Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Auch ihre Zweifler braucht die Kirche!

Gedanken zum zweiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


Beim Kongreß der KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche" stand vor drei Jahren und zwei Wochen in Regensburg auf einmal eine aufregende Frage im Raum. Jemand erwähnte Umfragen, laut denen ein beträchtlicher Teil der Christen in Deutschland nicht an die Auferstehung der Toten glaubt. Haben sie - war die Frage - ein Recht auf Mitbestimmung in der Kirche? Die Antwort der vortragenden Kirchenrechtlerin stellte klar: Nein, das ist ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit des Lehramts. Bei Glaubensfragen gilt in der katholischen Kirche kein Mehrheitsprinzip. (Ein ehrwürdiger evangelischer Pfarrer von 88 Jahren erklärte mir in einer Pause, hier werde der Gegensatz im Amtsverständnis deutlich. Ein protestantischer Geistlicher, der in seiner Gemeinde keine Mehrheit finde, habe kein Veto sondern müßte äußerstenfalls zurücktreten.)

Das katholische Plenum war einverstanden, ich auch. Aber das Thema hat noch eine andere Seite. Meine Gedanken gehen zurück zu einem Traugespräch vor vierzig Jahren. Da fragte der Kaplan die Brautleute: Glauben Sie, daß Christus von den Toten auferstanden ist? Sie wand sich, er bekannte: nein, das sei doch eine gar zu kindische Vorstellung. Dann kann ich, meinte der Priester, Sie wohl nicht kirchlich trauen; denn für Katholiken ist die Ehe ein Sakrament; nun setzt aber ein Sakrament den Glauben an die christliche Grundwahrheit voraus, nämlich an Christi Auferstehung. Die beiden waren empört: das könne nicht sein, wofür sie denn ihre Kirchensteuer zahlten? Das war allerdings ein durchschlagendes Argument. Beruhigen Sie sich, begütigte ich die beiden, Sie bekommen Ihre Trauung, mit Orgelspiel und Blumenschmuck, wie es sich gehört. Und so geschah es.

War diese Hochzeit aber ein christlicher Gottesdienst? Damals meinte ich: nein, und begründete es in den Katechetischen Blättern. Das heutige Evangelium läßt mich jetzt umdenken. Jesus wird beiden Gruppen im damaligen Judentum gerecht, den Pharisäern, die an die Auferstehung der Toten glaubten, aber auch den Sadduzäern, die sie leugneten - und so, wie sie die Auferstehung verstanden, zu Recht leugnen mußten! Das zeigt sich an der extremen Geschichte, die sie Jesus vorlegten: "Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterläßt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt" (Lk 20).

Zum Problem wird das nur, wenn die kommende Welt eine Art Verlängerung der gegenwärtigen ist. Diese armselige Vorstellung wird von Jesus beiseite gewischt: So geistlos dürft ihr euch das Ewige Leben nicht denken! Nach unserer Lebenszeit kommt keine andere Zeit, mit ähnlichen Beschränkungen und Entscheidungszwängen wie in dieser Zeit. - Was aber dann?

Den grandiosen Schluß von Psalm 115 hat Jesus vermutlich auswendig gekonnt und oft gebetet:
"Tote können den Herrn nicht mehr loben, keiner, der ins Schweigen hinabfuhr.
Wir aber preisen den Herrn von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja!"

Hier bekommen beide Streitparteien unrecht und recht. Wenn die Toten den Herrn nicht mehr loben können, haben anscheinend die Sadduzäer recht - wie auch 1967 der skeptische Bräutigam. Auferstehung von Toten? Lächerlich! Wenn aber wir Lebendigen den Herrn nicht nur ein paar Tage und Jahre lang preisen sondern "von nun an bis in Ewigkeit" - dann stimmt es ja doch mit der Auferstehung. Wie erlöst der Heilige Geist uns aus dieser Zwickmühle?

Vernehmen wir den Offenbarungsblitz aus Jesu Mund: "Daß aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig." Als Mose lebte, war Abraham schon seit Jahrhunderten gestorben. Trotzdem stellte Gott sich dem Mose als "Gott Abrahams" vor. Also ist Abraham damals, lange nach seinem Tod, in und für Gott lebendig. Nicht aber wird er dadurch zum Zeitgenossen des Mose. Sondern in Gott ewig am Leben ist nur der wirkliche Abraham. Wie er zwischen Zeugung und Sterben geworden ist, so bleibt er für immer ganz gegenwärtig. Weder vor seiner Erdenzeit noch nach ihr entspricht dem Namen "Abraham" eine zeithaft-irdische Wirklichkeit.

Weil ein lebenslustiges Mädchen mit siebzehn totgefahren wurde, gehört die zwanzigjährige Irene zu den "Toten, die den Herrn nicht mehr loben können". Es gab sie nicht und wird sie nie geben. Deshalb ist die Trauer ihrer Eltern und Geschwister so bitter, verträgt keinen betulichen Trost. Darin dürfen wir die Wahrheit der Sadduzäer sehen. Weil Gott aber der "Freund des Lebens" ist (so wird der Schöpfer in der ersten Lesung des vergangenen Sonntags angesprochen: Buch der Weisheit 11,26), deshalb ist, für jedes Lebewesen, wichtiger als der Tod seiner Möglichkeiten (über den Todeszeitpunkt hinaus weiter zu leben) das unzerstörbare Leben seiner Wirklichkeit zwischen Zeugung und Tod. Wer und was die Verunglückte je gewesen ist, für sich, ihre Familie und ihre Freunde, das ist sie in strahlender Gegenwart: für sich, ihre Familie und Freunde. Wie sollte ein Kind Gottes sterben können? "Für ihn sind alle lebendig." Alle wirklichen, zwischen Anfang und Tod. Das ist genug. Weil meine Mutter vor Jahren starb, gibt es sie nie als Hundertjährige. Jene 35Jährige aber, die nach langer Flucht eines Abends vor 62 Jahren in München zu uns beiden sagte: Kinder, nach der Ecke da kommt's drauf an. Entweder steht das Haus noch, dann bleiben wir bei Tante Irmi. Oder es ist kaputt, dann weiß ich nicht, was wir machen - sie ist mir jetzt nicht fern und mit ihr hoffe ich DANN wieder für immer vereint zu sein, noch viel tröstlicher als wir drei damals mit Tante Irmi.

Was die Sadduzäer fragten, war eine falsche Frage, beruhte auf einer falschen Voraussetzung. Nur dadurch gaben sie Jesus aber die Chance, seine wahrhaft göttliche Botschaft zu offenbaren. Wäre er nur mit Auferstehungsgläubigen umgegangen, hätte er es schwerer gehabt, das Mißverständnis aufzuklären. Allgemein gilt: Damit eine falsche Ja/Nein-Frage bewältigt werden kann, muß man sie stellen, dann mit beiden einseitigen Antworten unzufrieden sein, und hoffentlich blitzhaft ahnen, wie es sich wirklich verhält.

Weil das Christentum ohne seine Zweifler leicht zur bigotten Sekte verkäme, deshalb dürfen auch solche Christen kirchlich heiraten, die ihrer eigenen und des Pfarrers Meinung nach nicht an Ostern glauben. Ob sie wirklich die Heilsbotschaft ablehnen oder nur, mit Recht, eine tatsächlich bescheuerte Wahnvorstellung, das zu entscheiden steht keinem irdischen Tribunal zu.


Zum Weiterdenken:

Katechetische Blätter: Meine These war 1968 : Die deutsche Volksreligion enthält noch viele christliche Elemente, unterscheidet sich vom Christentum aber, weil ihr der Osterglaube fehlt. Doch wird ihr hauptamtliches Personal vorwiegend aus den Christen genommen. So ließ jene Trauung sich zwanglos erklären: "Kommt da etwa ein Paar zum Traugespräch ins Pfarrhaus, und der junge Mann sagt auf Befragen, er glaube eigentlich nicht an Christi Auferstehung, sehe im übrigen auch nicht ein, wieso dies eine Mischehe sei: "wo wir doch beide Deutsche sind". Dann muß der Pfarrer wissen, daß diese Ehe bei aller liturgischen Feierlichkeit doch kein Sakrament wird, daß folglich er selbst dabei nicht unmittelbar als Priester, vielmehr als Religionsfunktionär der Volkskirche auftritt. Insofern sind alle Priester Arbeiterpriester! Wüßte er das nicht, dann hätte die Situation etwas Peinlich-Lachhaftes an sich. Weiß er es aber, dann ist alles in Ordnung; denn warum sollen zwei, die beide an Gott glauben, nicht im Gotteshaus vor Gottes Diener ihre Ehe schließen? Das ist in allen Ländern so - Christen müssen sie deshalb nicht sein. Der Hinweis auf die Kirchensteuer ist hier durchaus angebracht: oder meint jemand im Ernst, all die schönen Kirchen, alt und neu, seien von den Beiträgen der Christen erbaut?"


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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