Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Boten des Herrn in geraffter Zeit

Gedanken zum dritten Sonntag im Jahreskreis


I.

Es gibt Christen, sogar Juden, die das "Buch" Jona nie gelesen haben. Es heißt Buch, ist aber eine Kurzgeschichte, so kurz, daß ich sie in einer Story-Sammlung als eine der ersten lesen würde. Nehmen Sie einmal Ihre alte Familienbibel zur Hand - oder eine neue - und lesen Sie dieses spannende Stück.

Sollten Sie jetzt trotzdem hier weiterlesen, ist es zwar schade um die Spannung, sie kann aber auf andere Weise sogar noch haarsträubender werden: wenn Sie beim Lesen des Originals plötzlich ahnen: Es geht da nicht um irgendein Abenteuer aus Tausend-und-einer-Nacht. Bin dieser Jonas gar ich?

Ein Mann kriegt einen Auftrag. Mach dich auf den Weg, geh in die heidnische Hauptstadt und droh ihr mein Strafgericht an. Jona macht sich auf den Weg, aber nicht ostwärts nach Ninive (heute im Irak) sondern zu Schiff nach Norden. Er lehnt den Auftrag ab, will kein Untergangsprophet sein. Aus Mitleid? Im Gegenteil! Er fürchtet die Blamage. "Ich wußte, daß deine Drohungen dich reuen", erklärt er dem Herrn zuletzt, nachdem der ihn durch Sturm und Walfisch dazu gebracht hat, den Auftrag doch noch auszuführen, wie augenzwinkernd knapp berichtet wird: "Das Wort des Herrn erging abermals an Jona: Mach dich auf den Weg, und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren." Widerwillig bringt er seine Bußpredigt an: "Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört." Und das Befürchtete trifft ein, die Stadt bekehrt sich, sogar die Tiere legen Bußgewänder an! "Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, daß sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus."

Jona ist sauer, will lieber sterben als nach solch lächerlicher Schande weiterleben. Lesen Sie selbst, wie freundlich und geradezu sozialpädagogisch trickreich der Herr seinem störrischen Propheten den Kopf zurechtsetzt, hier wird das nicht verraten. Jona ist ein von Gott selbst geprägtes Muster eines gläubigen Menschen in seinen Beziehungen zu den ungläubigen, heidnischen Mächten seiner Zeit.

Ein solches Muster, das ist wichtig. Es gibt andere. Mein Freund WR, der in Japan gelebt hat, will von keiner bestimmten Botschaft Gottes reden, weil allzuleicht jede "zu militanter Ideologie verdirbt ... So wie der Muslim Allah im Griff hat, wenn er sich ihm und ihm andere unterwirft ... Jeder ist ein Erleuchteter, nicht nur irgendwelche Auserwählten oder solche, die sich abmühen ... Ist das ungeschichtlich gedacht? Gewiß! Ist das gnostisch? Nein! Es ist christlich, weil alles relativiert wird, außer Gott! ... Der Fehler war: Man hat den Mythos rationalisiert - nun ja - doch als man anfing, ihn historisch zu legitimieren und gleichzeitig zu lokalisieren, begann der Irrweg. Davon müssen wir jetzt schmerzlich Abschied nehmen, wenn das Christentum einen Beitrag zum Frieden leisten will ..."

Solch ungeschichtliches, östlich-mystisches Denken betont von Anfang an das all-versöhnende Leben des Heiligen Geistes in jedem Menschen und ist deshalb - innerhalb des drei-einigen christlichen Spektrums - ein anderer Farb-Akzent als der des Jona, der nach seinem Abenteuer mit Gottes heilsgeschichtlich-bestimmtem Auftrag erst zuletzt vom all-umfassenden Heil überrascht wird. Anfang, Verlauf und Ende sind dabei nicht äußerlich-zeithaft aufzufassen, es geht vielmehr um eine innere Zeit. In jedem Augenblick jeder Epoche und jedes Menschenlebens (denn Gott ist Mensch geworden, folglich auch die Tiefe jedes seiner Menschengeschwister) gilt die Spannung beider "Sinn-Takte": Vorher ergeht ein bestimmter Auftrag, zuletzt offenbart sich das unbegrenzte Heil. Es ist jeweils, und zwar nach Gottes Willen! etwas "dran", was im Rückblick dennoch "es eigentlich nicht macht" und trotzdem zu Ewigem Leben bestimmt bleibt.

Dabei kann Inhalt des bestimmten Auftrags vielerlei sein, das Leiten einer Pfarrei ebenso wie der (aussichtslose?) Einsatz bei Wir-sind-Kirche gegen geistlosen Trott ringsum. Ein Sartre wußte sich sogar zur gottlosen Propaganda vom Heiligen Geist gesandt und ich widerspreche seiner Meinung, er habe auch ihn noch ausgetrieben. Eine göttliche Sinndimension wird kein Sterblicher ganz los. Auch mit der Verkündigung des Unbegrenzten kann jemand beauftragt sein; so versteht sich anscheinend mein Freund, wenn er - formal doch auch wie Jonas - fortfährt: "... und nicht einfach untergehen soll, wie die real existierende Kirche mit ihrer Priesterschaft, in absehbarer Zeit." Ähnlich hat Abt Joachim von Fiore vor achthundert Jahren auch geweissagt ...

Die Gegenwahrheit predigte Kardinal Ratzinger, indem er als aktueller Jonas das moderne Ninive mit immer neuen Dokumenten überzog - und weiß doch seit konzilsbegeisterten jungen Jahren gut, daß es zu Gott so viele Wege wie Menschen gibt. Offenbar hat, wer immer es ernst meint mit seinem Leben, etwas von Jonas und sitzt irgendwann verdrossen unter seinem Strauch, weil das, was er für Gottes Logik gehalten hatte, nicht aufgeht, mithin eher seine als die göttliche war. Noch so gescheite philosophische und theologische Systemversuche haben das wirkliche Ganze nie "im Griff" - wie auch eine Taucherin nicht den Ozean, und schwimmt doch ganz ohne Walfisch freudig in ihm herum.

Ich stelle mir einen nicht überlieferten Schluß der Jona-Geschichte vor, daß nämlich Gott zum Propheten sagt: Jetzt geh heim nach Israel, erzähl den Leuten dort deine Erlebnisse und schreib sie auf, für ihre Kinder, damit beides wohl unterschieden und nie vergessen wird: erstens, daß ich euch als Boten brauchen will, und zweitens, daß meine Begegnung mit den anderen nicht mehr eure Sache ist. Weil Jona auch diesen Auftrag ausgeführt hat, enthält die Bibel sein Buch. Wer von ihm angerührt wird, wende sich an denselben Herrn: Was ist dein Auftrag an mich? Und sollte er nach irdischem Maßstab scheitern, bleib bitte bei mir!

II.

Die zweite Lesung bringt das berühmte "Als-ob-nicht" des heiligen Paulus, ich wähle die Übersetzung von Fridolin Stier: "Dies aber spreche ich aus, Brüder: Die Zeit ist zusammengedrängt. Künftighin seien jene, die Frauen haben, als hätten sie keine; die da weinen, als weinten sie nicht; die sich freuen, als freuten sie sich nicht; die kaufen, als behielten sie nicht; und die mit der Welt umgehen, als wenn sie nicht in ihr aufgingen. Denn vorüber geht die Gestalt dieser Welt."

"Zusammengedrängt" ist die wörtlichere Übersetzung, treuer als das übliche "kurz" [wie schon auf lateinisch und bei Luther] oder "knapp". Das griechische Wort bezieht sich auch auf ein gerafftes Kleid. Die Zeit, um die es hier geht, ist wiederum nicht die Kalender- und Uhrenzeit (chronos) sondern die je aktuelle Zeit (kairós), die dran ist. Sie also ist für Christen "gerafft", wie wenn eine Dame ihr Abendkleid neben einer Pfütze schützend rafft, damit es vom vorbeispritzenden Auto möglichst wenig verunstaltet wird. Und "zusammengedrängt" ist unsere Zeit, gleich einer gespannten Feder, die nur darauf lauert, in Aktion zu springen. Des Paulus "Als-ob-nicht" hat nichts Grämliches, mahnt nicht zu Resignation, als wäre eh' alles egal. Im Gegenteil: Weil dem Erlösten nichts mehr egal ist sondern jedes Lebens-Atom schon ein Stück des Ewigen Reiches, deshalb kennt er nur mehr geraffte Zeit, keine flatternd lange Weile.

Jesus hat den Anbruch von Gottes Reich für bald angekündigt, die ersten Christen rechneten fest damit, ihn persönlich zu erleben. Erst Lukas mußte sich daran machen, die weiterlaufende Zeit der Kirche theologisch zu verarbeiten. Seither sind fast zwei Jahrtausende vergangen, und selbst einer Atomkatastrophe würde kaum alles menschliche Leben erliegen. Gibt es für uns keinen Weg zurück zu jenem hochgespannten Anfang, müssen die Großkirchen die Naherwartung ferner ein paar Sekten überlassen, die bei nicht eintreffendem Weltuntergang schon keinen Ruf mehr zu verlieren haben?

Johann Baptist Metz sieht es nicht so. Er ruft uns eindringlich auf: "Die leidenschaftliche Erwartung des 'Tages des Herrn' führt weder in eine pseudoapokalyptische Traumtänzerei, in der alle praktischen Zumutungen der Nachfolge verdampft und vergessen wären, noch treibt sie in jenen gesinnungslosen Radikalismus, für den die Gebete der Sehnsucht und der Erwartung nur durchschaute Formen der Verweigerung oder der Selbsttäuschung sein könnten. Naherwartung erlaubt keine Vertagung der Nachfolge. Nicht das apokalyptische Lebensgefühl macht apathisch, sondern das evolutionistische. Es ist das Zeitsymbol der Evolution, das die Nachfolge lähmt; Naherwartung dagegen versieht die evolutionistisch beruhigte und verführte Hoffnung mit Erwartungs- und Zeitperspektiven. Sie bringt Zeit- und Handlungsdruck in das christliche Leben." [Glaube in Geschichte und Gesellschaft (Mainz 1977),156]

Auf die Ewigkeit unser Herz ausstrecken sollen wir innerhalb des Jetzt; in unserem und der Dinge Innerem sozusagen, keinesfalls auf der Zeitlinie vorwärts schielend, in Richtung auf ein späteres Dann. Daß wir uns - die wir jetzt sind - erlöst im Himmel wiederfinden, diese unendliche Tatsache soll ich nicht auf einem anderen Punkt der endlichen Zeitachse ansiedeln, das wäre gelogen, denn einen solchen Punkt zeigen Kalender und Uhr niemals an: "Und es kommt nichts nachher", weiß Bert Brecht. Doch wird (so vertraut unser Herz) das ewige JA jedes scheinbar durchnichtete Jetzt in sich selbst entnichten, ins unvergängliche Sein hinein retten - und jedes bittere Jetzt jäh einschmelzen in den befreienden Jubel des Ganzen.

Es ist leicht einzusehen, daß solche im Jetzt gelebte Hoffnung den Grenzfall einer unmythologischen Naherwartung verwirklicht. Nicht auf irgendein fernes Dann richtet sie sich ja, vielmehr auf die unmittelbare Verewigung der gerade erlebten Situation. Sooft ich mir das klar mache, durchrieselt mich die schärfste Spannung: Mein Gott, wie wird dies jetzt DANN sein? Jene unbekannten Menschen um mich her - welche Schicksalsfäden verbinden sie mit mir? Der Komponist der schönen Orgelmusik, die in der alten Kirche eben geprobt wird, wer wird er - auch mir DANN - damals gewesen sein, als er seine Harmonien fügen durfte? Und die vielen Orgelspieler und -hörer, die seither bei diesen Klängen gefühlt, gebetet und gehofft haben oder das in späten Jahrhunderten noch tun, werden wir uns alle DANN zu einer Gemeinde zusammenfinden?

Ich bezeuge: wer seine Stunden und Tage als ebenso viele Lebenskreise vollzieht, deren jeder unmittelbar verewigt wird, ohne den Umweg über einst, der lebt nicht mehr in der von Metz angeprangerten Stetsbereitschaft, der mogelt sich nicht hinaus aus der zeithaften Grundverfassung des Christentums. Vielmehr ist er, ähnlich wie die ersten Christen, erregt auf den Tag des Herrn ausgespannt. Wie kann solcher Ausblick aber zur Grundstimmung einer Gemeinschaft werden? Das war die Lage der Urchristenheit. Ist sie auch heute möglich? Können aufgeklärte Christen an der Wahrheit der Naherwartungssekten teilhaben, ohne deren Unsinn mitzumachen? Dies zu Recht fordern ist eines - wie wäre es zu fördern?

Jede Eschatologie arbeitet mit einer bestimmten "Optik", je nachdem, welcher Seinswelle Ende bedacht wird. Geht es um mein Einzelleben, dann gilt die Auferstehung im Tode. Betrachten wir die Weltgeschichte, so warten wir auf den Jüngsten Tag. Zieht sich alles auf meinen jeweiligen Jetztvollzug zusammen, dann kann man von der Verewigung des Augenblicks sprechen.

Warum verwandte die Urchristenheit eine vierte, die Optik der Naherwartung? Weil sie eine lebendige, solidarische Gruppe war. Eine solche lebt stets im Katastrophenbewußtsein, weiß ihr Ende nahe, Eltern spüren das: selbst wenn es uns gelingt, unsere Kinder vor Autos und Drogen zu beschützen, gehen sie doch bald fort, sind hoffentlich freie und glückliche Menschen, aber gewiß nicht mehr diese wunderbar herzigen Wesen wie jetzt. "Kinder, es ist die letzte Stunde" (1 Joh 2,18) - laßt sie uns nicht bloß fotografieren, sondern vor allem so leben, daß sie - vorbei - nicht leer gewesen sei!

Oder denken wir an eine Befreiungsgruppe, z. B. christliche Sandinisten in Nicaragua vor des Diktators Sturz. Wissen sie nicht aus der Geschichte, wie es noch jeder Revolution nach ihrem Sieg ergangen ist? Haben sie nicht das persische Beispiel vor Augen? Kinder, es ist die letzte Stunde, nie mehr wird es so wie jetzt.

Nicht zu leugnen ist freilich, daß die Urchristenheit auch Züge einer Sekte aufwies. Man erwartete den baldigen Untergang der Welt, ja erhoffte ihn als Anbruch der eigenen Herrschaft. Von diesem Geist hielt Jesus wenig (vgl. Mt 20,20-23). Als triumphalistische Gebärde ("Bald werden wir es euch schon zeigen!") scheint mir die Naherwartung nicht besonders christlich. Sollte sie nicht eher das bittere Bewußtsein des baldigen Todes einer einmaligen Gemeinschaft sein, ausbalanciert von der Hoffnung auf deren Unzerstörbarkeit in Gott?

Pflücke den Tag, sagt der Heide; knapp ist die Zeit, kauft sie aus, ruft Paulus (1 Kor 7,29; Eph 5,16). Beides klingt gleich; der Gegensatz liegt im Motiv. Der Tagpflücker will ihn auch selbst essen und ist bald satt und gelangweilt; wer die knappe Zeit aber im Dienst der Liebe nutzt, bangt um "der Liebe Dauer" (F. Freiligrath). Das ist weder die Zeit der Physik noch die Weltgeschichte noch meine Lebensjahre noch ein Moment, sondern eine durch unbekannte Faktoren - Gräber gibt es vielerlei - bedrohte Spanne:

"O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst!"

Ein Liebender läßt sich in seinem Protest gegen das Sterben nicht von Epikurs ebenso berühmtem wie falschem Argument abwiegeln; es bezieht sich halt nur auf den individuellen Tod, nicht aber auf das Ende eines lieben Wir: "So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen" (Brief an Menoikeus).

Ihre volle Kraft entfaltet "Nachfolge in Naherwartung" (Metz) dort, wo das Urchristentum entstand: am Rande der Gesellschaft. Eine Basisgemeinde in einer Favela von Rio, deren Mitglieder dank glühend-apokalyptischer Bilder tief überzeugt sind, daß eben jetzt, wo die Bulldozer ihre Hütten zersplittern, Gottes Gericht über die sündige Welt schon ergeht, in welcher Haltung, mit welchen Worten und Taten werden sie den Vertretern des Regimes entgegentreten? Sobald ein Existential nicht mehr nur privat sondern öffentlich in einer Gruppe sich vollzieht, wird es notwendig politisch. Ist der Verdacht ganz abwegig, daß in den reichen Kirchen der ersten Welt der Glaube mehr gemeindlich beredet als gemeinsam gelebt wird und daß wir darum ein dermaßen mattes Licht der Welt sind?

Die Urchristenheit war ein Netz von Basisgemeinden. Laßt in Europa neu solche erstehen, und eine - kritische, nicht mehr mythologische - Naherwartung wird sie erfüllen. Diese unentbehrliche Optik bildet zusammen mit den anderen End-Einstellungen das geistige Gefüge der Hoffnung, die in den Christen ist. Wann steckt sie die vielen an? Vielleicht dann, wenn die Kirche bei der Verkündigung ihrer Hoffnung endlich nicht mehr monopolistisch auftritt. Denn Ernst Bloch hat recht: Daß die Leugnung des Ewigen Lebens in gewissen Kreisen als chic gilt, liegt nicht nur an deren Unglauben!

III.

"Ich werde euch zu Menschenfischern machen." Abgründiges Wort, wie ist es eingetroffen! Zu Millionen lagen sie zappelnd im Kirchenkutter, die großen und kleinen Fische, entrissen ihrem Element, Beute für den unersättlichen Hunger ihrer schlau manipulierenden Fänger. Viele sehen es so, auch so kann man es sehen. Kyrie eleison! Gemeint hat Jesus es anders. Jedes Gleichnis stimmt nur zum Teil, auch der "Gute Hirt" blendet die Stunde aus, da der gewöhnliche Hirt zum Schlachtmesser greift. Verantwortungsbewußte Fischer machen die Netzmaschen nicht zu klein und werfen allzu Junges ins Meer zurück.

Sollten wir Jünger uns daran nicht ein Beispiel nehmen? Und weniger auf Kindertaufe und flächendeckenden Religionsunterricht setzen als - wie in den ersten Zeiten - auf die Strahlkraft erwachsener Gläubiger in geschwisterlichen Gemeinden? "Redet nicht aber antwortet wenn man euch fragt", das Motto der kleinen Brüder und Schwestern Jesu bietet sich an.


Zum Weiterdenken:

Sartre: "Im Jahr 1917 wartete ich eines Morgens in La Rochelle auf Mitschüler, die mich ins Gymnasium begleiten sollten; sie verspäteten sich, so daß ich bald zu meiner Zerstreung nichts mehr zu erfinden vermochte und beschloß, an den Allmächtigen zu denken. Augenblicklich machte er sich in den Azur davon und verschwand ohne irgendeine Erklärung: er existiert nicht, sagte ich, höflich erstaunt, zu mir selbst, und hielt die Angelegenheit für abgetan. In gewisser Weise war sie es auch, denn seither habe ich niemals die leiseste Versuchung gespürt, ihn von neuem zu beschwören. Aber der Andere blieb, der Unsichtbare, der Heilige Geist, der meinen Auftrag garantierte und mein Leben durch große, anonyme und geheiligte Kräfte regierte. Von dem da konnte ich mich um so schwerer frei machen, als er sich im hinteren Winkel meines Kopfes eingerichtet hatte mit Hilfe von eingeschmuggelten Begriffen, derer ich mich bediente, um mich zu verstehen, meine Lage zu bestimmen und mich zu rechtfertigen. Wenn ich schrieb, so hieß das lange Zeit, daß ich den Tod und die maskierte Religion darum bat, mein Leben dem Zufall zu entreißen. Ich war ein Mann der Kirche; als Militant wollte ich mich durch die Werke retten; als Mystiker bemühte ich mich darum, das Schweigen des Seins durch ein lästiges Geräusch von Wörtern zu enthüllen, wobei ich vor allem die Dinge mit ihren Namen verwechselte. Das ist: Glauben ... Die Illusion der Rückschau ist zerbröckelt; Märtyrertum, Heil, Unsterblichkeit, alles fällt in sich zusammen, das Gebäude sinkt in Trümmer, ich habe den Heiligen Geist im Keller geschnappt und ausgetrieben; der Atheismus ist ein grausames und langwieriges Unterfangen; ich glaube ihn bis zum Ende betrieben zu haben." [Jean-Paul Sartre, Die Wörter, Gütersloh o. J. 229 ff.]

Abt Joachim von Fiore (+ 1202) ist derzeit wieder von atemberaubender - und zugleich -spendender - Aktualität !

Bert Brecht

Seinswelle

Jüngster Tag

Ernst Bloch: "Beiden Meinungen gegenüber gilt wissenschaftlich, also auch für die mechanistisch-nihilistische nur ein non liquet; denn das gegebene Material reicht für beide Antworten nicht aus, um mehr als ein Peut-être fürs Überdauern wie aber auch fürs Nicht-Überdauern herauszuschlagen. Mit dem wissenschaftlichen Unterschied aber, wie ihn Kant in den ‚Träumen eines Geistersehers' angibt: daß bereits das kleinste festgestellte Zeichen postmortaler Art genügen würde, um die ganze Sphäre zu retten, während die pure Abwesenheit solcher Zeichen noch nicht ausreicht, um die ganze Sphäre dogmatisch zu verneinen. Ideologisch tritt überdies das durchaus nicht nur wissenschaftliche Interesse hinzu, das das Bürgertum seit der Renaissance (Pomponazzi, de immortalitate animae, 1516) sehr oft am leibseelischen Tod hatte; zum Zweck, dem Untertan die entnervende Höllenfurcht zu nehmen und vor allem dem heiligen Rom seine lösende Schlüsselgewalt. Von daher das längerwährende Befreiungsgefühl, die revolutionär gewordene, keinesfalls auch niederdrückende Reproduktion des Kohelet-Satzes, der Mensch gehe dahin wie das Vieh; das politische Bonum von damals überdeckte den tiefen, nicht einmal tiefen Pessimismus dieses Satzes. Samt der Entwertung, die ja nicht nur, mit wieviel Recht, den oppressiv gebrauchten Jenseitsschreck wegnimmt, sondern auch jede versuchte Sinngebung über den Tod hinaus. Und nun auch, weit über die individuelle Vernichtung hinaus, das gesamte Menschheitswerk einsam, sinnlos, vergeblich macht - mit dem schließlichen Hintergrund kosmischer Entropie oder vorher des Atomtods auf Erden." [Atheismus im Christentum (Frankfurt/M 1968,340]


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/jonas.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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