Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Warum Gottes Ankunft Angst und Freude macht

Gedanken zum ersten Adventssonntag


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Zweierlei Warten

Advents-Schrecken

und Advents-Freude

sind nicht getrennt

sondern im Grunde dasselbe

minus mal minus gibt plus

das versteht auch schon ein Kind

Advent jetzt

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Zweierlei Warten

Als Kind habe ich mich gefragt, welches Warten die Adventsliturgie denn nun meint: das frohe Warten auf die Geburt des Heilands an Weihnachten oder die ängstliche Erwartung des Weltuntergangs. Beide Gefühle werden von den Texten dieser dunklen Wochen erweckt, die sind aber doch - dachte ich - arg verschieden. Die Weihnachts-Vorfreude ist das eine, der Schrecken angesichts des totalen Zusammenbruchs etwas ganz Anderes. Warum, so wunderte ich mich, wird den Christen beides vor die Seele gemalt, wie sollen sie es schaffen, sich diesen so gegensätzlichen Eindrücken gleichzeitig hinzugeben?

Niemand hat dem Kind die Frage beantwortet. Auch was ich jetzt unternehme, richtet sich nicht unmittelbar an Kinder. Kann es erwachsenen Christen gelingen, aus Vorweihnachts- und Weltuntergangs-Stimmung ein gläubiges Grundgefühl sich bilden zu lassen, so lebendig und strahlkräftig, daß sie es auch Mitmenschen weitervermitteln können, vielleicht sogar Kindern?

Advents-Schrecken

Es gibt in der Tat Ähnlichkeiten, die man erst auf den zweiten Blick sieht. Beide Male macht das Kommen des Herrn den Menschen zuerst Angst. Mit dem Gruß des Engels Gabriel an Maria fängt es an, "sie aber erschrak sehr bei dem Wort". Nach einiger Zeit merkte Josef voller Schrecken, daß in seiner Verlobten etwas am Wachsen war, viel zu früh, und "er beschloß, sie im Stillen zu entlassen". Eines Nachts strahlte dann über jenem Feld, wo Hirten Nachtwache hielten, ein großer Glanz auf "und Furcht überkam sie, große Furcht". Als schließlich Herodes von der Geburt des neuen Königs erfuhr, "erschrak er, und ganz Jerusalem mit ihm". Liegt nicht ganz auf dieser Linie, was uns am ersten Adventssonntag im Evangelium vorgelesen wird? "Auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden."

und Advents-Freude

Gegen diese Angst läßt Gott dann sein aufmunterndes Wort sprechen, immer dasselbe: "Fürchtet euch nicht!" "Fürchte dich nicht, Zacharias!" vernimmt schon im Vorspiel der Ereignisse der gleichfalls erschrockene Vater des Vorläufers Johannes. "Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott", beruhigt Gabriel die erschrockene Mutter des Herrn. Wochen später vernimmt ihr Verlobter dieselbe Botschaft: "Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen." Und zu den Hirten sprach der Engel: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude." Nichts anderes hören wir schließlich heute im Evangelium: "Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn (all) das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe."

sind nicht getrennt

Anscheinend müssen wir also unterscheiden zwischen zwei in der Christenheit üblichen Stimmungen und einer Gestimmtheit des christlichen Glaubens selbst. Üblich ist das traut-gemütliche Vorweihnachtsgefühl mit Kerzen und Tannengrün einerseits, das Entsetzen über das drohende Ende von allem, was man hat und ist, anderseits. Jene Gemütlichkeit verdrängt den Schrecken, den Gottes Kommen schon damals in unsere so halbwegs zurechtgezimmerte Welt warf; dieses Entsetzen übersieht, daß der göttliche Einbruch uns nicht beschädigen sondern heilen will. Verglichen mit der wahren Wucht des Glaubens selbst sind beide Üblichkeiten mithin dermaßen einseitig, daß wir sie falsch nennen müssen - wahr ist hingegen die ungeheure, in unser Innerstes greifende Spannung beider Wirklichkeiten: des übermächtigen, markerschütternd schrecklichen Eindrucks, den Gottes Kommen auf uns endliche Geschöpfe macht - jenes Eindrucks im massivst-wörtlichen Sinn, den die Dampfwalze auf den Ochsenfrosch macht - und der rettend-tröstlichen Botschaft, die dieses Kommen bedeutet.

sondern im Grunde dasselbe

Der Sinn des in die Welt einbrechenden göttlichen WORTes heilt überschwänglich von dem Nichts, zu dem sein überwältigendes Sein uns scheinbar machen muß: dieses einheitliche Advents-Verständnis erklärt, glaube ich, das uns vertraute Doppel-Gefühl. Während den Ochsenfrosch zu seinem totalen Schrecken die Straßenwalze zerdrückt, wird der unzerstörbare Diamant in seiner Herzmitte freigelegt, und kraft des erlösenden Gotteswortes tritt das in ihm verborgene Gotteskind hervor. Es war zuvor seinem Ego verhaftet, gebannt in den Kerker seiner aufgeplusterten negativen Individualität, Identität gegen die anderen, auf ihre Kosten - bei seinem Kommen reißt Gott diesen Kerker nieder, befreit seinen Freund aus grausigem Verlies, die berühmte Fidelio-Trompete, die zur rettenden Ankunft des Gouverneurs ertönt, ist deshalb keine übliche aber vielleicht die allerchristlichste Adventsmusik. Beethoven hat das gewußt, des Gouverneurs Worte "Es sucht der Bruder seine Brüder und, kann er helfen, hilft er gern" sind ein deutlich messianisches Selbstzeugnis.

minus mal minus gibt plus

In der Welt bin ich beides: das negative Ochsenfrosch-Ich, zu dem ich mich, wider die anderen, immer wieder mache, und das positive Gotteskind-Ich, das sich in seinem diamantenen Palast mitten im Froschherz nach der Befreiung aus diesem Ego-Kerker sehnt, (in) dem es verhaftet ist. "Fürchte dich nicht! Faß Mut!" so ermuntert Gottes WORT mein gültiges Ich dazu, seine heillose Identifikation mit der negativen Individualität angstlos göttlich negieren zu lassen, minus mal minus sei plus, das Minuszeichen meiner Existenz gegen die anderen wird bei Gottes Ankunft machtvoll durchgestrichen, so ergibt sich des Pluszeichens rettendes Kreuz.

das versteht auch schon ein Kind

Läßt diese Heilsdialektik sich schon Kindern erklären? Einer tüchtigen Katechetin sollte es gelingen. Jedes Kind erlebt täglich - in der Klasse, auf dem Pausenhof oder daheim - schmerzhaft die es ausgrenzende negative Individualität der anderen und weiß umgekehrt, daß es selbst immer wieder der eigenen verfällt und sich ochsenfroschartig aufbläht, bis die anderen keinen Platz mehr haben - obwohl es doch eigentlich viel lieber die Prinzessin oder der Prinz wäre: großzügiges Kind des Allerhöchsten, der eigenen hohen Würde lustig bewußt, und freundlich derselben Würde seiner gleichfalls königlichen Geschwister.

Advent jetzt

Maranatha! Komm, Herr! Laß uns beim Antwortruf nach der Wandlung die deutsche Geduld ("bis du kommst in Herrlichkeit") mindestens während der Adventszeit mit der spanischen Dringlichkeit anschärfen ("¡Ven, Señor Jesús!"). Denn nicht irgendwann damals oder dann ereignet sich deine Ankunft sondern, wenn ich nur achtsam bin, geht eben jetzt meine Nacht unter weil deine Sonne auf.


Zum Weiterdenken:

Negative Individualität: Wenn wir das Besondere für ungöttlich und nur das Allgemeine für absolut erklärten, fielen wir genau in den schrecklichen Fehler aller Ideologien, die das Einzelne nur als Fall des Allgemeinen gelten lassen: Inquisition und KZ sind die logischen Folgen dieser Häresie. Das göttliche Eine und Selbe in allen Menschen ist gerade nicht die "Menschheit", weder als blasse Abstraktion noch als verschlingendes Kollektiv genommen, vielmehr ist es Gott selbst, der Allerkonkreteste, der in Peter ganz dieser Peter und in Gabi ganz diese Gabi sein will. So wenig die Sprache des Glaubens den Leib als solchen abwerten darf, so wenig die Besonderheit als solche.

Nur die Klärkraft der Negation vermag uns weiterzuhelfen. Materie, Leib, Fleisch, Diesheit, Besonderheit, Einzelheit, Eigenheit: das sind alles positive Begriffe. Deshalb taugen sie nicht als Gegenbegriff gegen "Gott in uns". Wenn Peter darauf stolz ist, daß er Peter ist: dagegen ist nichts zu sagen. Denn Gott selbst will in Peter Peter sein. Sobald aber Peter sich darauf etwas einbildet, daß er nicht Helmut ist: dann verdirbt sein Stolz zum Hochmut. Denn derselbe Gott, der in Peter Peter sein will, ist ja auch Helmut in Helmut. Sofern ich also dieser und nicht jener bin, insofern bin ich keineswegs Gott, sondern nichtig. Wir alle wissen aus schmerzlicher Erfahrung, wie real in uns diese Nichtigkeit ist. Insofern ich "nicht jener" bin und diese Getrenntheit, in freiem Fehlvollzug, mit mir selbst verwechsle: insofern bin ich nichtig und bedarf, um dieser Illusion zu entkommen, der erlösenden Vermittlung des Menschen, der zwar ganz dieser, aber nie "nicht jener" war, sondern sich aktiv und bis zum Tode mit allen solidarisiert, ja identifiziert hat: Jesu von Nazaret. Nennen wir den Wahn, nicht jener zu sein: negative Individualität. Der Drang, sie zu vollziehen, ist eine Komponente dessen, was die Theologie "Erbsünde" nennt. Von ihr müssen wir erlöst werden. [Aus meinem Buch "Der göttliche Tanz" von 1971, S. 20 f.]

Identität gegen die anderen, auf ihre Kosten: Überaus empfehlenswert ist das Buch "Kein Weltfrieden ohne christlichen Absolutheitsanspruch" (Freiburg 1999) von Gerd Neuhaus. So gut wie jede Seite bringt überraschende Einsichten. Der Titel schrecke nicht ab, er entpuppt sich zuletzt als Gegenteil des üblichen Begriffs! Ich habe lange nichts so Erhellendes gelesen. Es heißt dort (123.125.142):

Die Grenzenlosigkeit des göttlichen Erbarmens überwindet per definitionem den menschlichen Zwang zu Akten grenzenbildender Gewalt; das Bekenntnis zu diesem grenzenlosen Erbarmen fällt hinter die Bewegung göttlicher Liebe gerade dadurch zurück, daß sie sich zu ihr bekennt. Denn wir haben das Bekenntnis in den bis hierhin behandelten alt- und neutestamentlichen Beispielen als einen Akt individueller oder sozialer Identitätsbehauptung kennengelernt, die als solche wiederum auf Selbstdefinition und damit also auf einen neuen Akt der Grenzziehung hinausläuft. Auf diese Weise stehen wir wieder vor der mehrfach von uns kenntlich gemachten Paradoxie, daß das menschliche Bekenntnis zur Unendlichkeit göttlicher Liebe in ihrer eigenen Zeugnisgestalt diese Liebe wiederum partikularisiert und in diesem Sinne "verendlicht" ...

[Jesus] behauptete das grenzenlose Erbarmen jenes Gottes, den er zärtlich "abba" - Vater - nannte. Hätte er sich nur zu diesem Erbarmen als einer von ihm unterschiedenen Wirklichkeit bekannt, hätte er von sich aus wieder im Namen dieses grenzenlosen Erbarmens nur neue Grenzen errichtet. Ein solches Bekenntnis wäre in diesem Sinne lediglich zu einem neuen Akt der Selbstdefinition geraten. Nur wenn ihn in einer ganz und gar selbstlosen Weise diese Bewegung des Erbarmens erfüllt, ist die angesprochene Gefahr gebannt. Von hier deutet sich darum in einer ersten Hinsicht an, warum der gewaltsame Tod, den Jesus auf sich nahm, kein Scheitern, sondern eine Konsequenz seiner Botschaft war. Denn wenn die Grenzenlosigkeit des göttlichen Erbarmens nicht Gegenstand eines Bekenntnisses war, über das Jesus sich selbst definierte - und insofern: sich selbst behauptete -, sondern eine Bewegung, die ihn als Persönlichkeit restlos erfüllte, dann tritt die Selbstlosigkeit seines Auftretens nirgendwo so deutlich in Erscheinung wie dort, wo er als Konsequenz seiner Botschaft in den Tod ging und sich an sein Leben nicht länger klammerte ...

Ganz im Sinne des von der Kirche später entwickelten Verständnisses der Sünde als eines Aktes selbstbezogener "superbia", der "bis zur Verachtung Gottes gesteigerten Selbstliebe", haben unsere Analysen als die Logik der Sünde das "Selbstsein auf Kosten von..." entdeckt. Insofern nämlich in Jesus das grenzenlose Erbarmen Gottes Gestalt angenommen hat, kann Paulus von Jesu als demjenigen sprechen, "der keine Sünde kannte" (2 Kor 6,21). Insofern er jedoch die Grenzmechanismen, die er seinerseits überwand, andererseits auf sich zog, wurde er "mit unserer Schuld beladen" - oder mit Paulus formuliert: Er wurde "zur Sünde gemacht" (ebd.).


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/komm.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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