Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Warum Jesu Kritik die heutigen religiösen Autoritäten treffen muß.

Gedanken zum einunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


"Eigentlich müßte ihm schlecht werden, wenn er sich in diesem Aufzug sieht," ruft mein Freund aus und meint einen prominenten Kardinal, der unlängst wieder in prunkvoller Amtstracht im Fernsehen prangte. "Und so was will im Namen Jesu sprechen! Es ist nicht zu fassen."

Eines anderen Kardinals aufsehenerregende Konzilsrede fällt mir ein. Am 4. November 1964 packte Erzbischof Lercaro von Bologna (einer "roten" Stadt) das Problem radikal an, bei der Wurzel. Die Kostümierung hoher Prälaten ist Symptom einer Grundeinstellung religiöser Autorität, die von Jesus im heutigen Evangelium verspottet wird: "Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang." Kardinal Lercaro sagte damals:

"Die Kirche muß ihre kulturelle Armut anerkennen und - im Zusammenhang damit - nach je größerer Armut streben. Ich rede hier nicht von materieller Armut, sondern von einer besonderen Folge der evangelischen Armut in bezug auf die kirchliche Bildung. Wie beim Abgehen von Gewohnheiten und ererbten Gütern behütet die Kirche auch hier gewisse Reichtümer einer vergangenen Zeit, ruhmvoll gewiß, die aber mit dem Geist unserer Zeit nicht ganz übereinstimmen (zum Beispiel scholastische, philosophische und theologische Systeme, akademische und erzieherische Grundsätze, Studienordnungen, die auf unseren Universitäten immer noch gelten, Forschungsmethoden). Die Kirche muß - wenn notwendig - auf diese Reichtümer vertrauensvoll verzichten oder nur wenig auf sie vertrauen, sich ihrer nicht rühmen und nur mit Vorsicht sich auf sie verlassen. Denn diese Reichtümer stellen das Licht der evangelischen Botschaft nicht immer auf den Leuchter, sondern eher unter den Scheffel: sie bilden oft ein Hindernis für die Ausweitung der Kirche durch die Errungenschaften einer neuen Kultur und die Schätze alter Kulturen, die außer den Grenzen des Christentums erblüht sind.

Diese Reichtümer können die Universalität des Gespräches der Kirche einengen, mehr trennen als einen, mehr Menschen ausschließen als sie überzeugen und anziehen.

Mich verlangt gewiß nicht nach einer theologischen und bloß negativen Armut: Auch in bezug auf die Bildung gilt die Unterscheidung zwischen der evangelischen und der untermenschlichen Armut. Nicht also diese, sondern jene wünsche ich: nicht also Unwissenheit und das Format kleiner Geister, sondern Nüchternheit und Zielstrebigkeit, zugleich Beweglichkeit des Geistes und Großzügigkeit und Wagemut (Wagemut, um neue Wege in Angriff zu nehmen, was freilich ohne Gefahr nicht geschehen kann), Keuschheit des Verstandes und Demut, worin die wahre und reichste übernatürliche Weisheit besteht und zugleich der feinfühlendste Sinn für Aktualität und der echte historische Realismus.

Endlich wünschen wir nicht einen Verzicht auf das kulturelle Erbe um des Verzichtes willen, sondern einen Verzicht, durch den neue Reichtümer erworben werden sollen und durch den - wenigstens nach rein menschlichem Ermessen - zu größerer Schärfe des Verstandes und zu strengerer Sorgfalt gelangt werden kann ... Reformen sind erforderlich, ohne die niemand je glauben wird, daß es uns mit unseren Themen Ernst ist, noch daß wir die Bedürfnisse und wahren Errungenschaften der Kultur unserer Zeit begrüßen können."

Seit 41 Jahren hat sich manches gebessert. Aber noch nicht genug. Und manches ist schlimmer geworden, in Rom und anderswo. Weil aber weder ich noch vermutlich die Leser dieser Zeilen im Großen viel ändern können, wollen wir das Evangelium lieber in eine andere Richtung befragen: Wie kommt es, daß Jesu satirische Zeichnung der Schriftgelehrten und Pharisäer so überaus genau auch auf unsere Pfarrer, Bischöfe und Theologieprofessoren paßt?

Die Antwort kann nur sein: Weil eben sie gemeint sind. Das Wort Gottes ist jeweils aktuell; Pharisäer und jüdische Schriftgelehrte im buchstäblichen Sinn sitzen aber heutzutage kaum je in einer Kirche, und wenn doch, dann als geehrte Gäste, nicht als Hörer einer Bußpredigt. Unsereins ist also gemeint.

"Ihr sollt euch nicht Rabbi ... nicht Lehrer nennen lassen." Darf jemand, der nicht ohne Mühe eine Promotion geschafft hat, seinen Doktortitel nicht auf die Visitenkarte drucken? Doch. Solche Information hat einen guten Sinn. Es gibt freilich dumme Gelehrte, das ist aber - mindestens in ihrem Fachgebiet - nicht die Regel. Ordnung verlangt Unterschiede, und Jesus stellt sich keineswegs gegen die Ordnung. Das zeigt seine Mahnung am Anfang: "Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen." Nicht nur im Judentum gilt die von Gott eingesetzte Autorität, auch in der Kirche setzt der jeweils neue Geist den alten Buchstaben nicht außer Kraft sondern erfüllt ihn mit Leben, so lange, bis der neue Geist sich seinen passenden Buchstaben geschaffen hat. Laßt uns deshalb Herrn Dr. Cornelius a Lapide SJ, Theologieprofessor zu Löwen und Rom († 1637) zustimmen, wenn er anläßlich unseres Textes klar zwischen der von Jesus anerkannten Ordnung und dem von ihm gegeißelten Ungeist unterscheidet:

"Man darf den Doktorgrad anstreben als Zeugnis der Wissenschaft, so daß jemand sich durch ihn die Lehr- und Predigtvollmacht beim Volk verschafft und dadurch als Lehrer und Prediger mehr Frucht bewirkt ... Demzufolge sagt Christus nicht: seid nicht Lehrer, sondern: wollet nicht Lehrer heißen. Den Dr.-Grad verbietet Christus nicht, sondern den hochmütigen Ehrgeiz nach dem Titel und die Arroganz, mit der jemand sich ob des Doktortitels selbst gefällt, großartig über die anderen weg umherschaut, sich eitel erhöht, ja die anderen verachtet, als hätte er Wissen und Lehre von sich, nicht von Christus, wie die Schriftgelehrten es taten ... übrigens nennt Paulus selbst sich maßvoll einen Lehrer der Völker" [1 Tim 2,7; nach heutigem Kenntnisstand tat er das gerade nicht sondern ein späterer Schreiber ließ ihn das schreiben].

Was ist der Sinn der Spannung zwischen Altem und Neuem Bund? Kommen wir zum Kern der Antwort auf diese Frage: Die zeitliche und die organisatorische Beziehung beider Gestalten des Bundes ist nicht schon selbst das Gemeinte sondern nur das Zeichen, sagen wir: die Schrift, die den eigentlich gemeinten Sinn bedeutet, nämlich die existentielle Spannung innerhalb jedes Gläubigen und jeder Glaubensgemeinschaft. Sowohl bei Juden wie bei Christen (wie bei allen Menschen) gibt es beides: jene Ordnungen des Alten Bundes, gegen deren Mißbrauch Jesus sich wendet ("Wehe euch, ihr Pharisäer, ihr Heuchler!"), deren Mangel an Heiligem Geist er anprangert ("den Alten ist gesagt worden - ich aber sage euch") einerseits, den jeweils durch die Härte der Regeln durchbrechenden Heiligen Geist der Liebe anderseits. Er ist dem Volk des Alten Bundes verheißen, Jesus bedeutet seine Fülle, die allerdings in der Kirche so wenig wie im Judentum zum amtlichen Besitz werden kann, sondern sich stets neu aktuell je jetzt ereignet.

Fassen wir die Beziehung beider Bünde so auf, als Kategorienspannung, dann erklärt sich beides: sowohl die Tatsache "des, wie es scheint, unausrottbaren christlichen Klischees, der Gott des Alten Testaments sei ein Gott der Rache, wohingegen der Gott des Neuen Testaments der Gott der Liebe sei", wie die dazu polare Wahrheit, daß dieses Klischees "Dümmlichkeit ... beleidigend und schmerzlich zugleich ist". Dumm ist es, die dialektische Kategorie "Alter Bund" mit dem konkreten Judentum zu verwechseln und die Kategorien "neutestamentlich" und "christlich" mit der vorfindbaren Christenheit. Dächten die Christen christlich, würden sie ihre eigenen Zustände nicht "christlich" heißen, mindestens nicht mehr, als die gelungenen Partien des Lebens der Andersgläubigen.

Allerdings kann man jetzt, muß man wahrscheinlich der Ansicht sein, daß die Christenheit wegen ihrer Mitschuld an der Schoah diese ihre traditionellen Kategorien nicht länger gebrauchen darf, vielmehr - gemäß der Konzilsrede von Kardinal Lercaro - auf solchen Sprachgebrauch hinfort verzichten soll. Dadurch wird das früher Gemeinte nicht für falsch erklärt, die Kontinuität des apostolischen Glaubens nicht gebrochen, nur das bisher Gesagte wegen seiner Mißverständlichkeit und nach deren grausigen Folgen für die Zukunft verboten - mit der weiteren Folge, daß man die bisher so ausgedrückte Heilsspannung nunmehr anders benennen muß. Wahrscheinlich können wir hier von den Juden lernen. Genügt es vielleicht, den Zentralbegriff vom Griechischen ins Hebräische rückzuübersetzen und statt "jüdisch" und "christlich" in Zukunft "real" und "messianisch" zu unterscheiden?


Zum Weiterdenken:

Spannung zwischen Altem und Neuem Bund: Wie der "Katechismus der katholischen Kirche" diese innerkirchliche Spannung - allzu klerikal - verschweigt, stelle ich im Katechismus-Kommentar von 1993 dar. Dieser Abschnitt sei hier eigens veröffentlicht.

Dem Volk des Alten Bundes verheißen: "Seht, es werden Tage kommen - Spruch des Herrn -, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war - Spruch des Herrn. Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein" (Jer 31,32 f).
"Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch" (Ez 36,26).

Dümmliches Klischee: Erich Zenger, Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Einführung in das Psalmenbuch (Freiburg 1987), 104

Zustände nicht "christlich": Eben von einer Romreise samt Papstaudienz zurück, habe ich [2002] die bitteren Sätze im Ohr, die ein Priester mit jahrelanger Erfahrung als Klinikseelsorger äußerte. Man stelle sich die Umstände dieser Audienz vor: Zuerst ging es eine Unzahl von Marmortreppen hinauf, dann mußten wir in einem breiten Gang vor der Tür zu den Vorgemächern lange warten; man munkelte, ein Regierungschef sei kurzfristig eingeschoben worden. Dabei konnten wir die mit altrömischen Motiven geschmückten, seit wer weiß wie vielen Jahrhunderten unveränderten Wände bewundern. Schließlich tat die Tür sich auf, von einem phantasievoll uniformierten Höfling, so wohlbeleibt wie ordensübersät, wurden wir in den Audienzsaal geleitet und nahmen Platz. All das hatte - so protestierte danach jener Priester - mit Jesus schmerzlich wenig, nein: überhaupt nichts zu tun. Als der Repräsentant der Gruppe den Papst ansprach, mußte er "Heiliger Vater" sagen. Das wird hier als selbstverständlich erwartet, trotz Jesu Verbot heute: "Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel". Die Bemerkung des Schweizer Theologen Hasler fällt mir ein, der im Vatikan Dienst tat: Man sagt hier nur "Christus". Von Jesus zu sprechen gilt als taktlos. In der Tat: Jeder Gedanke an den armen, von seiner religiösen Autorität mißverstandenen, zuletzt ausgestoßenen Nazarener läßt den Anspruch dieses aufgeblasenen Zeremoniells platzen. Es ist zwar päpstlich, christlich aber nur im satirischen Sinn, in dem Walther von der Vogelweide schon drei Jahrhunderte vor Luther "im Unmutston" wider den Papst gesungen hat:

Ahi wie kristenliche nu der babest lachet,
swenne er sinen Walhen [Welschen] seit: ich hanz also gemachet!
daz er da seit, des solt er niemer han gedaht.
er giht: ich han zwen Allaman undr eine krone braht,
daz si z riche sulen stoeren unde wasten [verwüsten].
ie dar under füllen wir die kasten:
ich han s an minen [opfer-]stoc gement, ir guot ist allez min:
ir tiusches silber fert in minen welschen schrin.
ir pfaffen, ezzent hüenr unde trinkent win,
und lant die tiutschen leien magern unde fasten.

Die Umstände der Audienz waren nicht christlich. Als der leidende alte Mann dann jedoch hereingefahren wurde, mühsam herzlich winkte und zuweilen liebevoll lächelte, da blitzte in den geistlosen Zustand messianisches Licht: Nicht Gold macht es, nicht Gesundheit, Jugend, Erfolg. Sondern die Teilhabe an ihm, unserm Herrn und Freund. Egal ob in den Jubelrufen des Palmsonntags oder den Qualen des Karfreitags. Soweit jemand diese Heilsbotschaft vermittelt, muß sein prunkvolles Gewand nicht stören. Sogar mit einem Kartoffelsack angetan, entginge er ja nicht der Gefahr, daß - wie man in der Antike über einen Bettelphilosophen spottete - "aus allen Löchern seiner Lumpen die Eitelkeit leuchtet". Nein, die Zustände machen es nicht. Natürlich gehört das römische Zeremoniell reformiert. Den Buchstaben dem Geist anzunähern bleibt immer nötig. Unsere Hauptaufgabe liegt jedoch nicht in der horizontalen Dimension.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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