Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Neue Chance nach gescheiterter Ehe?

Gedanken zum siebenundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen." So klar Jesus im heutigen Evangelium den Grundsatz der unscheidbaren Einehe ausspricht, so schwer auflösbar sind die Problemknoten, zu denen das Prinzip in der Praxis führt, von Anfang an. Schon innerhalb des Neuen Testaments wird die Unscheidbarkeit der Ehe durch eine Ausnahme aufgeweicht, laut Mattäus (19,9) bestimmt Jesus: "Ich sage euch: Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch." Auf diese Ausnahme berufen sich Orthodoxe und Evangelische, während in der katholischen Kirche auch Ehebruch dem verratenen Partner nicht das Recht gibt, eine neue Verbindung einzugehen.

Wie wird solche Strenge gerechtfertigt? Allein Gehorsam dem Herrenwort gegenüber kann es nicht sein, sonst dürfte das Verbot "Schwört überhaupt nicht!", das in der Bergpredigt dem Scheidungsverbot unmittelbar folgt (Mt 5,32/34) von der offiziellen Kirche nicht so dreist mißachtet werden; einer der unangenehmsten Momente meiner kirchlichen Laufbahn war der uns abgepreßte Antimodernisten-Eid, den nicht zur feierlichen Lüge werden zu lassen damals der äußersten Interpretations-Rabulistik bedurfte - heute dürften noch härtere Schwüre zu den Voraussetzungen einer höheren Kirchenkarriere gehören. Was die solches anordnenden Herren sich beim Blick auf das Evangelium denken, diese Frage ist eins der Rätsel, auf deren Lösung in diesem Leben ich nicht mehr hoffe.

Wenn nicht Gehorsam, was ist dann der Grund des strengen katholischen Eherechts? Anfangs der Sechziger Jahre durfte ich in Rom noch mit P. Hürth SJ sprechen, wenige Monate vor seinem Tod. Er galt als einer der großen alten Männer der päpstlichen Universität Gregoriana, hatte, so hieß es, maßgeblichen Anteil an der Ehe-Enzyklika Casti Connubii des Papstes Pius XI. Damals sagte er mir ungefähr folgendes: "Wer leugnet, daß es Ehen gibt, die eigentlich gar keine Ehen mehr sind, der leugnet Tatsachen. Versuchen wir aber einmal, uns auf Gottes Standpunkt zu stellen. Was geschähe, wenn er eine Scheidung dieser mißlungenen Ehe zuließe? Dann würden soundsoviele junge Ehepaare bei der ersten schweren Krise, statt sie zu bestehen, gleich an Scheidung denken. Und aus der Möglichkeit der Scheidung würde ihre häufige Tatsächlichkeit entspringen. Wo kämen wir da hin! Deshalb hat Gott es in seiner Weisheit anders geregelt."

Unterscheiden wir zwei Fragen.
a) Wie soll das Eherecht weiterentwickelt werden? Von dieser Fragerichtung sehen wir hier ab. Was ein Einzelner da denkt, hätte Bedeutung nur, wenn er z.B. Papst oder Konzilsberater wäre; in eine Predigt gehört es jedenfalls nicht.
b) Wie ist mit dem geltenden Kirchenrecht umzugehen?

Da stelle ich an den Anfang ein Zeugnis meines verstorbenen Vaters. Er sagte mir einmal: "Ich glaube, Pater Hürth hat recht. Bei deiner Mutter und mir ist es nur deshalb gut gegangen, weil wir beide jeweils wußten: Es gibt keine andere Möglichkeit. Fänden wir nicht wieder zusammen, würden wir auf jeden Fall unglücklich." Sie sehen, ich habe Grund, für das kirchliche Eherecht dankbar zu sein.

Was sage ich aber solchen, die sein Joch schwer drückt? Unterscheiden wir an der Kirche zweierlei: sie ist Volk Gottes, und sie ist Leib Christi. Um rundum glücklich zu sein, muß jemand auch voll zu seinem Volk gehören, an dessen Leben ohne Einschränkung teilnehmen dürfen. Denn der Mensch ist ebenso tief Individuum wie Glied des sozialen Ganzen. Wer je am Rand oder gar außerhalb seiner Bezugsgruppe stand, kennt die verzehrende Sehnsucht, dabei zu sein, dazuzugehören. Bei sogenannten "primitiven" Völkern, so berichtet man, führt der bloße Ausschluß aus der Gemeinschaft zum Tod des einzelnen.

Wer durch Taufe und Glauben Glied der Kirche ist, für den bedeutet die volle Zugehörigkeit zur Kirche ein wesentliches Stück des eigenen Wohlseins. Ähnlich wie von biologischer Gesundheit kann man auch von juristisch-soziologischer Gesundheit sprechen. Ihrer erfreut sich z. B. der Katholik nach einer guten Beichte, wenn er überzeugt sein darf: jetzt lebe ich in Frieden mit dem Volk Gottes, gehöre ganz dazu. Der soziale Friede ist ein Wesensstück des Menschen.

Unendlich tiefer als die biologische oder soziologische Gesundheit reicht für den Christen die göttliche Gesundheit, das Heil. Körperlich beschwerdefreie Menschen ebenso wie sozial Integrierte können innerlich unheil sein; umgekehrt gibt es leiblich oder gesellschaftlich Kranke, die in Gottes Heil leben. In dieser Dimension heißt die Kirche Gemeinschaft der Heiligen oder Leib Christi.

Die begriffliche Unterscheidung der drei Heilsdimensionen darf uns aber nicht zu ihrer Trennung verleiten. Leibliche, gesellschaftliche und göttliche Gesundheit sind zwar nicht dasselbe, fallen aber auch nicht beziehungslos auseinander. Das zeigt sich schon sprachlich: "heil-heilig", "health-whole". Auch Wörter wie "Kranken-Salbung" oder "Sozial-Medizin" zeigen an: das volle Heil soll, in verschiedenen Dimensionen, eines sein. Wie stehen die drei Dimensionen aber zueinander in Beziehung?

Einmal in der Beziehung von Ursache und Wirkung. Mein Hausarzt meint, über die Hälfte der Krankheiten seien seelisch, d.h. meist: gesellschaftlich verursacht. "Dein Glaube hat dich geheilt", sagt Jesus im Evangelium und muß der verblüffte Arzt in Lourdes anerkennen.

Eine andere Beziehung ist die von Sinn und Zeichen. Leibliche Gesundheit wie soziales Wohlbefinden sind Zeichen, bedeuten das absolute göttliche Heil, ähnlich wie der Ehering den Liebesbund bedeutet.

Beide Beziehungen, die von Ursache und Wirkung ebenso wie die von Sinn und Zeichen, gelten freilich nicht einfachhin und überall; die heile Welt gibt es nur im Kitschroman. In der Wirklichkeit finden sich alle möglichen Varianten gestörter Beziehungen zwischen den Heilsdimensionen. "Es gibt Schafe draußen und Böcke drinnen", wußte schon Augustinus. Auch hier ist die Formel des Konzils von Chalkedon (451 ) wie ein goldener Schlüssel. Chalkedon lehrt von Jesus, daß er Gott und Mensch ist, zwei Naturen "unvermischt und ungetrennt". Übertragen auf unser Anliegen: leibliches, soziales und göttliches Heil sind unvermischt und ungetrennt. Ungetrennt: was auf einer Ebene gesund ist, gilt auch für die anderen Ebenen der Einheit. Unvermischt: die negative Besetzung auf einer Ebene darf nicht auf alle anderen Ebenen durchschlagen. Körperbehinderte (biologisch negativ besetzt) sollen nicht auch sozial am Rande stehen. Einem Strafgefangenen (sozial negativ besetzt) steht Hilfe zu, wenn er an seiner Situation erkrankt. Und vor allem: der leidvolle, sozial mißlungene Zustand eines "schwarzen Kirchenschafes" darf dieses nicht an seinem persönlichen Heil und an Gottes stets anwesender Gnade verzweifeln lassen.

Was ist zu tun, wenn in einer schwierigen Situation die katholisch-soziale und die göttliche Heilsdimension deshalb einander widerstreiten, weil der tiefe Sinn, der bei uns sozialen Leibwesen an sich die Greifbarkeit des Zeichens erreichen will, im Einzelfall dieses Zeichen verbietet? Mit dem Himmelreich ist es wie mit Eheleuten, die einander schworen, niemals ihren Trauring abzulegen. Eines Tages aber mußte der Mann an einer starken Batterie hantieren. Daß Gold den Strom leitet, war ihm klar; trotzdem blieb er treu, wie er "treu" verstand. Wirklich geriet er mit dem Ring in den Stromkreis (dieser Teil der Geschichte ist tatsächlich passiert). Als er seiner Frau den verbrannten Finger zeigte, sagte sie: "mein Dummerchen".

Die Parabel lehrt: Wenn die Verwirklichung eines Zeichens dem inneren Sinn des Zeichens widerspricht, hat sie zu unterbleiben; das Zeichen würde sonst zur Lüge.

Das soziale Heil des Katholiken, die Übereinstimmung seines Lebens mit der Ordnung des Volkes Gottes, ist ein (grundsätzlich notwendiges) Zeichen für sein göttliches Heil, für die Zugehörigkeit zum Leib Christi.

Gott will die körperliche Gesundheit des Menschen; niemand darf sich willkürlich ein Bein abhacken. Doch auch Einbeinige leben in der Gnade. Gott will auch das soziale Heil und erwartet von Katholiken, daß sie opferbereit um den Erhalt ihrer Ehe kämpfen: um ihrer selbst und der Kinder willen, und auch weil jede gelingende Ehe ein kraftvolles, ja sakramentales Zeichen für die ewig gelingende Große Liebesgeschichte zwischen Gott und seiner Menschheit sein darf.

Ist eine Ehe aber tatsächlich gestorben, dann ist niemand gezwungen, ihren Leichnam im eigenen Wohnzimmer verfaulen zu lassen. Man darf sie begraben. Wird einem später eine Begegnung und im inneren Forum des Gewissens die Ermunterung geschenkt, aus ihr eine neue Lebensgemeinschaft wachsen zu lassen, dann darf man das tun - sei allerdings bereit, den gesellschaftlichen Preis zu zahlen, d.h. zugunsten der um ihre Ehe kämpfenden Paare auf die Teilnahme am Sakrament der Eucharistie zu verzichten - dort, wo man bekannt ist. Zugleich auf einem Nebenweg und auf der breiten Straße mit allen Gläubigen wandern zu wollen, ist zu viel verlangt. Es ist dein göttliches Recht, das zu tun, was du in Gewissensverantwortung vor Gott zu tun hast; ein anderes ist die soziale, womöglich feierliche Bestätigung deines Rechtes durch die Rechtsgemeinschaft, gegen die dein Recht verstößt. Was beim Spruch des Jüngsten Gerichtes klar werden wird, bleibt in unserer Pilgerzeit noch verschleiert. Wie juristische, objektive Ordnung (der Allgemeingültigkeit und Unauflöslichkeit des Ehebandes) und subjektive persönliche Gewissensfreiheit in einem solchen Extremfall sich tatsächlich zueinander verhalten, ist in diesem Leben nicht festzustellen. Juristische Wehleidigkeit paßt schlecht zu persönlicher Gewissenskühnheit.

Wenn eine tief katholische, aber geschiedene und wieder verheiratete Mutter bei der Hochzeit ihrer Tochter in der Bank zurückbleibt, während alle anderen zur Kommunion gehen - auch solche, die bekanntermaßen nur konventionell, nicht als engagiert Gläubige zur Kirche gehören - dann wird das Kind in ihr dies als Ausschluß empfinden und traurig sein. Sie sollte sich aber zugleich als Erwachsene klar machen, daß eben dieses gesellschaftliche Minus geistlich ihr seliges Plus ist: das persönliche Zeugnis für das wunderbare Heilsgut Ehe. Was liegt daran, durch welches Zeichen das Gute geehrt wird! Wirklich empfangen wird das Sakrament unserer leiblichen Vereinigung mit Christus ja nicht nur bei der realen Kommunion sondern - gemäß der Lehre des Konzils von Trient - auch "nur geistlich, von denen nämlich, die kraft ihrer Sehnsucht (voto) jenes vorgesetzte Himmelsbrot essen und dabei mit lebendigem Glauben, der durch die Liebe wirkt, seine Frucht und Nützlichkeit verspüren."


Zum Weiterdenken:

Wo kämen wir da hin: So heißt mein Aufsatz über "Gesetz und Freiheit im konkreten Handeln", veröffentlicht 1981 in "Geist und Leben".

Ehe ein sakramentales Zeichen: Hier eine Handreichung von 1968 für das Nürnberger katholische Ehekolleg

Die Große Liebesgeschichte zwischen Gott und seiner Menschheit als Friedensrahmen für die weitere Ökumene der Abraham-Religionen ist das Thema meines neuesten Buches.

Im inneren Forum ist - erstaunlich viel erlaubt, zeigt eine befreiende Abhandlung kompetenter US-amerikanischer Kirchenrechtler (To order a pamphlet about Internal Forum, send $2.00 with a note to: Association for the Rights of Catholics in the Church (ARCC) P.O. Box 912 Delran, NJ 08075).

Konzil von Trient: Sess. XIII, cap. 8 (D881). In meiner Kindheit wurde uns die "geistliche Kommunion" noch ans Herz gelegt; im neuen Welt-Katechismus finde ich keinen Hinweis. Ein Beispiel, wie zukunftweisend manch verschütteter Schatz der Tradition sein kann.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/mk-10-9.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann