Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Herablassend ist unser Gott nicht!

Gedanken zum zweiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden." Hat der scharfzüngige Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche nicht recht, wenn er im letzten Satz von Jesu Rat ein Wort ändert und so eine Art christlicher Demut als Heuchelei entlarvt? Stellen wir uns diesen Gast vor. Erwartungsvoll nimmt er den letzten Platz ein - und wird sauer und saurer, wenn andere, mindere Leute sich vordrängen und die Haus-Frau ihn genau dort hocken läßt, wo er sitzt, sei es weil sie seinen Wunsch nach Niedrigkeit achtet, sei es weil Sitzordnungsrangeleien ihr zu blöd sind. Hätte der Gast sich auf Jesu Ratschlag lieber nicht verlassen?

Ein anderer hat sich auch an den letzten Platz gesetzt, nicht aus Bescheidenheit, eher aus Stolz: weil er sich lieber mit einfachen Menschen unterhält als in die Wettspiele der besseren Kreise einzusteigen. Professor Kant aß jahrelang im Gasthaus zu Mittag, am liebsten im Kreis von Handwerkern. Wenn Leute mit höheren Interessen sich in die Runde schmuggelten, wechselte er die Wirtschaft.

[Christa Bing sieht es so:] Wer es fertig bringt, sich auf den letzten Platz zu begeben, ohne dabei beleidigt zu sein, ist der nicht frei? Außerdem - woher weiß er denn, ob sein Traumplatz überhaupt so gut sein würde? Woher wissen wir, was uns eine Ewigkeit lang ausfüllen und glücklich machen kann? In diesem Fall bin ich sehr vorsichtig geworden mit meinen "Träumen". Aber ich bin sehr gespannt, was unser Gastgeber sich für uns ausgedacht hat. Und ein bisschen von seiner Freiheit leben wir, wenn es bei unserem Tun andern gegenüber auch ohne Dank oder "Wiedergutmachung" abgeht, wenn wir das Risiko nicht scheuen und geben, wo nicht unbedingt wieder etwas zurückkommt. Wir tun dann nur das, was auch uns tagtäglich geschieht, wenn wir aus der Geduld und Liebe unseres Gottes leben.

Man darf Gleichnisse nicht pressen. Jeder Vergleich hinkt. "Kopf hoch!" verabschiedet jemand einen langen Pechvogel, und die Flurlampe zerscheppert. Wer Jesu existentiellen Rat als Benimm-Tip mißversteht, sollte sich eher schämen als beklagen. Zum Glück hat Jesus, was er meint, durch sein eigenes Beispiel verdeutlicht. Im selben Lukasevangelium (22,25 f) erklärt er seinen Freunden beim letzten Abendmahl: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin in eurer Runde wie der, der bedient."

Damit wir die Pracht eines Regenbogens erblicken, müssen Sonnenstrahlen in einem bestimmten schmalen Winkelbereich auf Regentropfen treffen und sich an ihnen brechen. Ähnlich kann eine längstvertraute Wahrheit im Licht einer bestimmten Situation aufregend neu leuchten. So erging es mir jetzt mit dem klugen Text, den die Beuroner Benediktiner im nachkonziliaren Meßbüchlein von 1971 diesem Sonntag vorangestellt haben: "Mit Bescheidenheit ist mehr gemeint als ein kluges Verhalten, von dem man hofft, daß es sich lohnt. Es geht um die echt biblische Haltung der Demut. Sie kommt aus dem Wissen, daß Gott allein groß und mächtig ist. Der Mensch ist auf Gottes Erbarmen, auf seine sich herabneigende Liebe angewiesen, und er darf mit ihr rechnen. Daraus ergibt sich für den Wissenden eine entsprechende Haltung gegenüber anderen Menschen: den Mächtigen gegenüber ruhige Sicherheit, den Schwachen gegenüber nicht Herablassung (man ist ja schon unten), sondern Bereitschaft zum Dienen und Helfen, wie auch im deutschen Wort Demut (diemut - Dienmut) ausgesprochen ist."

Jahrzehnte lang war mir an diesen Worten nichts aufgefallen. Jetzt aber, vor dem Hintergrund meiner Gespräche mit Juden und Muslimen, springt mich plötzlich die Frage an: wenn wir "Gottes Nachahmer werden" sollen (Eph 5,1), warum preisen wir dann "seine sich herabneigende Liebe" und sollen doch aufpassen, daß unseren Umgang mit den Mitmenschen nicht Herablassung bestimmt (man ist ja schon unten)? Letzterem stimmen wir von Herzen zu; kann es da sein, daß ersteres nur eine Teilwahrheit ist, die von einem Gegenpol ausbalanciert gehört? Liegt es etwa an dessen Unterbelichtung, daß die kirchliche Rede von Gott die Menschen so kalt läßt? Angenommen, so sei es: wie läßt jene schlummernde Wahrheit sich wecken? So daß einsichtig wird: Nein, Gott ist nicht herablassend. Man ist ja schon unten, das gilt in einem geheimnisvollen aber erfreulich wahren Sinn auch von der schöpferischen Güte selbst.

Wie aber - sagt Christus nicht ausdrücklich "Ihr stammt von unten, ich stamme von oben"? Es stimmt, Johannes läßt ihn (8,23) so sprechen, nimmt damit den Kernsatz des Prologs auf: "Und das WORT ist Fleisch geworden." Warum ist das trotzdem keine Herablassung? Achten wir genau auf den Feinsinn unserer deutschen Sprache. Man könnte - da man sich das Göttliche traditionell oben vorstellt - die Menschwerdung zwar als ein Hinuntergehen bezeichnen, nicht aber als Herunterkommen oder eben Herablassung. Wo ich hingehe, bin ich zuvor nicht, vielleicht ist da niemand, denken wir an die Eroberung des Südpols. Das Wörtchen "her" meint dagegen die Perspektive des Sprechers. Komm her! heißt: Geh dahin (von dir aus gesehen), wo ich schon bin. Eine Herablassung zu uns kann nur so geschehen, daß wir schon hier sind und ein Höherer gesellt sich zu uns, indem er seinen höheren Stand aufgibt, von ihm mindestens für einige Zeit absieht.

Wenn Huber junior als Praktikant bei der Huber KG mitarbeitet, mag er sich aufrichtig unten einordnen - die da unten wissen doch, woran sie mit ihm sind. Daß Gottes Menschwerdung von der Kirche nach diesem autoritären Praktikantenmodell erklärt wird: das darf, wer will, für den schlimmsten Fehler der Christenheit halten. Selbst wenn der Praktikant sich mit seinen Kollegen voll solidarisiert, sie später sogar zu Teilhabern macht, bleibt doch stets der Abstand zwischen dem einzigen Sohn und ihnen, den vielen. Solche Herablassung erträgt die mündige Menschheit nicht. Weil sie, gerade durch den Glauben an Gottes wahre Menschwerdung, wirklich mündig geworden ist. Der christliche Glaube selbst ist der Grund dafür, daß die real propagierte kirchliche Botschaft immer weniger ankommt. Nein, Jesus gleicht nicht dem Praktikanten, der zu uns armen Malochern herabkommt, eine Weile mit uns zusammen schuftet, bald aber im feinen Anzug wiederkommt und auf dem Chefsessel Platz nimmt. Weil das Credo diese Vorstellung vermittelt, deshalb gehört es - nicht geändert, das wird von der Geschichtlichkeit der Glaubensentwicklung verwehrt - aber so interpretiert und durch andere Glaubenszeugnisse ergänzt, daß der Praktikantenvergleich ausdrücklich und jedem erkennbar ausgeschlossen wird. Warum ist er falsch?

Weil in Christus Gott nicht zu uns herabkommt. Wo ER hingeht, ist noch niemand. "Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand." Ohne diese urchristliche Sicht (Kol 1,15 f) röche die Weihnachtsgeschichte nach demütigender Herablassung eines Höheren. Der da scheinbar herabkommt, ist jedoch in Wahrheit immer schon bei uns herunten. Christus ist zwar von oben, weil Gott von Gott, und wir von unten, weil Geschöpfe, dennoch hat er sich nicht zu uns herabgelassen; denn als er hinabstieg als Mitte seiner Schöpfung, war noch niemand da, zu dem er hätte herabsteigen können. Sondern hier unten, wo wir sind, ist ER seit jeher bei uns. In Israels Geschichte und dann von Weihnachten bis Ostern ereignet sich immer ausdrücklicher und zuletzt sonnenklar die Offenbarung von Gottes Hinabstieg und Bei-uns-Sein; wer sie als Herabkunft deutet, raubt der christlichen Botschaft ihr Herz. Der Praktikantenvergleich muß von einem anderen Gleichnis abgelöst werden, etwa diesem:

Während ich, in die Zelle gestoßen, auf fauliges Stroh sinke, merke ich: da ist schon wer. Willkommen im Loch! sagt eine Stimme. Mein Mitsklave, erfahre ich später, ist schon immer hier, bereits dem Baby hat man das Sklavenmal eingebrannt. Im Fortgang der Geschichte strahlt er eine unbegreifliche Hoheit aus, vor der die Festungskommandanten so sehr erschrecken, daß sie ihn schließlich umbringen - ohne Erfolg, denn seine Freunde führen die von ihm angestoßene Bewegung weiter in Richtung auf Solidarität und Abschaffung der Sklaverei. Seine Autorität rührt aber nicht daher, daß im Gegensatz zu uns anderen er ein verkappter Königssohn wäre. Etwas anderes ergibt sich zum Schluß: Alle Sklavinnen und Sklaven sind Abkömmlinge des Höchsten Königs, tragen unverlierbar sein DNA-Muster in sich. Weil sie diese Abkunft vergessen oder mißbraucht haben, deshalb werden sie als Sklaven gehalten, auch mein Zellengenosse, der unseren wahren Ursprung aber weder vergessen noch mißbraucht hat und es eben deshalb nicht besser haben will als wir anderen, weil er uns nur so zum Glauben an unsere Würde bringen kann.

"ICH von oben, ihr von unten" - inwiefern stimmt das trotzdem? Weil Jesus hier nicht als dieses Individuum spricht sondern Christus, die Gesamtperson, zu der als ihre Glieder auch wir anderen gehören. Dieses ICH ist ungeschaffen, insofern von oben, jeder einzelne von uns ist geschaffen, von unten. Ähnlich könnte ich zu meinen Haaren und Fingernägeln sagen: ICH bin wesenhaft ICH, ihr nicht. Doch schließt diese Differenz jede Rivalität aus. Ich bin nicht nur mein Wesen sondern auch meine Haare und Nägel. Die Sprache überanstrengend, könnte man sagen: Wenn ich Haare und Nägel sprießen lasse, begebe ICH mich hinab in den unteren Bereich dieser geringsten Glieder. Nicht aber komme ich, wenn ICH meine Identität mit ihnen erkenne, zu ihnen herab, sondern sobald es sie gibt, bin ICH immer schon unten in ihnen, dort geschieht die Einsicht ihrer Selbigkeit mit meinem ICH. Das Wort "ich" hingegen, als bestimmtes Wort (es könnte auch "moi" oder "yo" lauten), ist in diesem Sinn nicht von oben sondern gleichfalls seinem Sein nach geschaffen und geschichtlich, auch wenn sein Sinn nicht ein bestimmtes Glied meint (wie die Worte "Haar" und "Daumen") sondern das umfassende ICH selbst.

Ich glaube, dies ist eine gültige und heute förderliche Christologie. Das menschliche Individuum Jesus entspricht diesem Ich-Wort als bestimmter Information, während Christi Gottheit von dessen reinem Sinn symbolisiert wird. Er ist von oben, seine Hinabkunft begründet die Schöpfung, nicht aber kommt Gott zu uns herab. Sondern wo wir sind, ist ER schon bei, ja in uns. Wer sich Gott als herablassend vorstellt und entweder anschmeichelt oder verwirft, tut gut daran, ein solches Götzengewächs aus seinem Herzen auszujäten, bevor dessen Giftsamen weitere Generationen in religiöse Selbstentfremdung verstrickt.

Soviel ich weiß, bedeutete "niederträchtig" vor Jahrhunderten noch: herablassend. Hängt die Sinnverschlechterung seither vielleicht damit zusammen, wie fies diese Einstellung im Grunde ist? Nein, unseren Gott, die LIEBE, dürfen wir nicht für herablassend halten.


Zum Weiterdenken:
Dieses Thema habe ich vor zwanzig Jahren in "Christ in der Gegenwart" behandelt. Stimmt meine Vermutung, die neue Unterscheidung herab/hinab erreiche es, daß die dort beschriebenen zwei Christologien nicht mehr nur in reinem Glauben oder mittels geschickter Dialektik sondern schlicht verstehbar zusammengedacht werden können?


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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