Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Das Innenleben der Kirche

Gedanken zum vierzehnten Sonntag im Jahreskreis


*

"Nichts kann schaden" - naives Märchen?

Nein: Todüberwindende Hoffnung

Ihr Austausch ist das Innenleben der Kirche

Immer aktuell: Der Satanssturz

Zukunftsvision: Verklärter Staub

*

"Nichts kann schaden" - naives Märchen?

"Die Zweiundsiebzig kehrten zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen. Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können" (Lk 10,17-19).

Schön, wenn man von einer Erfolgstour kommt und erhält dann noch solche tollen Verheißungen. Da macht man gerne weiter. Es klingt fast wie in den Märchen und verleitet zum Träumen. - Aus dem seligen Anfangstraum sind die Jünger aber bald grausam aufgewacht. Allem Anschein nach war ihr Vertrauen auf Jesu Zusage bodenlos naiv gewesen, "die ganze Macht des Feindes" hatte sich durchgesetzt, Schlangen und Skorpione sind nicht so gefährlich wie der Haß eifersüchtiger Rivalen und die Angst Mächtiger vor der Tötungsgewalt ihrer noch mächtigeren Oberen. Weil der furchtlose Prophet dem Klüngel der Priesterschaft lästig war und weil Pilatus ihre Anzeige beim Kaiser und dessen Zorn fürchtete, deshalb war das Unheil über Jesus hereingebrochen und die Jünger hatten ihr Liebstes verloren. "Nichts wird euch schaden können"? Ach, wir hatten gehofft, nun aber ist seit alledem schon der dritte Tag. Es ist aus.

Nein: Todüberwindende Hoffnung

Nichts ist aus. ALLES kommt erst noch. Wenn das meiste gut läuft, wenn ihr gesund seid, eure Liebsten euch lieben und eure Kinder im Beruf vorankommen, dann dürft ihr all das als Vorzeichen des verheißenen endgültigen Erfolges nehmen und euch freuen. Nur in solcher Tiefe aber gilt Gottes Zusage unbedingt. Deshalb hat das heutige Evangelium noch einen Schlußsatz. "Nichts wird euch schaden können. Doch freut euch nicht darüber, daß euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind." Weil diese Freude unzerstörbar ist, darum kann uns tatsächlich nichts schaden. Vieles wird zwar scheitern und alles Gelungene muß sterben, es ist Jesus und seinen ersten Freunden nicht besser ergangen als unseren Eltern und uns. Erst wenn Tod und Auferstehung im Lebensplan ihren Platz haben, oder, anders gesagt, wenn das Vertrauen so tief geworden ist, daß es aus dem ewigen Grundwasser Gottes leben kann, wird uns nichts mehr schaden können. Dieses Grundwasser fehlt nie für dauernd, auch wenn jemand sich zuweilen wie die arme Rose vorkommt, die ich bei der Rückkehr von kurzer Reise hilflos welk in ihrer Vase erblicke, einen Millimeter über dem Wasser.

Ihr Austausch ist das Innenleben der Kirche

Lebt in einer Seele der Glaube, kann sie sich bis in jene Tiefe strecken, wo das göttliche Lebenswasser wartet. Zu solchem belebenden Glauben können wir einander helfen. Von dieser Tiefe Zeugnis geben und auch das Zeugnis eines Mitglaubenden sich zusprechen lassen, so ereignet sich das Innenleben der Kirche. "Seid alle fröhlich mit ihr, die ihr über sie traurig wart", so mahnt auch uns (in der ersten Lesung) der Prophet Jesaja. Über die Kirche traurig zu sein, dazu gibt es Anlaß genug, auch dort, wo nicht ein unfähiger Priester sogar die Begrüßung seiner Firmlinge im Leierton vom Blatt abliest. Das, und manches andere, ist zum Weinen, aber wo kämen wir hin, wollten wir unsere Tränen für das Letzte halten! DU wischst sie DANN alle ab. Wir sind Kirche, wenn wir uns mitten in jeder Trauer einander zu Trost und Ermutigung gegeben sein lassen.

Kommt unser Vertrauen uns manchmal vor wie ein Strohfeuer, fällt es schnell in sich zusammen? Mut! Das Feuer ist nicht aus. Gottes Zutrauen zu dir ist der Funken unter der Asche, der nie erlischt.. Laß Dich wieder entzünden! Fürchtest du, dein Haus sei auf Sand gebaut? Wie gut, wenn dann jemand kommt und sagt: Grab doch tiefer! Da ist nicht nur Sand. Gib nicht auf, bis dein Herz auf tragfähiges Felsgestein stößt. Aus welchem Material besteht es?

Immer aktuell: Der Satanssturz

Das deutet Jesus an: "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen." Welche Einsicht drückt er mit diesem mythischen Bild aus? Vermutlich diese: Satan ist der himmlische Ankläger, etwas wie der Staatsanwalt beim Allerhöchsten Gericht. Vor seiner kühlen Allmacht erbebt zuinnerst jedes religiöse Gemüt ("Wie kriege ich einen gnädigen Gott?"). Ihn hat Jesus aus Gott "herausgeliebt", aus einer himmlischen, bedrohlich faszinierenden Wirklichkeit zur bloß irdischen Tat-Sache entmächtigt. Schlotternde Angst vor übermächtig strengem Unheil ist nichts als eine verkorkste seelische Realität, Ergebnis der langen gewaltbesessenen Religionsgeschichte voll unbewußter Projektion eigener Allmachtsphantasien an den Himmel. Denker wie Feuerbach und Freud stehen in der Linie Jesu. Sein himmlischer Vater meint es mit jedem Menschen, sofern der schwach und verletzlich ist, nur gut.

Zukunftsvision: Verklärter Staub

Schwach und verletzlich: diese Präzisierung ist notwendig. Menschliche Arroganz verfällt allerdings dem Gericht; wer Mitmenschen in den Staub tritt, stellt bald fest, daß er selbst nicht besser dran ist. "Bedenk, o Mensch, du bist Staub, und zum Staube kehrst du zurück." Nicht weil Gott uns klein wünscht, im Gegenteil: Weil ER niemandem erlaubt, andere klein zu machen, deshalb muß jeder überragende Turm in den Staub. Nicht um zu modern jedoch, sondern um in der verklärten Stadt Gottes als Neue Schöpfung dazustehn. Jener scheue, vielfach verletzte Siebenjährige von 1896, der im "Führer" 1933 jubelte und 1945 verzweifelte: er muß sich, wenn er mit Jesus zum VATER flieht, nicht länger fürchten, auch für sein Ewiges Leben dürfen wir hoffen. Heiliggesprochen hat die Kirche viele, verdammtgesprochen noch keinen, auch nicht die Millionenmörder der Geschichte. Eben weil Gott unsere Freiheit nicht übermächtigen will, gehört das Leersein der Hölle zwar nicht zum Glaubensgut. Auf es zu hoffen steht Christen aber gut an. Ein Allmächtiger, der ein armes Menschenkind gegen dessen Willen in nie endende Qual verstieße, wäre das nicht genau jener Satan, den Jesus vom Himmel fallen sah? Dort gibt es ihn hoffentlich nicht, nur auf Erden als Wahn in Millionen gottvergifteter Gemüter. (Ein französischer Priester plant ein Buch "Judas ist in der Hölle". Ihn als Mitchristen zu achten fällt mir schwer.)

Wenn wir einverstanden sind, daß der erniedrigte und erhöhte Jesus, indem er seine Freunde in seinen Rhythmus mitaufnimmt, uns von diesem Gift heilt, dann wird uns in Wahrheit nichts schaden können.


Zum Weiterdenken:

Herausgeliebt: Das hinreißende Wort finde ich bei Georg Baudler: Jesus "hat niemals Krieg geführt, weder gegen Götter und Dämonen, noch gegen Menschen. Deshalb ist er weder Sieger noch Besiegter. Er hat auch den Satan nicht besiegt und vom Himmel herabgestürzt. Vielmehr hat er durch sein treues und unbeirrbares Festhalten an seiner Jordanerfahrung, an der Erfahrung, geliebter Sohn des himmlischen Vaters zu sein, den Satan, die Schlange und den Drachen, aus El-Jahwe herausgeliebt, so daß er als profanes und letztlich ungefährliches Wesen zur Erde fiel. Die Tötungsmacht hat nun nichts Göttlich-Überweltliches mehr an sich: ‚Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können' (Lk 12,4)." [Erlösung vom Stiergott (München/Stuttgart 1989), 86]


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/lk-10-19.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann