Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Zwei letzte Worte

Gedanken zum Palmsonntag


In der Lukas-Passion, die in diesem Lesejahr heute vorgetragen wird, gehen zwei Worte des sterbenden Jesus besonders zu Herzen: die Vergebungsbitte für seine Henker und die Verheißung an den mitgekreuzigten Räuber.

1) »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« Dass jemand so für die Leute beten wollte, von denen er soeben unter entsetzlichen Qualen an ein Holz genagelt und nackt zwischen Erde und Himmel gehängt worden war, solche Güte verschlägt uns die Sprache - und kann uns, wenn wir ihr gläubig begegnen, alle Angst vor Gott endlich nehmen. Denn wir sind mitgemeint. In unseren Bosheiten gegen Jesu geringste Schwestern oder Brüder steckt meistens zwar nicht die gleiche Härte aber doch dieselbe unmenschliche Rücksichtslosigkeit wie in jenen Hammerschlägen auf Golgata. Darauf kommt es an, wenn jemand den Passionsbericht vernimmt.

Wer das versteht und in sein Herz dringen lässt, braucht sich nicht daran zu stören, dass den Bibelwissenschaftlern an Jesu Vergebungsbitte so gut wie alles unklar ist, was weltlich »interessant« sein könnte. Zum ersten fehlt der Satz in vielen alten Handschriften. Hat ihn später jemand gestrichen, etwa als allzu judenfreundlich? Oder in einer anderen Quelle später eingefügt - vielleicht damit Jesus mit den römischen Soldaten in Frieden sterbe und so dem Christentum im römischen Weltreich den Weg erleichtere? Wir wissen es nicht.

In der alten Kirche wurde der Satz zumeist als Fürbitte für die Juden gedeutet, als heroische Feindesliebe - was manche heutigen Ausleger zum strengen Urteil »antijüdisch!« veranlasst (denn Juden sollten für Christen keine Feinde sein). Ihnen scheint deshalb, Jesus habe vielmehr die unmittelbar tätigen römischen Soldaten gemeint. Offenbar wissen wir nicht, was unser Herr damals im einzelnen dachte. Wir dürfen aber voll Vertrauen glauben, dass er allen verzeihen wollte, die ihm Schlimmes taten, dass seine Verzeihung alle miteinander umfasst, jüdische wie römische anordnende Behördenleiter wie ausführende Handlanger. Dasselbe sagt später Paulus in seiner Gesamtschau von Heiden und Juden: »Gott hat sie alle in den Ungehorsam zusammengeschlossen, um sich ihrer aller zu erbarmen« (Röm 11,32).

Ich glaube, mit diesem letzten Wort hat Jesus jenes vorletzte Wort relativiert, d.h. in einen größeren Zusammenhang eingeordnet, das derselbe Evangelist Lukas als Schluss des Gleichnisses vom Großen Gastmahl bringt: »Das aber sage ich euch: Keiner von denen, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen« (14,24). Bei der aktuellen Mahnung an jüdische Gegner, die Jesu neue Botschaft vom Gottesreich ablehnten - und schon dabei nicht wussten, was sie taten - drohte er ihnen den Ausschluss vom Ewigen Fest an, den er mit seiner endgültigen Vergebungsbitte zuletzt vor Gott zurücknahm, so dass Gottes Bund mit Israel auch seither weitergilt. Beide Worte ihres Stifters auf diese Weise zu verknüpfen, dazu hat die Christenheit fast zwei Jahrtausende gebraucht, bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil nach dem schlimmsten Verbrechen der Geschichte.

2) »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein« verspricht der sterbende Jesus einem der mitgekreuzigten Räuber. Welch ein Hoffnungsstrahl in äußerste Finsternis! Heute noch - die pedantische Frage, wie dieser Ausblick sich mit der Auferstehung »am dritten Tag« vertrage (Lk 9,22), sie weisen wir am besten in »docta ignorantia« zurück. Gebildetes Nichtwissen weiß: An der Grenze von Zeit und Ewigkeit verlieren irdische Zeitmaße ihre Geltung. Mag sein, der tüchtige Autor Lukas setzt solche Widersprüche sogar absichtlich ein, um die naive Vorstellerei seiner Leser zu erschüttern, damit sie merken, worauf es nicht ankommt. Ähnlich schildert er die Vision des Paulus auf dem Weg nach Damaskus. Sie wird in der Apostelgeschichte dreimal erzählt, einmal vom Verfasser Lukas und dann zweimal von Paulus selber. Später haben viele Künstler die Szene gemalt: Wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus geblendet vom Pferd stürzt und Christus zu ihm sagt: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Weiter heißt es im ersten Bericht (9,7): »Seine Begleiter standen sprachlos da, sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden.« Später steht Paulus in Jerusalem auf der Tempeltreppe und erzählt dem Volk den Vorfall genau andersherum (22,9): »Meine Begleiter sahen zwar das Licht, die Stimme aber, die zu mir sprach, hörten sie nicht.« Haben seine Begleiter die Stimme nun gehört oder nicht?


Zum Weiterdenken:

Zusammengeschlossen: nicht nur eingeschlossen, wie die Einheizübersetzung verwässert.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/lk-pass.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann