Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001
Lesejahr B 2002/2003

SIE will uns bunt - und klar!

Gedanken zum Hohen Pfingstfest


Stellen Sie sich dieses ökumenische Kunstwerk vor: eine bunte Kugel, zwei Meter im Durchmesser, ihre Oberfläche besteht aus großen Leuchtflächen, so daß die 1000-Watt-Glühbirne in der Mitte je nachdem, von wo aus jemand sie sieht, kräftig rot, blau, grün, gelb oder sonstwie strahlt.

Zweierlei kann eine solche Leuchte sein: LAMPE oder AMPEL. Hüpft das L an den Wortanfang, dann stehen wir vor einer begeisternden Friedenslampe. Sie veranschaulicht die höhere Einheit eines ideologischen Gegensatzes. Zwar sieht jeder Überzeugte das gemeinsame Sinn-Licht deutlich nur in einer bestimmten Farbe; doch läßt die Lampe ihn begreifen, daß seine Gegner es ebenso hell in der Gegenfarbe erblicken können, daß ihre andere Überzeugung mithin keinerlei logischen Widerspruch aufstellt, daß vielmehr allein der ganze bunte Prunk die umfassende (kat-holische) Wahrheit bedeutet.

Noch stärker wird die versöhnende Wirkung, wenn wir die Lampe sich drehen lassen. Dann erlebt jeder Betrachter, daß dieselbe Leuchte erst, jetzt und dann nicht die gleiche ist. Auch wer die geistige Abwechslung nicht so extrem praktiziert wie etwa Roger Garaudy, (der in der Jugend unreligiöser Kommunist war, später ein Buch mit dem Satz »Ich bin Christ« beschloß und als Moslem starb), kann doch beim Meditieren der sich drehenden Friedenslampe ahnen, daß andere Menschen den Sinn unseres (nicht bloß ihres!) Lebens ganz anders sehen als er oder sie selbst.

Wenn das L vom Wortanfang ans Wortende hüpft, wird aus der LAMPE die AMPEL. Jetzt bedeutet der Gegensatz Rot/Grün nicht mehr eine (theoretisch) reizvolle Buntheit, sondern die (praktisch) verbindliche Vorschrift. Wer Rot als gültiges Nein versteht und Grün als aufforderndes Ja, ist kein Fundamentalist sondern wird der Situation gerecht; wenn zu viele sich über die Botschaft der Farben in pluralistischer Großzügigkeit hinwegsetzen, muß das böse enden.

Als freundliche Windsbraut, die dieses L blütengleich mal dahin mal dorthin weht, auch so läßt der Heilige Pfingstgeist sich verstehen. Erfüllt SIE ein einzelnes oder gemeindliches Bewußtsein, dann sprengt SIE das eine Mal die strengen Ampelregeln, strahlt überallhin frei ihr buntes Licht zur Freude vieler, die sonst gegensätzlich denken. Unvergeßlich die muslimische Totenfeier für meinen Freund Ahmad, als in der katholischen Kirche seiner Frau (wo auch er seine Sternsingergruppe betreut hatte) der Imam auf Arabisch die heiligen Koranverse rezitierte. Oder ich denke an die ganz andere Stunde Jahrzehnte zuvor, als Tausende römische Theologiestudenten nach St. Peter beordert waren, um der feierlichen Verkündigung der kurialen Anordnung »Veterum Sapientia« beizuwohnen, in der es hieß, hinfort habe überall auf dem katholischen Erdkreis der Theologieunterricht in lateinischer Sprache zu erfolgen. »Da sieht man doch«, meinte grimmig Bischof Bengsch von Berlin, »das Wirken des Hl. Geistes. Es hätte ja auch Hebräisch sein können.« Nun standen wir allesamt dicht gedrängt in der Peterskirche und harrten der Worte des Papstes. Als Johannes XXIII. dann begann, das neue Dokument zu preisen, schauten wir einander zuerst fassungslos an und konnten bald das Lachen nicht mehr verbeißen. Denn der Papst lobte zwar die von irgendeiner Kongregation so weise erlassene Vorschrift. Er tat das aber - angesichts vieler junger Leute, die in ihren Heimatländern zwar die altrömische nicht jedoch die neurömische Sprache erlernt hatten - ungescheut in seiner Muttersprache Italienisch. Von »Veterum Sapientia« war nie mehr die Rede.

Freiheit schenkt der Heilige Geist. Zu anderen Zeiten wandelt er die Lampe zur Ampel, weist - als Schöpfer-Geist - einem bislang umherflatternden Gemüt plötzlich die eine oder andere klar umrissene Lebensgestalt an. Dann wird aus manchen Werbungen die eine Verlobung, Ehe und Familie, aus vorsichtigem Tasten der Beruf, mitten in ökumenischer Aufgeschlossenheit für die anderen Wege anderer stimme ich doch, begeistert oder leise, ein in mein bestimmtes Bekenntnis.

Zuletzt weicht der Anschein der Abwechslung von Ampel und Lampe der tieferen Einsicht, daß des Ewigen Lichtes Glanz in der Zeit immer schon beides ist. Denn theoretisch und was die anderen betrifft, gilt stets die Offenheit, nie darf ich ihr Licht deshalb, weil es meinem widerspricht, für Finsternis halten. Umgekehrt ist praktisch immer je eine Gestalt dran und nicht die andere, nur so können endliche Geschöpfe sich, und miteinander Gottes Kunstwerk, verwirklichen. Bei Ahmads Totenfeier strahlte nicht nur die Lampe in allen Farben, für uns Beteiligte stand auch die Ampel auf Grün, ermunterte zu gerade diesem ökumenischen Fest.

Was nicht ausschließt, daß anderen Mitgliedern jener Pfarrei die Ampel vielleicht auf Rot stand, so daß ihr Gewissen ihnen die Teilnahme verbot. Auch beim Berliner Kirchentag hielten Grüppchen am Rand der Zugangswege Protestplakate gegen das in ihren Augen satanisch gesteuerte Unternehmen hoch. So sehr ich ihnen beim Vorübergehen lächelnd widersprach, so wenig geisterfüllt ihre harten Mienen mir auch vorkamen: ihren persönlichen Glauben zu verurteilen steht uns nicht zu. Als Mahnung an uns Christen, das uns geschenkte besondere Charisma nicht in unverbindlicher Friedensstimmung auf- und untergehen zu lassen, haben sie ihr Recht. Einheitlich ist ein Kaninchen nur als Haschee. Lebendig, besteht es aus lauter Gegensätzen verschiedener Organe.

Heilige göttliche LIEBE, offenbare uns das Licht deiner Ampel immer wieder als allen gleich gültige Lampe und zeig uns, mitten in deren Buntheit, deinen nie gleichgültigen, stets rechtleitenden Ampel-Willen!


Zum Weiterdenken:

Friedenslampe: Hier wird das Symbol ausführlich erläutert.

Auch so läßt der Heilige Pfingstgeist sich verstehen: Andere Predigt-Vorschläge.


Vor einiger Zeit erhielt ich diese erfreuliche E-mail von einer Mutter: "Eigentlich will ich mir die Oper Aida in Bremen anschauen, also schaue ich mal im Web: Stichwort Oper von Verdi --- und lande auf Ihren Seiten. Ja, so ist das Leben manchmal, nun lese ich als reformierter Mensch mich ergriffen fest in Ihren Texten, manchmal wische ich mir eine leise Träne weg, mal lächle ich, mal falte ich am PC innerlich die Hände, mal werde ich ironisch: katholischer Geistlicher typisch, aber Frau und Kinder, das versöhnt; mal werde ich ganz praktisch, kopiere ein wenig in die Dateien meiner Tochter.( Sie hat den Leistungskurs Religion gewählt, sollt das und das mal lesen). Schnell ist eine Stunde vorbei. Wir wohnen in Ostfriesland, ich werde jetzt Tee machen! Verdi kann warten."

Hier ist nun ein neues Angebot für die Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich alles, was auf verschiedenen Servern bis zum 12. Mai 2003 veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner über 900 Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/l-ampe-l.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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