Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

"Alles in allem" heißt auch:
du in dir!

Gedanken zum letzten Sonntag des Kirchenjahres


I.

"Das Evangelium der Atheisten" hat jemand Jesu Gerichtsankündigung genannt, die uns heute vorgelesen wird. Denn seine Jünger könne er nicht meinen. Die kennen die Pointe ja schon, wären deshalb nicht überrascht über des Richters Lob "ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gereicht". Die ihn erstaunt fragen "Herr, wann?" - das seien also gerade die anderen, die Nichtchristen. Sie kennen ihn nicht aber er kennt sie und erklärt ihnen, warum: "Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan."

Wie jedes ordentliche Paradox stimmt auch dieses nur halb. Theoretisch kennen wir die Pointe zwar, doch in der Praxis vergessen wir immer wieder, daß jede Freundlichkeit IHM selber wohltut, dem mächtigen König des Alls, dessen Fest die Kirche an diesem letzten Sonntag des liturgischen Jahres begeht.

"... das habt ihr mir getan." In welchem Sinn ist das wahr? Sagt Jesus hier eine "juristische Fiktion": Es ist natürlich nicht so aber ich lasse es so gelten? Ähnlich wie auch auf Erden ein Großer rächt oder belohnt, was man einem seiner Leute tut? Nein, so äußerlich meint Jesus es nicht. Nicht als ob eine Wohltat oder Untat ihn selbst träfe, sieht Christus sie an. Wirklich ihn selbst trifft, was jemand einem seiner bedürftigen Brüder und Schwestern erweist. Ebenso wirklich, wie es dir wohltut, wenn jemand an deine durstigen Lippen ein Bierglas setzt oder deinen blutenden Finger verbindet. "Ihr seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm" (1 Kor 12,27): Das ist kein Gleichnis sondern eine Wesens-Aussage! Eher ist unser vielfältiger Leib des einen Ich das Gleichnis: "zu Gottes Abbild" geschaffen (Gn 1,27).

Wer einem meiner Glieder wohl oder weh tut, trifft nicht nur Auge oder Fuß sondern unmittelbar mich. Die Alltagserfahrung sei der Schlüssel zum Verständnis des Evangeliums. Gottes einziggeborenes ewiges Kind (Joh 1,14) lebt unmittelbar in jedem der vielen Geschwister des Erstgeborenen (Röm 8,29). Nicht ist Jesus Gottes göttliches Kind, und wir nicht, sondern er ist es auch in uns, wir in ihm. In Jesus hat Gottes gleichrangiges inneres WORT ("ICH") eine endliche Gestalt angenommen, ähnlich wie dein Ich, wenn du "ich" sagst, sich auf hörbare Weise darstellt. Die bist du in einer Hinsicht mehr als dein Daumen; der kann einschlafen, sich dir entfremden. Trotzdem gibt es zwischen deinem Daumen und deinem "Ich" keine Rivalität, sondern wenn du dich auf ihn konzentrierst (solange er dran ist oder doch wieder angenäht werden kann), weißt du: Ich bin er und er ist ich. Ebenso im Großen. Solange ein Mensch dem guten ICH des Ganzen lebendig verbunden ist, nicht durch freies Ja zu Bösem von ihm getrennt, so lange lebt Gott in ihm und er in Gott.

Nochmals also: das heutige Evangelium ist kein Gleichnis sondern buchstäblich wahr. Das Gleichnis, d.h. die Proportionalgleichung sind wir: Die Beziehung unserer leiblichen Organe zu unserem Ich und dessen hörbarem Wort "ich" steht für unser Verhältnis zu Christus und seinem endlichen Auftreten als Jesus. In welchem Sinn ist er mehr Gott als wir? Weil er Gott wahrhaft aussagt und bedeutet, so wie dein Wort "ich" dich aussagt und bedeutet. So ganz bedeuten kann dein linker kleiner Zeh dich nicht - er ist aber du und du bist er. Beweis? Tritt barfuß gegen die Heizung.

II.

Dieses Evangelium ist eine Ursache des europäischen Sozialstaats. Von der Antike mit ihrer Sklaverei bis zur Krankenversicherung für Arbeitslose führt ein langer Weg. Als eine Zwischenstation zeigt sich die mittelalterliche Burgherrin Anna. Warum ist sie zu ihrer Magd etwas weniger hart als tausend Jahre früher die römische Herrin Calpurnia zu ihrer Sklavin? Weil das heutige Bild ihr in die Seele gebrannt ist. Schon als sie noch Ännchen war, hat der Burgpfaffe ihr die Geschichte vom Jüngsten Gericht erzählt, das ewige Feuer drastisch beschrieben. Später war sie beim Sterben der Mutter dabei, hat deren Höllenangst miterlebt und ihr Testament zugunsten alter Mägde dann treu ausgeführt. Als selbst strenge Herrin weiß sie, was Herrschaft ist, und nimmt die Drohung des Königs sehr ernst. Wenn er im niedrigsten Bittsteller höchstpersönlich bedient sein will, bleibt ihr nur der gehorsame Dienst - Gefühl hin oder her. Wo die Liebe zur Heiligkeit nicht langt, rät kluger Glaube doch zum Wohltun nach Kräften. Auch uns, heute im globalen Maßstab. "Arme habt ihr immer bei euch" (Mt 26,11), und wenn - Gott sei Dank - nicht im eigenen Wohnviertel, dann nur ein paar Mausklicks oder Nummern entfernt. Wartet da nicht (w)er schon lange auf deinen Anruf?

III.

Höllenangst ist eine logische Folge der Gerichtsrede Jesu. Wie Christen auf die Idee einer Erlösung ganz ohne Werke oder eines nur lieben Kuschelgottes kommen konnten, ist angesichts dieser harten Worte rätselhaft. Offensichtlich macht es DANN nicht die Ideologie sondern die Tat des Guten. Wie schafft der Richter es aber, Böcke und Schafe zu trennen? Sind wir nicht alle zusammengestoppelte Mischwesen? Wenn ich in südlicher Stadt der Bettlerin vor der einen Kirchentür etwas reiche und an der nächsten vorbeischreite, wie wirkt sich das zuletzt aus? Wenn DANN ("Liber scriptus proferetur") das aus dem Requiem bekannte Buch herbeigebracht wird: enthält es auch alle Bettelbriefe in meinem Papierkorb?

Die Antwort der Frohen Botschaft, wie Paulus sie vernommen und Martin Luther sie aufgefrischt hat, ist erlösend: Ohne unsere Verbundenheit mit Christus wären wir alle Böcke, angesichts der geschuldeten vollen Solidarität zu so vielen - uns erreichbaren! - Notleidenden steht es niemandem an, sich als unbedrohtes Gutschaf aufzuspielen. Jener katholische Schüler, der zeitweise - da er sein Taschengeld in Eis steckte statt es hungrigen Kindern in Indien zu schenken - jedes Suppenhuhn beneidete, weil es nur zum Kochtopf unterwegs war, nicht zur Hölle, er hatte sehr wohl einen Pol des Entscheidenden begriffen.

Nicht den andern, sonst wäre er, statt vom Katholizismus in die Skepsis zu springen, zum Christentum durchgebrochen, zum Glauben, daß Jesu Solidarität mit den Seinen jedes noch so dunkel gefleckte Mischwesen eindeutig auf die Seite der erlösten Schafe herüberzieht, wenn ein Mensch sich von Herzen auf ihn verläßt. Erlösung ohne Werke? Das hat weder Paulus noch irgend ein vernünftiger Evangelischer je so verstanden, als genüge zur Rechtfertigung die bloße Behauptung "Herr, Herr, ich glaube." Entscheidend ist "Glaube der durch Liebe wirkt" (Gal 5,6). Unsere armseligen Werke bringen freilich nicht die Erlösung, sondern allein der Glaube an Jesu freundschaftliche Verbundenheit mit uns. Die annehmen können wir aber nicht ohne Gegenliebe, die sich - wie unter Freunden üblich - in tätigen Freundschaftsdiensten äußert oder doch in herzlichem Bedauern darüber, daß es so wenige waren. Ein guter Baum bringt gute Früchte, ganz fruchtloser Glaube wäre in sich selber tot.

Wie steht es also mit der Höllenangst, ist sie krankhaft, eine Kollektivneurose der Christenheit? Mir scheint: ja und nein. Ja: bei den vielen, die durch einseitige Verkündigung in sie gestoßen werden, ohne daß dann auch das Evangelium von Jesu Sieg über Hölle und Tod ihr Herz trifft. Denken wir an Mütter, die keine frohe Stunde mehr haben, seit sie ein "in Todsünde" gestorbenes Kind in der Hölle vermuten müssen. Verglichen mit ihrem trostlosen Seelenzustand wirkt die ruhige Selbstgewißheit eines Cicero beneidenswert. Wie er seinem Tod entgegensieht, läßt den zuweilen gehörten Wunsch "ach hätte es doch nie ein Christentum gegeben!" plausibel erscheinen: "Erbärmlich wäre der Alte, der nach so langer Zeit immer noch nicht eingesehen hätte, daß der Tod verachtet gehört. Denn an dem liegt entweder gar nichts, falls er das Gemüt völlig auslöscht, oder er ist sogar zu wünschen, falls er es anderswohin geleitet, wo es ewig sein wird. Ein Drittes ist gewiß nicht zu finden."

Doch, man hat es gefunden. Es ist die Hölle. Vergleichen wir den aufgeklärten Heiden jedoch, statt mit den Opfern klerikaler Inkompetenz, mit mündigen Christen wie Franziskus und Albert Schweitzer, Martin Luther King und Mutter Teresa, dann darf uns Dank erfüllen über den Einbruch des Absoluten in die Welt - auch so, wie unser Evangelium ihn beschreibt. Wer vom Bild des Ewigen Richters erst in Höllenangst getrieben und gerichtet: innerlich hingerichtet wird um dann jedoch, indem des Richters Strenge sich als Anspruch eines Freundes offenbart, neu gerichtet: zum engagierten Mitarbeiter an Gottes Reich der Liebe aufgerichtet, hergerichtet zu werden: er oder sie kennt Höllenangst nicht mehr als Zustand, sondern nur als oft erneuten Schrecken, der dann auch die Hoffnung in neue Tiefe treibt. Unvergeßlich der Moment, da ich in der Bibliothek des Germanikums bei Urs von Balthasar las, daß der Glaube weder vom doppelten Ausgang der Geschichte noch von der Allversöhnung weiß, so daß ein Katholik zwar nicht an der Möglichkeit der Hölle zweifeln darf, wohl aber mag er hoffen, daß die Hölle leer ist.

Hoffen, und zwar für alle. Nicht aber für sich davon ausgehen! Vor kurzem wurden viele Fernseh-Zuschauer von den Untaten eines Heinrich Himmler entsetzt. Stellen wir uns vor, die Kirche verkünde die Leerheit der Hölle als sicheres Wissen: womit könnte ein von der SS zu Tode Gequälter seine Schinder dann noch zur Besinnung bringen? Nein: zitternd hoffen, daß deren Hölle sich zuletzt, nach der unabweisbaren Begegnung mit jedem einzelnen Opfer, doch noch als nur das Fegfeuer herausstellen möge, ist das eine - in den Chor zur Banalität runterentwickelter Progressiver einstimmen: "eine Hölle gibt es nicht", ist das andere und kommt einem vom heutigen Evangelium ergriffenen Gemüt nicht in den Sinn. Rette uns, Herr, vor dem ewigen Feuer!

IV.

Am Schluß der zweiten Lesung schwingt Paulus sich zu eben dieser Hoffnung auf: "Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod ... damit Gott sei Alles in allem" (1 Kor 15,26-28) Alles in allem: also auch du in dir und dein Kind in deinem Kind! DANN ist der Leib des SINNes endlich ganz gesund, weil in jeder seiner Zellen, die wir hier am Werden sind, auf je besondere Weise das unendliche LEBEN nie mehr endend jubelt.


Zum Weiterdenken:

König: Predigt zum Thema Christkönigsfest.

Mausklicks: Zum Beispiel zur tüchtigen Missionsprokur der deutschen Jesuiten mit Sitz in Nürnberg. Ich kenne die Patres persönlich und weiß, daß sie aus Ihren Euritos das für manche Not leidenden Geschwister irdisch und für Sie himmlisch Beste machen.

Cicero: Cato Maior, Über das Alter, XIX,66

Hölle hoffentlich leer: Der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar, zum Kardinal ernannt, starb kurz vor dem Empfang des roten Hutes. Rechtskatholisch böse Zungen verbreiteten damals, dies sei Gottes Strafe für seine Behauptung, man dürfe hoffen, daß die Hölle leer ist.

Nicht für sich davon ausgehen: "Für mich bleibt die Sache beständig die: die andern alle, die werden schon selig, das ist sicher genug - nur mit mir mag es seine Mißlichkeit haben." (Sören Kierkegaard, zitiert bei Paul Althaus, Die Letzten Dinge, S. 194)

Sei alles in allem: So schrieb Paulus, und nicht - was freilich auch stimmt aber hier nicht steht und am Christkönigsfest den Gläubigen nicht (Achtung, Lektoren!) falsch vorgelesen werden soll - "damit Gott herrscht über alles und in allem." Daß dies "im Deutschen pantheistisch mißverstanden werden" könne, wie der für die Fehlübersetzung verantwortliche protestantische Germanist befürchtet hat, scheint dann ein grimmiger Witz, wenn man den Satz auf Griechisch liest: "hina e ho theos panta en pasin". Das ist, wörtlich, Pan-Theismus, kein falscher aber sondern eben jener christlich wahre, den das erste Vaticanum mit Bedacht nicht verurteilen wollte. Siehe den Anhang II (S. 169-176) in meinem

Hier geht's zur Vorstellung meines Patmos-Buches von 1977.

Buch Gott Du unser Ich, das 1977 bei Patmos erschien. Es ist (für 9,80 €) immer noch lieferbar.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/mirgetan.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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