Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Jesu Niedrigkeit - Muster für Christen und Kirche

Gedanken zum achtundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


*

1) Warum berichtet das Evangelium dieselbe Begegnung zweimal verschieden?

2) Im persönlichen Bereich: Mit Lob richtig umgehen.

3) Im ökumenischen Gespräch: Das Jesusbild - laut Markus - der anderen ist nicht falsch.

4) Dauerspannung von Niedrigkeit und Würde.

*

1) Warum berichtet das Evangelium dieselbe Begegnung zweimal verschieden?

"Als er sich auf den Weg hinaus begab, lief einer herbei, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister! Was soll ich tun, um unendliches Leben zu erben? Jesus sprach zu ihm: Was heißt du mich gut? Keiner ist gut, nur einer: Gott."

So wird uns Jesu erste Antwort an den "reichen Jüngling" heute vorgelesen, in der Fassung bei Markus (10,18). Daß der Frager ein junger Mann war, erfahren wir von Matthäus (19,20). Eine spannende Frage an das christliche Glaubensverständnis erhebt sich beim Vergleich beider Fassungen. "Guter Meister" wird Jesus bei Matthäus nicht genannt. Zwar hat er die beiden Wörter der Markus-Vorlage übernommen, stellt sie jedoch in einen anderen Zusammenhang: "Meister, was soll ich Gutes tun, um unendliches Leben zu erlangen?" Entsprechend ändert sich auch Jesu Antwort: "Was fragst du mich nach dem Guten? Einer ist der Gute."

Wie erklärt sich der Unterschied? Nun, die Fachleute sind sich einig, daß Matthäus nach Markus geschrieben hat. Anscheinend hatte sich in der Zwischenzeit der Glaube an Jesu überweltliche Würde so weit geklärt, daß seine Rüge "was nennst du mich gut?" in den Mund des Gottessohnes nicht mehr recht passen wollte. Anderseits sollte es noch über zweihundert Jahre dauern, bis nach langen bitteren Streitigkeiten das Konzil von Nicaea den Glauben an Christus als "Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahren Gott vom wahren Gott, gezeugt nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater" feierlich verkünden konnte. Seither wurde die Scheltfrage "was nennst du mich gut?" unbefangen rechtgläubig verstanden, schön faßte vor bald vierhundert Jahren der holländische Jesuit und römische Professor Cornelius a Lapide († 1637) die traditionelle Deutung zusammen:

"Einer ist gut, Gott. Nämlich kraft Natur und Wesen. Demütig wendet Christus das Lob und seine Gutheit auf Gott zurück, um uns zu lehren, es ebenso zu machen: weil dieser Fragende nicht den vollen Glauben an Christus hatte und nicht glaubte, daß er Gott ist. Zu diesem Glauben also wollte Christus ihn sozusagen rügend emporheben und ermuntern: Wenn du mich gut nennst, so glaube, daß ich Gott bin, keiner ist nämlich durch sich gut außer Gott ... Wie nur er allein wahres, festes und volles Sein hat (...), ebenso ist Gott allein gut, weise, mächtig, weil von ihm alle, Engel, Menschen, so etwas wie einen Tropfen oder besser Schatten von Güte, Weisheit, Macht und Gerechtigkeit teilhaben."

So würde das heute kein Bibelwissenschaftler mehr sagen. Wir haben seither gelernt, geschichtlich zu denken, Sätze aus ihrem historischen Zusammenhang heraus zu verstehen. Als frommer Jude wußte Jesus sich während seines Lebens als einen Menschen, der ganz für Gottes Willen lebt. Als er die Anrede "guter Meister!" zurückwies, hatte er keine hochgestellten Hintergedanken, gab einfach seinem Vater, dem allein guten Gott, die Ehre. So gut wir verstehen, daß Matthäus diese radikale Demut dessen, dem doch "alle Vollmacht gegeben ist im Himmel und auf Erden" (28,18), seinen Lesern nicht mehr zumuten wollte, so wichtig ist trotzdem auch das Jesusbild des Markus, für jeden von uns persönlich wie für die Christenheit.

2) Im persönlichen Bereich: Mit Lob richtig umgehen.

Jesus will uns "lehren, es ebenso zu machen", das ist eine zeitlose Wahrheit. Auch wir sollen ein Lob, das uns etwa erreicht, nicht gierig einsaugen sondern zum Himmel hinauf weiterspiegeln. Oder, in einem anderen Bild: Wir sollen ein Lob nicht an unsere individuelle Oberfläche fesseln sondern ihm den Weg in jene Tiefe freigeben, wo unsere gemeinsame göttliche Mitte strahlt. Wenn wir jeden Einzelnen mit dem Teilchen eines Rings vergleichen, dann ist dessen Mitte, sein Innerstes also, jedem seiner Teile auch äußerlich. Ein solches Gleichnis läßt uns - nicht begreifen (das kann niemand) aber ahnen, wie wir unsere Beziehung zu Gott dem GANZ ANDEREN und zugleich "Nicht-Anderen" uns vorstellen können und warum das Gebet des Volkes Gottes nichts Entfremdendes hat: "Nicht uns, o Herr, bring zu Ehren, nicht uns, sondern deinen Namen" (Ps 115,1)! Das soll jeder an Gott Glaubende von Jesus lernen: ein Lob nicht für die eigene winzige Besonderheit zu beanspruchen sondern es gern dem Quell alles Guten überlassen, dem allein es gebührt. Dieses Gebot bleibt für jeden wahr und verlangt wache Beherzigung im jeweiligen persönlichen Umfeld.

3) Im ökumenischen Gespräch: Das Jesusbild - laut Markus - der anderen ist nicht falsch.

Das Gebot richtet sich jedoch nicht nur an die Einzelnen sondern auch an die Christenheit als ganze, was ihre Beziehungen zu "den anderen" angeht. Das sehen wir heute klarer als frühere Generationen. Ich glaube, es wird uns fortan zugemutet, die Spannung zwischen der Markus- und der Matthäus-Fassung bewußt auszuhalten, d.h. der Welt nicht nur unseren Glauben an Christi göttliche Würde zu bezeugen sondern auch im Geist von Jesu Niedrigkeit vor all denen aufzutreten, die - wie jener junge Mann - "nicht den vollen Glauben an Christus haben und nicht glauben, daß er Gott ist". Zu ihnen gehören, neben den unzähligen Freigeistern um uns her, vor allem auch die gläubigen Juden und Muslime. Sie alle sehen in Jesus einfach einen Menschen, wie wir, wohl von überragender Größe - für die Muslime auch mit prophetischer Sendung von Gott her - aber eben doch einen Menschen. Und eben diese Auffassung von Jesus schreibt der Evangelist Markus auch ihm selber zu, wenn er die Anrede "guter Meister" so schroff zurückweist. Deshalb darf das Jesusbild der anderen uns keinesfalls als irrig gelten. Unvollständig ja - welche menschliche Idee entginge diesem Urteil? - aber nicht falsch.

Für die Praxis der "Großen Ökumene" empfehle ich deshalb, sich in einer schwierigen Kunst zu üben: Im Gespräch mit einem Juden oder Moslem sollen wir unseren Glauben an Christus den Sohn Gottes zwar deutlich machen, den fremden Glauben aber nicht deshalb Irrtum nennen. Denn das, scheint mir, täte der Achtung vor diesem Mitmenschen Abbruch. Seine Überzeugung von Jesu wirklicher Menschheit ist nicht falsch, auch wenn er aus ihr den theologisch irrigen Schluß zieht, der christliche Glaube an Christi Gottheit sei falsch. Dieser Behauptung (auch im Koran) widersprechen wir freilich: aber nur, sofern sie unser Dogma treffen soll. Ökumenisch entscheidend ist: In Wahrheit trifft sie es nicht, weil sein Sinn nur innerhalb der christlichen Kathedrale leuchtet, von außen wird er nicht erfaßt. Also auch nicht wirklich verworfen! Was Juden, Muslime und Humanisten mit Recht ablehnen, ist gar nicht das, was unser Glaube mit "Christi Gottheit" meint, vielmehr die - im Grunde heidnische - Vorstellung einer übermenschlichen Göttlichkeit jenes Menschen aus Nazareth, eine solche weist aber im heutigen Evangelium unser Herr gleichfalls zurück.

Damit spricht er auch vielen Christen aus dem Herzen. Vor vierzig Jahren antwortete eine anglikanische Pfarrfrau auf den Bestseller "Honest to God" des Bischofs Robinson: "Die rechtgläubige Lehre hat mich immer genervt; so viele andere Menschen haben sich für uns geopfert, haben mehr lange Qualen erduldet, ohne den Trost, der ‚Lieblingssohn' zu sein. Wenn aber, wie ich Ihrem Buch entnehme, Christi Gottheit in seinem Kampf als ein Sterblicher liegt und sein Erfolg darin, sich seiner selbst zu entleeren, so daß Gott durchscheinen kann: das ist wahrhaft von Gott. Jeder von uns kennt die Unmöglichkeit des Kampfes; was Sie wegzuschaffen halfen, ist mein Ärger, daß Christus immer einen unfairen Vorteil hatte."

Das alles wirkt sehr kompliziert. Im Grund ist es einfach. Wenn Gott Mensch wird, meint er es ernst, unendlich ernst. Ernster als ein Prinz es meinte, der während des Feldzugs mit seinen Kameraden im selben dreckigen Zelt kampierte, ernster als die Tochter des Inhabers, die im väterlichen Betrieb ein Praktikum macht. Wenn Gott Mensch wird, will er ganz zu uns gehören, es in nichts besser haben als wir. Diese wesentliche Wahrheit des Christentums können wir von den - nicht un- sondern andersgläubigen - Anderen besser lernen als in den eigenen Räumen, wo der christliche Goldglanz die gewollte Niedrigkeit Jesu allzuleicht überstrahlt.

4) Dauerspannung von Niedrigkeit und Würde.

Und Jesu Wunder? Und die unerhörte Autorität, die er sich zuschreibt: "ICH aber sage euch"? Der Einwand trifft. Eben weil dem Erniedrigten zugleich die höchste Würde zukommt, hat Matthäus die Begegnung anders erzählt. Wenn deren ganze Wahrheit also nicht einmal von Gott selbst als eigentlichem Verfasser der Bibel in einer Szene dargestellt werden kann, dann brauchen auch wir so etwas nicht zu versuchen. Finden wir uns damit ab, daß Jesu Geheimnis unserem Verstand unbegreifbar bleibt. Vermeiden wir aber - bewußt und ausdrücklich - den verführerischen Ausweg, uns auf bloß einen der Spannungspole zu beschränken und den anderen "auswählerisch" (das ist der Wortsinn von "häretisch") zu verdrängen. Überlassen wir uns lieber dem geistlichen Biorhythmus unseres Lebens, der schon dafür sorgt, daß alle uns notwendigen Wahrheitsaspekte drankommen. Ein Wirkort dieses Rhythmus ist die Liturgie mit ihren wechselnden Lesungen. Deshalb besinnen wir uns heute auf den Jesus, der seinen Mitjuden, den Muslimen und jenen unserer Zeitgenossen, die ihn nicht "guter Meister" nennen, eben darin - für Christen erstaunlicherweise - recht gibt.


Zum Weiterdenken:

Beziehung zu Gott dem "Nicht-Anderen": "Das Nicht-Andere" heißt ein Buch des deutschen Kardinals Nikolaus von Kues (1401-64)

Im Koran: "Wahrlich ungläubig sind diejenigen, die sagen: 'Gott ist der Messias, der Sohn der Maria', während der Messias doch selbst gesagt hat: O ihr Kinder Israels, betet zu Gott, meinem Herrn und eurem Herrn'. Wer Gott Götter zur Seite stellt, dem hat Gott das Paradies verwehrt, und das Feuer wird seine Herberge sein." (Sure 5,72).

Anglikanische Pfarrfrau in: Robinson/Edwards, "The Honest to God Debate", SCM Press London 1963,56

Wenn Gott Mensch wird, meint er es ernst: Vgl. Nicht mehr oben noch unten (1983)


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/mk-10-18.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann