Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Menschwerdung im Netz der Widersprüche

Weihnachtsgedanken


"Gott ist Mensch geworden." Das sagen wir Christen so leicht hin, weil wir es als Kinder schon gelernt haben. Wie ungeheuer dieses Bekenntnis aber ist, das spüren wir deutlich, sobald wir uns in das scharfe Nein! einfühlen, mit dem Andersgläubige der Botschaft von Gottes Menschwerdung widersprechen. Hier ist der Punkt, wo alle anderen gegen uns sind. Juden und Muslimen scheint die christliche Rede gotteslästerlich; denn Gott ist der Einzige, hat niemanden Seinesgleichen neben sich, jeder Mensch ist Geschöpf, keiner Gott selbst. Umgekehrt geben Hindus leicht zu, dass Gott auch in Jesus Menschengestalt angenommen hat, nicht aber sei Christus die Offenbarung des höchsten Selbst. Buddhisten wollen von der irdischen Geschichte befreit werden und wehren sich gegen die Vorstellung, Gott nehme sie so ernst, dass Er selber in ihr mitwirkt und sie ewig gültig sein lässt. Überzeugte Zweifler endlich sind vor dem Rätsel des Ganzen so tief erschrocken, dass die einen es immerfort anstarren, andere den Blick von ihm weg und krampfhaft auf die Dinge richten. Ihnen kommt die Rede von Gottes Menschwerdung als naiv-kindliche Illusion vor, als Selbstbetrug.

Ins Netz solcher Widersprüche ist der Christenglaube eingespannt. Tatsächlich lassen die Vorstellungen der verschiedenen Religionen sich nicht versöhnen, so wenig, wie ein Kreis jemals ein Viereck sein kann. Und doch halte ich etwas in der Hand, was zugleich rund und viereckig ist! Sehen Sie diese alte Tasse? Von oben gesehen ist sie rund, von der Seite sieht sie quadratisch aus. Beide Ansichten stimmen, beide widersprechen einander, aber nur auf derselben gedachten Ebene, nicht bei der echten räumlichen Tasse. So ähnlich blicken die SINN-Verständnisse von verschiedenen Seiten aus auf dasselbe Geheimnis. Was sie dann über es sagen, widerspricht sich in Wort und Vorstellung, aber eben - so lasst uns hoffen - nicht in der Wirklichkeit.

Jesus zeigt zum einen Gottes Gesicht zur Menschheit hin, zum andern ist er das Gesicht der Menschheit zu Gott hin. Beides kann unser Verstand nicht zusammendenken. Weil er es trotzdem versucht (das muss er, so ist er gebaut), ergibt sich die Vorstellung des Mittlers zwischen Gott und Menschheit: Christus zur Rechten des Vaters. Dieses Bild soll sich aber nicht festsetzen, sondern will uns nur helfen, an beide Seiten des Jesus-Geheimnisses zu glauben.

Die eine heißt: Gott ist menschlich. Wenn unser Herz nach einer Antwort sucht auf die nie endende Frage, die es ist, dann schaut es in viele Richtungen. Ist Gott im Himmel? Gleicht er der Sonne? Ist er der Herr, ein unerbittlicher Chef? Viele Antworten gibt die Geschichte der Religionen, erhabene und scheußliche. Oft sind Gottesantlitz und Teufelsmaske ineinander verklebt.

Dann kommt Jesus. Sein Leben, Sterben und Auferstehn vernichtet - dem der glaubt - die Satansfratze, stellt unvergesslich das lautere Gottesbild vor uns hin. Unvergesslich? Ja. Wie Jesus in den Evangelien erscheint, diese Befreiungsbotschaft kann der Menschheit nicht mehr verloren gehen. Auf die Dauer nicht. Auch in der schlimmsten Zeit der Christenheit, als offiziell nicht Jesus das Gottesbild bestimmte, sondern umgekehrt der Herrengott das Christusbild überdeckte - viele von uns haben die letzten Ausläufer dieser Epoche noch erlitten und ahnen, wie es heute in persischen Jugendlichen aussehen mag - auch da sprach das Evangelium zu den Herzen: So wie Jesus ist - solidarisch mit den letzten Menschen, spöttisch zu den Aufgeblasenen, schneidend gegen den Hochmut der Superfrommen, treuer Freund seiner Freunde - so ist Gott zu uns Menschen. Nicht neben Gott steht dieser Jesus, sondern in ihm ist Gott, ähnlich wie dein bester Freund in seinem Gesicht.

Gottes Menschlichkeit ist die eine Seite des Weihnachtsgeheimnisses. Die andere ist des Menschen Würde. Denn Christus ist einer von uns. Mehr: Wir dürfen Er sein! "Und wäre Christus tausendmal zu Bethlehem geborn und nicht in dir, du bliebst doch ewiglich verlorn" (Angelus Silesius). Wie wird er in uns geboren? Indem wir - lebenslanges Reifen - immer tiefer erkennen und ausdrücklicher leben, was Christus zu den Seinen sagte: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Joh 15). Nicht Rivalen des Weinstocks sind die Rebzweige, auch nicht seine Untertanen. Ein Weinstock hat keinen Kopf! Eben deshalb, vermute ich, hat der Evangelist Johannes dieses Gleichnis gewählt: um das autoritäre Missverständnis des Leibes Christi zu bekämpfen. Denn dessen Haupt wird, wegen der menschlichen Herrschsucht, leicht als übergeordnete Instanz aufgefasst ("Chef" kommt von "caput"), derer sich bald allerlei Schergen und Büttel bemächtigen, um in des Hauptes Namen die Glieder herumzukommandieren. Ein Weinstock hat keinen Kopf. Sondern die Reben sind miteinander der Weinstock. Wer in sich Christus wachsen lässt, vom Lebenssaft seines Freimuts und Gottvertrauens durchströmt wird, in dem kommt Christi Geburt auch heute an ihr Ziel und er kann mit Paulus sagen: "Ich lebe, nicht mehr ich, Christus lebt in mir" (Gal 2,20).

Nicht auf den unmöglichen Platz zwischen Gott und Mensch sollen wir Christus stellen, sondern einmal mit Jesus ganz auf Gott den Einzigen blicken, dessen Liebe er uns offenbart hat, und zum andern in Jesus unser eigenes erlöstes Wesen sehen. Dann sind wir im Kern des Glaubens von keinem Menschen mehr getrennt, auch wenn seine und unsere Glaubensgestalten nie übereinstimmen werden. Das macht aber nichts, denken Sie wieder an die viereckig-runde Tasse.

O selige Weihnachtszeit, die uns Christen herzlich mit allem verknüpft, was wie das Christkind eines Tages aus dem Schoß seiner Mutter kam, um im größeren Schoß des Erdenlebens zu bleiben und weiterzureifen, bis es zuletzt endgültig geboren wird. Dass wir bei allen Umbrüchen aus dem unendlichen Schoß der ewigen Liebe nie entbunden werden mögen, dazu helfe uns Gott.

[Ausführlichere Antworten an die zu Beginn aufgezählten fremden SINN-Verständnisse siehe in der Langfassung der Predigt]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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