Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Umstrittenes Großes Zeichen

Gedanken zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel


»Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt« (Offb 12,1).

Kann ein Katholik das Hochfest Mariae Himmelfahrt so friedlich feiern, dass er keinem anders Gläubigen widerspricht? Auf den ersten Blick scheint das unmöglich. Sogar innerhalb seiner Kirche stehen die Fronten scharf widereinander. Marianische Maximalisten gehen zwar sprachlich nicht so weit wie Petrarca (»du unsere Göttin, wenn man so sagen darf«) und Goethes Doctor Marianus am Schluss des Faust (»Göttin, bleibe gnädig!«); wie sie über und zu Maria sprechen, klingt jedoch durchaus nach Anbetung einer göttlichen Gestalt.

Im Bamberger Gesangbuch hieß es (S. 601) bis zum Konzil im »Gebet zur Mutter Gottes von der immerwährenden Hilfe« (500 Tage Ablaß): »O Mutter von der immerwährenden Hilfe, du bist die Ausspenderin aller Gnaden, die Gott uns Armseligen verleiht ... wenn du mir beistehst, fürchte ich nichts; es erschrecken mich nicht meine Sünden, weil du mir Verzeihung derselben erlangen wirst; ich fürchte nicht die höllischen Geister, weil du mächtiger bist als die ganze Hölle; ja ich fürchte selbst meinen Richter Jesus Christus nicht, weil eine einzige Fürbitte, welche du für mich einlegst, ihn versöhnen wird.« Sünden, Hölle, Christus - welch eine Steigerung! Ich verstehe, dass Christen sich mit Grausen empören.

Im aktuellen Heft der sonst so offenen linkskatholischen Wiener Zeitschrift Kirche In (S. 43) heißt es: »Maria ist eine Randfigur des christlichen Glaubens. Die Position, die ihr zölibatär lebende Männer im Lauf der Kirchengeschichte in der kath. Theologie geschaffen haben, hat mit der Frau aus Nazareth, mit der Gestalt Maria in den Evangelien nichts zu tun. In der kath. Theologie und - gefördert von der Amtskirche - in der Volksfrömmigkeit hat es Entwicklungen gegeben, die es so nicht hätte geben dürfen.«

Solch marianischer Minimalismus hat auch unter Katholiken sein Recht; zu der katholischen Wahrheit gehört er aber nur, wenn er sich als Pol in die Spannung zum voll erblühten Marienglauben einfügt. Sonst täte er sich mit dem Beginn der heutigen Lesung schwer. Nein, das Große Zeichen ist keine Randfigur, heute weniger denn je. In bald zweitausend Jahren hat die christliche Gemeinschaft immer klarer erkannt, wer jenes Mädchen aus Nazaret in Wahrheit ist: nicht nur eins der Geschöpfe, sondern die Schöpfung in Person. Weil sie mit göttlicher Würde beschenkt wird, kann sie ihr DU zum Schöpfer »auf Augenhöhe« sprechen, als emanzipierte Gottesbraut. Ohne von ihr das Du zu seinem Gott zu lernen, hätte Christus es nicht sprechen, ja sein können, wäre Gottes Ewiges WORT zwar das Selbst-Wort »ICH«, aber nicht Gottes Sohn Ihm gegenüber. Ohne Menschwerdung des Gotteswortes in und dank Maria keine Du-Beziehung in Gott. Zwar vollzieht sich die Dreieinigkeit ICH/"ICH"/ICH! in der reinen Gottheit; die Dreieinigkeit ICH/"DU"/WIR!" kann sie aber nur sein, indem die Schöpfung aus einer vor Gott nichtigen Es-Vielheit zum einen gleichrangigen Du begnadet wird. »Begnadete« ist Mariens innergöttlicher Eigenname, mit dem der Engel sie (Lk 1,28) höflich grüßt (im Evangelium! Von wegen Randfigur). In und mit Maria ist Jesus Gottes Kind, dank und in Christus wird Maria in Gott aufgenommen. Und wir in IHR. Das feiern wir heute.

Wer für sich diese marianische Maximal-Perspektive als wilde Spekulation ablehnen muss, bekümmere sich nicht. Wir können nicht alle dasselbe denken, nur alle sind alles. Auch Päpste stehen hier in Spannung zueinander. Gerade wer sich dagegen vom Großen Zeichen begeistern lässt, achte freilich sorgsam auf die Gegenwahrheit der Kritiker! Nur zusammen sind die Denkbilder Sophia und Mirjam die kat-holische Heilswahrheit.

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Andere Gedanken für heute

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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