Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Immer schon Gott -
oder ein Mensch wie wir?

Gedanken zum Sonntag der Taufe Christi


*

Im üblichen Glaubensverständnis bleibt Jesu Menschsein unterbelichtet

Ursprünglich gab es gegensätzliche Jesus-Verständnisse

Wann wurde Jesus Gottes Sohn? Vier Ansichten

Eine hat sich durchgesetzt: Von Ewigkeit her

Damit kommen derzeit viele nicht zurecht

Vorschlag eines anderen Verständnisses

Nicht irgendwann sondern stets wird Gott Mensch

Der Glaube läßt sich wahrheitsgemäß sowohl mythisch -

- als auch unmythisch ausdrücken

*


Im üblichen Glaubensverständnis bleibt Jesu Menschsein unterbelichtet

Gegensätzliche Vorwürfe müssen Prediger hören: zum einen, sie enthielten ihren Gemeinden die Ergebnisse der heutigen theologischen Wissenschaft vor, ihre Worte auf der Kanzel vertrügen sich schlecht mit denen in der Universität. Andere tadelt man umgekehrt dafür, daß sie die Gemeinden mit halbverdauten Wissenschaftsfrüchten nur verwirren, nicht geistlich aufbauen. Am heutigen Sonntag der Taufe Christi will ich versuchen, beiden Fehlern zu entgehen. Ob es gelingt, entscheiden Sie.

War Jesus ein Mensch wie wir? Die dogmatisch korrekte Antwort (ja, abgesehen von der Sünde) gibt, scheint mir, das Gefühl der meisten Christen kaum wieder. Jeder von uns weiß: Ich bin nicht Gottes Sohn. Eins seiner Kinder hoffentlich, aber nicht der Sohn, von Anfang an Gott selber. Wie uns am letzten Sonntag aus dem Prolog des Johannesevangeliums vorgelesen wurde: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott ... Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit."

Jemand, von dem solches gesagt wird, ist offenkundig nicht ein Mensch wie wir. Oder - war Jesus es doch?

Ursprünglich gab es gegensätzliche Jesus-Verständnisse

Packen wir die Frage anders an. Wenn Jesus ein Mensch wie wir gewesen ist und doch der einziggeborene Sohn Gottes: gibt es vielleicht einen Augenblick in seinem Leben, bis zu dem er jemand wie wir war - und von dem ab Gottes Sohn? Auf die so gestellte Frage gibt die Bibelwissenschaft heute eine überraschende Antwort: Es habe in der Urkirche verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Auffassungen gegeben, wann Jesus zum Sohn Gottes wurde. Hören wir einen Spezialisten, den US-amerikanischen Jesuiten Roger Haight. Er schreibt (in seinem 505-Seiten Buch "Jesus Symbol of God" von 1999):

"Dieser Pluralismus liegt an der Oberfläche der neutestamentlichen Schriften. Die verschiedenen Verfasser und Gemeinschaften sagen nicht alle dasselbe über Jesus. Man wundert sich heute, warum die bemerkenswerten Deutungsunterschiede in der klassischen Christologie nicht beachtet oder beleuchtet wurden, wo sie heute doch so offenkundig sind. Geschichtsbewußtheit hat unsere Aufmerksamkeit für Unterschiede zwischen den Verfassern des Neuen Testaments geschärft [153] ... An gewissen Punkten widersprechen diese Christologien einander. Tatsächlich kann man hingegen alle neutestamentlichen Christologien zusammen halten. Dies ist genau deshalb so, weil sie symbolische Behauptungen über transzendente Aspekte Jesu Christi sind, erfaßt aus verschiedenen Perspektiven, ohne daß sie ihren Gegenstand adäquat ‚enthielten'." [181]

Wann wurde Jesus Gottes Sohn? Vier Ansichten

Ab wann ist Jesus Gottes Sohn? Ich bringe die verschiedenen Antworten im Neuen Testament in eine logische Ordnung, behaupte damit aber nicht eine zeitliche Entwicklung! Wie die verlief, ist heute nicht mehr zu klären.

a) Seit seiner Auferstehung. In diesem Sinn läßt sich (nicht mit Gewißheit aber als eine Verständnismöglichkeit) jenes kurze Urevangelium deuten, das Paulus - wohl um sich der ihm unbekannten Gemeinde als rechtgläubig zu empfehlen - an den Anfang seines Römerbriefs setzt: "Das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn."

b) Seit seiner Taufe. Was Jesus bei ihr erlebt hat - das taubengleiche Herabschweben des Heiligen Geistes und die Himmelsstimme: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden" - dieses Ereignis wird von manchen Theologen als Berufungsvision gedeutet: Der junge Mann, wie jeder solche auf der Suche nach seiner Aufgabe, hat erst jetzt klar erkannt, wer er ist und was Gott von ihm erwartet. So daß er bis zur Taufe ein Mensch wie wir gewesen wäre und von da an der Sohn des Allerhöchsten.

c) Seit seiner Empfängnis im Mutterleib. Dies ist die Sicht der Kindheitsgeschichten im Matthäus- und Lukas-Evangelium. Jesus entsteht schon durch das Wirken des Heiligen Geistes, nie gab es eine Zeit, da er nicht Gottes Sohn gewesen wäre.

d) Von Ewigkeit her, vor der Erschaffung der Welt, lebt Gottes Sohn bei seinem Vater. So verkündet es der Johannesprolog und später [8,58] sagt Jesus das ungeheure Hoheitswort "Ehe Abraham ward, bin ICH." Auch der (vermutlich sehr alte) Hymnus des Philipperbriefes (2,6) läßt sich kaum anders verstehen: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen ..."

Eine hat sich durchgesetzt: Von Ewigkeit her

Beim Zusammendenken dieser sehr verschiedenen Christologien hat die Gemeinschaft der Gläubigen im Lauf der Jahrhunderte die eingängigste Weise gewählt. Die Menschwerdung des Präexistenten hat das Verständnis geleitet, während die anderen Deutungen sich im üblichen Bewußtsein der Christen nicht mehr auf die Wandlung eines Menschen wie wir zum Sohn Gottes beziehen sondern lediglich Erfahrungen des Mensch Gewordenen in der Zeit betreffen: Auch vor seiner Taufe, so stellt man sich vor, hätte Jesus im Grunde schon klar gewußt, wer er - nicht war sondern seit Ewigkeit ist: der SINN der Welt in Person. - Wo immer die Autoritäten der katholischen Kirche dieses traditionelle Verständnis gefährdet sehen, greifen sie ein. Auch der vorhin zitierte amerikanische Jesuit wurde nach der Veröffentlichung seines Jesus-Buches als Professor abgesetzt; ebenso würde es, wäre er nicht "Laie", auch dem spanischen Theologen Tamayo ergehen.

Damit kommen derzeit viele nicht zurecht

Was bringt gläubige Katholiken dazu, die Verschiedenheit der urchristlichen Jesus-Verständnisse in die Mitte zu rücken? Eine Erfahrung, die wir alle machen: Die Rede vom menschgewordenen Gottessohn kommt vielen Heutigen mythisch, märchenhaft vor, erweckt keinen Glauben mehr. Jesus der Mensch wie wir hingegen, der aber keine Kompromisse mit religiöser Arroganz oder gesellschaftlicher Unterdrückung schließt: Er bewegt die Menschen und würde sie vielleicht noch tiefer ergreifen, stünde nicht das sperrige Christusdogma zwischen ihm und seinen Geschwistern von heute.

Fragen wir deshalb: Lassen die gegensätzlichen Christus-Auffassungen des Ursprungs sich anders zusammendenken als es bisher geschieht? Was ich Ihnen vorschlage, ist nicht anders beweisbar als der Pudding. Sein Beweis besteht im Essen. So bewährt gläubiges Denken sich nur dadurch, daß Glaubende es mit vollziehen, weil sie ihren Glauben darin wiederfinden.

Vorschlag eines anderen Verständnisses

Mein Vorschlag beginnt mit einem Satz von Karl Rahner, den ich vor Jahrzehnten beim Lesen schon auswendig lernte. In einer Himmelfahrtsmeditation schrieb er [in GEIST UND LEBEN]: "Die Ewigkeit kommt nicht nach der Zeit sondern ist die reine Gültigkeit des in der Zeit für immer Vollbrachten." Auch nicht vor der Zeit kommt die Ewigkeit.

Sondern jenes göttliche Licht, wohin (gemäß dem Römerbrief) der Gekreuzigte durch seine Auferstehung versetzt wurde und woher (gemäß Johannes) das ewige WORT zu uns kam um unser Mitmensch zu werden: diese Ewigkeit hat keinerlei zeitlichen Bezug zu irgendeiner Weltzeit, auch nicht zu dem Augenblick jetzt, da Sie dies bedenken. Sondern Gottes Ewigkeit ist, unsagbar und geheimnisvoll, tief mitten in jedem gelebten Augenblick, ähnlich wie Ihr Ichgefühl während eines geträumten. Sollten Sie träumen, daß Sie kurz vor Mitternacht durch eine Lautsprecherdurchsage im Hauptbahnhof von einer Bombendrohung erfahren und, zum Verlassen des Geländes aufgefordert, dies nicht tun sondern bei der Explosion - aufwachen: dann wird es da, wo Sie nun sind, nie diese Mitternacht des Traums und war es auch nie dieses Halbzwölf! Wohl aber gehört, vielleicht für dauernd, zu Ihrer eigentlichen Lebenszeit die lebendige Erinnerung an die geträumten Minuten.

Nicht irgendwann sondern stets wird Gott Mensch

So ähnlich, stelle ich mir vor, verhält Jesu und unser irdisches Leben sich zur Ewigkeit. "La vida es sueño", heißt ein herrliches Stück des katholischen Barockdichters Calderón. Das Leben ist Traum. Jede der neutestamentlichen Christologien stimmt, denn jeder Augenblick des Lebens Jesu springt dem auferstanden-Erwachten unmittelbar in sein Ewiges Bewußtsein. Ja: Er ist ein Mensch wie wir, denn ebenso wie Ihm, dem Haupt, ergeht es auch uns, seinen Gliedern. Aus dieser Osterhoffnung ist der christliche Glaube samt all seinen frühen wie späteren Christologien entstanden, sie allein erklärt ihn auch unseren ach so kritischen Zeitgenossen. Ihnen sogar ganz ohne antike Märchenmalerei. Wer über die mythische Menschwerdung eines metaphysischen Gottessohnes nicht nachdenken will, weil derlei Spekulationen ihm einfach fremd sind, den sollten Jesu Freunde nicht, vom Dogmenreichtum "ihrer" Jahrtausende verführt, rechthaberisch dazu drängen. "Selig die geistlich Armen!"

Der Glaube läßt sich wahrheitsgemäß sowohl mythisch -

Damit wir uns recht verstehen: Ich glaube an Gottes Menschwerdung in Jesus. Und sollte ein Jugendlicher, vom Herrn der Ringe begeistert, den Glauben nicht (wie noch sein Vater - bekanntlich hat solcher Fortschritt Kreisgestalt) entmythologisieren wollen sondern wieder gern mit Hilfe mythischer Bilder leben, dann würde ich ihm zustimmen und z.B. einen Tip geben, inwiefern uns Christus als der wahre Harry Potter gelten darf. Übrigens war der Dichter des Herrn der Ringe überzeugter Katholik, besuchte nach Möglichkeit täglich die Heilige Messe!

- als auch unmythisch ausdrücken

Jesus ist aber für alle da. Nicht nur für die Freunde, auch für die Verächter märchenhafter Erzählungen. Machen wir es solchen zuliebe wie die ersten Christen. Erzählen wir die Geschichte unseres Freundes. Eines Menschen wie wir. Der sich nicht geschont hat, lieber einen scheußlichen Tod starb als von seiner für alle offenen Güte das Geringste zurückzunehmen. Und bezeugen wir, daß dieser Mensch im Tod nicht versank sondern lebt. Und dasselbe uns versprochen hat.

Das genügt. Vielleicht ergeht es Ihnen ja, wenn Sie all das bedenken, irgendwann sogar ähnlich wie Jesus bei seiner Taufe. Zwar ohne Taube und Himmelsstimme aber mit derselben überwältigenden Klarheit: Geh hin und erzähl den Menschen von der Wirklichkeit. Und fürchte dich nicht. ICH habe dich erwählt und bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.


Zum Weiterdenken:

Christus als der wahre Harry Potter

Der Dichter des Herrn der Ringe: Von Tolkien selbst stammt der Satz: "The Lord of the Rings is of course a fundamentally religious and Catholic work" [zitiert in THE TABLET vom 22. Nov. 2003, S. 18].

Jesus ist aber für alle da: Die Perspektiven des Johannesprologs und der Kindheitsgeschichten bleiben also gültig. Sie sind aber - das dürfte vielen ebenso neu sein wie mir - nur Verständnisse, nicht mit dem Glauben selbst zu verwechseln. Dieser läßt sich auch anders sagen und annehmen, etwa im Sinn der Berufungsvision bei der Taufe oder gar der Einsetzung zu Gottes Sohn dank der Auferstehung. Jedwede Rede von Gott ist symbolisch; daß ER (in unseren Breiten) Sonne und (in der Wüste) Regen ist, enthält keinen Widerspruch. Wird Gott ein Mensch, dann betrifft nicht nur das Ergebnis sondern das Werden selbst jeden Augenblick dieses Menschen, so daß - umgekehrt vom Menschen aus gesehen - er in jedem Augenblick erst wird, was kein Mensch schon kraft seiner Menschheit sein kann: Gott.

Mir scheint deshalb: Wer denkend damit ernst macht, daß Jesus wahrhaft ein Mensch wie wir war, muß anerkennen - in diesem sehr genauen Sinn! - daß Jesus, sofern er jetzt zu Gott wird, insofern gerade vorhin auch noch nicht Gott war sondern schlicht Mensch wie wir. Jeder Augenblick seines - wie unseres! - Lebens ist somit dreifach bestimmt: bloßer Mensch als unmittelbare Vergangenheit, wahrhaft Gott als unmittelbare Zukunft, dieser Übergang selbst als unvermischt-ungetrennte Gegenwart. Nacheinander existentialer Momente statt des chalkedonischen Nebeneinanders ontologischer Naturen - warum sollte ein postmoderner Christ nicht mit demselben Recht auf seine Weise denken wie unsere antiken Glaubensgeschwister auf ihre?

Je nach der Denkart meines Gegenübers kann ich dann entweder (mythologisch) betonen, daß unser Herr immer schon Gott ist, oder (entmythologisierend) erklären, daß Jesus - wie hoffentlich auch wir - bis zuletzt den Schritt zur Verewigung erst tun mußte. Wahrhaft kat-holisch sind beide Verständnisse nur dann, wenn sie sich davor hüten, das je andere falsch zu heißen. Insofern besteht durchaus die Gefahr einer römisch-orthodoxen Häresie ...



Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/jes-chri.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann