Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Teuflische Theologie

Gedanken zum ersten Fastensonntag


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Der Teufel als Theologe

Erschreckende Verunsicherung

Gewiß ist allein gläubige Liebe

Fasten: nicht stolz

aber in Jesu Geist

solidarisch und erlöst

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Der Teufel als Theologe

"Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt." Jetzt erst recht! haben mutige Liturgiker vor Jahrhunderten beschlossen. Zeigt uns das Evangelium, wie der Teufel als bibelkundiger Theologe auftritt und Jesus mit diesem Psalmzitat (91,11 f) dazu verleiten will, sich von der Tempelzinne in die Tiefe zu stürzen? Solche Frechheit muß beschämt werden! Jesus hat den Betrüger mit einem anderen Schriftwort (Dt 6,16) widerlegt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen."

Den Sieg voll zu machen, haben die Liturgiker dem Teufel seine Waffe entwunden und genau den von ihm mißbrauchten Psalmvers dem Evangelium vorangestellt: früher als Text des Graduale, jetzt als 1. Zwischengesang. Was denkt eine Lektorin, die soeben die heiligen Worte vorgelesen hat, wenn sie gleich danach dieselben Worte aus dem Mund des Teufels hören muß? Meist dürfte sie denken: Es wird schon irgendwie stimmen. Und hätte damit recht.

Erschreckende Verunsicherung

Allerdings nicht als Wissende, nur im ungestützten Glauben an Gott und seine Wahrheit. Weltlich, fleischlich gesehen, ist diese biblische Szene zum Erschrecken, zieht dem Verstand den Boden unter den Füßen weg. Wenn das Böse sich sogar der Bibel zu seinen Zwecken bedienen kann, wo gibt es für unser Herz dann noch Sicherheit? Dann ist alles, was sich hören und lesen, denken und sagen läßt, durch und durch zweideutig, gibt keinen Halt. Auch die Bibel, auch die Lehre der Kirche kann in böser Absicht verdreht werden und wirkt dann, statt als Mittel zum Heil, als mörderisches Gift. "Der Buchstabe tötet" (2 Kor 3,6).

"Aber der Geist macht lebendig." Welcher Geist? Haben nicht schon viele ihren persönlichen Vogel oder irgendein kollektives Geschwirre für die Taube des Heiligen Geistes gehalten? Nicht nur das vergangene Jahrhundert war von mächtigen Lügengeistern besessen, auch im begonnenen treiben solche ihr Unwesen, um uns - auch in uns? Herr, erbarme dich!

Gewiß ist allein gläubige Liebe

Lebendig macht nur ein Geist: der Heilige Geist der Liebe, die vom Vater durch den Sohn ausgeht und in unsere Herzen gesandt wird. Ubi caritas et amor, Deus ibi est. Vieles vermag der Böse, und Theologie gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber vertrauend-liebevoll glauben, das kann der Teufel nicht.

Fasten: nicht stolz

Nutzen wir die Wochen dieser strengeren Zeit, um uns von Gott wieder in dieser einzigen Gewißheit befestigen zu lassen: Nichts Wißbares macht es, allein Glaube, Hoffnung und Liebe. Unser Fasten macht es nicht, das Fasten der Fakire ist ebenso weltlich wie das Schmausen der Genießer. Aber - so beten wir in der Präfation der Fastenzeit - DU, Gott, unterdrückst durch das körperliche Fasten die Laster und erhebst den Geist. DU erhebst uns aus dem Sumpf der Eigensucht. Von sich aus kann der Fastende sich nicht erheben, aber DU erhebst ihn wirklich durch das Fasten.

aber in Jesu Geist

Den grausam hungrigen Jesus wollte die versucherische innere Stimme dazu aufreizen, den Helden zu spielen. Wäre es nicht toll, die Menschen zu faszinieren, damit sie endlich tun, was sie sollen? Hei, die Engel werden mich schon tragen, wie im Psalm versprochen! Jesus, Gottes WORT in Person, versteht sofort, daß jenes aufgeschriebene Wort Gottes so nicht gemeint sein kann. Und weil Christus in uns wohnt, versteht er das auch heute und auch in uns.

solidarisch und erlöst

Wenn beim Fasten die Sicherheit des Fleisches von uns abfällt, wenn wir wenigstens von fern und ein bißchen am eigenen Leib verspüren, wie angstbedrückt unzählige Millionen unserer Menschengeschwister ihre Tage hungrig verbringen müssen, dann kann es geschehen, daß der vom Bösen umgelogene Psalmvers auf einmal seinen wahren, göttlichen Sinn freigibt. Und plötzlich merken wir: Es geht auch ohne festen Standpunkt. Verschwunden ist die irdische Sicherheit, aber ich lebe. Nichts weiß ich, und stürze doch nicht ab, sondern erfahre mich wie von Engelshänden getragen, und an keinen Stein stößt mein Fuß.


Zum Weiterdenken:

An keinen Stein, auch nicht an den Stolperstein [griechisch: skándalon] von Mt 16,23. Egal, ob ein Christ das Petrusamt als Grundstein glaubt (Mt 16,18) oder nicht, über es stolpern muß weder Katholik noch Orthodoxer noch Protestant. Die Engel passen auf.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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