Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Wenn Martha und Maria dasselbe tun

Gedanken zum sechzehnten Sonntag im Jahreskreis


Im freundlichen Nürnberger Hospital Martha-Maria sind meine Kinder zur Welt gekommen. In diesem Namen, den die methodistischen Gründer ihrer Klinik gaben, steckt die Antwort auf die Frage, wie die Christenheit mit dem heutigen Evangelium zurechtkommt. Der Gegensatz zwischen beiden Frauen, der fleißigen Gastgeberin Martha und der aufmerksamen Zuhörerin Maria, darf nicht nach nur einer Seite hin aufgelöst werden. "Maria hat das Bessere erwählt" - ob Jesus bei diesem Urteil geblieben wäre, hätte auch Martha sich ihm zu Füßen gesetzt und achtsam auf seine Worte gelauscht? Vermutlich hätte er nach einiger Zeit vorgeschlagen: So, ihr Lieben, vielleicht sollten wir uns jetzt etwas zu essen machen. Unterhalten wir uns in der Küche weiter!

Denken und Tun gehören zusammen, Aktion und Kontemplation sind miteinander das eine Leben. Solange ein Mensch das beherzigt und aus der inneren Balance nicht abstürzt, darf er sich auf äußere Extreme unbesorgt einlassen. Wollen sie gesund leben, müssen alle Menschen diese Spannung bewältigen; Christen hilft dazu das anheimelnde Bild unseres Evangeliums. Beides, Denken wie Tun, geschieht bei uns im Austausch mit Jesus. Unsere innere Maria erkennt, während sie ihm zuhört; unsere innere Martha dient mit jedem Handgriff ihm, ihrem göttlichen Freund.

Alles kommt darauf an, daß dieses großartige, zu unaufgeregter Ganzheit sammelnde Meditationsbild nicht mißverstanden wird. Die Versuchung dazu liegt nahe, sie muß ausdrücklich benannt und überwunden werden. Was das Tun betrifft, erlag ihr jene Berliner Dame, die einem Bettler fünf Mark spendiert hatte und seinen wortreichen Dank zurückwies: "Nu hamse sich mal nich so, ick hab das ja für Gott jetan, nich für Sie." Wie mag der Beschenkte sich gefühlt haben? Achten wir genau auf Jesu Wortlaut. Es heißt (Mt 25) nicht: Was ihr an einem dieser Geringsten vorbei mir hinschiebt, kommt bei mir an. Sondern: Was ihr einem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Ich muß schon meinen Mitmenschen selber meinen bei dem, was ich tue - bleibe er mir auch, zB beim Tippen von Internetpredigten, in der Zeit unbekannt - um in dem oder jenem Glied Christi ihn selbst zu erreichen. Auch dich erreicht jemand mit einem Maracuja-Eis ja nur, wenn er dir Zunge und Gaumen erfreut. Wäre der Bettler der Berlinerin mit diesem Gleichnis gekommen, wie hätte sie reagiert? Hoffentlich - geschockt und erleichtert - ihm in die Augen gesehen und erwidert: Ja, da hamse recht. Seiense so nett und beten für die Bekehrung meiner dummen Seele. Dann sind wir quitt und haben beide was für Gott getan.

Wie beim Tun, so beim Denken. Auf Jesus hört nicht nur, wer im Evangelium liest, sondern auch, wer im Freundesgespräch mit dem Auferstandenen von anderen Weisen seiner Gegenwart sich belehren läßt. Derselbe SINN des Ganzen, der in Jesus Mensch ist, hat ja von jeher "jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9). SEIN Licht erreicht mich nicht nur über offiziell christliche Lichtleiter. Einerseits gibt es überhaupt kein anderes Licht als seines, außer ihm ist Finsternis. Anderseits eignet sich für den lügnerischen Luzifer nichts so trefflich zum Verführungsmittel wie verdrehte Worte Gottes, das hat, uns zur Warnung, Jesus bei seiner Versuchung erfahren. Laufend zitierte der Teufel die Heilige Schrift, überhaupt dürfte die Theologie seine Lieblingswissenschaft sein.

Wie herausfinden aus soviel Verwirrung? Sehr einfach: Maria kennt seine Stimme. Auch uns ist der Gute Hirt vertraut. "Die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme" (Joh 10,4). Dazu eine wahre Geschichte von Pater Klein. Nach einem Rektorenwechsel tobt sich im Germanikum das Neue-Besen-Prinzip aus. Die aufgescheuchten Gemüter zu beruhigen, legt der Spiritual uns am Abend das morgige Sonntagsevangelium aus: Wen sehen wir da? Den guten Hirten und seine Schafe. Er kennt die Seinen und die Seinen kennen ihn. Wen sehen wir im Evangelium nicht, wer fehlt da? Der brave Schäferhund, der um die Herde herumbellt. Den braucht es nicht. Ich kenne die Meinen, sagt der gute Hirt, und die Meinen kennen mich. - Seither hat Christi Herde manche noch gewaltigeren Schäferhunde ertragen, deutsche und andere. Wunderbarerweise kann ihr Gebell und Gejaule die leise Stimme des Hirten in unseren Herzen nicht verunklären.

Nicht mehr gegen- und auch nicht nur miteinander leben Maria und Martha in uns. Eine Besonderheit des Christentums heute ist neu, war am Anfang, ja bis vor wenigen Jahrzehnten dem kirchlichen Bewußtsein noch nicht so deutlich. Jetzt sollte sie es sein. Ich meine jene Konstellation (das Wort, aus der Astrologie stammend, bedeutet das Zueinander innerer Sterne), da der Unterschied von Martha und Maria in mir verschwindet, weil mein Dienst der Liebe gerade im aufmerksamen Zuhören besteht. Selbstverständlich gilt das im Feld persönlicher Beziehungen immer schon; kaum etwas tut uns so gut, wie wenn wir uns einer freundlichen Seele gegenüber von Herzen aussprechen dürfen.

Neu ist die Erfahrung, daß solche Selbigkeit von Martha und Maria sich in der Kirche als solcher ereignet, wenn sie - verkörpert in einer christlichen Person - mit einer anders gläubigen spricht. Unterhalte ich mich mit meinem Bahai-Freund oder einer Muslimin (zB jener Sächsin, ungetauft und religionslos aufgewachsen, die sich in einen Türken verliebte, zum Islam bekehrte und ihren Mann dazu gebracht hat, wieder in die Moschee zu gehen), so verstecke ich meinen Christenglauben nicht, weiß aber und versuche, es dich spüren zu lassen, daß in dir Christus nicht weniger lebt als in mir, daß deines Glaubens Kern vor Gott gilt und mir etwas mitteilt, was im mir bekannten Zustand meiner eigenen Tradition noch schlummert oder verschüttet worden ist. Verlangt ist Ehrfurcht vor fremder Wahrheit.

Indem (dadurch, daß) Maria dem sich offenbarenden Gast zuhört, erquickt Martha den erschöpften Gast. Innerhalb beider Seiten tanzt dieselbe Lebensmünze. Wenn wir das verstehen und bedenken, kann mancher Spaltungskrampf, mit dem die ideologisch verhärteten Jahrhunderte das Christengemüt beschädigt haben, sich heilsam lösen. Führt dein Kollege atheistische Reden? Hör ihm gut zu. Jesus war ein scharfer Religionskritiker. Im Sommer 1972 bemerkte der evangelische Dekan Kelber während der Vorbereitung einer kirchlichen Gedenkstunde zum hundertsten Todestag: Ich sehe voraus, daß Ludwig Feuerbach irgendwann als christlicher Prophet anerkannt sein wird. Preist ein junger Buddhist mit bairischem Akzent die Befreiungskraft seines uralten Glaubens? Du könntest ihm andeuten, du wissest nicht, ob im Himmel = Nirvana Buddha und Jesus du oder ich zueinander sagen.

Maria und Martha blickten Jesus ins Antlitz. Sind wir ärmer dran? Keineswegs. "Selig, die nicht sehen und doch glauben." Genauer: Selig, die im Antlitz, das sie sehen, das unsichtbare glauben, das niemand sehen kann. Nicht von ungefähr kritisieren den jüdischen Denker Emmanuel Levinas seine christlichen Leser weniger als manche jüdischen. Hier sind einige Sätze von ihm. Es lohnt sich, sie erforderlichenfalls auch dreimal zu lesen.

"Wenn ich auf das Antlitz des Anderen, die Spur des Unendlichen oder das Wort Gottes hinweise, ist die wichtige Idee die einer Sinn-Bedeutung, die ursprünglich nicht Thema ist, nicht Gegenstand eines Wissens, nicht Sein eines Seienden, nicht Vorstellung. Ein Gott, der mich angeht durch ein Wort, das sich im Antlitz des anderen Menschen ausdrückt, ist eine Transzendenz, die nie Immanenz wird. Das Antlitz des Anderen ist seine Weise, zu bedeuten ... Ich habe das Antlitz des Nächsten immer als Träger eines Befehls beschrieben, der dem Ich im Hinblick auf den Anderen eine [sachlich, innerweltlich] unbegründete und nicht übertragbare Verantwortlichkeit auferlegt ... Ich denke, die Verantwortlichkeit für den anderen Menschen oder, wenn Sie wollen, die Epiphanie des menschlichen Antlitzes macht so etwas aus wie das Durchstoßen der Kruste des ‚in seinem Sein verharrenden Seins', dem es um sich selber geht. Verantwortlichkeit für den Anderen, das uninteressierte Für-den-Anderen der Heiligkeit. Ich sage nicht, die Menschen seien Heilige oder zur Heiligkeit unterwegs. Ich sage nur, daß die Berufung zur Heiligkeit von jedem Menschenwesen als Wert anerkannt wird und daß diese Anerkennung das Menschliche definiert. Das Menschliche hat das unstörbare Sein durchstoßen, sogar wenn keine gesellschaftliche Organisation noch Institution im Namen der bloß seinsmäßigen Notwendigkeiten Heiligkeit sicherstellen oder gar produzieren kann. Doch hat es Heilige gegeben".


Zum Weiterdenken:

anders gläubig: Getrennt, nicht wegen der neuen Rechtschreibung sondern um genau der Nuance willen, die sich nur in der alten ausdrücken läßt!

Ehrfurcht vor fremder Wahrheit: Titel meines Buches von 1996, auch auf der CD-ROM, beides ab Oktober wieder lieferbar.

Levinas: Emmanuel Levinas, Alterité et transcendance, Paris [Fata Morgana] 1995, 172-174


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/lk-10-38.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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