Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Heiden, Juden, Christen gehören zusammen

Gedanken zum zwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Sind die Juden oder die Christen das auserwählte Gottesvolk? Und was heißt das überhaupt: Auserwähltes Volk? Paßt es zu Gott, der die Gerechtigkeit und Güte in Person ist, eine Menschengruppe vor anderen auszuwählen, willkürlich zu bevorzugen? Irdische Eltern geben sich Mühe, allen Kindern gleichermaßen gerecht zu werden, damit keins das Gefühl habe, es werde zurückgesetzt, weniger als die anderen geliebt. Und Gott, der Vater aller Menschen, sollte sich wählerisch, elitär verhalten und einen Teil seiner Schöpfung so auswählen, daß die nicht auserwählten Teile Grund zu Neid hätten? Das scheint undenkbar. Und doch glauben nicht nur die Juden sondern auch die Christen, sie seien das auserwählte Gottesvolk. Dieser Fragenkreis ist das Thema aller drei Lesungen des heutigen Sonntags.

1) Die jüdische Sicht. "Mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker genannt werden", verheißt Gott durch den Propheten Jesaja, ein halbes Jahrtausend vor Christus. Das bedeutet: Israels Auserwählung ist kein Selbstzweck, ihr Ziel ist von Anfang an, daß alle Völker miteinander das eine große Gottesvolk bilden. Kürzlich hörte ich eine Jüdin ihren Glauben so erklären: "Wir sind nicht erwählt, etwas Besonderes zu sein, sondern um unserer besonderen Aufgabe willen", den Heiden ein Vorbild zu sein, ein Licht für die Völker. So verstehen ökumenisch gesinnte Juden die Auserwähltheit Israels. Daß es auch andere jüdische Stimmen gab und gibt, muß uns nicht stören. "Zwei Juden, drei Meinungen", besagt ein altes Spottwort; auch bei Christen finden sich Ansichten, die anderen Religionen Unrecht tun. Für das offizielle Judentum gilt Gottes Bund nach der Sintflut mit Noach (früher: Noe) und seinen Nachkommen, d.h. allen Menschen, auch jetzt noch, er wird durch die späteren Sonderbünde mit Abraham und Moses nicht aufgehoben. Erinnern wir uns: "Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind. Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde geschlossen habe" (Gen 9,8-17).

Nach jüdischem Glauben müssen die Völker, um Gott wohlgefällig zu leben und gerettet zu werden, sich also keineswegs zum Judentum bekehren. Im Gegenteil wird ein solcher Übertritt nicht gern gesehen, den "Proselyten" vielmehr recht schwer gemacht. Man sieht: Israels Auserwähltheit bedeutet für die anderen Völker keine Minderung oder Kränkung. Auch in einer Familie verlangt die Gerechtigkeit ja keine völlige Gleichheit aller Kinder, sondern es gehört zur Würde eines jeden Kindes, auf seine Weise besonders zu sein. Der eine kann dies besser, die andere das, und jedes Kind wird von den Eltern insofern auserwählt, als sie gerade das fördern, worin es den anderen überlegen ist.

2) Die frühere christliche Sicht. Was antworten die Christen auf den Anspruch der Juden, das Auserwählte Volk zu sein? Das ist eine lange und für Millionen von Juden in 17 Jahrhunderten schreckliche Geschichte. Erst Hitlers Unternehmen, das jüdische Volk auszurotten, der Mord an Millionen jüdischer Frauen, Männer und Kinder, dieses grausigste Verbrechen der Weltgeschichte, hat die Bekehrung der Kirche eingeleitet. Tief erschrocken haben die Christen gemerkt: An diesem teuflischen Wahnsinn ist die Kirche mit schuld. Nicht nur weil sie - mit wenigen Ausnahmen - während der zwölf Nazi-Jahre zur Judenvernichtung schwieg sondern vor allem weil sie von Anfang an offiziell gelehrt hat, der jüdische Glaube sei seit Jesus ein von Gott entwerteter Irrtum, deshalb verdiene das Judentum Verachtung, die Juden zu unterdrücken sei in Gottes Sinn. Denn früher galt in der Christenheit unangefochten die Substitutions-Theorie. Nach ihr waren die Juden von Abraham bis Christus das auserwählte Volk gewesen; als sie Jesus verwarfen, verloren sie diese Würde, seither ist die Kirche das Neue Gottesvolk, die "ungläubigen Juden" seien nichts weiter als ein heilloser Irrtum in Person. In der katholischen Karfreitagsliturgie hieß es:
"Laßt uns auch beten für die ungläubigen Juden: Gott, unser Herr, nehme den Schleier von ihren Herzen weg, auf daß auch sie unsern Herrn Jesus Christus erkennen ... Allmächtiger ewiger Gott, Du schließest sogar die ungläubigen Juden von Deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsre Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor Dich bringen: mögen sie das Licht Deiner Wahrheit, das Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden."

Erst Papst Johannes XXIII. ließ 1959 die Ausdrücke "perfidi" und "perfidia" streichen; dieser liturgische, Jahr für Jahr bekräftigte Antijudaismus hatte sich im christlichen Alltag als derber Antisemitismus ausgewirkt. Nicht weniger als die bekannten Greuel erschreckt die kühle Unmenschlichkeit in den Zeilen eines moraltheologischen Standardwerks der Barockzeit, verfaßt von einem hochverehrten Heiligen, vom Papst 1755 empfohlen und in Rom polizeilich durchgesetzt.

"Welcher Umgang mit Juden ist Christen verboten? 1. Man darf nicht zusammen wohnen. 2. Nicht an Gastmählern teilnehmen. 3. Nicht ein gemeinsames Bad benutzen. 4. Sich nicht an Ärzte wenden. 5. Nicht von ihnen gegebene Arzneien annehmen, verschriebene jedoch zu kaufen ist erlaubt. 6. Nicht die Kinder von Juden in ihren Häusern nähren. 7. Nicht bei ihnen dienen. 8. Nicht in Knechtschaft unterworfen sein. 9. Sie dürfen bei Christen keine öffentlichen Ämter innehaben. 10. Man darf ihr Ungesäuertes nicht essen. Ein Autor fügt das Verbot an, ihre Hochzeiten, Synagogen, Feste zu besuchen (Synagogen aus Neugier zu betreten halten einige für keine schwere Sünde), mit ihnen zu spielen, zu tanzen usw. Der Grund dafür ist einerseits, damit die Würde der christlichen Religion gewahrt werde, zum andern, damit man sich vor der Vertraulichkeit mit den Juden und der Gefahr der Verkehrung (perversio) hütet" [Theologia Moralis Sancti Alphonsi de Ligorio, Liber II, tract. 1, cap.4, dubium 2: De Judaismo]. Noch im "Kleinen Stuttgarter Bibellexikon" auf CD-ROM heißt es bei "Bund" lapidar: Der "Alte B." ist mit Christus abgetan.

3) Die gültige christliche Sicht knüpft an einen der Kernsätze der 2. Lesung an. Paulus schreibt im Römerbrief (11,29): "Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt." Darauf berief sich Papst Johannes Paul II., als er am 17. November 1980 in Mainz mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der deutschen Rabbinerkonferenz zusammentraf. Über das Gespräch zwischen Israel und der Kirche sagte der Papst: "Die erste Dimension dieses Dialogs, nämlich die Begegnung zwischen dem Gottesvolk des von Gott nie gekündigten (vgl. Röm. 11, 29) Alten Bundes und dem des Neuen Bundes, ist zugleich ein Dialog innerhalb unserer Kirche, gleichsam zwischen dem ersten und zweiten Teil ihrer Bibel ... Eine zweite Dimension unseres Dialogs - die eigentliche und zentrale - ist die Begegnung zwischen den heutigen christlichen Kirchen und dem heutigen Volk des mit Mose geschlossenen Bundes." In seiner Jugend hatte der Papst den Judenmord der Nazis im besetzten Polen aus der Nähe mit ansehen müssen, 1965 hat er als Bischof beim entscheidenden Durchbruch im Konzil mitgewirkt. Dieses stellt fest: Die Juden bleiben, obwohl sie das Evangelium nicht annehmen, "immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich."

Wie knifflig theologische Arbeit sein kann, zeige ein aufregendes Beispiel. In 2 Kor 3,14 schreibt (laut der bisher nicht korrigierten offiziellen Fassung) Paulus über die Juden: "Doch ihr Denken wurde verhärtet. Bis zum heutigen Tag liegt die gleiche Hülle auf dem Alten Bund, wenn daraus vorgelesen wird, und es bleibt verhüllt, daß er in Christus ein Ende nimmt." Gegen diese Fehlübersetzung wendet sich Norbert Lohfink SJ, einer der tüchtigsten katholischen Bibelwissenschaftler [Der niemals gekündigte Bund, Freiburg 1989,51 f.]. Richtig heiße dieser Vers: "Bis zum heutigen Tag liegt die gleiche Hülle auf dem Alten Bund, wenn daraus vorgelesen wird, und es wird nicht offenbar, daß sie in Christus ans Ende kommt" (51). Lohfink erläutert, "daß in den Synagogen die Torarollen (also die Schriften, in denen vom Sinaibund berichtet wird) immer mit einem schönen Tuch verhüllt werden. Auf diesen liturgischen Brauch spielt Paulus an. Er sagt: Über dem "alten Bund" liegt bis zum heutigen Tag eine Hülle. Und für das Ende des Satzes bleibe ich bei Luthers Übersetzung: Diese Hülle ist eine Decke, "welche in Christo aufhöret". Falsch ist, was die Einheitsübersetzung behauptet: durch diese Decke bleibe verhüllt, daß "er", das heißt: der "alte Bund", "in Christus ein Ende nimmt". Nicht also der "alte Bund" selbst, sondern die Hülle über dem "alten Bund" nimmt ein Ende, so wie nach der Erzählung des Buches Exodus die Hülle vom lichtstrahlenden und deshalb normalerweise verschleierten Antlitz des Mose immer dann weggenommen wurde, wenn er ins Heiligtum trat. Etwas Vergleichbares geschieht nach Paulus im "neuen Bund" mit allen, die an Christus glauben." (52)

4) Ist eine Zusammenschau möglich? Angesichts des innerchristlichen Widerspruchs zwischen der früher selbstverständlichen Meinung "der Alte Bund ist seit der Stiftung des Neuen abgetan" und dem heutigen Glaubenszeugnis "Gottes Bund mit den Juden gilt ungekündigt weiter" stellt sich bedrängend die Frage: Wie kann das sein? Was ist der Wahrheitswert eines Glaubens, der sich in einem derart zentralen Punkt auf einmal in sein Gegenteil verkehrt? Haben die Christen sich hier früher geirrt: was berechtigt uns dann zu dem Zutrauen, wir seien heute in der Wahrheit? Setzen gar jene nicht nur römischen sondern weltweit agierenden Kreise sich irgendwann wieder durch, die den Frieden zwischen Juden und Christen für bloß einen Zeitgeistschlenker, eine Marotte des gegenwärtigen Papstes und anderer Naivlinge halten und darauf rechnen, ein Nachfolger werde schon wieder auf die bewährte antijüdische Tradition einschwenken?

Das verhüte Gott! Doch wird ein Irrtum um so gewisser vermieden, je deutlicher man sich des in ihm wirkenden Wahrheitskerns bewußt ist. Fragen wir deshalb: Welches war die Wahrheit in jener so lange offiziell gelehrten Irrlehre, der Alte Bund sei seit Christus abgetan? Was meinten jene Theologen, sofern sie gläubige Menschen waren, mit ihrer so unselig folgenreichen These?

Unterscheiden wir zwischen Leben und Rolle. Wer auf der Bühne den "Geizigen" spielt, ist bei seinen Freunden vielleicht als freigebig bekannt; die Managerin, die in ihrer Firmenrolle kalte Effizienz ausstrahlt, ist ihren Kindern eine warmherzige Mutter. Auch weiß man, daß den verbreiteten Bildern von britischer Küche, deutschem Fleiß und italienischem Nichtstun die Realität häufig widerspricht.

Auch bei der Heilsgeschichte im Großen ist beides auseinanderzuhalten. Heiden, Juden und Christen sind zum einen reale Gruppen wirklicher Menschen, zum andern so etwas wie Kategorien christlichen Denkens, bildgesättigte Begriffe, notwendig zum Verständnis der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Beide Sinne verschränken sich: Jeder einzelne Heide, Jude oder Christ sollte, will er seelisch gesund sein, an allen drei Kategorien Anteil haben. Wie verhalten sie sich zueinander? Die Heiden gehören zum Noach-Bund, er besagt: Natürliches Menschsein steht unter Gottes Segen. Israel hört am Sinai: Du wirst von Gott unter ein besonderes Gesetz gestellt, zu bestimmtem Zeugnis berufen. Der Neue Bund in Christus schließlich hebt den Gegensatz von Heiden und Juden auf, verschärft die jüdische Besonderheit zur Einzigkeit des Gott-Menschen Jesus und verteilt nach Ostern seine Heilsfülle an das ganze Menschengeschlecht. Im innerchristlichen Kategorien-Reich (nur da!) ist "in Christus" der Alte Bund tatsächlich insofern aufgehoben, als dank seiner die Juden vor den anderen Völkern auserwählt waren, wodurch diese zu unerwählten "Heiden" wurden - dieser Satz gilt jedoch nur (darum fehlt ihm der Punkt!) in der Dimension der kategorialen Rollenwahrheit auf der Bühne des Großen Welttheaters; er gilt nicht für die realen Juden. Dies also war die Wahrheit der Kirche bis zum Konzil. Sie sprach mit Recht von der Symbol-Wirklichkeit des eigenen Glaubens und hat dabei irrigerweise das, was die Juden sozusagen beim Passionsspiel von Oberammergau sind, mit der Juden Realität in Gottes und ihren eigenen Augen fatal verwechselt. Diese Hülle auf den Augen der Ekklesia hat der Holocaust zuerst entsetzlich verstärkt und dann mitverbrannt. Inzwischen weiß die Christenheit für immer: Nur weil der Alte Bund für die wirklichen Juden aller Zeiten weiterhin gilt und gelten wird, gerade deshalb ist er als Kategorie zum christlichen Verständnis von Gottes Heilsdrama brauchbar und kann, als solche, vom Neuen Bund relativiert werden. Gälte er für die Juden nicht mehr, so wäre gar nichts da, was "in Christus" abgetan werden könnte.

Für Christen ebenso wichtig ist die umgekehrte Perspektive. Kein Christ ist nur Christ, wir alle sind schlicht auch Menschen wie alle, und zudem erwählte Glieder des Gottesvolkes. Auch in der Kirche gilt der Alte Bund weiter; jedem Leser der Evangelien muß auffallen, wie genau Jesu Beschreibung der Pharisäer auf Pfarrer und Bischöfe paßt: "Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen." (Mt 23,5-7) Abgetan ist der Alte Bund (auch für uns!) allein in Christus, sofern wir schon in der "Letzten Stunde" leben (1 Joh 2,18), an Jesu Tod und Auferstehung teilhaben, ja selbst schon "einen Platz im Himmel" einnehmen (Eph 2,6): was alles aber während des Erdenlebens noch kein feststellbarer Zustand ist vielmehr ein geglaubtes Dauer-Ereignis, das immer wieder einmal in die irdischen Realitäten einbricht und sie für jetzt abtut. Nicht nur bei Christen wirkt diese Heilskategorie sich aus, sondern auch bei den wirklichen Heiden und Juden, die dasselbe Ereignis natürlich nicht wie wir benennen sondern je in ihrer Sprache. Für Juden etwa ist dies die Tat des Messias, von ihm schreibt Walter Benjamin: "Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich bei den Wahrsagern Auskunft holen. Den Juden wurde die Zukunft aber dadurch doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte" (Geschichtsphilosophische Thesen, Anhang B).

Die ergreifende Szene, die das Evangelium berichtet, ist so etwas wie der Anfang des jüdisch-christlichen Dialogs in Jesu Bewußtsein. Ins Gespräch eingetreten ist er in der Gewißheit: Ich bin Jude und nur zu meinem Volk Israel gesandt. Nach dem Gespräch weiß er: Gott liebt diese Frau, offensichtlich erstreckt meine Sendung sich auch auf sie und die Ihren in der Völkerwelt. Und er hatte sie, ihr ins Gesicht, mit einer Hündin verglichen! Ob Jesus sich geschämt hat? Kann schon sein, er war Mensch wie wir, ausgenommen nur die Sünde; unbedachte Vorurteile mitzuschleppen und sich ihrer später zu schämen gehört zum Menschen. Schuldhaft ist es nur, sie bei einer konkreten Begegnung zu kränkendem Urteil zu verfestigen. Das hat Jesus nicht getan sondern plötzlich in der Fremden, die er zuvor nur als verächtliche "Heidin" kannte, das von Gott unendlich geliebte Menschenkind entdeckt. Daß seine Jünger aus der Völkerwelt den Spieß der Verachtung später umdrehten und die Juden, weil sie ihrem Bund treu blieben, fast bis heute schlimmer als Hunde behandelten, ist der Kirche bis in alle Zukunft Grund zu Schande und Scham.

Paulus konnte von dieser Entwicklung noch nichts ahnen. Doch umfaßt seine prophetische Schau, mit der die 2. Lesung schließt, die ganze Heilsgeschichte von Anfang bis Ende: "Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen." In heidnischer Perspektive scheint die jüdische Erwähltheit verstockte Arroganz, den Juden kommt die heidnische Beliebigkeit wie geistige Verlorenheit vor, beide Verurteilungen sind dann Ungehorsam, wenn sie sich auf wirkliche Personen und Gemeinschaften erstrecken statt auf die von ihnen dargestellten Figuren des Welt-Theaterstücks "Heilsgeschichte". Weil diese Verwechslung nicht notwendig ist, muß sie Ungehorsam heißen; weil sie in einer sich mühsam entwickelnden Welt fast unvermeidbar ist, deshalb ist es Gott, der uns alle im Ungehorsam zusammengeschlossen hat. Erst für Jesu Blick, innerhalb seines Neuen Bundes, leuchtet die Stereo-Wahrheit auf: Weil in Christus jeder Mensch erwählt ist, deshalb und insofern bedeutet die heidnische Gleichheit aller keine Verlorenheit und der jüdische Erwähltheitsstolz keine Arroganz: Jede Figur des Dramas kann allen seinen Darstellern zum Selbst- und Fremdverständnis helfen. Diese Einsicht wird aber für kein Bewußtsein und keine Institution dauernder Besitz, kann stets nur kurz aufblitzen, sooft durch irgendeine kleine Pforte der Messias tritt.


Zum Weiterdenken:

Aktueller Hinweis 2005: Der junge Friede zwischen Juden und Christen deutet auf ein unendlich tiefes Ereignis hin: den Anbruch des Dritten Zeitalters. Jetzt kommt der Papst nach Köln. Wird er den jungen Menschen und uns allen deutlich erklären, was der echte Sinn des Zeichens Kirche ist? Wenn er das tut, ereignet sich ein weiterer Schritt hin zum wahren New Age, zum Zeitalter des Heiligen Geistes, das ein berühmter Abt in Kalabrien vor über achthundert Jahren angekündigt hat. Genau dafür war der junge Ratzinger 1959 der weltbeste Spezialist. Damals in der Dimension des Buchstabens - heute, als Papst, auch in der des Geistes? Helfen wir ihm dabei! Weil jeder Christ, egal ob eher »rechts« oder eher »links«, für beides mitverantwortlich ist, für das scharf umrissene Zeichen wie für dessen allumfassenden Sinn, deshalb prüfen Sie bitte kritisch diesen Funken, und wenn er Sie ergreift, sprühen Sie ihn weiter!

Ein Licht für die Völker: Schön erklärt das (in einem Krimi der siebziger Jahre) Rabbi David Small seinen Schülern: ... konnte man Harry Luftigs Stimme hören, triefend vor Sarkasmus: "Sollen wir nicht das Auserwählte Volk sein?" Das darauf einsetzende Gejohle beruhigte sich, als sie sahen, daß ihr Lehrer offensichtlich zornig war. Als er sprach, tat er es jedoch in ruhigem Ton.
"Ja", sagte er, "wir sind es. Ich sehe, ein paar von euch halten das für amüsant. Vermutlich ist für eure modernen, verständigen, wissenschaftsorientierten Gemüter die Idee, daß der Allmächtige einen Vertrag mit einem Teil seiner Schöpfung schließt, wahnsinnig lustig." Er nickte bedächtig. "Na ja, ich kann das verstehen. Aber wie ändert es die Situation? Eure moderne Skepsis läßt sich nur auf eine Seite des Vertrags anwenden, auf Gottes Seite. Ihr könnt bezweifeln, daß Er einen solchen Vertrag angeboten hat, ihr könnt sogar Seine Existenz bezweifeln. Aber ihr könnt nicht zweifeln, daß Juden das glaubten und danach handelten. Das ist eine Tatsache. Und wie kann man gegen Zweck und Ziel der Erwähltheit etwas haben: heilig zu sein, ein Volk von Priestern, ein Licht für die Völker?"
"Aber Sie müssen zugeben, das ist ziemlich arrogant."
"Die Idee, erwählt zu sein? Warum? Sie beschränkt sich nicht auf die Juden. Die Griechen hatten sie, die Römer auch. Zeitlich uns näher, fühlten die Engländer es als ihre Pflicht, die Last des weißen Mannes zu schultern; die Russen und die Chinesen fühlen sich beide verpflichtet, die Welt zum Marxismus zu bekehren, während unser eigenes Land fühlt, es solle die Ausbreitung des Marxismus hindern und alle Völker mit Demokratie indoktrinieren. Der Unterschied ist: In all diesen übrigen Fällen fordert die Lehre, etwas an jemand anderem zu tun, normalerweise durch Gewalt. Einzig die jüdische Lehre verlangt, daß die Juden sich nach einem hohen Maßstab richten, so daß sie für andere ein Vorbild werden könnten. Darin sehe ich nichts zum Lachen oder Grinsen. Im Grunde fordert es einen hohen Maßstab des persönlichen Verhaltens. Es drückt sich in Einschränkungen aus, die wir uns selbst auferlegen. Manche davon, wie die koscheren Speiseverbote, kommen euch vielleicht als bloß primitive Tabus vor; ihre Absicht ist es aber, Geist und Körper rein zu halten. Jedenfalls versuchen wir nicht, es anderen aufzudrängen. Eher seid ihr gelegentlich von den Eltern oder, wahrscheinlicher, den Großeltern ermahnt worden: ‚Das ist kein ordentliches Betragen für einen Juden.' So wirkt die Lehre der Erwähltheit sich halt im Alltag aus."
(HARRY KEMELMAN, TUESDAY THE RABBI SAW RED, 141 f.)

Des von Gott nie gekündigten Alten Bundes: Ein Fachmann kommentiert: Es hat um das päpstliche Wort des von Gott nie gekündigten Alten Bundes in römischen Kreisen Irritationen gegeben. Diese haben Johannes Paul II. nicht von seiner theologischen Linie abdrängen können. Vielmehr hat er seine Position der Ungekündetheit des Alten Bundes bei nachfolgenden Begegnungen mit Repräsentanten jüdischer Gemeinschaften wiederholt und bekräftigt ...
Das päpstliche Wort vom "Gottesvolk des von Gott nie gekündigten Alten Bundes" ist weit mehr als eine bloße Bekundung des guten Willens. Es ist theologisch wohl bedacht und steht sehr zentral in einem Geflecht von Aussagen päpstlicher Israellehre: Der mit Mose geschlossene Bund ist nie gekündigt worden; Gott hat niemals aufgehört, sein Volk zu lieben; das jüdische Volk steht nach wie vor in einer unwiderruflichen Berufung und ist immer noch Erbe jener Erwählung, der Gott treu ist.
[Hans Hermann Henrix, Der nie gekündigte Bund, Basis des christlich-jüdischen Verhältnisses (im Internet: http://www.jcrelations.com/articl1/henrix.htm]

Ob Jesus sich geschämt hat? Dazu ein Essay von 1983.

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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/jud-chri.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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