Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Das Kreuz mit dem Kopftuch

Gedanken zum dritten Sonntag im Jahreskreis


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I. Zwei Extreme

a) Britische Freiheit

b) Französisches Verbot

II. Zwei Probleme

a) Das Problem mit der sog. Freiheit

b) Das Problem mit dem Verbot

III. Unsere Frage: Wie bewältigen wir die Zweideutigkeit?

Altes Gleichnis: Viele Organe / ein Leib

Magen und Niere müssen streiten

Zu welchem Organ gehöre ich als Zelle?

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In Bayern dürfen muslimische Lehrerinnen - so entschied jetzt ein hohes Gericht - auch künftig kein Kopftuch tragen. Ist dieses Urteil christlich zu beurteilen? In der zweiten Lesung von heute, scheint mir, lassen die notwendigen Prinzipien sich finden.

I) Zwei Extreme: a) Britische Freiheit

Vergleichen wir drei große Staaten. Auf den britischen Inseln ist die Obrigkeit am großzügigsten. In einer katholischen Londoner Zeitschrift heißt es: "Wie sehr die Sache die Gefühle [auf dem Kontinent] erregt, läßt Beobachter in Britannien staunen, wo - wie die französischen Medien ungläubig berichtet haben - Sikh-Polizisten ihre Turbane im Dienst tragen dürfen (wofern sie dunkelblau sind), aber nicht ohne Helm Motorrad fahren. Die pragmatische, pluralistische britische Einstellung sieht vor, daß Einzelheiten religiöser Kleidung, soweit sie nicht Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften zuwiderlaufen, erlaubt sein sollten. Aus diesem Grund wäre ein solches Verbot in Britannien undenkbar." [THE TABLET, 10 Jan 2004, 3]

b) Französisches Verbot

Das andere Extrem gilt im laizistischen Frankreich. Dort ist das Kopftuch nicht nur Lehrerinnen sondern sogar Schülerinnen untersagt; einige unnachgiebige Mädchen sind schon aus ihrem Gymnasium verwiesen worden. (Auch in der Türkei darf eine Frau z.B. bei der Fahrprüfung kein Kopftuch tragen.) Deutschland geht einen Mittelweg; Schülerinnen sind frei, Lehrerinnen müssen in den einen Ländern auf das Kopftuch verzichten - einer Polizistin in Nordrhein-Westfalen ist es hingegen erlaubt.

II. Zwei Probleme

Kopftuch ja oder nein - wer hat recht? Das halte ich für eine falsche Frage. Denn beide Antworten müßten je einen wichtigen Bestandteil der Problematik ausblenden. Das Kopftuchverbot kann uralte patriarchalische Unterdrückungsmechanismen aufbrechen - aber auch gegen die Religionsfreiheit von Lehrerinnen verstoßen. Die Kopftucherlaubnis stellt diese sicher - trägt aber möglicherweise dazu bei, die Freiheitsrechte junger Musliminnen zu schwächen. Schauen wir uns zwei Beispiele an.

a) Das Problem mit der sog. Freiheit

In der Schule eines englischen Bezirks mit vielen Muslimen trägt Fatimas Lehrerin ihr Kopftuch. Nicht gern und stolz aber, sondern sie traut sich nicht, ihre Haare zu zeigen, weil sowohl ihr strenggläubiger Mann als auch einige Kollegen von ihr Fügsamkeit gegenüber den islamischen Bräuchen verlangen. Auch Fatima verbirgt ihr prachtvolles Haar unter dem "Hijab" [Hidschab], obwohl sie sich heimlich nach der schönen Freiheit ihrer Mitschülerinnen sehnt.

Vor diesem Hintergrund klingt überzeugend, was die bayerische Kultusministerin feststellt: "Gerade weil das Kopftuch als Symbol für eine mindere Stellung der Frau stehen kann, sollten es muslimische Lehrerinnen im Unterricht nicht tragen. Sie könnten doch sonst nur schwerlich vor ihren Schülerinnen und Schülern für die Gleichberechtigung eintreten! ... Fundamentalistische Einflüsse sind der natürliche Feind jeder offenen Debatte über Werte." [Publik-Forum Dossier 1/2004, S. VIII]

Stellen wir uns Fatimas Aufatmen vor, stünde ihre Lehrerin plötzlich freien Hauptes vor der Klasse. Es geht also doch! könnte das Kind denken, wahrscheinlich will gar nicht Allah - gepriesen sei ER - sondern bloß unsere sture Männerwelt, daß wir unser Haar unter diesem Stoff verstecken.

b) Das Problem mit dem Verbot

Denken wir umgekehrt an eine Araberin in Lyon. Wie haßt sie die Plakate voller Frauenfleisch! Nein, so verdorben ist ihre islamische Kultur nicht. Ihr Kopftuch trägt sie keineswegs geduckt unter die Zwänge einer Männerherrschaft, vielmehr stolz auf ihre Andersheit und gegen die Schlüpfrigkeiten der Mehrheitszivilisation, vor allem aber weil sie es im Gewissen als Gottes Auftrag wahrnimmt. Das jüngst ergangene Verbot trifft sie ins Herz.

Aus dieser Perspektive halte ich es mit dem Schluß des vorhin zitierten englischen Artikels: "Wenn die Gesetze [die in Frankreich und Deutschland das Kopftuch verbieten] zustande kommen, machen sie die Intoleranz und den Fundamentalismus deutlich, die vielem säkularistischen Denken in Europa zugrunde liegen. Eine Gesellschaft, welche Gesetze gegen Einzelheiten religiöser Kleidung erläßt, um Freiheit und Pluralität zu ‚schützen', nimmt das Unrecht nicht zur Kenntnis, das solche Gesetze eben diesen Werten antun. Die Antwort auf die sehr reale Drohung des religiösen Fundamentalismus kann nicht im Aufrichten einer weltlichen Theokratie bestehen."

Unsere Frage: Wie bewältigen wir die Zweideutigkeit?

Jetzt geht es mir wie weiland Faust. "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor." Mag die Frage "Kopftuch ja oder nein?" theoretisch noch so unlösbar sein - praktisch erzwingt sie eine Antwort. Das muß und wird eine politische Antwort sein. Sie zu erarbeiten ist jetzt aber nicht das Ziel unserer Überlegungen. Die Frage soll vielmehr eine andere sein: Wie gehen wir damit um, welche Folgen hat es für unser Zusammenleben, daß in der Kopftuchfrage nur eine Seite Recht bekommen kann, obwohl jede Seite ihr Recht - und Unrecht - hat?

Altes Gleichnis: Viele Organe / ein Leib

Blicken wir in die zweite Lesung (1 Kor 12). Paulus hat erfahren, daß die Christen in Korinth zerstritten sind, und mahnt sie zum Frieden. Dazu nimmt er ein Gleichnis her, das jeder Mensch immer schon selber ist: den einen Leib in der Vielfalt seiner Organe. "Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus ... Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm."

An diesem Gleichnis ist beides wichtig: die Unterschiedlichkeit der Organe und die Einheit des Leibes. Sie wäre ohne das Miteinander nicht-gleicher Glieder unmöglich! "Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht."

Magen und Niere müssen streiten

Damit die Parabel ins Kopftuch-Problem Licht bringe, müssen wir sie verschärfen; bloße Unterschiedenheit der Glieder genügt nicht, vielmehr brauchen wir zwei Organe mit gegensätzlichen, ja widersprüchlichen Programmen, die doch für das Leben des ihnen gemeinsamen Leibes beide notwendig sind. Ich wähle ein deftiges Beispiel. Nehmen wir eine Notlage an, ich finde nur halbverdorbene Lebensmittel. Versagen die Nieren, vergiftet sich der Körper und geht elend zugrunde. Damit ich nicht verhungere, muß der Magen jene üblen Stoffe aber zunächst einmal durchlassen. Übernähme - in falsch-ökumenischem Übereifer - der Magen das Nierenprogramm und würfe diese Stoffe hinaus: das wäre zum Kotzen. Zu denselben Molekülen sagt also der Magen: ja, dann aber (nachdem die Leber sie ausgefiltert hat) die Niere: nein.

Stellen wir uns jetzt das Gespräch einer Magen- mit einer Nierenzelle vor. Findet es auf der Organ-Ebene statt, klingt es nach Streit und endet im unauflösbaren Widerspruch. Auf der Leib-Ebene hingegen weiß jedes Organ: Ohne die treue Arbeit des Gegners könnte auch ich nicht leben! Die Niere würde verhungern, der Magen vergiftet. Jegliche Zelle (im Gleichnis bedeutet sie einen Menschen) soll mithin klar unterscheiden:
a) Zu welchem Organ gehöre ich?
b) Agiere ich jetzt auf der Organ- oder auf der Leib-Ebene?
Als Organ muß sie ihr Sonderprogramm durchführen, unbekümmert um die Widersprüche anderer Organe. Als Leib weiß sie sich mit diesen anderen im Ziel des gemeinsamen Lebens einig.

Ähnlich wie der Speisebrei im Magen aus Nahrung und Gift gemischt ist, mischen sich beim muslimischen Kopftuch - zunächst unscheidbar - das gute Symbol eines religiösen Bekenntnisses und die üble gesellschaftlich-politische Symbolik von Frauen-Unterdrückung und aggressiver Integrationsverweigerung. Hier das Gute vom Bösen zu unterscheiden, dazu wird es jahrzehntelanger Geduld aller Gutwilligen bedürfen, und zwar gegen beide Fundamentalismen: den islamistischen, der die Religion mißbraucht, wie den laizistischen, der sie aus der Öffentlichkeit verbannen will.

Zu welchem Organ gehöre ich als Zelle?

Mein Rat an Sie kann deshalb nur sein: Finden Sie heraus, zu welchem Organ unseres Volkskörpers Ihr Gewissen Sie bestimmt. Lassen Sie Ihre Entscheidung, ob Sie für oder gegen das Kopftuchverbot sein wollen, weder von der Zufallsstimmung Ihres Stammtisches abhängen noch vom durchschauten theoretischen Patt verhindern. Fragen Sie einfach wie damals Saulus ("Herr, was willst du daß ich tun soll?" [Apg 22,10]) Ihren Gott, der Ihnen ja laut dem Koran [50,15/16] näher ist als Ihre Halsschlagader, ob Ihr Platz im Organ der Kopftuchgegner oder bei dessen Befürwortern ist - oder ob Sie (denn auch der Gleichgewichtssinn ist dem Leib notwendig) ähnlich wie jetzt ich aktiv für die Balance beider Sichten eintreten wollen.

Wo auch immer Sie aber Ihren Ort finden, leben Sie dort friedlich! Denn alle drei Organe, Magen, Niere und Gleichgewichtssinn, taugen dem Leib nur miteinander; wollte eins sich rücksichtslos allein durchsetzen, spräche der Arzt von Krebs.


Zum Weiterdenken:
Parallel ist die Problematik des Kreuzes in Schulen.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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