Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Lesejahr B

Das Zeichen des Regenbogens

Gedanken zum ersten Fastensonntag


Zur Einstimmung:

Regenbogenland

Nicht greifbar,
nicht fassbar,
doch sichtbar
funkelnde Schönheit,
in bunter Zartheit
glänzt Regenbogens vergänglicher Schwung,
Brücke durchsichtiger Wassertropfen
aus versprochener Sehnsucht
von hier nach dort.

Wo träumst du
in mir,
Regenbogenland,
auf dass ich dich
zärtlich
aufwecke,
um staunen
zu dürfen
wieder und wieder?


(Annemarie Jaschinski)


"Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde."

Seit es Menschen gibt, staunen sie über die Erscheinung des Regenbogens. Wenn bei tiefstehender Sonne ihre Strahlen, vielfach gebrochen, von Regentropfen zurückgespiegelt werden und wie durch Zauber der bunte Bogen da steht, dann ruft, wer ihn zuerst sieht, begeistert den anderen zu: Schaut, ein Regenbogen! Und alle blicken auf das Naturschauspiel. Es ist hier überhaupt kein Unterschied zwischen uns heutigen Menschen und unseren Vorfahren vor zehntausend oder hunderttausend Jahren. Sollte auch der moderne Mensch, weil Physiker, genau verstehen, warum und wie es zu dem strahlenden Halbkreis kommt, während sein Ahne auf der Savanne von dieser Ursachenkette nicht das Geringste wußte, sogar dann ist der unmittelbare Eindruck bei beiden derselbe: wie schön!

Ob die Erscheinung etwas bedeutet? Diese Frage kommt nicht allen Beobachtern in den Sinn. Einem Wissenschaftler, der z.B. auch weiß, daß der Mittelpunkt des Kreises exakt in der Verlängerung der Linie zwischen Sonne und Auge liegt, mag alles so klar scheinen, daß er nicht weiter fragt. Umgekehrt ebenso ergeht es einer gläubigen Jüdin, die unsere Lesung von Kindheit an kennt und bei jedem Regenbogen die alten Segensworte betet: "Gepriesen bist Du, Herr unser Gott, König des Universums, weil Du des Bundes gedenkst, ihm die Treue hältst und zu Deinem Wort stehst." Sie weiß zwar nicht, wie der Regenbogen zustande kommt, wohl aber, warum, und was er bedeutet: "Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen".

Vor urlanger Zeit hat ein Mensch zum ersten Mal dieses Wort des lebendigen Gottes gehört, wahrscheinlich Jahrtausende vor der Niederschrift der hebräischen Worte. So lange schon ist das Gehirn unserer Vorfahren dem unseren gleich, und ein derart packendes Symbol ist der farbige Bogen, daß ich mir die Frage nach seinem Sinn nur als ungeheuer alt vorstellen kann. Ein Gewölbe aus Licht, das sowohl Himmel und Erde verbindet als auch so viele verschiedene Farben einträchtig zusammen leuchten läßt, was kann er bedeuten? Eben das, was er zeigt: den Bund von Himmel und Erde, und den Frieden zwischen gegensätzlichen Denk- und Fühlfarben wie im Himmel so auf Erden. Wer das als erster vernahm und seinen Stammesgenossen erklärte, hatte tatsächlich eine göttliche Offenbarung empfangen, auch wenn der biblische Bericht von ihr erst nach der Sintflut erzählt.

Für unseren Glauben wichtig ist ja nicht, wann und wie zerstörerisch jene Große Flut war, von der die Sagen vieler Völker wissen, auch in Alt-Amerika. Wichtig ist, was die Bibel Gott zu Noach und seinen Söhnen sagen läßt: "Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen." Das heißt: Alle jetzt lebenden Menschen sind Gottes Bundespartner. Alle, nicht bloß irgendwelche eigens Erwählten. Auserwählungen gibt es, Israel ist aus den Völkern herausgerufen, Jesus aus Israel, die Getauften aus der Menge der anderen, Heilige wie Franziskus und Teresa aus der Menge der Getauften. Spätere Berufungen heben den Ältesten Bund mit der Menschheit als ganzer aber nicht auf, fügen ihm nur den einen oder anderen Akzent hinzu, nicht bei den großen Heiligen allein sondern auch bei uns kleinen. Ein solcher zeichnet die mit ihm Begabten aus, nicht gegen die übrigen aber sondern ihnen zum Zeichen der gemeinsamen Würde. An der Besonderheit einzelner sollen alle ablesen können, was - minder ausdrücklich aber in Wahrheit - auch ihr Stand ist.

Daraus folgt eine entscheidende Einsicht. Sie täglich einzuüben ist der beste Vorsatz für diese Fastenzeit. Sie werden in diesen Wochen nie einer Frau oder einem Mann oder einem Kind begegnen, mit dem nicht der Allerhöchste einen Freundschaftsbund geschlossen hätte. Solches ist gut zu wissen, das kann Ihnen bestätigen, wer als Mitarbeiter einer Behörde oder Großfirma von einem Kollegen den Tip erhält: Passen Sie bei Ihrer nächsten Besucherin extra gut auf, ich weiß zufällig, daß sie eine Nachbarin unseres Präsidenten ist. Eben die freundliche Wachheit, die daraufhin in dem so Aufgeklärten entstehen wird, sei unser Grundgefühl bei jeglicher Begegnung. Jesu Satz, Hauptquelle der heute gültigen Überzeugung von den Menschenrechten: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan" - er ist eine christliche Aktualisierung des Alten Bundes zwischen dem Herrn der Welt und jedem Menschen.

An dreierlei erinnert jeder Regenbogen: 1) Die Natur ist voller Zeichen, 2) Himmel und Erde sind verbündet, 3) Farben müssen gegensätzlich und miteinander sein.

1) Die Natur ist voller Zeichen. Weil der farbige Bogen sich so selten und so prachtvoll ereignet, fällt er besonders auf und legt nahe, er könne eine Bedeutung bergen, die es zu finden gilt. Hier erreicht die Zeichenhaftigkeit der Dinge zwar einen Gipfel, der steht aber nicht einsam in sinnlos platter Wüste, gehört vielmehr zu der reich gegliederten Sinnlandschaft, die jeden Menschen umgibt, jeden anders.

Es gibt eine Entsprechung nicht nur zwischen den Sinnen unseres Leibes und der Natur, sondern tief in den sinnlich vernommenen Korrespondenzen schwingt die "Urkorrespondenz" zwischen menschlicher Sehnsucht und der Stimme des liebenden Ganzen. Nur wer auf sie lauschen lernt, ist wirklich am Leben. Der Vögel Abendlied hörend, die rote Wolke dort schauend, den festen Boden tretend, die kühle Luft atmend und herzhaftes Brot kauend, vernehme ich des Ganzen huldvolles JA. Alles in der Natur mutet uns nicht nur sinnlich an, läßt sich nicht nur wissenschaftlich verstehen, sondern will ein vom Schöpfer innerlich belehrtes Herz auch geistlich informieren. In ihrer Tiefe ist die Wirklichkeit worthaft. Wem ihre Chiffren durch ein Offenbarungsbuch gedeutet werden, tut sich bei der Entzifferung leichter - wenn er sich nicht von der Aufgabe ablenken läßt, auf das innere Wort der Dinge selbst zu achten. Wie zwei Personen nicht exakt den gleichen Regenbogen sehen (je nach dem Ort der Augen wird er anderswo erblickt), so sind auch die bescheideneren Winke der Dinge höchstpersönliche Botschaften. Für sie neu achtsam zu werden, nutzen wir dazu, im Einklang mit der aufblühenden Natur, die kommenden Wochen.

2) Himmel und Erde sind verbündet, ist die eine Botschaft des Regenbogens. An Weihnachten feiern Christen Gottes Vermenschlichung, am 15. August feiern Katholiken die Vergottung des Geschöpfes. Beide Geheimnisse ineinander werden vom Lichtbogen zwischen Himmel und Erde bedeutet. Dabei steht die Erde für die uns gemeinsame, Tag um Tag erfahrbare Realität, während der sichtbare Himmel den eigentlichen Himmel bedeutet. Was ist mit diesem Namen gemeint?

Alle hier möglichen Antwort-Versuche sind nicht die Antwort, ähnlich wie der auf den Mond weisende Finger nicht der Mond ist. Die Richtung kann aber - eine Weile - stimmen. Weil das Christentum Gottes Dreieinigkeit bekennt, weist unsere Glaubenssprache in drei Richtungen auf das Geheimnis des Himmels. Er ist zum einen DU, Gott, der Schöpfer und Herr des Ganzen, DICH verehren die Christen in Eintracht mit Juden und Muslimen. Der Himmel ist zum andern der Heilige Geist, die Große Einheit des Ganzen, die uns alle in sich birgt wie eine Mutter ihren Embryo, SIE verehren die Christen zusammen mit Buddhisten, Taoisten und allen übrigen, die keinen persönlichen Gott kennen, sich jedoch im Göttlichen gut aufgehoben glauben. Der Himmel ist drittens das unzerstörbare Miteinander aller Menschen, die je gelebt haben, vereint als ewige Glieder des Gottmenschen Jesus Christus. Zu seinem all-umfassenden ICH gehört jedes irdische Ich als ein bestimmter Konzentrations-Vollzug, ähnlich wie in deinem spürenden Finger, deiner schmeckenden Zunge und deinem sehenden Auge auf je anders begrenzte Weise dein stets selbes Ich lebt.

Auf eine dieser drei Denkweisen, scheint mir, hat jeder Mensch seinen Zugang zum Himmel, wo nicht glaubend, so doch hoffend oder mindestens suchend, kann also des Regenbogens Botschaft vernehmen: Himmel und Erde sind verbündet. Sei die Erde noch so gefährdet, muß sie sich doch nicht fürchten. Der Himmel läßt sie nicht los.

3) Farben müssen gegensätzlich und miteinander sein. Jeder Regentropfen wirkt als winziges Prisma, zerlegt das weiße Sonnenlicht in die verschiedenen Farben. Je nach Wellenlänge wird jede in anderem Winkel reflektiert, so daß von jeder Stelle des Bogens aus nur Strahlen einer bestimmten Farbe das Auge erreichen.

In der Hochschätzung der Farben sind die drei Gott anbetenden Religionen sich einig. In der jüdischen Bibel wird der farbige Bogen von Gott selbst zum Bundeszeichen erklärt, im Neuen Testament (Eph 3,10) heißt Gottes Weisheit "vielbunt"; das seltene griechische Wort meint in einem profanen Text einmal einen Blütenkranz. Was sind Falten oder Fächer gegen die Pracht einer Blumenwiese! Deshalb ziehe ich diese Übersetzung den üblichen (mannigfach, vielfältig) vor. Im Koran schließlich (30,21) lesen wir: "Und zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenartigkeit eurer Zungen und eurer Farben. Siehe, hierin sind wahrlich Zeichen für alle Welt."

Am bunt leuchtenden Bogen sehen wir: Was sich irdisch widersprechen muß, weil unser Verstand Gegensätze braucht, gehört doch am Himmel zusammen. Auf Erden gilt: Ohne Widerspruch der Farben keine Ordnung. Bei Stromausfall erliegt der Großstadtverkehr, aber auch wenn die Ampeln plötzlich alle Farben zugleich zeigen sollten, würden die Autos sich verkeilen, ebenso wenn alle Ampeln immer nur auf Grün oder beständig bloß auf Rot stünden. Dank dem Wechsel von Grün oder Rot läuft der Verkehr, bei nur einem oder bei Grün und Rot herrscht Chaos.

Wie auf der Straße so im Geistigen. Jegliches Prinzip, logisch zu Ende gedacht und zur einzigen Wahrheit befördert, wird Gift. Selbstbewußtsein verkommt zu Eigensucht, Hilfsbereitschaft zu Sklaverei, Fasten zu Magersucht, freier Markt zu Ausbeutung, beschränkter Markt zu Ausschluß, Fleiß zu Arbeitssucht, Gelassenheit zu Schlamperei usw. Balance ist alles. Wie die Spektralfarben, bilden auch die geistigen Einstellungen nur miteinander ein Ganzes: jene das weiße Licht, diese ein menschenwürdiges Leben. Die Vielfalt der gegensätzlichen Farben widerlegt den Fundamentalismus, als gälte nur eine, und ebenso den Relativismus, als käme es auf keine an. Der Friede der Regenbogen-Farben entlarvt die Lüge jener Fundamentalisten, die ihre eigene Denkfarbe derart verabsolutieren, daß sie nicht nur je für mich gilt sondern immer für alle. Nicht minder irrt der Relativist: Wären alle Farben gleichgültig, so gäbe es nur das Grau des wirbelnden Farb-Kreisels. Trotzdem sind sie insofern gleich gültig, als jede dann, wenn sie nach Gottes Willen dran ist, zur irdischen Erscheinung einer Wahrheit des Himmelslichtes wird.

Nicht die streng abgrenzenden Ampeln widerlegt der Regenbogen, aber den Haß des bei Rot Gestoppten auf Grünbegünstigte. Weil am Himmel beisammen ist, was sich auf Erden ausschließt, deshalb kann es nicht nur Respekt vor Gegnern geben sondern sogar Liebe zum Feind. Selig, wem sie von einem Regenbogen ins Herz gestrahlt wird.


Zum Weiterdenken:

Segensworte: Erich Zenger, Psalmen (Freiburg 2003) II,28

Vergottung : Tatsächlich "theosis" sagen die griechischen Kirchenväter, nicht "theiosis" (Vergöttlichung).

Geheimnisse: "Nun meint schon vom Wortsinn her 'GEHEIMNIS' nicht Unzugänglichkeit, sondern im Gegenteil (Ge-heim-nis): Versammelt-daheim-sein. - Heimat umfängt und einbegreift mich; nicht ich vermag sie zu umgreifen. So gesehen, ist ein Geheimnis in der Tat unbegreiflich - aber keineswegs unerkennbar." (Jörg Splett)

Urkorrespondenz: Schön schreibt, im Netz, Georg Baudler über das Londoner Offenbarungserlebnis (1758) von Johann Georg Hamann (1730-1788): Alle Wirklichkeit weist in den Augen dessen, der von Gottes Wort getroffen und aufgeschlossen worden ist, hin auf die Liebe Gottes, die diese gleichwohl leidvolle Wirklichkeit annimmt und dadurch rettet; in dieser Bedeutung ist die Wirklichkeit worthaft und zwar ist sie Träger von Gottes Wort und Verheißung, so daß sie wirklich (wenn auch mit einer bleibenden Diskrepanz), zu korrespondieren vermag mit der auf das Unendliche gerichteten Sehnsucht des Menschen: "Alle Erscheinungen in der Natur sind Träume, Gesichter, Rätsel, die ihre Bedeutung, ihren geheimen Sinn haben". Im Gegensatz zu den Begebenheiten der Schrift ist dieser Wortcharakter der außerbiblischen Wirklichkeit weniger ausgeprägt, weniger klar und deutlich, nur verschwommen und chiffrehaft. "Das Buch der Natur und Geschichte sind nichts als Chiffern" ... Im Hören auf diese verborgene gnadenhafte Urkorrespondenz des Daseins ist das Wesen des Menschen begründet.

Ampeln

Das weiße Licht war Goethe so wichtig, daß er seine Reinheit gegen die Physiker verteidigte.

Kreisel: Über ihn hat Nikolaus von Kues sich tiefsinnige Gedanken gemacht.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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