Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Ein Geheimnis geistlicher Gesundheit

Gedanken zum sechsten Sonntag der Osterzeit


Zum Weiterdenken:

Besonderer Auftrag der Juden: So schreibt um 1895 der Oberrabbiner von Livorno an Aimé Pallière (den wir später noch kenenlernen werden): "Das Judentum macht einen Unterschied zwischen den Juden und den Völkern. Seinen Lehren gemäß sind jene als Priester der Menschheit der heiligen Ordnung Mosis unterworfen. Diese, die Laien innerhalb der Menschheit, sind nur der uralten und ewigen Universalreligion unterworfen, in deren Dienst Juden und Judentum ganz und gar eingestellt sind ... Israel hätte keinen Daseinsgrund, wenn es dieses Gottesvolk nicht gäbe. Was sind, frage ich Sie, Priester ohne Laien? Was wäre ich denn, ich, der Jude, wenn Sie, der Sie kein Jude sind, nicht da wären, als Gläubiger der großen Kirche Gottes, in deren Dienst ich mich gestellt sehe? Dies ist der genaue Ausdruck der jüdischen Lehre."
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Vier besondere Gebote: Sie stehen, als auch für die Fremden gültig, im 3. Buch Mose: Lev 17,8 das Verbot fremder Opfer, 17,10 ff des Blut-Essens, 17,13 des Erstickten (nicht korrekt Geschlachteten), 18,6 ff der Unzucht, dh von Blutschande und Homosexualität.
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Kompromiß des ersten Konzils fast anderthalb Jahrhunderte gehalten: Nach Justin haben nur gnostische Christen Götzenopferfleisch gegessen, die andern haben sich lieber totschlagen lassen. Um 161 wehrt sich Minucius Felix gegen den Vorwurf, die Christen äßen Kinder, mit dem Hinweis darauf, daß sie sich sogar alles Tierbluts enthielten. Genau dasselbe sagt bei der Christenverfolgung von 177 die Märtyrin Biblis: "Wie könnten diejenigen Kinder essen, denen es nicht einmal erlaubt ist, das Blut unvernünftiger Tiere zu essen?" Am Ende des 2. Jahrhunderts schreibt endlich Tertullian von den Christen: "die nicht einmal Tierblut verzehren, die sich deshalb auch vor Ersticktem und sonstwie Verrecktem hüten, damit wir keineswegs durch Blut verunreinigt werden, sei es gleich innerhalb der Innereien begraben." Die Abscheu vor Blut und darum auch vor Ersticktem war im 2. Jahrhundert bei Heidenchristen lebendig geblieben. [Ernst Haenchen, Die Apostelgeschichte (Göttingen 1961) 413 f]
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Blutwurst: Als ich vor Jahren die Blutwurstballade reimte, ahnte ich keineswegs, in welche dogmatischen Tiefen das Thema führen kann. Mit zunehmendem Alter widersteht sie mir mehr und mehr.
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In Lev 18,22 steht: "Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Greuel." Kat-holische Gedanken dazu. Zurück zur Predigt

Es gibt:

Es schneit
Es stürmt
Es hagelt
ES gibt
mich

Es taut
Es scheint die Sonne
Es blüht
ES gibt
dich

Es ist seltsam
Wie wird es sein?
Es ist gut
ES GIBT
SICH

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In dein Tor: Dies ist eine österlich-katholische Version der Geschichte, die Franz Kafka so erzählt: "Was willst du denn jetzt noch wissen?" fragt der Türhüter [den Mann vom Lande, der Jahrzehnte lang vor der Tür zum Gesetz gewartet, sich nicht getraut hat, am verbietenden Türhüter vorbei zu gehen], "du bist unersättlich." "Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt der Mann, "wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?" Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." (Vor dem Gesetz, in: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen)
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Ich bin gar nicht Christ sondern Jude: "Es war an einem Frühlingssonntag. Ich begab mich am Morgen zur Dominikanerkapelle. Sie war um diese Zeit für das Publikum nicht geöffnet. Ich befand mich dort ganz allein mit dem Meßdiener im rechten Kirchenschiff einige Schritte vom Altar, vor dem P. Henri mit der weihevollen Hingabe zelebrierte, mit der er alle seine Obliegenheiten verrichtete. Ich lag, ohne ein Buch in der Hand, auf den Knien, mich mit den Handlungen und Gebeten inbrünstig eins fühlend. je näher die Kommunion herankam, desto mehr bemühte ich mich, meinen Eifer zu vermehren und als der Augenblick eingetreten war, kniete ich direkt auf den Stufen des Altars nieder, um das Abendmahl dort zu empfangen. Dann ging ich auf meinen Platz zurück und versenkte mich, den Kopf in den Händen, in ein tiefes Danksagungsgebet.

Aber dann fühlte ich mich unwiderstehlich dazu gedrängt, meine Gedanken und meine Gefühle zu analysieren. Die letzten Jahre hatten in mir ein Stück Arbeit vor sich gehen lassen, die mir zum großen Teile unbewußt geblieben war. Ich hatte die unsichtbaren Fäden des Schleiers, der mir meinen eigenen Seelenzustand verhüllte, nicht erfaßt. Nun aber riß dieser Schleier mit einem Male. Glaubst du an die wirkliche Gegenwart im Sakrament, so wie die Kirche sie dich lehrt?, fragte ich mich. Und mit schonungsloser Klarheit mußte ich antworten: Nein, ich glaube nicht daran. Glaubst du an die Fleischwerdung, an die Göttlichkeit Christi? Nein, ich glaube daran ebensowenig. Ich empfand in dieser Minute eine absolute Leere. Ich fühlte mit plötzlicher und verblüffender Schärfe, daß von meinem christlichen Glauben nichts übrig blieb. Ich war erstarrt wie ein Mensch, der sich über einen gähnenden Abgrund beugt ...

Aber in demselben Augenblick, als ich erkannte, daß ich nicht mehr Christ im theologischen Sinne des Wortes war, fühlte ich auf unvergeßliche Weise, daß mir noch alles verblieb. Ja, alles, was es jenseits von Schemen und Schein, jenseits der Symbole und Gleichnisse an ewig Wahrem gibt: Gott selbst, die lebendige und höchste, einzige und unvergängliche Wirklichkeit. Das war kein von meinem Verstand bejahter Artikel einer abstrakten Glaubenslehre mehr, das war die viel einfachere und reinere Wahrnehmung Gottes, ein Gefühl seiner Gegenwart und seiner Liebe, das meine Seele bis zu solchen Tiefen und so mächtig durchdrang, daß die ewige Wahrheit der Religion in jenem Augenblick mir zur Evidenz selbst wurde. Ich fühlte wirklich mit meiner Seele Gott, wie man mit seinem Körper die Luft fühlt.

Wenn ich später jenes Frühlingsmorgens gedachte, verstand ich Pascals berühmten Ausruf: "Gewißheit! Gewißheit! Gefühl! Schau! Freude! Friede!" Ja, es gibt eine Gewißheit, an der alle Anstürme des Zweifels, alles Leugnen des Unglaubens, wie Wogen am Felsen zerschellen. Mögen alle Dogmen und Mythen verschwinden - Gott bleibt dir, und mit ihm hast du alles. Du bist seine Schöpfung und sein Kind, und nichts in der Welt wird dich jemals seinen Händen entreißen können. Das ist die Wahrheit - gibt es im eigentlichen Sinne des Wortes eine katholischere? -, die in meiner Seele aufdämmerte und dort die gleiche Freude, den gleichen Frieden verbreitete, die Pascal genossen und die das Teil der Gläubigen aller Kirchen ist, aller Bekenntnisse, aller Riten seit den Tagen, da Erzvater Abraham, ihrer aller Vater, wie die Schrift ihn nennt, voll Vertrauen nach dem Lande der Verheißung aufbrach. Ich habe seither manches Werk gelesen, manche Lehre erforscht, mit vielen gläubigen Menschen aller Religionsgemeinschaften verkehrt, an vielerlei Kultstätten gebetet, aber alle meine späteren Erfahrungen haben nichts Wesentliches der Offenbarung hinzufügen können, die ich an jenem Tage empfangen und deren Segen noch immer das beste ist, was ich besitze ...

Aber eine Frage muß bei vielen Lesern unfehlbar auftauchen. Ist es möglich, daß in diesem Erlebnis eines Katholiken, der am Fuße des Altars in der erforderlichen Verfassung die weihevollste Handlung seines Glaubens verrichtet, die Person Jesu so vollständig aus seinem inneren Gesichtsfeld verschwunden ist, und daß sie gar keine Rolle mehr darin gespielt hat?

Ich muß darauf mit der größten Offenherzigkeit antworten. Nein, Jesu Bild war bei dieser feierlichen Begegnung mit der einzigen, unerschöpflichen Wahrheit nicht abwesend, aber ich fühlte damals, mehr als ich es sagen könnte, daß Jesu Glaube, so weit wir ihn erkennen können, dem meinigen ähnlich gewesen sein muß, vollkommener, tiefer, leuchtender, wenn man will, aber durchaus von der gleichen Art. Wenn er "Mein Vater" rief, so legte er in dieses Wort hinein, was auch mir hineinzulegen gegeben war. Dann aber ist seine Persönlichkeit selber, die wir nur unvollkommen kennen, für mein religiöses Leben nichts Lebensnotwendiges und Unentbehrliches mehr. Oder umgekehrt: tritt zu seiner Religion ein anderes Element, das mir entgeht, so wendet sich meine Seele davon wie von etwas Fremdem und Feindlichem ab, und ich möchte lieber tausend Tode erleiden, als ihm Einlaß gewähren.

Als ich die Dominikanerkapelle verließ, war ich also kein Christ mehr im historischen Sinne des Wortes, aber ich frage: war ich weniger oder mehr gläubig, als ich es bei ihrem Betreten gewesen war? Doch eines weiß ich: daß ich in diesem Augenblick die Kindheitsperiode verlassen hatte, und die geistige Volljährigkeit erreichte." [Aimé Pallière, Das unbekannte Heiligtum (Berlin 1927), 140-146. Dort auch (178.186) die obigen Sätze seines jüdischen Mentors Benamozegh in Livorno]

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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