Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Christlich dienen, nicht sklavisch!

Gedanken zum neunundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


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I. Mißverständnisse

1) Sklavischer Gehorsam der Vielen mach die Bosheit der Wenigen erst wirksam.

2) Wollte jeder Gutgesinnte nur dienen, nicht leiten, hätte das Gute keine Chance.

II. Wie Christen dienen sollen

1) Den Wunsch "Ich will groß sein" nicht verdrängen!

2) Dienen müssen ist Schicksal, dienen wollen ist christlich.

3) Nicht "was bin ich?" ist hier die Frage, sondern: wie will ich es sein?

4) Sinn des Dienens: anderen ein Zeichen für die Güte des Ganzen sein

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"Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,42-45).

I. Mißverständnisse

Dieses christliche Grundprogramm ist von Mißverständnissen umstellt, versuchen wir sie zu entwirren, damit es unser Leben mit seiner Kraft ergreifen und verwandeln kann.

1) Sklavischer Gehorsam der Vielen mach die Bosheit der Wenigen erst wirksam.

"Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." Legt das Christentum es darauf an, aus freien Menschen Sklavenseelen zu machen? Diesen Eindruck haben viele. Der ideale Christenmensch scheint das gefügige Kirchenschaf zu sein, eins aus der braven Herde, die gehorsam dahintrottet, wie ihr Hirt es will. Jahrhunderte lang hat man ihnen in unzähligen Predigten die Ichsucht ausgetrieben, mit solchem Erfolg, daß sie - umgekehrt - geradezu diensüchtig geworden sind. So stand, als 1933 eine Verbrecherbande die Macht in Deutschland übernahm, den tyrannischen Führern ein Millionenheer auf Gehorsam gedrillter Mitläufer zur Verfügung. Ohne dieses Resultat der christlichen Erziehung zur Sklavenmoral hätten die Untaten jener zwölf Jahre nicht geschehen können, ohne die Bravheit der Vielen wäre die Bosheit der Wenigen ohnmächtig geblieben. - Offenkundig hat Jesus nicht gemeint, daß die Seinen in diesem Sinn Sklaven sein sollen. Was aber hat er gemeint?

2) Wollte jeder Gutgesinnte nur dienen, nicht leiten, hätte das Gute keine Chance.

"Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein." War Christus ein Revolutionär? Duldet er in den Gemeinschaften der Seinen keine geordneten Machtverhältnisse? Wenn der Ehrgeizige keine Machtposition sondern den letzten Platz anstreben soll - klingt das nicht so ähnlich wie der Spruch, der Jahrzehnte an einer Nürnberger Mauer prangte: "Keine Macht für niemand!"? Wie übel dieses Programm in jeder real existierenden Gesellschaft wirken muß, hat sich in manchem Jahrhundert gezeigt. Ohne klare Regelung, wer in welcher Frage wieviel zu sagen hat, können Menschen nicht vernünftig leben. Wann immer es, in Krisenzeiten, tatsächlich "keine Macht für niemanden" gab, hat bald jemand die Macht an sich gerissen und sie meistens schlimm mißbraucht. Da solche soziologischen Gesetze anscheinend ähnlich streng gelten wie das physikalische und biologische, daß sich zu Tode stürzt, wer aus dem zwölften Stock springt: sollte unser Herr wirklich dagegen sein, daß ein Jünger, der groß sein und Gutes erreichen will, deshalb einen Rang anstrebt, von wo aus er ein ihm aufgeleuchtetes Vorhaben auch verwirklichen kann, statt daß er sich, bescheiden, von anderen für deren mickrigere Ziele in Dienst nehmen läßt? - Was aber meint Jesus mit seinem Aufruf zum Dienen?

II. Wie Christen dienen sollen

1) Den Wunsch "Ich will groß sein" nicht verdrängen!

Lesen wir genau. Dann begreifen wir, daß Christus keine Sklavenseelen will. Den natürlichen Ehrgeiz wertet er nicht ab, sagt keineswegs: Du sollst nicht groß sein wollen! Sondern er geht vom Drang nach Größe unbefangen aus, macht ihn nicht schlecht: "Wer bei euch groß sein will" - nicht zerbrechen will der Herr diesen Lebenspfeil, warnt ihn nur vor falscher Richtung, zeigt ihm die wahre. Sucht nicht die für euch bequemsten Plätze sondern versteht jede euch erreichbare Größe als Dienst aneinander. Verhaltet euch - ohne die Machtstrukturen zu zerstören, denn im Chaos lebt es sich schlecht - innerhalb ihrer nicht als unterdrückerische Herren sondern wie Diener der Gemeinschaft.

2) Dienen müssen ist Schicksal, dienen wollen ist christlich.

Mir scheint, den Mißverständnissen liege eine fundamentale Zweideutigkeit des Wortes "Dienen" zugrunde. Muß ich dienen, weil ein hartes Schicksal oder eigene Nachlässigkeit mich in Sklavenketten zwingt, oder will ich dienen, weil ich - dank Gottes Segen - für mich selbst bereits glücklich bin, und glücklicher nur durch Teilhabe an fremder Freude werden kann, so daß ihr zu dienen das für mich jetzt Vernünftigste ist? Sklave zu sein aus Notwendigkeit, Feigheit, Trägheit: das empfiehlt Jesus keinesfalls. Nicht Sklavenseelen will er, sondern uns befreien. Nicht zur permanenten Revolution, die hat auch in Maos China nicht funktioniert. Sondern zum freien Dienst in unserer Position. Welche das ist, liegt jeweils schon fest.

3) Nicht "was bin ich?" ist hier die Frage, sondern: wie will ich es sein?

Hier scheint mir der springende Punkt. Jesu Aufforderung zum Dienen richtet sich nicht an Menschen vor der Entscheidung zu der oder jener Position im aktuellen Machtgefüge. Nicht soll, wer frei oder Knecht sein kann, Tellerwäscher oder Geschäftsführer, Examensbeste oder durchgefallen, aus christlichen Gründen das Niedrigere wählen. Ein solch radikaler Schritt kann Inhalt einer persönlichen Sonderberufung sein: wenn etwa eine hochgebildete Dame, als kleine Schwester Jesu in der Nachfolge von Charles de Foucauld, Kassiererin im Supermarkt wird, um Christus zu bezeugen ("redet nicht aber lebt so, daß man euch fragt!"). All den Seinen mutet er so etwas aber nicht zu. Auch Jesus selbst ist zwar "gekommen, um zu dienen", war sich aber seiner Würde durchaus bewußt: "Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es" (Joh 13,13). Daraufhin wusch er den Aposteln die Füße.

An alle Jünger richtet sich hingegen Jesu Gebot, innerhalb der jeweiligen Machtposition nicht eigensüchtig über die Unteren sondern liebend für sie und solidarisch mit ihnen zu bestimmen. "Wer ist der Bestimmer?", die Frage ist unausweichlich, vom Kinderzimmer bis in die hohe Politik. Nicht um sie geht es Jesus im heutigen Evangelium, vielmehr darum: Wie bestimmt, wer da bestimmt?

4) Sinn des Dienens: anderen ein Zeichen für die Güte des Ganzen sein

Nur freies Dienen einer Person, die auch anders könnte, kann - was Jesu Sendung war und darum sein Auftrag auch an uns ist - als Zeichen für Gottes Güte wirken: Schau, ich meine es gut mit dir, nehme dich wahr und wichtig, obwohl die Umstände mich nicht dazu zwingen - nimm das als kleines Zeichen dafür, daß auch die allherrschende Macht es gut mit dir meint, und trau der Güte des Ganzen auch dann, wenn sie sich verbirgt. In diesem Sinn "aller Sklave sein" soll der Christ, all derer, denen er nicht schon durch den Zwang der Verhältnisse ausgeliefert ist. Erzwungener Sklavendienst ist für Herr und Herrin kein Zeichen ins Innere, bloß selbstverständlich, nichtssagend, eignet sich nicht als evangelischer Rat. Wer hingegen, ob als Familienvater oder Abteilungsleiterin, als Bischof oder Hausmeister die eigene Macht nicht für sich oder der Oberen Launen nutzt sondern als Dienst für die ihm Anvertrauten ausübt, hat Jesus verstanden.

Der Satz von Leo X. (1513-1521) "Gott hat uns das Papsttum gegeben, laßt es uns genießen!" war mehr ehrlich als christlich, wird - entsprechend abgewandelt - auch von Nicht-Päpsten immer wieder wenigstens gedacht. Das Motto ist nicht unberechtigt, Gott will die Freude seiner Kinder. Es gehört aber ergänzt durch den Zusatz ... genießen, und schauen wir, wie wir es zum Heil derer ausüben können, für die wir verantwortlich sind und einst (d.h. JETZT!) vor jenem Gericht Rechenschaft ablegen, bei dem es kein Ansehen von Person und Stellung gibt.


Zum Weiterdenken:
Diensüchtig

Allherrschend ist der ursprüngliche (griechische) Sinn jenes Wortes (pantokrator), das auf Latein zu omnipotens und dann auf Deutsch zu allmächtig wurde, daraus entstand ein unlösbares Scheinproblem, wie Hans Jonas gezeigt hat.

JETZT ereignet sich das Ewige Leben. Wie das zu verstehen sei, versuche ich (1993) im Gespräch mit Hölderlin, Proust, Unamuno und Benjamin zu klären, im Buch "EWIG LEBEN JETZT". Es ist auf der unten empfohlenen CD enthalten und läßt sich von dort aus leicht drucken.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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