Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Unsere innerste Lebenswahrheit: Jesu Einheit mit Gott

Gedanken zum siebten Sonntag der Osterzeit


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Ein Riß zwischen Sohn und Vater

wird sogar von Kindern gespürt

Christus unser Mittler

Kinder im SOHN

Wörtlein im WORT

Wahrheit und Grenze der Mystik

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Ein Riß zwischen Sohn und Vater

"Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" (Joh 17,21). Die Einheit Jesu mit dem Vater ist das Vorbild, wie alle, die an Christus glauben, untereinander eins sein sollen. Das ist nicht nur ein erschreckend hoher Anspruch, er ist auch geheimnisvoll. Jesu Einheit mit dem Vater war ja keineswegs spannungslos. Im Gegenteil! "Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst", so hat Jesus am Ölberg voller Angst gebetet. Und als er dann, grausam festgenagelt, in gräßlichen Schmerzen dahing, hat er bloß noch gestöhnt: "Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?" Von Einheit mit Gott war nichts zu merken, scheinbar trennte beide ein unendlicher Riß.

wird sogar von Kindern gespürt

Der ist geheilt worden, das feiert die Kirche an Ostern und Himmelfahrt. Jesus sitzt zur Rechten des Vaters, ist mit ihm in der Einheit des Heiligen Geistes der eine unendliche Gott. So bekennen wir mit den Worten des Dogmas. Sind wir auch fähig, dessen Sinn innerlich zu erfassen? Nicht so leicht, fürchte ich. Wenn wir das, was sich in unserem Geist tut, nicht aus langer Nicht-denk-Gewohnheit überschminken sondern ehrlich anschauen, so gewahren wir den alten Riß zwischen Jesus und dem Vater. Kindermund spricht auch hier die Wahrheit. Eine Katechetin berichtete neulich von der Frage "Ist der liebe Gott nicht beleidigt, wenn ich zum Herrn Jesus bete?" Von jüdischer und muslimischer Christentumskritik hatte der Knabe bestimmt nie gehört und traf doch genau den Punkt. Die Antwort "aber nein!" hat ihm vermutlich genügt - bis wann? Eine wache Christin schrieb mir: "Dazu muss ich sagen, dass auch ich große Probleme damit habe, wie ich zu Gott, als Vater, eine intensive Beziehung haben kann. Auch ich kann mich nur an eine Person intensiv binden. Vielleicht gehöre ich halt zu denen, über die es heißt: Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Ich kann jedenfalls daran nichts ändern."

Christus unser Mittler

Wie hätte die Katechetin dem fragenden Kind so antworten können, daß die Frage nicht nur weggewischt sondern beruhigt worden wäre? Ich stelle mir vor: Schau, Jesus will überhaupt nichts anderes als der liebe Gott. Auf Erden, da war das manchmal schwer für ihn, denk an den Ölberg. Im Himmel aber will Jesus immer ganz dasselbe wie der Vater. Und wenn du zu ihm betest, was tut er dann? Er wendet sich dir zu, lacht über's ganze Gesicht, streckt dir seine Hand hin, ergreift die deine und zieht dich an sich: Komm! Dann dreht er dich um, zeigt dir den Vater und sagt: "Jetzt vergiß mich. Du gehörst zu mir, drum schau in dieselbe Richtung wie ich, hin zum Vater. Höre, was ich zu ihm sage: ‚Die Welt soll erkennen, daß du die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.' Stimm in mein ‚Du, Vater!' ein, so wird mein Gebet auch deins. Aus eigener Kraft könntest du gar nicht zum Vater beten, du weißt ja, niemand kennt den Vater als der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will. Damit du in mein Gebet einstimmen kannst, deshalb ist es recht, daß du zu mir kommst, indem du zu mir betest."

Gläubige Christen können Jesu Einheit mit dem Vater zwar in einem Bekenntnissatz sagen, das so Gesagte innerlich vollziehen aber nicht auf einmal sondern nur in unterschiedlichen, auch zeitlich voneinander abgesetzten Etappen.

1) Entweder der geschaffene Mensch wendet sich an den ihm in Christus menschlich erschienenen Gott, weiß sich als Freund(in) IHM dem göttlichen Freund gegenüber, bei dem ich in Zeit und Ewigkeit gut aufgehoben bin. Weil es zwischen geistlichen Etappen keine Rangfolge gibt, erst recht keinerlei Rivalität, deshalb kann es sein, daß eine Seele ihr Leben lang in dieser Etappe verbleibt. Dann fehlt ihr nichts. Sie ist bei Gott, göttlicher kann sie es nicht haben. Ob jüdischer Glaube Gott in seinem Tempel anbetet, islamischer im heiligen Wort des Koran oder christlicher im Tempel des Osterleibes Christi, macht zwar einen Unterschied, keinen allerinnersten aber: die geistige Beziehung Geschöpf/Gott ist rein übernatürlich, wird von irdischen Differenzen nicht erreicht.

Kinder im SOHN

2) Oder im Geschöpf, als ungeschaffener ICH-Blick im geschaffenen Auge, wendet der Sohn selbst sich in innergöttlicher Beziehung an DICH den Vater - und ich, diese(r), bin dabei. Das ist ein anderes Verhältnis als das vorige, nicht die Beziehung des Geschöpfes zum Schöpfer sondern die vom Geschöpf mitvollzogene innergöttliche des Sohnes zum Vater. Wo sie sich existentiell ereignet, darf man von Liebesmystik sprechen. Weil christliche Mystiker wissen, daß solcher Blick in des Vaters Herz ihnen nur in Teilhabe am Sohn gewährt werden kann, deshalb beunruhigen sie sich nicht, auch wenn sie nach diesem Vollzug merken, daß sie - während seiner - Jesus vergessen mußten und daraufhin, sobald sie von ihrem Erlebnis stammelnd berichten, ins Visier der kirchlichen Obrigkeit geraten, die ja alle Glaubenswahrheiten hüten muß und stets lauert, ob irgendwo eine unter den Tisch zu fallen droht. Meister Eckhart ist es so ergangen, auch Johannes vom Kreuz mußte aus dem Ordenskerker, wo man ihn zum Schweigen bringen wollte, heimlich fliehen.

Wörtlein im WORT

3) Noch radikaler "unzwei" (indisch: a-dvaita) offenbart die innergöttliche Beziehung sich als Selbstmystik, wenn sie - statt zwischen ICH Sohn und DU Vater zu schwingen - sich innerhalb desselben göttlichen ICH ereignet, als Verhältnis Gottes (ICH) zu sich als der Selbstaussage, dem Wort "ICH". "Ehe Abraham ward, bin ICH", sagt Christus (Joh 8,58), deshalb dürfen wir des Paulus paradoxen Ausruf "ich lebe aber nicht mehr ich, Christus lebt in mir" (Gal 2,20) auch so verstehen: ICH, Gott in Person, lebe in diesem Menschen, will auch hier/jetzt als ich [und du, liebe(r) Leser(in)] ein Stück Raumzeit von ganz innen her beleben und aus Erde in Himmel wandeln. Keineswegs zu viel hat die Schlange versprochen, sondern lügnerisch Unmögliches. Nicht bloß "wie Gott" sollen wir werden, das geht nicht. Gott ist einzig. Aber wahrhaft Gott selbst dürfen wir sein. Nietzsches Protest ist ein Mißverständnis. "Aber daß ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter. Wohl zog ich den Schluß; nun aber zieht er mich." Das ist - obwohl es Götter wirklich nicht gibt - ein Fehlschluß. "Gott sein" schrieb 1966 ein Kommunionkind in Naila als äußerstes Begehren auf seinen Wunschzettel. Wer so fühlt, braucht keinen Mangel auszuhalten, muß sich nur trauen, an die ungeheure Würde zu glauben, die jedem kleinsten Glied an Christi Leib zukommt. Solange dein Ohrläppchen am Leibe ist, sagst ja auch du über es in Wahrheit "ich". Ich vor dem Spiegel bin unendlich wirklicher als ich, der aus ihm herausschaut. Denn jener ist heimlich auch alles, dieser nur ein winziges Stück Welt.

"Eine Frau, die sich im Spiegel anschaut und sich schmückt, fühlt nicht die Schande, sich - dieses unendliche Wesen, das alle Dinge anschaut - auf einen kleinen Raum einzuschränken. Eine sehr schöne Frau, die ihr Bild im Spiegel anschaut, mag recht wohl glauben, daß sie das ist. Eine häßliche Frau weiß, daß sie das nicht ist." (Simone Weil, Schwerkraft u. Gnade, München 1954, S. 102 f; Zeichnung: Peter Koenig, ehedem in Maidenhead)

 

Wahrheit und Grenze der Mystik
Wo immer einer Menschenseele das mehr oder minder klare Bewußtsein ihrer Einbezogenheit in die innergöttliche Beziehung geschenkt wird, da verschwindet jegliche irdische Voraussetzung ihr ähnlich, wie ein Liebender beim Kuß seiner Geliebten nicht an die chemischen Abläufe denkt, die zu den Lippenbewegungen beitragen. So erklärt es sich, daß Mystiker aller Glaubensrichtungen sich bestens miteinander verstehen, weit besser als jeder mit der eigenen Religionsbehörde. Der gott-trunkene Moslem Al-Halladsch wurde im März 922 im selben Bagdad als Ketzer totgefoltert, wo auch heute im Namen Gottes so viel gemordet wird. "Ich bin die Wahrheit" soll er gesagt haben, das ging den Mullahs zu weit. Als einen Vorteil des Christentums sehe ich es an, daß solche Mystiker ihr inneres Erleben andeutungsweise trinitarisch erklären können, im schlicht monotheistischen Islam geht das nicht. Dem Vorteil entspricht der Nachteil, daß bei uns sogar Kinder schon mit dem göttlichen Riß ihre Schwierigkeiten haben; derlei Probleme kennt ein gläubiges Muselkind nicht.

"Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast." Wie sollen wir Christen in Gott eins sein? Davon soll, wenn der GEIST will, die Pfingstpredigt handeln.


Zum Weiterdenken:

Meister Eckhart: "Vernimm ein Gleichnis! Ganz so, wie wenn im Sakramente Brot in unseres Herrn Leib verwandelt wird: wieviel der Brote es auch wären, so wird doch nur ein Leib ... Was in ein anderes verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Ganz so werde ich in ihn verwandelt, daß er mich als sein Sein wirkt, (und zwar) als eines, nicht als gleiches; beim lebendigen Gott ist es wahr, daß es da keinerlei Unterschied gibt ..." [Quint 185] Die Kurie in Avignon war dagegen. Um den Unterschied zu wahren, der allerdings besteht, jedoch eben nicht "da" ("ibi", Denz. 510).

Nietzsches Protest: Zarathustra II, "Auf den glückseligen Inseln"

Al-Hallaj has been identified as an "intoxicated" Sufi in contradistinction to a "sober" one. The former are those who, in the moment of ecstasy, are so overcome by the presence of the divine that awareness of personal identity is lost and who experience a merging with ultimate reality. In that exalted state, the Sufi is given to using extravagant language. Not long before his arrest al-Hallaj is said to have uttered the statement "Ana al-haqq" ("I am the Truth"--i.e., God), which provided cause for the accusation that he had claimed to be divine. Such a statement was highly inappropriate in the view of most Muslims ...
After his arrest in Sus and a lengthy period of confinement (c. 911-922) in Baghdad, al-Hallaj was eventually crucified and brutally tortured to death. A large crowd witnessed his execution. He is remembered to have endured gruesome torture calmly and courageously and to have uttered words of forgiveness for his accusers. In a sense, the Islamic community (ummah) had put itself on trial, for al-Hallaj left behind revered writings and supporters who courageously affirmed his teachings and his experience. In subsequent Islamic history, therefore, the life and thought of al-Hallaj has been a subject seldom ignored [Encyclopaedia Britannica].


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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