Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Mußte Christus aus Leiden lernen?

Gedanken zum fünften Fastensonntag


Wenn wir die zweite Lesung verstehen, kann unser Glaube an Reife gewinnen. Wer war Jesus? Hier ist der Text aus dem Hebräerbrief, in der Übersetzung von Fridolin Stier, die nicht nur schöner sondern wahrscheinlich auch richtiger ist als der offizielle Wortlaut:

"Er hat in den Tagen, da er im Fleisch war, Flehen und Bittrufe dem, der ihn aus dem Tod retten konnte, mit starkem Schrei und Tränen dargebracht. Und er ward auch erhört - seiner Ehrfurcht wegen. Er hat - obschon der Sohn - an dem, was er gelitten, den Gehorsam gelernt. Und - also vollendet - ward er allen, die ihm gehorchen, unendlicher Rettung Urheber."

Jesus hat gelernt. Nicht nur seine Muttersprache oder wie man mit einem Hobel umgeht; solches bei der Geburt noch nicht zu können, das gehört zur menschlichen Natur, somit stört, daß auch Jesus es lernen mußte, unser Christusbild nicht.

Anders, was uns heute vorgelesen wird. Christus "hat - obschon der Sohn - an dem, was er gelitten, den Gehorsam gelernt." Ist das Horchen auf den Vater, die Beziehung zu ihm, nicht das innerste Geheimnis des Sohnes, macht es nicht seine Person selber aus? Wie hat er das lernen können, was er nicht erst auf Erden wurde, sondern von Ewigkeit zu Ewigkeit im Himmel ist? Wer den Gehorsam erst lernen mußte, war er vorher ungehorsam? Das war Jesus nie - wie ist sein Lernen dann zu verstehen?

"Das Gesagte erscheint schlicht widersinnig. Wie nämlich konnte er den Gehorsam aus dem, was er lernte, (erst) lernen - er, der doch (schon), bevor er litt, dem Vater in solchem Maß gehorsam war, daß er gerade dieses Leiden aufgrund des Gehorsams (allererst) auf sich nahm?"

Wir müssen, bei Jesus wie bei uns selbst, den innersten Funken des Geistes von dem Feuer unterscheiden, das er Tag um Tag in unserem zeitlichen Fleisch entzündet, in dem, was wir seelisch und sinnlich erleben. "Fleisch" meint biblisch ja nicht bloß den Körper, vielmehr den ganzen Menschen, sofern er hinfällig, vergehend, dem Bann der Todesmacht unterworfen ist. So weit innen wir diese Erfahrungen auch ansetzen: verglichen mit dem innersten Funken sind sie außen.

Bei Jesus ist der die Gottheit selbst, bei uns heißt er zu Recht "Vergottet-Sein", sollen wir doch "Mitinhaber der göttlichen Natur werden"! (2 Petr 1,4) Bei der innersten Mitte gibt es kein Lernen, sie ist das reine Ewige Licht. Es will die sinnlich-seelische Menschennatur mehr und mehr durchdringen und erleuchten. Hell zu werden muß diese mühsam lernen, ähnlich wie an einem nebligen Morgen die Sonne sich nur allmählich durchsetzt, so klar ihr Licht in ihm selber auch strahlt.

Jesus hat den Gehorsam gelernt - warum macht diese Überzeugung einen Glauben reifer? Weil ein so verbreiteter wie unreifer Gottes Menschwerdung falsch zu verstehen neigt: als wäre der Gottmensch eine Art göttlicher Mensch, Übermensch, Superman. Das ist jedoch eine heidnische, keine christliche Vorstellung. Nicht eine Figur zwischen Gott und Mensch verehren wir als Erlöser, sondern Jesus, ganz Gott und ganz Mensch. Ganz Gott in der innersten Mitte seiner Person, ganz Mensch mit Seele und Leib, wie wir. Das heißt: Mit einem Leib, der Hunger und Durst, Müdigkeit und Schmerz kennt, mit einer Seele, die zweifelt, immer wieder ratlos ist und "aus Leiden lernt". Dieser Satz der Lesung reimt sich auf Griechisch (émathen / épathen), war in der Antike ein Sprichwort wie unser "aus Schaden wird man klug". Über Jesus gesagt, holt der Satz ihn von dem Halbgott-Podest herunter, wo fehlgeleitete Gläubigkeit ihn so gern plaziert, und stellt ihn dahin, wo er nach Gottes Beschluß sein soll und will: bei uns gewöhnlichen Menschen.

Wir sollten uns klar machen, daß es zwei grundverschiedene "Christologien", d.h. Antworten auf die Frage "wer ist Christus?" geben muß. Die eine, die schon den Hymnus des Philipperbriefes bestimmt (2,6-11) und seit der konstantinischen Wende in der Christenheit unangefochten herrscht, ist die Christologie von oben: Der Ewige Sohn Gottes steigt zur Erde hernieder, nimmt am menschlichen Leben und Tod teil, und kehrt auferstanden in den Himmel zurück. Innerhalb dieses Denkschemas trifft zu, was ein Erklärer des Satzes "Aus dem Erlittenen hat er Gehorsam gelernt" feststellt: "Der Väterexegese und zum Teil auch noch der modernen macht die Zweinaturenlehre eine sachgemäße Exegese des Satzes schwer bis unmöglich." Im Rahmen der Christologie von oben ist der obige Einwand, der Satz sei widersinnig, kaum widerlegbar.

Machen wir deshalb ernst damit, daß die ursprünglichere Christologie von unten von der späteren Umakzentuierung zwar ergänzt aber nicht entkräftet worden ist. Ja, Gott hat den Menschen Jesus seines ehrfürchtigen Gehorsams wegen erhört und aus dem Tod ins Ewige Leben gerettet. So gesehen, ist Jesus wahrhaft einer von uns, "in allem gleich uns versucht außer der Sünde" (Hebr 4,15). Was wir unter Schmerzen einüben müssen, war auch sein Lernziel: "Am Kreuz lernte Jesus ermessen, was es kostet, zu Gottes unbegreiflichem Willen nicht nein zu sagen." Schmerzlicher Gehorsam wäre dem Sohn Gottes ohne Mensch-Werdung nicht möglich gewesen. Indem auch dieser Mensch in unserem Fleisch die Ohnmacht des Sterbens durchlitt, aus welcher der Vater ihn erlöst und zu sich genommen hat, ist er unser Erlöser geworden. "Erlösung dem Erlöser", der Schluß von Wagners Parsifal ist ein christlicher Gedanke.

Der Vater hat den Gekreuzigten auferweckt und zu sich genommen. Wieder zu sich genommen? In die "Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war" (Joh 17,5)? Ja. Läßt solche Rückkehr sich in einem Gedanken zusammendenken mit dem Aufstieg des Menschen Jesus zur Gotteswürde? Nein. Trotzdem sind nur beide Gedanken miteinander wahr. Wie ist da zu verfahren? Abwechselnd. An Weihnachten gelte die Christologie von oben, in der Buß- und Passionszeit, also jetzt, die von unten. Jahrzehntelang treu durchgehalten, reift solche Wechsel-Meditation allmählich zum ahnenden Stereo-Glauben, dem das volle Heilsgeheimnis sich, wiewohl unausdrückbar, doch belebend erschließt.

Zerbricht die Christologie von oben Jesu Solidarität mit uns? "Ihr stammt von unten, ich stamme von oben" (Joh 8,23) - reißt, wer so spricht, nicht einen unendlichen Abgrund zwischen sich und den übrigen auf? Nein, denn er sagt zugleich: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Joh 15,5). Auch die Reben sind der Weinstock! In IHM sind auch wir von oben, von unten bleiben wir nur wenn wir auf dem bestehen was wir ohne ihn, aus uns allein, wären. Vergottet zu werden bringt keine nachträgliche Qualität sondern gewährt Teilhabe am Ewigen Ursprung des Einziggeborenen. Daß unser Gefühl für die Logik von vorher und nachher gegen solche Heilsdialektik protestieren will, spricht nicht gegen sie, beweist nur die Begrenztheit jener Logik. Obwohl wir unsere Würde nie ganz begreifen können, gilt die Spannung der Christologien von oben und unten dennoch wie für ihn, das Haupt, so für uns, die Glieder: Der Einziggeborene des Vaters (Joh 1,14) ist einerseits, wird anderseits die tiefe Person nicht allein des Erstgeborenen (Lk 2,7; Röm 8,29) der Schöpfung-Mutter sondern auch seiner Geschwister irgendwo im weiten All.

Möchten doch die Kämpfer auf beiden Seiten der kirchenpolitischen Frontlinien einsehen und einander zugestehen, daß weder ihr Verstand noch die Struktur der gemeinsamen Organisation dieser Heilsspannung voll gerecht werden kann. Monarchisch-rechtskatholisch von oben oder demokratisch-linkskatholisch von unten fühle, denke, agiere jeder, wie der Geist es ihm eingibt, bitte aber ohne Ressentiment und - je nachdem - autoritäre oder aufmüpfige Rechthaberei der Art: ich habe recht, du irrst. So viel gibt die Evidenz nicht her. Wie wäre es mit "Wir müssen uns gegen euch für unsere Wahrheit einsetzen und hoffen, auf jetzt undenkbare Weise mit euch vor Gott recht zu behalten."?


Zum Weiterdenken:

Richtiger: "Seiner Ehrfurcht wegen" haben alle griechischen Kirchenväter gelesen - "aus seiner Angst" korrigierten allerlei Übersetzer, zuletzt das Komitee der Einheitsübersetzung. Wenn das nicht kühn ist!

Widersinnig: Theophylakt [byzant. Theologe um 1100], PG 125, 244D

Ein Erklärer: Erich Gräßer, An die Hebräer I (Zürich / Neukirchen 1990), 308. Aus diesem meisterhaften Kommentar entnehme ich auch die übrigen nicht bezeichneten Zitate.

Christologie von unten: Vgl. z.B. Röm 1,4; Apg 2,36.

Die Spannung der Christologien von oben und unten tritt auch als Gegensatz zwischen Johannes- und Tomas-Evangelium auf.
Könnte die theologische Komplementarität gar eine Verständigungsbrücke hin sogar zu jenen Wissenschaftspropheten bilden, die alles Geistige allein von unten erklären wollen, indem sie das Bewußtsein nicht als Schöpfer und Herrn seines Gehirns sehen (entsprechend dem Buchtitel "Das Ich und sein Gehirn" von Eccles/Popper), vielmehr als irgendwann bei hinreichender Komplexität des Hirns aus ihm emergierendes Produkt, minder grob aber doch auf der materialistischen Denklinie: ähnlich wie von den Nieren Urin werde eben vom Gehirn Bewußtsein produziert?
Sollte der uralte Streit zwischen Holisten und Reduktionisten (für die eine Violinsonate bekanntlich "nichts anderes ist" als ein Kratzen von Pferdehaaren über Katzendärme) tatsächlich "nichts anderes" sein als die Erweiterung der christologischen Spannung ins Kosmische, so daß, wie dort, auch hier ganz wahr nur die gekonnte Balance auf dem Hochseil zwischen beiden Standpunkten wäre, und das Ich weder Mitte noch Rand sondern der eine Brennpunkt der Ellipse? Sie ist als ein Urbild der Trinität< prinzipiell ein tauglicheres Symbol als der Kreis.

Monarchisch oder demokratisch: Ist die Kirche demokratisierbar?


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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