Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Lazarus, komm heraus!

Gedanken zum fünften Fastensonntag


Das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus ist eine anstößige Sache. "Herr, er riecht schon. Er ist viertägig!" erwidert Martha, als Jesus das Grab öffnen heißt. Die Vorstellung, wie eine solche Leiche, wiederbelebt, mit noch gebundenen Füßen aus dem Grab hervorschwebt, läßt die meisten eher schaudern als Gott lobpreisen. Wahrscheinlich auch deshalb hält die Mehrzahl heutiger Bibelwissenschaftler das Wunder für nicht historisch, sondern rein symbolisch. Daß die übrigen drei Evangelien es nicht berichten, ist der andere Grund: Hätten sie ein derart eindrucksvolles Ereignis verschwiegen, wenn es tatsächlich geschehen wäre?

Wir wollen die Frage, ob die Geschichte sich so begeben habe oder nicht, ausdrücklich beiseite lassen. Da gibt es nichts zu wissen. Zweifellos könnte der Schöpfer, der den Lazarus aus einem Schleimklümpchen zum Mann formte, auch einen viertägigen Verwesungsprozeß im Nu stoppen und zurückspulen, wenn er das wollte; die Frage, ob er so etwas wollen könne, steht uns nicht zu. Daß er es tatsächlich damals gewollt habe, folgt allerdings nicht aus der Wahrheit des Evangeliums; dazu müßte feststehen, daß dessen Text historisch gemeint ist. Das steht nicht fest. [Joh 1,13 z.B. (auf dich angewandt) ist es bestimmt nicht!] Singt wer "ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren", ruft keiner den Notarzt. Stellen wir lieber die richtige Frage: Was sagt das Wort Gottes durch diese Erzählung uns?

Ein Doppeltes wollen wir bedenken. a) Es wird uns mit göttlicher Gewißheit eine eindeutige Botschaft offenbart. b) Diese ist, weil göttlich wahr, in unser Wissen und Vorstellen nicht eindeutig übersetzbar sondern allein als Dauer-Spannung gegensätzlicher Wahrheitspole, so daß es hier drei christliche Glaubensweisen gibt: zu den vom einen oder anderen Pol Geprägten tritt drittens, wer zwischen ihnen abwechselt.

a) Entscheidend ist die eindeutige Heilswahrheit: Jesus Christus besiegt den Tod, seinen wie unseren. Wir brauchen uns nicht zu fürchten. "Er rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus." Das wurde lange nach Ostern geschrieben, nach der Erfahrung der Freunde Jesu, daß ihr geliebter Meister sich nach seinem Sterben als lebendig erwies - wie, genau, auch diese Frage muß uns nicht kümmern. Nur auf das reine DASS kommt es an, auf das nackte JA. "Ich bin die Auferstehung und das Leben." Er ist unser Leben, weil er den Tod getötet hat. Das ist die eindeutige Heilsbotschaft unseres Glaubens. Wer ein Christ ist, glaubt sie von ganzem Herzen, mag sein mit letztem Einsatz gegen fast überwältigenden Zweifel.

In einem wahrscheinlich echten Wort gibt Jesus selbst eine wunderbar tiefe Begründung. Gegen die Sadduzäer, die Auferstehungsleugner seiner Zeit, argumentiert er (Mk 12,26 f): "Über die Toten, daß sie auferstehen, habt ihr das nicht im Buch des Mose gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, in der Gott zu Mose spricht: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist doch nicht ein Gott von Toten sondern von Lebenden!" Der Jude Jesus zieht schlicht seine Folgerung aus dem jüdischen Glauben an Gottes Treue. Der war bekanntlich viele Jahrhunderte lang ohne die Hoffnung auf persönliche Auferstehung ausgekommen. Wichtig war das Volk, sein Leben in Gottes Licht. Psalm 115 schließt:

"Tote können den Herrn nicht mehr loben,
keiner, der ins Schweigen hinabfuhr.
Wir aber preisen den Herrn
von nun an bis in Ewigkeit.
Halleluja!
"

Grandios, wie Jesus hier den Schritt von der Volkshoffnung zur Einzelhoffnung, der damals dran war, so vollzieht, daß er doch dem früher offenbarten Wort nicht widerspricht. Es bleibt dabei: Tote können den Herrn nicht mehr loben, z.B. jene 20jährige Irene die es nie geben wird weil sie mit 19 totgefahren wurde. Sie ist vernichtet. Möglichkeiten sterben immerfort. Die aber, die ihre Eltern so lieben: die sie bis zum Unglückstag gewesen ist, die ist nicht tot. Ein wirkliches Kind Gottes kann nicht sterben. "ICH bin der Gott Abrahams", spricht der Herr. "Da der mächtige und treue Gott dies spricht, müssen folglich die Väter am Leben sein. Die Auferstehung ist selbstverständlich, weil Gott an Toten seine Macht und Treue nicht erweisen könnte."

b) So klar die Heilsbotschaft, so gegensätzlich - notwendigerweise - ihre beiden Verständnisse. Obwohl sie einander scheinbar widersprechen, ist doch das eine auf das andere angewiesen, soll nicht aus dem Geheimnis des Glaubens entweder abergläubische oder skeptische Plattheit werden.

Natürlich wird im Himmel Fußball gespielt, antwortete (um 1950) Pater Wolfgang OSB auf unsere Bubenfrage. Ernster war mein Abschied von Schwester Francesca, kurz bevor sie an Krebs starb: Arrivederci DORT! Christliche Hoffnung schwingt sich über den Tod hinaus. "Wer an mich glaubt, wird leben auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?" Ja, Herr, wir glauben. Weil wir zu dir gehören, der den Tod getötet hat, deshalb erschreckt sein Drohen uns nicht. "Wie lange wollen Sie denn noch leben?" fragte jemand den Jesuiten Wilhelm Klein, als der ich weiß nicht ob schon 104 oder erst 99 war. "Genau so lang wie Sie. Ewig natürlich."

Wie gefährlich zweideutig Konzentration auf ein Jenseits aber ist, hat sich in der Kirchengeschichte vielfach gezeigt. Der Petersdom wurde zum großen Teil mit Ablaßgeld gebaut; jene Summen, die unsere katholischen Vorfahren sich für die Seelenruhe ihrer Lieben abknöpfen ließen, haben ihnen bei wichtigen Aufgaben ihres Familienlebens gefehlt. Und wenn wohlbestallte Pfarrherren zum Vergnügen des Grundherrn Leibeigenen Geduld und Demut predigten, weil sie dafür ja im Himmel reich belohnt würden, wird der moderne Protest gegen solches Evangelium verständlich. "Im Drüben fischen", nannte Ernst Bloch diese Strategie. "Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen," spottet Heinrich Heine im Namen zahlloser Zeitgenossen.

Weil das Schielen nach dem Jenseits zu solchen Folgen führte, deshalb haben auch gläubige Christen sich gegen jede Vorstellung eines Lebens nach dem Tod gewandt. Ihre Denkart heißt "präsentische Eschatologie", neuerdings auch "existentiale Interpretation". Sie findet sich bereits im Johannesevangelium selbst (5,25): "Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das Ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen." Daß solche rein präsentischen Formulierungen schon in biblischer Zeit christliche Ohren beleidigten, als Nein zur Hoffnung auf ein künftiges Leben klangen, das zeigt der Satz im (späten) 2. Brief an Timotheos über Leute, "die von der Wahrheit abgeirrt sind und behaupten, die Auferstehung sei schon geschehen. So zerstören sie bei manchen den Glauben" (2,18). (Deshalb hat ein späterer Redakteur dem Evangelium die Sätze 5,28 f. einfügen zu sollen gemeint.)

Umgekehrt erklärt der Philosoph Fichte(1762-1814) den traditionellen Jenseits-Ausblick zum gottlosen Aberglauben: "In Summa: diese Denkart, auf die Form eines Gebets gebracht, würde sich also aussprechen: Herr! es geschehe nur mein Wille, und dies zwar in der ganzen, eben deswegen seligen Ewigkeit; und dafür sollst du auch den deinigen haben, in dieser kurzen und mühseligen Zeitlichkeit; - und dies ist offenbar Unmoralität, törichter Aberglaube, Irreligiosität und wahrhafte Lästerung des heiligen und beseligenden Willens Gottes."

Im selben Geist umschreibt ein katholischer Johannes-Erklärer 1992 unseren heutigen Kernsatz ("Ich bin die Auferstehung und das Leben") so: "Ich (bin da als) das Aufstehen(lassen), und das bedeutet (geistliches) Leben." Solche Gegenwarts-Mystik scheint sich auf Fausts Trotz zu reimen: "Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt." Das aber ist kein christlicher Satz.

Beide Verständnisse, das futurische wie das präsentische, werden von den einen oder anderen Christen für notwendig erklärt, um den wahren Sinn des Glaubens zu retten. Scheinbar widersprechen sie einander aber. Wie soll man da denken? Muß man sich auf eine der Seiten schlagen? Ja, aber nur je tatsächlich, nicht im Prinzip.

So ist es bei harmloseren Widersprüchen auch. Jemand kann heute Raucher und morgen Nichtraucher sein, sich gestern dort als Inländer, heute hier als Ausländer fühlen. Ähnlich können wir beim Verständnis unseres Endes den Sturz in Aberglauben rechts oder Banalität links am ehesten so vermeiden, daß wir zwischen beiden Gefahren balancieren. Meiner Erfahrung nach geht das so, daß man sich die ewige Zukunft als Sieg über den Tod nicht horizontal vorstellt, als Verlängerung des Daseins über das Dann des irdischen Todes hinaus, sondern vertikal als Unvergänglichkeit jedes gelebten Jetzt-Moments: JETZT. Vielerlei Gleichnisse können dabei helfen.

Das Leben ein Traum: Angenommen, in deinem Traum endest du um Mitternacht bei einer Bombenexplosion, dann "kommt nichts nachher" (B.Brecht), weil es in jener Traumwelt nie mehr zwei Uhr morgens wird, wohl aber kommt ALLES nachher, wenn du, in der Morgensonne erwacht, dein geträumtes Ich weiterlebst. - Ebenso kommt für die übende Flötistin nach dem letzten Ton ihrer Passage kein weiterer, insofern also nichts, doch erlebt sie beim Konzert endlich ALLES, nicht nur ihr Alles sondern überhaupt Alles sämtlicher Instrumente, dazu den aufmunternden Blick des Dirigenten, den sie während der Übphase nie sah. - Während das scharfe Jetzt der Brotschneidmaschine gegen Ende des Laibes immer kleinere Schnitten erzeugt, wächst zugleich deren Summe auf der Silberplatte für das Fest, noch der letzte schrumplige Kanten ist köstlich, darf keinesfalls fehlen.

Abergläubisch denkt mithin, wer über den Tod hinaus nach einem anderen Etwas giert, als liefe alles im Wesentlichen so weiter wie bisher. Banal denkt, wer danach bloß nichts erwartet. Christlich hofft (ausdrücklich oder anonym), wer ohne aus dem gottgeschenkten Augenblick auszubrechen jegliches Jetzt schon als Bestandteil des Großen DANN=JETZT zugleich ernst und locker nimmt. Wenn Christus den viertägigen Lazarus machtvoll aus dem Grabe ruft, dann tut er dasselbe auch mit dem schon so lange toten lustigen Vorschulkind, das ich einmal war, nicht bloß war sondern bei seiner Mutter gewesen bin, in Ewigkeit bleibe. Der junge Priester, mein Mitstudent und Freund Hans Medele, der 1974 vom Matterhorn in den Tod stürzte, bleibt ebenso gewesen wie der junge Priester meines Namens, der kurz zuvor aus dem Pfarrhaus in ein anderes Leben hinüberschritt. Das Handballmatch jener Ferienwoche (samt dem Traubenimbiß in der Pause) wird im Himmel wieder gespielt, kein anderes, nicht bloß das gleiche sondern dasselbe wie damals. Ewig, ohne Ende? Was taugt ein Wettspiel ohne Ende?

Finger auf den Mund! Das Wie des Ewigen Lebens ist einem zeitverhafteten Verstand nicht begreiflich. "Kein Auge hat es gesehen ..." Wir auf der Bühne können uns das FEST um sie her zwar ausmalen, sollten das aber mit Vorsicht tun, sonst verderben wir das Stück und stören das Fest weil wir über es spekulieren statt ihm Nu für Nu zu dienen.

Christen und "Jesuaner" braucht die Kirche. Füreinander notwendig sind die gegensätzlichen Wahrheitspole futurischer und präsentischer Eschatologie zur Balance der großen Glaubensgemeinschaft der Menschheit. Nicht in jedem Einzelbewußtsein. Da läßt jeder sich allein gültig leben, wie drittens auch der Wechsel zwischen ihnen. Nicht jeder Glaubende muß geistlich seiltanzen. Wenn eine sich nach DORT sehnt weil sie hier nichts mehr freut, verweist das Jüngste Gericht sie auf ihr Jetzt, denn darauf kommt es DANN an. Wer umgekehrt mit nichts Späterem rechnet - wie sollte er bei verfaultem Hirn denken? - weiß doch angesichts des Jugendphotos seiner verstorbenen Mutter, daß der Gedanke, sie sei für immer vernichtet, im Grunde unvollziehbar ist. Die eine schützt der Gerichtstag vor jetztvergessenem Aberglauben, der andere vernimmt aus der Erinnerung zuweilen einen Hoffnungsblitz, den er weder sich noch anderen erklären kann und trotzdem nicht abweisen muß. Wen schließlich seine Stimmung zwischen unendlicher Erwartung und dem bangen Bewußtsein eigener Winzigkeit in Raum und verströmender Zeit hin und her reißt, muß nur seine Ahnung - statt durchs Fernrohr in illusionäre Zukunft - durchs Mikroskop in jeden Augenblick hinein richten, damit ihm beide Fühlweisen ähnlich stereo zusammenfallen wie den scheinbar einseitig Denkenden auch; denn wofern die in der Wahrheit leben, vollziehen sie gleichfalls beide Pole, obgleich sie ausdrücklich nur einen kennen.

Verstandeslogik hat hier nicht das letzte Wort, scheitert ja schon am Paradox des Hinrichtungstermins. Auch da stört das unbegreifliche Wie nicht die Souveränität des Dass. Ein Verurteilter erfährt am Montag: Vor dem nächsten Sonntag wirst du hingerichtet, du wirst es aber am Tag davor noch nicht wissen. Er denkt nach: Kann es am Samstag passieren? Nein, dann wüßte er es am Freitag sicher. Am Freitag? Nein, das wüßte er schon am Donnerstag - am Samstag kann es ja nicht sein. Am Donnerstag? Auch nein, das wüßte er schon am Mittwoch. Und so weiter. Also geht es gar nicht! Beruhigt schläft er die Nächte durch und protestiert, als man ihn am Mittwoch in aller Frühe weckt, muß aber zugeben, daß er es gestern nicht wußte. Wenn die Wie-Frage unlösbar ist, kann auf die Ob-Frage doch ein Ja die überwältigende Antwort sein, wie bei diesem Rätsel als Tod, so beim Geheimnis unseres Daseins als LEBEN.


Zumutungen

von Christa Bing

Dass unser Leben hier nicht ewig dauert auf dieser Erde, kann bisweilen tröstlich sein, je nach den Bedingungen, unter denen es zu führen oder auszuhalten ist. Auch die Angst vor dem Ende ist nicht unbedingt "wegzuglauben", wie wir an Jesus selbst erkennen können. Ob jemand lebendig ist, was könnte dazu gehören? Etwas vor sich haben, auf das man zulebt, das erstrebenswert ist. Spannung gehört dazu, Beweglichkeit, Leichtigkeit, Neugier, Phantasie. Ob das aber reicht? Wir heute haben Lebensmöglichkeiten, die es so noch nie gab. Sind wir deshalb zufriedener, freundlicher, freigiebiger? Läuft es nicht eher nach dem Spruch: je mehr er hat, je mehr er will. Und was wir noch nicht selber wollen, das redet uns die Werbung ein und bläst kräftig in das Feuer des Begehrens. Wenn aber die Mittel, das Begehrte sich zu beschaffen, knapp werden, wenn wir zugeben müssen, dass wir uns dies und jenes eben nicht oder nicht mehr leisten können? Sind wir dann Versager? Zu kurz gekommen - um das Leben betrogen? Heißt Leben nun alles machen, alles kaufen, alles genießen zu können?

Lazarus in unserem Evangelium, ein guter Freund von Jesus, ist gestorben. Nicht in hohem Alter, wo man damit zu rechnen hat. Eine schwere Krankheit muss wohl vorausgegangen sein. Trauer und Schmerz darüber empfinden seine beiden Schwestern und vielleicht tragen sie in sich den leisen Vorwurf an Jesus: Wärst Du doch da gewesen, dann lebte unser Bruder noch und uns allen wäre dieser bittere Abschied erspart geblieben. Er hingegen hatte es vorher, als ihm die Botschaft von der Krankheit seines Freundes überbracht wurde, nicht eilig hinzugehen, um ihm zu helfen. Er mutet seinen Freunden, die auf ihn zählen, gelegentlich eine Menge zu, verhält sich nicht ihren Erwartungen entsprechend, strapaziert ihr Vertrauen und handelt sich Kritik ein bei seinen Gegnern. Hätte er nicht verhindern können, dass Lazarus starb, wenn er schon dem Blindgeborenen die Augen geöffnet hat! Der Vorwurf ist Jesus peinlich, trifft ihn als Mensch tief, denn nun steht er zwischen allen, weil der Heilswille und ganz andere Plan Gottes und menschliches Denken in seinem eigenen Herzen aufeinander treffen. Der Schmerz reißt ihn gleichsam hin zum Grab des Freundes. Gegen alle Vernunft bittet er, den Stein wegzunehmen, mit dem das Grab verschlossen ist. Bevor er jedoch seine Stimme erhebt, um den toten Freund herauszurufen, bekennt er sich als wahren Gottessohn, der Augenblick für Augenblick aus der Kraft des Vaters lebt. Aus diesem Lebensquell gibt er nun weiter, ruft ins Leben seinen irdisch-toten Freund. Und nicht nur das. Er ist Auferstehung und Leben für jeden, der seine Stimme hört und ihm vertraut. An Lazarus hat er es gleichsam demonstriert.

Fragen wir noch einmal: was macht Leben aus? Das Wichtigste haben wir zu Beginn nicht genannt. Einer rief nach uns, ruft noch immer nach uns, immer neu in den Geschehnissen unseres Lebens. Auch schlimme, unverständliche Dinge sind davon nicht ausgenommen. Schwere Schläge, Versäumnisse, Vorwürfe - leise und laute. All das finden wir in unserem Evangelientext und auch im täglichen Leben.

Zum Leben Gerufene sind wir, erwünschte, erwartete, begleitete, durch SEINE Liebe erlöste Menschen. Wird SEIN Ruf uns in Bewegung bringen, aus der Starre, den Verwicklungen und falschen Gebundenheiten - heute oder erst am jüngsten Tag? Aus einem solchen Leben quillt dann neuer Mut, schöpferische Kraft, innere Freiheit, der Dank als Antwort an den Rufenden.

Machen wir uns gegenseitig die Binden aus Vorurteilen und Unbarmherzigkeit los und begeben wir uns gemeinsam auf die große Wanderung hin zum ewigen Osterfest, das auch an uns sich ereignen soll.


Zum Weiterdenken:

Er hat den Tod getötet. Dazu ein Gleichnis für Kinder: Auf schmalem Pfad geht ein Kind durch den Urwald. Es gibt kein Zurück, hinter ihm wächst der Pfad sogleich mit Dorngestrüpp zu. Lustig singen in den Zweigen die Vögel, doch das Kind setzt ängstlich Schritt vor Schritt. Es weiß, was am Waldrand auf es wartet: ein riesiger Löwe. Hin und wieder trägt ein Wind ihm den scharfen Raubtiergeruch in die Nase. Endlich erblickt es den Löwen. Massig versperrt er den Weg. Und riecht entsetzlich. Knieschlotternd schleppt das Kind sich voran - und sieht plötzlich: Neben dem Ungeheuer steht jemand. Ein junger Mann, in der Hand ein bluttropfendes Schwert. Hab keine Angst, ruft er dem Kind zu, der tut dir nichts mehr. Ich habe ihn getötet. Komm!

Gegen fast überwältigenden Zweifel: Wie die heilige Therese von Lisieux in den Wochen vor ihrem Tod.

Die Auferstehung ist selbstverständlich: Das Zitat ist von Fritzleo Lentzen-Dies in seinem befreiungstheologischen Markus-Kommentar (Stuttgart 1998), S. 272.

Fichte: "Es hilft auch nichts, daß man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen bringe und sie in eine andere Welt jenseit des Grabes verlege; wo man mit leichterer Mühe die Begriffe verwirren zu können glaubt. Was ihr über diesen euren Himmel auch - sagen, oder vielmehr verschweigen mögt, damit eure wahre Meinung nicht an den Tag komme: so beweiset doch schon der einzige Umstand, daß ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in eine andere Welt verlegt, unwidersprechlich, daß er ein Himmel des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der Himmel nicht, sagt ihr: jenseit aber wird er sein. Ich bitte euch: was ist denn dasjenige, das jenseit anders sein kann, als es hier ist? Offenbar nur die objektive Beschaffenheit der Welt, als der Umgebung unseres Daseins. Die objektive Beschaffenheit der gegenwärtigen Welt demnach müßte es eurer Meinung zufolge sein, welche dieselbe untauglich machte zum Himmel, und die objektive Beschaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich machte; und so könnt ilir es denn gar nicht weiter verhehlen, daß eure Seligkeit von der Umgebung abhängt, und also ein sinnlicher Genuß ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo sie allein zu finden ist, rein in Gott und darin, daß er heraustrete, keineswegs aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete; so brauchtet ihr euch nicht auf ein anderes Leben zu verweisen: denn Gott ist schon heute, wie er sein wird, in alle Ewigkeit. Ich versichere euch, und gedenket dabei einst meiner, wenn es geschieht, - so ihr im zweiten Leben, zu dem ihr allerdings gelangen werdet, euer Glück wiederum von den Umgebungen abhängig machen werdet, werdet ihr euch ebenso schlecht befinden, wie hier; und werdet euch sodann eines dritten Lebens trösten, und im dritten eines vierten, und so ins Unendliche - denn Gott kann weder, noch will er durch die Umgebungen selig machen, indem er vielmehr Sich selbst, ohne alle Gestalt, uns geben will.
In Summa: diese Denkart, auf die Form eines Gebets gebracht, würde sich also aussprechen: Herr! es geschehe nur mein Wille, und dies zwar in der ganzen, eben deswegen seligen Ewigkeit; und dafür sollst du auch den deinigen haben, in dieser kurzen und mühseligen Zeitlichkeit; - und dies ist offenbar Unmoralität, törichter Aberglaube, Irreligiosität und wahrhafte Lästerung des heiligen und beseligenden Willens Gottes." [Anweisung zum seligen Leben, achte Vorlesung, gegen Ende]

Katholischer Johannes-Erklärer: Elmar Rettelbach, Evangelium nach Johannes (Privatdruck Würzburg 1992), S. 40

Fausts Trotz im 2. Teil der Tragödie:
"Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
Er wandle so den Erdentag entlang;
Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
Er, unbefriedigt jeden Augenblick!"

Traum

"Es kommt nichts nachher" (B.Brecht)

Dirigent

Brotschneidmaschine

Wettspiel ohne Ende?

Wir auf der Bühne und das Fest um sie her: Dieses Thema wird im Buch von 2001 ausführlich entfaltet: "Etappen der Großen Liebesgeschichte"

Christen und "Jesuaner"

Die verströmende Zeit

Stereo-Denken


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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