Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Gedanken zu Jesu Taufe

Material zum Weiterdenken


"Ein echtes Tier": Thomas von Aquin fragt [S.Th. III q 39 a 7], "utrum illa columba in qua Spiritus Sanctus apparuit, fuerit verum animal." Antwort: Ja. "Weil der Hl. Geist Geist der Wahrheit heißt, deshalb formte er eine wahre Taube, um in ihr zu erscheinen, nahm sie allerdings nicht in die Einheit der Person auf."

Computerfehler, die sich plötzlich als sinnvoll offenbaren

Jesu Maßstab: Die Gebote der Gottesliebe und der Nächstenliebe sind gleichwertig.

Massenmord am 11. September

Die Heilige Schrift hat Gott zum Autor. Das glauben die Christen, lernen freilich aus dem zynischen Spott, den Ambrose Bierce in "The Devil's Dictionary" dem Teufel zuschreibt, daß sie den entsprechenden Glauben der Muslime achten sollen, hoffend, auch diese möchten ihre alte These der christlichen Schriftverderbnis relativieren.

Ambrose Bierce: "Koran, n. A book which the Mohammedans foolishly believe to have been written by divine inspiration, but which Christians know to be a wicked imposture, contradictory to the Holy Scriptures."

In einem Buch von Míkel de Epalza [es ist 2002 im Otto-Lembeck-Verlag erschienen] erfahren wir über die moslemische Einschätzung des Neuen Testaments:

"3.4.2. Das verlorene Evangelium und die verdorbenen Evangelien

Die Muslime nehmen an, daß das von Gott an Jesus offenbarte Evangelium verschwunden sei. Es ist von Jesu Jüngern verdorben worden. Die vier christlichen Evangelien sind nicht Jesu Evangelium. Die Tatsache, daß es vier gibt und alle verschieden sind, ist für die Muslime ein klarer Beweis, daß sie nicht beanspruchen dürfen, das von Gott geoffenbarte göttliche Buch zu sein. So sagt es kurz, in einem spanischen Gedicht, ein Moriske aus dem Toledo des 17. Jh., Ibrahim Taybili, nachdem er als Flüchtling nach Tunesien gekommen war:

"Der heilige Koran enthält alles zusammen ... Die Evangelien, die die Kirche hat, sind eine bloße Geschichte des Lebens von Christus, wie Matthäus, Johannes, Lukas und Markus sie gesammelt haben."

Hier überwiegt klar das an Mohammed orientierte islamische Profetenbild, und zwar in Bezug auf das, was die Christen über die Beziehungen zwischen Jesus, dem Evangelium ("Frohe Botschaft") und den Evangelien ("Biografien Jesu") glauben. Nach koranischem Muster muß die Offenbarung ein Buch sein (nach christlichem ist sie die frohe Botschaft der Erlösung durch Jesus), dessen Bote den Text zu überbringen hat. Für die Christen dagegen sind die Evangelien Texte, Zeugnisse über Jesus, vorgelegt von seinen Jüngern, welche die wahren Verfasser der Texte sind. Allerdings hilft ihnen die göttliche Inspiration, Wahres zu schreiben. Daß der Jesus des Evangeliums nach muslimischer Auffassung dem Jesus der christlichen Evangelien nicht entspricht, liegt daran, daß diese verdorben sind und Jesu Evangelium verloren ging.

Zudem findet man im Koran Stellen, welche die Fälschung von Jesu Evangelium durch seine Jünger gut erklären. Trotz milderer Deutungen bei einigen muslimischen Autoren ist die Meinung des Ibn-Hazm von Córdoba, der die Evangelien für total verdorben hielt, die am meisten verbreitete; sie stimmt mit der Logik des gängigen islamischen Glaubens am meisten überein.242 Der Koran selbst bezeugt, nach muslimischer Meinung diese Verderbnis. Gott wendet sich an Mohammed und verheißt ihm eine Offenbarung, die man nicht verderben wie die früheren wird:

"Wir sandten zu dir das Buch in Wahrheit hinab, bestätigend, was ihm an Schriften voraus ging, und es schützend" (Sure, 5,48).

Auch andere Stellen betonen diese Idee. Hätten die Christen das wahre Evangelium Jesu befolgt, so wären sie, wie der Koran sie beschrieb:

"Und wenn das Volk der Schrift glaubte und gottesfürchtig wäre, wahrlich, wir bedeckten ihre Missetaten, und wahrlich, wir führten sie in die Gärten der Wonne. Und so sie erfülleten die Tora und das Evangelium und was zu ihnen von ihrem Herrn hinabgesandt wurde, wahrlich, sie speisten von dem, was über ihnen und unter ihren Füssen ist" (Sure 5,65, vgl. 7,72).

Gott selbst erklärt die Zeichen, welche die Anhänger des an Jesus offenbarten Evangeliums kennzeichnen müßten:

"Alsdann ließen wir unsere Gesandten ihren Spuren folgen; und wir ließen Jesus, den Sohn der Maria, folgen und gaben ihm das Evangelium und legten in die Herzen derer, die ihm folgten, Güte und Barmherzigkeit"
(Sure 57, 27).

Nach einer östlichen Kampfschrift in der spanischen Übersetzung der letzten Muslime Spaniens sind die christlichen Schriften unter der Inspiration des Satans abgefaßt worden. Wir haben schon gesehen, daß durch diese Fälschung von Jesu Botschaft durch seine Jünger sein furchtbares Scheitern zum Ausdruck kommt."

Entscheidend ist nicht, was real erfahren, sondern ob es gläubig verstanden wird: nämlich als meine existentielle, ewig entscheidende Wahrheit, an der ich persönlich arbeiten soll. Nur eine solche läßt sich im eigentlichen Sinn glauben. Der Rest ist Wissen oder Meinung.

Das ist mir neu klar geworden dank dem Brief eines Freundes [der Schweizer Dominik Schmidig ist 2003 gestorben], der nach Jahrzehnten als christlicher Hochschullehrer eine Summe seines Denkens zieht. Ich verfremde den Text wegen der Spurentilgung: [X] = absolut wahre Philosophie [Wissenschaftslehre von Fichte].

"Lassen sich die Einsichten der [X] überhaupt andern mitteilen bzw. vermitteln? Sprache ist doch notwendig objektivierend. Das eigentliche Ereignis der [X] - einsehendes Wissens-Wissen - ist in keiner Weise etwas Objektives, und auch nicht das Innewerden dieser 'Tatsache' (objektivierend ausgedrückt). Wissend darum, ist [X] also nur objektivierend anderen zu vermitteln, sonst kann es zu keiner sprachlichen Kommunikation kommen. Deshalb müssen in einer [X] anfänglich verwendete Ist-Aussagen allmählich als Soll-Aussagen verstanden werden; also funktional, die im Interessierten dazu führen sollen, nicht mehr an der Außenseite der Sätze hängen zu bleiben, sondern des allem Reden und Verstehen zugrundeliegenden Bewußt-Seins-Geschehens innezuwerden, d.h. zu einsehendem Wissens-Wissen zu gelangen. Die Methode des Vorgehens bei der Vermittlung der [X] könnte man etwa so umschreiben: Denke das und das! Schau Dir dabei zu! Achte, was sich dabei in Deinem Bewußtsein hintergründig tut. Werde m.a.W. inne, was Wissens- und Kommunikationsvorgänge im Bewußtsein erst möglich macht (Bedingungen der Möglichkeit).

Davon ist natürlich auch religiöses Bewußtsein und Leben nicht auszunehmen. Auch da haben biblische und theologische Aussagen eine Soll-Funktion, nämlich Betroffene auf einen höheren Sinn hinzuführen und das Leben aus ihm zu befördern. Zur Erfüllung kann ein menschliches Wesen nur kommen, wenn es aus dem Urgrund allen Bewußtseins und Lebens, aus und mit Gott lebt, ob es dazu via Offenbarung oder Transzendental-Reflexion, unmittelbarem Betroffensein oder wie immer gelangt."

Soweit der Brief. Als ich hier von "Soll-Funktion" las, erinnerte ich mich einiger schockierender Sätze von George Spencer-Brown, des geheimnisvollen Denkers, dem Niklas Luhmann sein erstes Prinzip "Draw a distinction" verdankt. Im Februar 1985 schrieb er [Laws of Form / Gesetze der Form, Lübeck 1997, S. x; xii]:

"Es sollte beachtet werden, daß es in diesem Text nirgendwo einen einzigen Satz gibt, welcher besagt was oder wie irgendetwas ist. Man erzählt uns nichts über irgendetwas. Alles, was geschieht, ist, daß wir angewiesen werden, einen Satz von Befehlen zu befolgen, und, zu verschiedenen Intervallen während des Vorgangs, das zu betrachten, was wir entdecken, das wir als Resultat kennen.

Mit anderen Worten geht dieser Text nirgendwo nach der selbstbetrügerischen Methode von Gerede und Interpretation vor, sondern nach der selbstkorrigierenden Form von Befehl und Betrachtung.

Das ganze gegenwärtige Bildungsestablishment der zivilisierten Welt ist mit einem gigantischen Betrug beschäftigt: dem großen Schwindel von GI - Gerede und Interpretation: der ganz und gar falschen Doktrin, daß jemand etwas wissen kann, indem man es ihm erzählt.

Erzählen kommuniziert in keiner Weise Wissen, welcher Art auch immer. Es tat es nie, konnte es nie, und es wird es niemals tun. Der einzige Weg auf dem Wissen mitgeteilt werden kann ist durch BB - Befehl und Betrachtung. ...

Mozart erzählte ebenfalls niemals jemandem etwas und führte daher niemals jemanden in die Irre. Er schrieb bloß einen Satz von Anweisungen an ein Orchester, der exakt besagte, welche Noten auf welchen Instrumenten wann gespielt werden sollten. Wenn sie die Anweisungen für, sagen wir, das Klarinettenkonzert, ohne Frage oder Erklärung befolgen, werden sie wissen, wie Musik im Himmel klingt. Und auch du wirst das wissen, selbst wenn du nur in der Nähe des Orchesters stehst, während sie die Anweisungen befolgen. Hätte dir das irgendein Musikkritiker, so brillant seine Beschreibungsfähigkeiten auch sein mögen, jemals erzählen können? Selbstverständlich nicht!

Laß es mich nochmals sagen: Überhaupt nichts kann durch Erzählen gewußt werden.

Und dennoch fährst du fort, mich zu beschwatzen: sag es mir, sag es mir!

Oh ja, ich kann. Aber ich will nicht. Doch wenn du zu mir zur Schulung kommst, werde ich dich unterweisen.

Nur so kannst du jemals wissen."

Was mag sich aus all dem für eine künftige christliche Unterweisung ergeben?

Mich untertauchen lassen, als neuer Mensch warten: Hier ein Tip für Saunafreunde. Das Untertauchen im Kaltwasserbecken läßt sich gut zum privaten Ritus aufladen, der die eigene Taufe erneuernd aktualisiert: Ah, alles Gierige und Feige in mir soll jetzt ersaufen, wie ehedem bei der Sintflut. Damals, und bei Jesu Taufe, hat eine Taube den Anfang des neuen Lebens gebracht. Komm also, Heiliger Geist, diesmal nicht in Taubengestalt sondern bedeutet von der rettenden Luft, die mir nun in die Lungen strömt, erfüll mich mit Deiner Kraft, damit auch ich den Menschen verkünde: Nahe ist Gottes Reich.

Augustinus-Zitat: "Humilitas" scheint mir hier mit "Niedrigkeit" besser als mit "Demut" übersetzt.

Kampf ist auf Erden notwendig

Topor-Bild

Hans Henny Jahnn

Die köstliche Episode vom heiligen Philipp Neri berichtet Goethe: »Eine merkwürdige, obgleich schon bekannte Prüfungsgeschichte wird man hier wegen ihrer besondern Anmut nicht ungern wiederholt finden. Dem heiligen Vater war angekündigt, in einem Kloster auf dem Lande tue sich eine wunderwirkende Nonne hervor. Unser Mann erhält den Auftrag, eine für die Kirche so wichtige Angelegenheit näher zu untersuchen; er setzt sich auf sein Maultier, das Befohlene zu verrichten, kommt aber schneller zurück, als der heilige Vater es erwartet. Der Verwunderung seines geistlichen Gebieters begegnet Neri mit folgenden Worten: „Heiligster Vater, diese tut keine Wunder, denn es fehlt ihr an der ersten christlichen Tugend, der Demut; ich komme durch schlimmen Weg und Wetter übel zugerichtet im Kloster an, ich lasse sie in Eurem Namen vor mich fordern, sie erscheint, und ich reiche ihr statt des Grußes den Stiefel hin, mit der Andeutung, sie solle mir ihn ausziehen. Entsetzt fährt sie zurück, und mit Schelten und Zorn erwidert sie mein Ansinnen; für was ich sie halte! ruft sie aus, die Magd des Herrn sei sie, aber nicht eines jeden, der daherkomme, um knechtische Dienste von ihr zu verlangen. Ich erhub mich gelassen, setzte mich wieder auf mein Tier, stehe wieder vor Euch, und ich bin überzeugt, Ihr werdet keine weitere Prüfung nötig finden.“ Lächelnd beließ es auch der Papst dabei, und wahrscheinlich ward ihr das fernere Wundertun untersagt.«

Da fällt mir der garstige Spruch ein: »Niemand ist unnütz, er kann mindestens als abschreckendes Beispiel dienen.«

Ich-Schwäche


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/jordan_m.htm

Zurück zum Text der Predigt

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann