Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Was heißt: »Unbefleckte Empfängnis«?

Gedanken zum Fest des 8. Dezember


Das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens wird von den meisten Zeitgenossen mißverstanden. Am 8. Dezember gedenkt die katholische Kirche nicht der Empfängnis Jesu in Mariens Schoß, dieses Ereignis wird logischerweise – neun Monate vor Weihnachten – am 25. März gefeiert, als »Mariae Verkündigung«. Mit der Frage der Jungfrauengeburt hat der 8. Dezember nichts zu tun. Vielmehr geht es heute um Mariens eigene Empfängnis im Schoß ihrer Mutter. Gemäß dem Dogma von 1854 ist Maria »im ersten Augenblick ihrer Empfängnis ... von jedem Makel der Ur-Schuld immun bewahrt worden«.

Was heißt das? Der Schlüsselbegriff »immun« hilft uns weiter. Wie wir war auch Maria von vielerlei Bösem umgeben. Anders als wir ist sie davon aber nie angesteckt worden. »Dank einmaliger Gnade, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi« war sie gegen jede seelische Unbalance von Anfang an immun. Weder Ichsucht noch Kriecherei vor Autoritäten noch Zerfließen in irgendeinem Rausch hat sie je aus dem Gleichgewicht des gottgewissen Lebens gerissen, zu dem wir alle berufen sind. Wir anderen sind entweder einem dieser übermächtigen Antriebe einseitig ausgeliefert oder schlingern zwischen ihnen herum, Maria hat in Leid und Glück stets ihre innerste drei-eine Wahrheit gelebt. Ihr wunderbares Vorbild freut Katholiken, so sehr, daß im ehedem katholischen Spanien gleich zwei beliebte Vornamen an dieses Heilsgeheimnis erinnern: Concha und Inma.

In seinem näheren Verständnis freilich gibt es unter Christen einen spürbaren Gegensatz. Dieselbe Spannung, die mein katholisches Gemüt 1998 beim Konzert eines Krakauer Chors in einer Nürnberger evangelischen Kirche durchschwang, trennt sogar Päpste! Nicht im Glauben, versteht sich. Der meint immer das ganze Geheimnis. Doch kann ein glaubender Verstand je nur eine bestimmte Facette erfassen, entweder jene Jüdin Mirjam, eine von uns, »die nicht wie Christus uns gegenüber steht, sondern mit uns gemeinsam auf unserer Seite vor dem Herrn ihren Platz hat« (J. Ratzinger 1965), oder Maria, die gerade nicht neben uns ist sondern geheimnisvoll in uns die reine Richtung auf Gott hin: »die Beziehung Gottes, die nur durch Bezug auf Gott ist, oder Gottes Echo, das nur Gott sagt und wiedergibt ... Maria, Gottes treues Echo, stimmte an: Magnificat anima mea Dominum: Hoch erhebt meine Seele den Herrn. Was Maria bei dieser Gelegenheit getan hat, das tut sie alle Tage. Wenn man sie lobt, sie liebt, sie ehrt oder ihr gibt, wird Gott gelobt, Gott geliebt, Gott geehrt, gibt man Gott durch Maria und in Maria.« So zitierte Johannes Paul II. am 8. Dezember 2003 den französischen Landpfarrer Grignion de Montfort. Dessen begeistertes Marienbuch, geschrieben um 1700, lange verschollen und erst 1842 gedruckt, wurde den Germanikern um 1960 von ihrem Spiritual Wilhelm Klein empfohlen, schon zwanzig Jahre früher las Karol Wojtyla darin bei Arbeitspausen in der Fabrik.

Mit uns gemeinsam vor Gott steht Maria die Sündlose: das glauben wir Katholiken. Uns vorstellen und verstehen können wir das »mit« aber nur entweder als neben und bei uns (wie eine Schwester oder Mutter), das ist die übliche gemeinchristliche Sicht. Oder aber als reine Schöpfung und Kirche in Person geheimnisvoll in und um uns, das halten die einen für unbegründete Spekulation, andere für ihren Glauben, der sich zwar in der christlichen Kunst schon seit langem ausdrückt (etwa in der wunderbaren Ravensburger Schutzmantel-Madonna von F. Schramm, 1480), begrifflich jedoch heute offiziell noch ähnlich unentfaltet ist wie der an die Dreifaltigkeit um das Jahr 120 (auch er gilt ja vielen kritischen Geistern als spekulative Verirrung), sich aber im Lauf der Jahrhunderte dank dem Heiligen Geist weiter kirchlich klären wird und heute schon das weder abgeschlossene noch abschließbare trinitarische Denken neu spannend macht.

»Von Ewigkeit, von alters her bin ich eingesetzt, ehedenn die Erde geworden« (Spr 8,23). Dies stand bis zum Konzil in der heutigen Lesung und darf neuerdings wieder in der Liturgie vorgelesen werden. Die neue Textauswahl sieht Maria als neue Eva, wenn Gott zur Schlange sagt: »Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs« (Gen 3,15). Freuen wir uns des Reichtums der Bezüge, jede(r) achte, die eigene Wahrheit lebend, die anderen seiner Mitmenschen, dann erreicht die unbefleckt Empfangene auch in uns ihr in sich selbst nie verfehltes Ziel.

Dezember 2007


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