Luthers Sprache, wie Jesus sie entlarvt:

"Sehet euch fur / fur den Schrifftgelerten die in langen Kleidern gehen / vnd lassen sich gerne auff dem Marckte grüssen / vnd sitzen gerne oben an in den Schulen / vnd vber tisch im Abendmal / Sie fressen der Widwen heuser / vnd wenden langes Gebet fur / Dieselben werden deste mehr verdamnis empfahen." [Mk 12,38 ff]

Der unstudierte Wanderprediger legt sich mit den religiösen Autoritäten an; daß die zornig wurden, kann man verstehen. Mit welchem Ingrimm mag Martin Luther diese Stelle übersetzt haben, wenn er an die hohe Geistlichkeit seiner Zeit dachte! Was fühlte er aber später, wenn er selbst, hochangesehener Reformator, in einer evangelischen Stadt Ehrengast bei einer Festmahlzeit war?

Man hüte sich davor, aus Jesu Sätzen vor allem die Bestätigung eines eigenen Antiklerikalismus herauszuhören. Gewiß hat unser Herr den selbstsüchtigen Mißbrauch der Religion scharf gegeißelt; auf heute angewandt, reicht seine Kritik aber weiter. Damals war die religiöse Obrigkeit tonangebend, das ist sie heute nicht mehr. Als die aufmüpfigen Studenten vor 35 Jahren spotteten "unter den Talaren Muff von tausend Jahren", meinten sie nicht Pfarrer sondern ihre Professoren, die antiklerikalen nicht weniger als die kirchlich gesinnten. Wie sollen wir Jesu Tadel auf unsere Situation beziehen?

2) Göttlicher Auftrag und gesellschaftliche Anerkennung gehören nicht vermischt

Indem wir, bewußt und ausdrücklich, die religiöse und die gesellschaftliche Dimension unterscheiden lernen. Jene Schriftgelehrten hatten die Erfüllung ihres religiösen Auftrags mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung zu einem einzigen Gemisch verrührt. Erst wollten sie fromme Leute sein und dafür von den Menschen geehrt werden, dann kippte diese Beziehung um, an die Ehre hatten sie sich gewöhnt und machten ihrer Umgebung, mag sein sogar sich selbst, mittels langer Gebete eine Heiligkeit auch dann vor, als aus ihr längst Scheinheiligkeit geworden war. Jesus durchschaut dieses Spiel und warnt vor übler Vermanschung. Zwar will Gott von uns, daß wir auf die Achtung unserer Mitmenschen Wert legen, nicht aber darf, umgekehrt, solche Achtung der Grund für unsere Gottesverehrung sein. Gott will um seiner selbst willen verehrt werden, sein Auftrag trägt Grund wie Lohn in sich, duldet kein weltliches Motiv. Wer sich wegen seiner religiösen Gewissenhaftigkeit vor den Menschen aufspreizt, verdirbt sein Inneres, besudelt jenes reine Herz, ohne das er doch Gott nicht schauen kann (Mt 5,8), und gerät in Gefahr, daß aus Gottesdienst unvermerkt Götzendienst wird.

3) Jeder Mensch ist dem Guten verpflichtet

Das Evangelium gilt für alle; denn die religiöse Dimension beansprucht keineswegs nur die ausdrücklich Frommen. Weil der christliche Glaube das Heil aller Menschen verkündet und zu diesem Heil eine wirkliche Beziehung des Herzens zu Gott gehört - in Teilhabe am Verhältnis Christi zu seinem Vater - deshalb verwirklicht sich die religiöse Dimension existentiell auch bei solchen, die sich nachdenkend für Atheisten halten. Das bezeugt, überraschend deutlich, ausgerechnet eben Jean Paul Sartre. Er unterscheidet zwischen dem Gott, den er bekämpft hat, und "dem Anderen", von dem er sich dazu angetrieben fühlte:

"Im Jahr 1917 wartete ich eines Morgens in La Rochelle auf Mitschüler, die mich ins Gymnasium begleiten sollten; sie verspäteten sich, so daß ich bald zu meiner Zerstreuung nichts mehr zu erfinden vermochte und beschloß, an den Allmächtigen zu denken. Augenblicklich machte er sich in den Azur davon und verschwand ohne irgendeine Erklärung: er existiert nicht, sagte ich, höflich erstaunt, zu mir selbst, und hielt die Angelegenheit für abgetan. In gewisser Weise war sie es auch, denn seither habe ich niemals die leiseste Versuchung gespürt, ihn von neuem zu beschwören. Aber der Andere blieb, der Unsichtbare, der Heilige Geist, der meinen Auftrag garantierte und mein Leben durch große, anonyme und geheiligte Kräfte regierte. Von dem da konnte ich mich um so schwerer frei machen, als er sich im hinteren Winkel meines Kopfes eingerichtet hatte mit Hilfe von eingeschmuggelten Begriffen, derer ich mich bediente, um mich zu verstehen, meine Lage zu bestimmen und mich zu rechtfertigen. Wenn ich schrieb, so hieß das lange Zeit, daß ich den Tod und die maskierte Religion darum bat, mein Leben dem Zufall zu entreißen. Ich war ein Mann der Kirche; als Militant wollte ich mich durch die Werke retten; als Mystiker bemühte ich mich darum, das Schweigen des Seins durch ein lästiges Geräusch von Wörtern zu enthüllen, wobei ich vor allem die Dinge mit ihren Namen verwechselte. Das ist: Glauben."

Allerdings wird ein solcherart "gläubiger Atheist", sobald er diesen anderen Gott erst einmal erspäht und objektiviert hat, auch ihn, den Heiligen Geist, heftig leugnen: "Die Illusion der Rückschau ist zerbröckelt; Märtyrertum, Heil, Unsterblichkeit, alles fällt in sich zusammen, das Gebäude sinkt in Trümmer, ich habe den Heiligen Geist im Keller geschnappt und ausgetrieben; der Atheismus ist ein grausames und langwieriges Unterfangen; ich glaube ihn bis zum Ende betrieben zu haben."

Oder hat ihm sein Heiliger Geist auch das noch diktiert? Wer weiß, wie Sartre später über sich als den Schreiber dieser Zeilen geurteilt hat ...

4) Ohne Menschenfurcht dem Gewissen folgen!

Auch in solchen, die sie leugnen, lebt die religiöse Dimension. Deshalb gilt allen Menschen Jesu Mahnung, sie rein zu halten, nicht durch äußerliche Motive in ein Zwielicht zu bringen. Jede Frau und jeder Mann vernimmt einen inneren Stimmenlärm, da jammert das Kindheits-Ich, droht das Eltern-Ich, trotzt das Jugend-Ich - und ruft auch immer wieder von ganz innen her das Gewissen. Seine befreiende Wahrheit von anderen Stimmen unterscheiden zu lernen ist eine lebenslange Aufgabe. Sofern sie gelingt, heißt es sich einschwingen in die vom Gewissen gewiesene Lebensbahn, unbekümmert darum, wie das bei der Umgebung ankommt. "Sollen dich die Dohlen nicht umschrein, mußt nicht Knopf auf dem Kirchturm sein."

Allgemeine Regel gibt es keine. Der eine Bischof scheut die langen Gewänder, kleidet sich schlicht und schläft in einer Kammer mit zwei Liegen, die zweite ist für obdachlose Gelegenheitsgäste. Der andere hält es für dem Ansehen seiner Kirche geschuldet, violett aufzutreten und in einem ordentlichen Palais zu wohnen, schon um seine Kollegen nicht zu beschämen, die es ebenso halten. Wer wirft einen Stein? Man kennt das spöttische Urteil über den bedürfnislosen antiken Philosophen Diogenes: "Die Eitelkeit leuchtete aus allen Löchern seines Gewandes." Zeichen sind zweideutig, nicht auf sie kommt es an, erst recht nicht gefragt ist mein Urteil über fremde Zeichen.

Eindeutig ist die Botschaft des Evangeliums, es befragt uns: Wie verhält sich dein Gehorsam dem gegenüber, was dein Gewissen dir aufträgt, zu dem Urteil der Leute über dich? Falls jener Gehorsam von diesem Urteil mitbestimmt wird, hast du Grund zu ernster Selbstprüfung. Ist das, was du für Gewissenhaftigkeit hältst, gar schon dabei, sich in Scheinheiligkeit zu verkehren? "Erfolg ist keiner der Namen Gottes," warnt der jüdische Weise Martin Buber. Freilich auch nicht immer ein böses Zeichen: Als St. Bernhard - so wird berichtet - während der Predigt einmal zu großer Form auflief, zischte der Teufel ihm zu: Toll machst du das, Bernhard, wirklich großartig! Kühl erwiderte der Heilige: Sei still! Deinetwegen hab' ich nicht angefangen, deinetwegen hör' ich auch nicht auf.

Unabhängig davon, in welche Richtung das Gewissen einen Menschen treibe, ob zu langen Gebeten, zur Läuterung des Zeitbewußtseins von falschen Gottesbildern oder wozu sonst - auf jeden Fall empfiehlt es sich, Jesu Kritik zu beherzigen und sich selbst zu prüfen: Tue ich das, weil es das Richtige ist, oder um der Leute Anerkennung zu kaufen?

"Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
Der Freie von dem Knecht."


Zum Weiterdenken:

Jean-Paul Sartre, Die Wörter, Gütersloh o. J. 229 f.

Keine Scheu vor Dohlen, rät Goethe.

Der eine Bischof: Pedro Casaldáliga in Brasilien, laut Interview mit EL PAIS.

Der eine fragt: Theodor Storm, Sprüche, 1


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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