Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

"Es gibt keine Fremden."

Gedanken zum vierten Adventssonntag


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Die Einsicht eines Mystikers

Freut sich auch Gott über seine Menschheit?

Wenn zwei Gottesfunken sich begegnen

z.B. in Mutter oder Vater und Kind

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Die Einsicht eines Mystikers

"Es gibt keine Fremden," sah Thomas Merton am 18. März 1958 ein, an einer Straßenkreuzung in Louisville/Kentucky, eine Gedenktafel berichtet davon. Er schaute die Leute um sich her an und begriff: "Ich bin eins mit ihnen ... Sie sind nicht ‚sie' sondern mein eigenes Selbst. There are no strangers." Zehn Jahre später, am 10. Dezember 1968, sagte er am Morgen seines letzten Lebenstages in Bangkok, bevor er, mit 53, durch einen defekten Fön ums Leben kam: "In jedem von uns ist die christliche Person das, was voll zu anderen Personen hin offen ist, denn letztlich sind alle anderen Personen Christus." Wochen zuvor hatte er in Kalkutta eine Versammlung von Mönchen verschiedener Traditionen erinnert: "Meine lieben Brüder, wir sind schon eins. Aber wir stellen uns vor, daß wir es nicht sind. Und was wir wiedererlangen müssen, ist unsere ursprüngliche Einheit. Was wir sein müssen, ist was wir sind."

Freut sich auch Gott über seine Menschheit?

Auch mit dieser Weihnachtsperspektive beschenkt uns der Trappist aus den USA: "Es ist eine großartige Bestimmung, zum Menschengeschlecht zu gehören, obwohl es eine Rasse ist, die zu vielen Absurditäten neigt, und eine, die schreckliche Fehler macht: trotz allem aber - [wie bringen wir das Folgende ins Deutsche?] God himself gloried in becoming a member of the human race." Gemäß meinem Wörterbuch wäre Gott also stolz darauf gewesen oder hätte darüber frohlockt, ein Mitglied unserer Rasse zu werden. Ich gebe zu, so hatte ich es noch nicht gesehen. Meinten die Engel diese göttliche Begeisterung mit ihrem "Gloria in excelsis Deo!"? Und sollte dies auch nur ein bißchen stimmen: was ergibt sich daraus für meinen Menschenblick auf die Mit-Menschen und mich? Auf jeden Fall ist solches Rühmen nicht menschheits-nationalistisch sondern -patriotisch zu verstehen. Laut Chesterton brüstet der Nationalist sich: Ich bin stolz darauf, ein Engländer zu sein. Während der Patriot sich anstrengt: O möchte ich doch würdig werden, ein Engländer zu sein!

Wenn zwei Gottesfunken sich begegnen

Wenn wir, mit dieser Idee umgehend, das heutige Evangelium lesen, können wir die Begegnung von Maria und Elisabeth als tiefsinnige Symbolik verstehen. Viele Künstler haben die anmutige Szene gemalt, wie die seit kurzem schwangere Maria ihre Verwandte Elisabeth besucht, die schon im sechsten Monat ist. Bei der Begrüßung hört Maria: "Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib." Ähnliches können auch wir erfahren, sobald wir diese Bibelszene mit dem Licht eines engagierten Glaubens als Dia auf die Leinwand der scheinbar banalsten Begegnung projizieren und dann (als Johannes in Elisabeth) möglicherweise entdecken, wie der in dieser anderen Person schlummernde Gottfunken unseren eigenen Prophetensinn anregt, so daß vielleicht erst dank unserer Mitteilung die andere Seele an die geheime Würde in ihr selbst glauben kann und ihrerseits in Mariens Freude einstimmt: "Mein Geist jubelt über Gott meinen Retter."

z.B. in Mutter oder Vater und Kind

Kommt - zum Beispiel - dein Kind dir fremd vor? Erinnere dich an die eigene Jugend. Haben die Eltern begriffen, was in dir leben wollte? Versuch deshalb, dein mündig-besseres Wissen von Besserwisserei zu reinigen, indem du spürst, wie das Kind in dir selbst von dem angeregt wird, was dein Kind ausstrahlt. So schwierig die Balance dieser neuen Naivität mit dem Anspruch des realen Daseins auch sei: deine Mühe um sie ist das schönste Weihnachtsgeschenk an die Familie.


Zum Weiterdenken:

Thomas Merton: Zur Erinnerung an seinen 35. Todestag brachte THE TABLET [6. Dezember 2003] den Artikel "There are no strangers!" von Michael Whelan.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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