Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Für alle ist der König da -
nicht nur für seine Partei!

Gedanken zum Christkönigsfest


*

Das spanische Gleichnis

"Christus ist für alle da" - doppelt lesbar

Vereinnahmende Lesart

Sie war in Spanien nicht gemeint

Auch das Christentum will nicht vereinnahmen

Zwei Dimensionen sind zu unterscheiden

Waagrecht: die Unterschiede gelten

Senkrecht: in Christus sind alle Menschen eins

Zwischen Oberfläche und Tiefe abwechseln!

*

Was sagt das Christkönigsfest einem demokratischen Lebensgefühl?

Das spanische Gleichnis

Als am 22. November 1975 in Madrid das Parlament den jungen König in sein Amt berufen hatte, sagte Juan Carlos in seiner Rede, jetzt beginne eine neue Epoche. "Er erklärte, daß die Monarchie alle Spanier einschließe, und rief das ganze Land auf, sich an einer nationalen Übereinstimmung zu beteiligen ... Bei der Krönungsmesse am 27. November war der Bunker [die machtverwöhnte Gefolgschaft Francos] tief empört, als Kardinal Enrique y Tarancón bei der Predigt den Plänen des Königs die kirchliche Zustimmung gab, mit Worten, die implizit den Vergeltungsgeist des Franquismus verurteilten: ‚Ich bete, daß Sie König aller Spanier seien. Daß Ihr Reich ein Reich des Lebens sei. Daß keinerlei Tod und Gewalt es erschüttere. Daß keine Art von Unterdrückung jemanden versklave. Daß alle die freie Lebensfreude kennen und teilen mögen. Daß Ihr Reich eines der Gerechtigkeit sei, in dem ohne Benachteiligung noch Vergünstigung unter dem Befehl des Gesetzes alle ihren Platz finden. Und das Gesetz stets dem wahren Dienst der Gemeinschaft unterstellt sei.'"

Fast vierzig Jahre hatte das eine der beiden Spanien das andere niedergehalten, kaum atmen lassen, aus der Öffentlichkeit verbannt. Jetzt, eine Woche nach dem Tod des Diktators, sollte alles anders werden. In Deutschland erinnern wir uns gut an den Berliner Mauerfall vor 14 Jahren; nicht ganz so dramatisch aber ähnlich erregt muß vor weiteren 14 Jahren die Novemberstimmung in Spanien gewesen sein: Für alle Spanier ist der König da, nicht nur für die Monarchisten!

"Christus ist für alle da" - doppelt lesbar

Eben das scheint mir die befreiende Botschaft des Christkönigsfestes (an dessen Präfation die Predigt deutlich anklang): Für alle Menschen ist Christus da, keineswegs nur für die Christen. Der Satz läßt sich auf zweierlei Weisen lesen.

Vereinnahmende Lesart

Der "kirchliche Bunker" liest ihn etwa so: Unser König Jesus Christus, der uns zu seinen Sachwaltern eingesetzt hat, ist von Rechts wegen der Herr auch über alle anderen, über sein eigenes Volk, die Juden, wie auch über alle Heiden und die Gläubigen sämtlicher Religionen. Sie alle wären nur dann in der Wahrheit, wenn sie seine Herrschaft ausdrücklich anerkennen wollten; solange sie das nicht tun, haben nur wir Christen die volle Wahrheit. Dem entspräche im spanischen Gleichnis diese Einstellung: Der König ist für alle Spanier da, deshalb sollen die besiegten Linken ihre Verstocktheit endlich aufgeben und als gute Patrioten ebenso denken wie wir, damit wahr bleibt: Spanien ist anders.

Sie war in Spanien nicht gemeint

Freilich war der Bunker nicht dumm sondern wußte gut, daß König und Kardinal ihre Worte anders meinten, deshalb waren die bisher tonangebenden Kreise so "tief empört". Sie sahen voraus: Der König würde mit Vertretern aller Richtungen sprechen, auch mit Sozialisten, sogar Kommunisten; er würde alle Perspektiven, auch die bislang in den Untergrund verbannten, aus erster Hand kennenlernen, ungefiltert, und am Ende wäre es mit der Herrschaft ihrer Clique vorbei, das so lange entmachtete Volk würde sein Geschick in die eigenen Hände nehmen und demokratisch die Regierung wählen, die es will. So ist es dann auch gekommen.

Auch das Christentum will nicht vereinnahmen

Welche Erkenntnis läßt sich aus dieser Geschichte eines irdischen Königtums für das Verständnis der Christkönigs-Botschaft gewinnen? Daß Christus für alle da ist, keineswegs bloß für die Christen: können wir diese Aussage so erklären, daß "die anderen" nicht auf eine sie kränkende Weise vereinnahmt, in eine Schublade gesteckt werden, die sie gerade nicht wollen? Juden und Muslime, Hindus, Buddhisten und Atheisten wollen keine Christen sein, auch keine anonymen - können wir ihnen Christus auf eine Weise darbieten, gegen die sie nichts haben?

Zwei Dimensionen sind zu unterscheiden

Dieses Vorhaben hört sich unmöglich an, wie die Quadratur des Kreises - ein Kreis kann nicht viereckig sein. Nein - und doch haben Sie vermutlich schon zuweilen etwas in der Hand gehalten, das rund und viereckig zugleich war: einen klobigen alten Becher, der von oben rund, von der Seite rechteckig ist. Nur in derselben Fläche schließen Kreis und Viereck sich aus, in zwei zueinander senkrechten Flächen kann dasselbe Ding sehr wohl hier rund, dort eckig sein.

Waagrecht: die Unterschiede gelten

Unterscheiden wir auch bei der Glaubensfrage zwei Dimensionen: die waagrechte geschichtliche Oberfläche und die senkrechte Tiefen- oder himmlische Wirklichkeit (am Bild liegt nichts). Auf der geschichtlichen Oberfläche gehören Christus und Christenheit zusammen, sie ist seine Stiftung, verdankt sich seinem Impuls und verkündet das sie begründende Christus-Ereignis, Jesu Leben, Tod und Auferstehung, allen Jahrhunderten. In dieser Dimension sind die anderen draußen, gehören nicht zur Christenheit, wollen das auch nicht, haben ihre eigene Theorie über Jesus, er war für sie ein guter oder verwirrter Mensch, wohl sogar ein Prophet, jedenfalls aber nicht der Mensch gewordene Sohn Gottes in Person. In dieser waagrechten Fläche steht Zeugnis gegen Überzeugung, hier verlangt der Dialog den Widerspruch. Gottes Menschwerdung ist ein unbegreifliches Geheimnis, die Kirche kann es nur stammelnd verkünden, darf aus ihrer Wahrheit nicht schließen, ein ihr widersprechender anderer sei deshalb außerhalb der Wahrheit selbst, d.h. fern von Christus, wenn er - seiner Wahrheit gehorsam - sich an den Jesus hält, der gleichfalls von seiner Göttlichkeit nichts wissen wollte, als er den reichen Jüngling anfuhr: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein" (Mk 10,18). Waagrecht bleiben wir geschieden.

Senkrecht: in Christus sind alle Menschen eins

Solche Getrenntheit läßt uns deshalb nicht verzweifeln, weil wir uns trotzdem als eins hoffen: senkrecht. In der Tiefe des Glaubens sind wir überzeugt: Ähnlich wie der König nicht nur für die Monarchisten da ist sondern für alle Bürger, so ist noch viel mehr Christus der wahre SINN aller, nicht nur der Christen. Dieser Glaube nimmt den anderen nichts weg, vereinnahmt sie nicht. Christus gehört nicht dem Christentum. Wir haben ihn nicht erfunden und schöpfen ihn nicht aus. Im Gegenteil haben wir ihn, bis heute, immer wieder verraten, schänden seinen Namen, handeln seinem Vorbild zuwider.

In SEIN unmittelbares Verhältnis zu Juden und Muslimen, Hindus, Buddhisten und unreligiösen Humanisten haben wir uns nicht einzumischen - mag ja sein, sie nennen ihn und er nennt sie mit Namen, die uns nichts sagen. Der in den Himmel auffährt und zur Rechten des Vaters sitzt, übersteigt alle irdischen Mauern, blickt und wirkt ungehindert hinein in jeden noch so massiv umgrenzten geistlichen Innenhof, die christlich wie die anders eingerichteten. Voller Diskretion: wie ER sich den anderen zeigt, davon verrät er uns nichts. Höchstens die anderen selbst können das tun, in Momenten der Gnade, wenn ein interreligiöser Dialog blitzhaft gelingt und ich als Christ erfasse, daß dieser anders-Gläubige eine bestimmte Haltung Jesu deutlicher vorlebt als meine Mitchristen und ich.

Zwischen Oberfläche und Tiefe abwechseln!

So, scheint mir, werden wir dem Christkönigsfest gerecht: indem wir den Auferstandenen als König des Weltalls bekennen und (darum!) allen anderen Mut zu ihrer je eigenen Wahrheit machen, gerade wenn wir sie nicht recht verstehen. Monarchisten fühlen anders als Republikaner [das Wort im internationalen, nicht im üblen deutschen Sinn verstanden], der König gehört beiden und erwartet von jenen - eben weil sie seine Leute sind! - daß sie seine Beziehung zu diesen nicht durch - ihn monopolisierende - Plumpheit gefährden. Mal klares Zeugnis für die Unterschiede an der Oberfläche, mal ebenso deutliche Feier der tiefen Einheit des ganzen in Christus geeinten Menschheitsleibes: wenn wir uns bei solcher Abwechslung gegensätzlicher Heilsprogramme gewissenhaft vom Heiligen Geist leiten lassen, dann, glaube ich, tun wir, was unser König von den Seinen erwartet.

¡Majestad! A sus órdenes.


Zum Weiterdenken:

Er erklärte ...: Paul Preston, Juan Carlos. El rey de un pueblo (Barcelona 2003), 359-363

Einheit des ganzen in Christus geeinten Menschheitsleibes: Dies ist keineswegs eine moderne Übertreibung. Schon Origenes schreibt (1 Kor 15,28 kommentierend): "Der Leib Christi ... ist das Ganze der Menschheit, ja vielleicht sogar das Ganze der Schöpfung, und jeder von uns ist ein Glied und Teil" (Hom 2 zu Ps 36; PG 12,1330).

Frühere Christkönigs-Predigt


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/koenig.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann