Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Ökumenisch und missionarisch: ein Vorschlag zur Balance

Gedanken zum Sonntag der Weltmission


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I. Krise und Lebendigkeit des Missionsgedankens
1) Mission früher: Heil nur im Christentum
2) Mission trotz der Heilsmöglichkeit Andersgläubiger?
3) Christus will, daß seine Botschaft sich ausbreitet
4) Christliche Missionare wissen, für wen sie sich abmühen
II. Pluralismus und Mission
1) Zweideutigkeit absoluter Wahrheitsansprüche
2) Ein paulinischer Vergleich hilft zur Klarheit
3) Konfessionelle und ökumenische Wahrheit brauchen einander
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I. Krise und Lebendigkeit des Missionsgedankens

"Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg" (Mk 10,51 f).

1) Mission früher: Heil nur im Christentum

Der Bettler Bartimäus war blind. Und er schrie laut um Hilfe. 1926, als Papst Pius XI. den Weltmissionssonntag einführte, hätten Prediger von dieser Blindenheilung leicht die Brücke zum Missionsgedanken schlagen können: der blinde Bettler bedeute die ungläubigen Heiden in den fernen Ländern von Afrika und Asien; blind seien sie, sofern sie Christus das einzige wahre Licht nicht kennen. Vielen sei solche Blindheit zwar nicht bewußt, trotzdem schreie ihr Herz nach der Erleuchtung, die Christus ihnen durch die Missionare bringe; diese zu unterstützen sollen deshalb alle Christen sich aufgerufen fühlen.

2) Mission trotz der Heilsmöglichkeit Andersgläubiger?

Vor bald vierzig Jahren, beim zweiten Vatikanischen Konzil, hat diese klare Denkstraße sich in eine verwirrende Baustelle verwandelt: man kennt sich nicht mehr aus. Wozu braucht es noch Mission, wenn die Andersgläubigen auf ihre eigene Façon auch selig werden können? Hellsichtige Missionspraktiker haben die Konzilsbischöfe damals gewarnt, trotzdem hat deren Mehrheit den Befreiungsschlag gewagt und feierlich verkündet, daß Hindus, Buddhisten und Muslime, überhaupt alle Menschen, die ohne ihre Schuld von Christus nichts wissen, aber ihrem Gewissen folgend ein gutes Leben führen, ihr ewiges Heil bei Gott finden können. Seither ist die Frage unabweisbar: Wenn das so ist, mit welchem Recht bringen christliche Missionare dann Unruhe in die Gemüter und Beziehungen dieser Menschen? Dürfen wir sie auf ihrem anderen Weg stören?

3) Christus will, daß seine Botschaft sich ausbreitet

Die Antwort hören wir von Christus selbst. Mit seinem ausdrücklichen Missionsauftrag schließt das Matthäus-Evangelium: "Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt."

Warum hat unser Herr das angeordnet? Ich schlage folgendes Verständnis vor: Wenn Gott Mensch wird, nimmt er alles Menschliche an, auch den Herzenswunsch aller Menschen, die eigene Wahrheits-Perspektive bekannt zu machen, von anderen übernommen zu sehen. Diese Sehnsucht ist das Natürlichste von der Welt. Wahres leuchtet, Gutes will sich zeigen. "Schaut, was ich gemalt habe!" sagt das kleine Kind und freut sich über jeden aufmerksamen Blick. Wie gern erzählt jeder von uns seine Geschichte! Die Menschwerdung wäre nicht echt, hätte nicht auch der vermenschlichte Gott den innigen Wunsch, daß die Seinen sein Werk fortführen und ausbreiten.

Vor Begeisterung über das Ungeheure, das sie erleben durften - den für alle Menschen errungenen Sieg dieses einen Menschen über den Tod - haben sie fremdes Geisteslicht abgeblendet, zu wenig damit gerechnet, daß der all-liebende Gott auch anderen Glaubensgemeinschaften wahre Offenbarungen geschenkt haben könnte. So kam es zur Rede vom Christentum als "einziger Wahrheit". Geht es uns nicht allen immer wieder so? Wenn wir uns auf die eine Erfahrung konzentrieren, entgehen andere unserer Aufmerksamkeit. Versuchen Sie nur einmal, während eines Telefonats mit der zornigen Liebsten einen Bewerbungsbrief zu formulieren. Vielleicht läßt sich nach diesem Muster auch verstehen, warum die Christenheit bis vor kurzem den fremden Offenbarungen so ablehnend entgegentrat, in Teilen immer noch tritt.

4) Christliche Missionare wissen, für wen sie sich abmühen

Doch scheint dieser Bann heute gebrochen. Die Kirche sieht nunmehr ein: Um zu verdienen, daß wir sie überall verkünden, muß unsere Wahrheit gar nicht die einzige sein! Jesu Leben und Botschaft, Opfertod und Ostersieg ist eine derart befreiende, erhebende und alles Bittere himmlisch durchstrahlende Lichtfülle, daß es nur vernünftig ist, wenn ein Europäer auf Heimat und Karriere verzichtet, um Jahrzehnte lang bei armen Indios im Hochland von Peru oder für chinesische Aussätzige zu leben und dort, wo die Kirche bisher als Machtapparat von Eroberern auftrat, durch aufreibenden Dienst an den Ärmsten eine Gemeinde in Jesu Sinn entstehen zu lassen. Beide Geschichten - wie zahlreiche ähnliche - sind wahr, der dänische wie der spanische Jesuit haben an meinem Tisch gesessen und herzwärmend gelacht. Von "einziger Wahrheit" reden beide nicht, zu eindringlich haben sie erfahren, wie jeder ihrer Freunde seine eigene göttliche Wahrheit schon mitbringt - freilich auch, wie wunderbar diese von Jesu Antlitz ergänzt, intensiviert, bereichert wird.

II. Pluralismus und Mission

1) Zweideutigkeit absoluter Wahrheitsansprüche

Gegen diese versöhnliche Missions-Auffassung schließen sich möglicherweise beide Streitparteien sogar zusammen. Missionare im traditionellen Stil ebenso wie Missionsgegner können argumentieren: Nein, um das entbehrungsreiche Missionarsleben auf sich zu nehmen, muß jemand schon vom absoluten Wert des eigenen Glaubens überzeugt sein. Von dieser Überzeugung befeuert, zieht der Missionar dann hinaus in die fremde Glaubenswelt - sei es in China, sei es in der fränkischen Berufsschule - während der Missionsgegner, mit Blick auf die Geschichte, besorgt von diesem Unternehmen abrät: "Absolute Wahrheitsansprüche können leicht zur Anstiftung von religiösem Hass und religiöser Gewalt ausgenutzt werden."

2) Ein paulinischer Vergleich hilft zur Klarheit

In diese Spannung ist heute jeder Christ einbezogen. Kann ein (Internet-)Prediger, ohne die Situation der von ihm Angesprochenen zu kennen, dazu überhaupt etwas sagen? Versucht sei es. Und zwar wähle ich - weil sich über Glaubensfragen ohne Gleichnis nicht sprechen läßt - zum Vorstellungsmodell die von Paulus in die Bibelsprache eingeführte Beziehung einzelner Organe zueinander und zum ganzen Leib. Der Apostel schreibt nach Korinth: "Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib" (1 Kor 12,1z-20).

Als "Bild und Gleichnis Gottes" ist der Mensch geschaffen, tatsächlich kann jeder in sich selbst, nämlich in der Beziehung einer Zelle eines Organs zu diesem Organ einerseits, des Organs zum Leib anderseits die leibhaftige Veranschaulichung der gesuchten Doppelwahrheit von engagiertem Glauben / Religionsfrieden finden. "Konfessionelle" und "ökumenische" Wahrheit stimmen beide, aber in je verschiedenem existentiellem Kontext. ICH, die Person meines ganzen Leibes, will alle meine Organe sein, daraus folgt aber nicht, daß es MIR egal wäre, in welchem Organ eine Zelle mitlebt. Sondern von einer Herzzelle erwarte ICH, daß sie im Herzen das Herzprogramm befolge, und entsprechend bei Nieren-, Lungen-, Ohrzelle usw.

Was ist in diesem Gleichnis die Mission? Nachwuchswerbung für die einzelnen Organe. Noch ungebundene Zellen auf der Suche nach ihrem Organ, oder von anderen Organen aus dem oder jenem Grund abgestoßene und seither heimatlose Zellen werden in den Sinnzusammenhang eines für den Leib lebenswichtigen Organs einbezogen. Ohne Organe kein Leib, ohne konfessionelle Überzeugung kein ökumenisches Zusammenwirken. Einheitlich wäre ein Kaninchen nur als Haschee; solange es lebt, ist es nicht nur eins sondern auch vielfach.

Angenommen, wir dürfen die göttliche SINN-Wahrheit für uns Menschen als so etwas wie einen lebendigen Leib mit verschiedenen Organen verstehen, deren eines das Christentum ist: dann sieht man Recht und Unrecht beider Streitparteien sofort ein. Die Behauptung, alle Sinnorgane seien gleich wahr, stimmt zwar im Meta-Rahmen des ganzen Leibes, antwortet jedoch nicht auf die Frage einer einzelnen Zelle, zu welchem Organ sie gehöre. Fragt jemand mich, diesen Christen, welcher Glaube der wahre sei, so kann ich ehrlicherweise nur antworten: Für mich - und also auch für dich, sofern du mich fragst - hat Gott sich in Jesus Christus endgültig geoffenbart. Sofern du aber nicht mich fragst sondern mir deinen anderen Glauben bezeugst, hoffe ich ehrfürchtig, daß auch er, dir zum Heil, ein göttliches Sinnorgan sei, und sehe zu, was ich von ihm lernen kann, um unterbelichtete Stellen meiner eigenen Glaubenslandschaft neu zu beleuchten.

3) Konfessionelle und ökumenische Wahrheit brauchen einander

Einen doppelten Fehler deckt das Gleichnis auf. Konfessionalisten sehen allein die Beziehung der Zelle zum Organ, vernachlässigen das Zueinander der Organe im Leib. Umgekehrt vergessen Pluralisten beim Blick auf das große Ganze leicht, daß die allermeisten Zellen nur als Glieder ihres Organs im Leib mitleben; vagabundierende Blutkörperchen braucht es auch, ihr Programm ist aber ebensowenig allgemeingültig wie irgendeines sonst. Wer das dreigliedrige Modell Zelle/Organ/Leib verstanden und angenommen hat, kann praktisch zwar nie beide Beziehungen zugleich ausdrücken, muß jeweils wählen, ob er sich jetzt als (z.B. feiernde oder missionarische) Zelle im Organ oder als Organ gegenüber einem anderen Organ erlebt. Er weiß aber während jedes solchen thematischen Vollzuges unthematisch auch vom anderen und kann blitzartig umschalten, wenn sein Gewissen ihm jetzt das ökumenische, dann das konfessionell-missionarische Zeugnis aufträgt.


Zum Weiterdenken:

Hellsichtige Missionspraktiker: "Eine große Zahl aktiver Missionare war beunruhigt ob der allzu positiven Beurteilung der Fremdreligionen und der Heilsmöglich­keit der Nichtchristen, wie sie vermeintlich vom Konzil in der Kirchenkonstitution Artikel 16 und in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht­christlichen Religionen (Artikel 2) ausgesprochen war. Sie forderten eine klare Stellungnahme zu diesen Problemen und eine offizielle Verlautbarung über die Notwendigkeit der Mission auch nach dem Konzil, um ein solides theologisches Fundament für ihre mühsame und verantwortungsvolle Arbeit zu haben. Sie fürchteten sonst eine unvermeidliche Schwächung des Missionsgeistes, da man keinen festen Boden mehr unter den Füßen habe. Das Konzil brachte über den Heilswert der nichtchristlichen Religionen keine Abklärung, geschweige denn eine Entscheidung. Es wäre dazu auch gar nicht fähig gewesen. Die schwierige Frage ist Gegenstand der theologischen Spekulation und wird, nach den einschlägigen Veröffentlichungen zu schließen, noch lange nicht zur Ruhe kommen" [Erzabt Suso Brechter OSB von St. Ottilien, Kommentar zum Missions-Dekret, in: LThK-Konzilsband III (1968),40]. Diese Voraussage ist eingetroffen, nach 35 Jahren tobt der Streit um die "pluralistische Religionstheologie" unvermindert heftig. Kann mein Vermittlungsvorschlag, der beiden Parteien ihr Recht bestätigt, ihr Deutungsmonopol aber verneint, zu einem gespannten Frieden beitragen?

Absolute Wahrheitsansprüche: Mit dem Aufruf an alle Religionen, ihre Werte gegenseitig zu anzuerkennen und davon abzusehen, dass irgendeine Religion die "einzige oder beste" zu sein beansprucht, endete ein Treffen einer Gruppe von 40 Theologinnen und Theologen aus Asien, Europa und den USA an der Universität von Birmingham in England vom 06.-09. September 2003. Der Konferenz-Titel lautete: "The Pluralist Model: A Multireligious Exploration" (das pluralistische Modell eine multireligiöse Untersuchung). Die Teilnehmer wiesen auf den Zusammenhang zwischen absoluten Wahrheitsansprüchen und dem Missbrauch der Religion hin, um Gewalt zu rechtfertigen und voranzutreiben.

Das Zitat ist das dritte der "GRUNDPRINZIPIEN DES RELIGIÖSEN PLURALISMUS". Es ist zweifellos wahr, gehört jedoch von dem konfessionellen ausbalanciert, das sich etwa so formulieren läßt: Schlechtmachen des Bekenntnisses zur absoluten Wahrheit führt leicht zum Grundgefühl absoluter Sinnlosigkeit, das in Depression oder Hedonismus mündet. Ohne Kontrolle durch das Gegenprinzip sind beide Ideologien fatal; wer die Seite www.ratzingerfanclub.com verspottet und nicht auch die Selbstsicherheit prominenter Pluralisten kritisiert, wird m.E. dem notwendigen Gleichgewicht nicht gerecht. Das geometrische Modell, das ich anläßlich des Berliner Kirchentages zur Illustration der binnenchristlichen Ökumene skizziert habe, paßt auch hier.

Umschalten: Ein schönes Beispiel bezeugt der indische Jesuit Swami Prabhudar: "Wenn ich zu Hindus spreche, sage ich ihnen zunächst, dass alle Religionen gleich sind, insofern der einzelne nach seinem Gewissen die Freiheit hat, seine eigene Religion zu wählen. Aber ich bemühe mich ebenso sehr darzulegen, dass sich die Sache ganz anders verhält, wenn es um die Selbstoffenbarung Gottes geht. Da ist es die Pflicht und das Privileg eines jeden, weiter zu suchen und sie in der Form anzunehmen, die er gefunden hat." Klarer kann, scheint es, eine in sich gespannte Aussage nicht sein. Dennoch regt im darauffolgenden Heft von "weltweit" ein Leser sich auf: "Ich bin sehr negativ angerührt von der Aussage des Herrn Swami Prabhudar, der zu den Hin­dus sagt: 'Alle Religionen sind gleich.' Entweder er muss bei dieser Aussage bleiben, dann hat er m.E. seinen Missionsauftrag, wie Christus ihn gemeint hat, nicht erfüllt. Oder er muss irgendwann den wahren Sachverhalt lehren und sich selbst widersprechen." - Vgl. Mt 10,25.
[Von "weltweit" erscheinen jährlich 4 Hefte. Kontakt: www.jesuitenmission.de]

Eine frühere Predigt zum Thema Mission.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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