Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Was heißt: "Für das Ewige Leben bestimmt"?

Gedanken zum vierten Sonntag der Osterzeit


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Wie es zur christlichen Judenfeindschaft kam

Wozu sind die Gläubigen bestimmt: zum Fest nach der Zeit?

Oder: zum neu SELBST-bewußten Menschheitsprogramm?

Ein Gleichnis aus der Bio-Informatik

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"Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort des Herrn zu hören. Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen aus. Paulus und Barnabas aber erklärten freimütig: Euch mußte das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch des ewigen Lebens unwürdig zeigt, wenden wir uns jetzt an die Heiden. Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein. Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren" (Apg 13,44-48).

Wie es zur christlichen Judenfeindschaft kam

In eine Szene zusammengedrängt, berichtet Lukas vom allerentscheidendsten und folgenreichsten Umschwung der Kirchengeschichte: wie das Christentum aus einer innerjüdischen Bewegung zur Weltreligion wurde. Für uns ist das gut, auch die Germanen gehörten zu den Heiden. Furchtbare Folgen hatte der tatsächliche Verlauf des Umschwungs für das jüdische Volk. Damals in Antiochia (es lag, 1200 m hoch, im Bergland zwischen Antalya und Ankara) waren die Juden noch die Stärkeren: "Die Juden hetzten die vornehmen gottesfürchtigen Frauen und die Ersten der Stadt auf, veranlaßten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet." Nachdem die heidnischen Anhänger der neuen Lehre immer einflußreicher und schließlich übermächtig geworden waren, mißachteten sie die Weisungen ihres jüdischen Meisters Jesus und ließen ihren Rachedrang an den hilflosen Juden aus, bis hin zum grauenvollsten Völkermord vor wenigen Jahrzehnten.

Stellen wir uns vor, wie die heutige Lesung immer wieder vorgelesen und dem Volk erklärt wurde, überall in Europa, in romanischen, gotischen und Barock-Kirchen; versetzen wir uns in die Gemüter jener Christen, wenn sie dann vor der Kirche einen armen oder reichen Juden trafen: mußte nicht Verachtung und Stolz sie erfüllen gegen diesen seltsamen, unbelehrbaren Fremden, der immer noch an seinem Erwähltheitsdünkel festhielt, obwohl er von Gott längst verworfen war, seit Jesus die Würde des Gottesvolkes den Juden weggenommen und der Kirche übertragen hatte? Schmissen in einer deutschen Stadt Straßenbuben mit Steinen nach einem Juden und zerklirrte, weil der auswich, ein Fenster, wer mußte das zahlen? Der Jude, versteht sich. Wo steckte der Fehler jener unchristlichen Christenlogik? Beim geworfenen Stein liegt er zutage, beim verworfenen Volk müssen wir nach ihm forschen. Solange wir ihn bloß verdrängen, nicht aufdecken, wühlt er heimlich weiter und droht, zum Beispiel, einen Protest gegen Israels Palästinenser- oder Atom-Politik aus der ihm angemessenen Dimension politischer Zweideutigkeit zu reißen und zu einer neuen Variante der alten, scheinreligiös-eindeutigen Judenfeindschaft zu verschärfen. Wehret den Anfängen!

Fragen wir deshalb in höchstem Ernst: Warum konnten unsere christlichen Vorfahren die Juden für verworfen halten und warum war diese Meinung ein Fehlschluß?

Wozu sind die Gläubigen bestimmt: zum Fest nach der Zeit?

"Alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren." Sooft das in einer Kirche verlesen wird, müssen die Hörer doch fragen: Und was ist mit den anderen, die nicht gläubig wurden? Sind die nicht fürs ewige Leben bestimmt? Also für dessen Verlust, den ewigen Tod? Und schon ist die logische Falle zugeschnappt. Denn während man unter Christen immer zweifeln kann, ob jemand wirklich gläubig ist oder anderen, gar sich selbst bloß etwas vormacht - ein Jude, der die Taufe ablehnt, scheint zweifellos ungläubig und mithin unterwegs zur Hölle. Ein solches Ärgernis verdient keine menschliche Rücksicht, am besten jätet man es aus ... Wo steckt der Fehler?

Um das Verständnis eines einzigen Wortes geht es: "fürs ewige Leben bestimmt". Wer ist der Bestimmer? Offenbar Gott. In welchem Sinn bestimmt er, und wozu? Die Frage ist von der Tradition einheitlich beantwortet worden: gemäß dem Modell eines irdischen Festes, zu dem die einen vom Veranstalter bestimmt werden, während andere draußen zu bleiben haben. Auf Erden geht das nicht anders, kein Reichtum ist grenzenlos; wollte man jeden einlassen, hätte niemand mehr Spaß. Blicken wir in Bibelübersetzungen. Erhellend ist die lateinische, da steht "praeordinati", vorausbestimmt. Als ich in Berlin die MoMA-Ausstellung besuchen wollte, war ich als Ticket-Inhaber schon für die Hauptschlange vorausbestimmt, mußte mich nicht auch vor der Kasse anstellen. (Bis zum Einlaß hat es dann noch vier Stunden gedauert, nach zwei weiteren warf man uns hinaus. Aber das ist nicht das Thema.) Luther schreibt "verordnet", auf englisch/italienisch heißt es ordained/-inati, frz./span. destinés/-ados. Immer geht es darum, von der entscheidenden Autorität bestimmt zu sein. Wozu? Zum ewigen Leben.

Oder: zum neu SELBST-bewußten Menschheitsprogramm?

Ich schlage vor, den Verständnisrahmen abzuwandeln. Nicht Lukas verdient Tadel. Den Urchristen hat die ungeheure Neuheit des Osterlichts alles andere überstrahlt, sie wußten nur: Jesus Christus hat uns das Ewige Leben gebracht, alles ist jetzt ganz anders. Diese herrliche Gewißheit drückt sich in unserem Satz aus: "Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren." Auf den Gedanken, aus dieser Überzeugung könnten sich üble Folgen ergeben, mußte damals niemand kommen. War nicht endlich alles klar?

Nach bald zweitausend Jahren wissen wir es besser. Der tatsächliche Umgang der Christenheit mit den Juden zwingt uns, das Wort des lebendigen Gottes, das sich in dem Satz ausspricht, exakter zu verstehen. In welchem Sinn sind wir Christen zum ewigen Leben bestimmt? Das griechische "tetagmenoi" hat einen geradezu militärischen Klang, "taxis" heißt auch Kolonne, Heerhaufen, ein Taxiarch ist ein Unterfeldherr. "Ewiges Leben" meint also nicht - was uns selbstverständlich scheint - ein gewaltiges Fest nach der Zeit, für die ersten Christen war es mehr der gotterfüllte, herrliche Sinn schon dieser Zeit, der sich nach ihr freilich noch voller offenbart, wirklich aber ist er jetzt schon. "Wir wissen, daß wir aus dem Tod ins Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). Was ist also das ewige Leben im urchristlichen Sinn? Ein quasi-militärisches "Eingereihtsein" (und nicht: Vorherbestimmtsein!) in jene göttliche Truppe, die den Endsieg unverlierbar vor, mehr: schon in sich hat. Deshalb sind den ersten Christen heute die Soldaten der Heilsarmee um einiges ähnlicher als wir normale Kirchensteuerzahler, sie kennen ihren himmlischen Kompaniechef und führen jeden Tag des ewigen Lebens seine Befehle aus. Auch die Jesuiten wurden von einem Offizier gegründet.

Ein Gleichnis aus der Bio-Informatik

Selber ungedient, erfinde ich lieber ein anderes Gleichnis, eins aus der Bio-Informatik. Ein Baby versteht und sagt noch nicht "ich". Fängt es zu sprechen an, nennt es sich zuerst in der dritten Person mit dem Namen, unter dem die anderen es rufen: Heini solchen großen Hummer hat. Zahlreiche Organe des winzigen Wesens funktionieren aufs beste, eines fehlt noch: jener Verbund von Gehirnzellen, dessen Funktionieren uns "ich" denken, sagen, verstehen läßt. Wächst das Kind weiter, werden bestimmte Zellen seines Hirns irgendwann auf diese neue Funktion "hingeordnet", "programmiert", weil zum vollen Leben der Art homo sapiens auch das ausdrückliche Selbstbewußtsein gehört. Da kann es passieren, daß jemand, vom Ichgefühl überrascht, alles andere vergißt und nur mehr sinnend in den Spiegel blickt: bin das ICH?

Jesus ist im Sinn-Leib der Menschheit das göttliche Ich-Organ. »Dann werdet ihr erkennen, dass ich ICH bin« (Joh 8,28). Als solches lebt Christus auch in uns, ähnlich wie ich in meinen dies jetzt tippenden Fingern. So, wie sie nicht bloß irgendwelche Dinge sind sondern belebte, beseelte, ja bewusste Weisen meiner selbst (prüfen Sie es in Ihren Fingern nach!), so wissen gläubige Christen, dass sie nicht bloß vergängliche Individuen sind sondern von unfasslicher Würde, weil sie innerlich zum wahren ICH aller Welten gehören. Weil wir dieses beflügelnde Wissen allen Mitmenschen gönnen, auch deshalb erzählen wir ihnen von unserem Glauben.

Fassen wir das "bestimmt" unseres Bibelsatzes als "hingeordnet und programmiert" in diesem Sinn auf, so verschwindet die antijüdische Logik sofort. Denn dadurch, daß ein Kind "ich" sagt, werden seine anderen Lebensfunktionen keineswegs entwertet. Wer nicht im christlichen Sinn "gläubig wird", muß darum nicht heillos ungläubig sein sondern gleicht einem Neuron, das nicht zum Ich-Denken abgeordnet wird sondern weiterhin etwa fürs Lächeln zuständig bleibt. Lächeln ist nicht minder wertvoll als Ich-Sagen, oft viel menschlicher. Wer hingegen nichts könnte als dauernd bloß "ich!" zu brüllen, wäre ein armer Wicht. So ähnlich machten es gewisse Christen, die in Amerika die Indianer angeblich "für Christus gewinnen" wollten - und wehe, die machten nicht mit.

Bekennen, ja feiern wir deshalb weiter unseren Glauben, daß als Jesus Christus Gottes eigenes ICH-Wort erstmals ausdrücklich in Menschengestalt aufgetreten ist und das in uns Christen weiterhin tun will. Zu solch grandios ewigem Leben sind wir abgeordnet. Wehe aber, wir schließen daraus auf den Unwert aller übrigen Funktionen des Ewigen Lebens! Dann wären wir wie ein körperloses Hirn in einer Nährlösung, das nichts täte als dauernd ich ich ich zu denken. Als solchen Horror hat die schöpferische LIEBE ihre Menschheit nicht gewollt.


Zum Weiterdenken:

Atom-Politik: In der Londoner Zeitschrift "INDEX on Censorship" (2/04, 14) berichtete Peter Hounam, wie er als Sunday-Times-Journalist im September 1986 mit dem israelischen Atomtechniker Mordechai Vanunu sprach, der daraufhin vom Mossad aus Rom entführt wurde. Erst nach 18 Jahren Kerker kam er frei. Ein Detail seines Geschicks kommt mir wie ein Echo des Erlebnisses von Paulus und Barnabas vor. Beim Prozeß in Jerusalem wurde der Londoner Zeitungsmann als Zeuge vernommen:
"I was asked at one point if I was aware Vanunu had converted to Christianity in Australia. I could see no relevance in this but answered that he had never made a secret of it. I was taken aback when the prosecution responded: 'So you knew he had turned against his family and his country.'
The court adjourned and, later in 1987, sentenced him to 18 years' imprisonment. Whether the stigma of his conversion affected the decision is not known but it has always inflamed the Israeli press. Few joined the campaign to help him and the numbers have remained low.
Vanunu spent nearly 12 years in solitary confinement. For the first two and a half years, his cell had no natural light and a fluorescent tube remained on 24 hours a day. With just occasional visits from some of his family, most of whom have rejected him ..."


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/ich-wort.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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