Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Jesus entlarvt Gewalt als ungöttlich

Gedanken zum zwölften Sonntag im Jahreskreis


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Wer ist uns Jesus?

Die als überweltlich erlebte Gewalt der Natur

reizte den Menschen, auch selbst gewalttätig zu sein

Andere Überweltlichkeit: das Gute

Zweierlei Wahn: a) Mörderischer Götzendienst

b) Flucht ins Einerlei

Jesus überwindet beide,

verbindet sie zum Neuen Leben

mit dem er uns, wie die Jünger, immer wieder überrascht

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Wer ist uns Jesus?

"Für wen halten mich die Menschen?" Jesu Frage klingt durch die Jahrhunderte, vielerlei Antworten wurden auf sie schon gegeben. Vom erhabenen Oberherrn über Kaiser und Könige bis zum Bruder aller so oder so gescheiterten Revolutionäre reicht die Spannweite der Antworten; denn gescheitert sind sie bisher alle, entweder in der Niederlage oder nach dem scheinbaren Triumph, der das Unten aber nicht abschaffte sondern bloß die Plätze oben und unten neu verteilt hat.

"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" fragt Jesus auch uns, seine heutigen Jünger. Was erwidern wir ihm? Gelebte Antworten gibt es so viele wie gläubige Christen, jeder kennt die seine. Die zu formulieren ist aber gar nicht leicht; das merkt sofort, wer es versucht. Hier biete ich eine Auskunft an, zu der glaubende Forscher unserer Zeit gelangt sind, indem sie zugleich auf die blutige Geschichte der vergangenen Jahrzehntausende und auf die biblische Botschaft achteten. Mich überzeugt ihre Einsicht. Plötzlich klingt das Wort "Erlösung" gar nicht mehr so frömmlerisch blaß. In welchem packend buchstäblichen Sinn ist Jesus unser Erlöser? Aus welcher Gefangenschaft hat er die Seinen befreit?

Die als überweltlich erlebte Gewalt der Natur

Aus der Faszination mörderischer Gewalt. Ihr sind alle Menschen verfallen, seit in grauer Vorzeit unsere Ahnen sich irgendwann nicht mehr mit dem Sammeln von Früchten und Fleischresten begnügten, die von Raubtieren übriggelassen wurden. Damit hatte, schwach wie er war, ein Vormensch noch zufrieden sein müssen. "Von einem sicheren Platz aus erlebte er mit, wie sich der mächtige Steppenlöwe an eine Büffelherde heranschlich, eines der Tiere fixierte und niederriß, während die übrige Herde davonstürmte, der Boden unter ihm dröhnte und der gerissene Büffel in einer Aufbäumung seiner letzten Kräfte sich gegen die mächtige Raubkatze zu wehren versuchte. In solchen Szenen entfaltete sich vor seinem Auge und Gehör die ganze Vitalität und Wildniskraft der ihn umgebenden Natur. Die Mahlzeit, die er anschließend fand, war ein Geschenk dieser Macht. Sie war jedoch ambivalent: Sicher ist oft auch er selbst eine Beute der Raubtiere geworden. Mancher Angehörige ist vielleicht von davonstürmenden Büffeln zu Tode getrampelt worden; Überschwemmungen, Waldbrände, Stürme und Erdbeben bedrohten sein Leben. Hier ist schon jene Ambivalenz grundgelegt, die noch der höchsten Gottesmacht in fast allen Religionen eigen ist: Sie spendet Glück und Segen, steht aber auch hinter Unheil und Zerstörung. Noch der Jahwe-Gott der Hebräischen Bibel sagt durch den Mund seines Propheten Jesaja: ‚Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil' (Jes 45,7)."

reizte den Menschen, auch selbst gewalttätig zu sein

Irgendwann, als ihr Verstand hinreichend tüchtig war, die angeborene Wehrlosigkeit durch künstliche Waffen zu überwinden, muß eine Gruppe unserer Vorfahren beschlossen haben, es Löwen und Leoparden gleichzutun und die Jagd auf Büffel oder andere Großtiere zu wagen. Nicht aus Hunger - Aas gab es für die paar Menschen genug - sondern aus Ehrgeiz. Jene gewalttätige Übermacht, die sie in Gewitter und Sturm sowie an den Überfällen der Raubtiere erschrocken bewundert hatten, wollten sie nicht mehr nur erleiden oder bloß beobachten sondern selbst ausüben. Hatten sie - inzwischen, weil Menschen, seelisch auf ALLES offen - in ihr doch so etwas wie eine alles Irdische übersteigende Dimension entdeckt: das, was später "göttlich" heißen sollte. So wollten sie nun auch sein.

Eine solche Deutung der Ursünde als innergeschichtliches Ereignis überrascht, seit langem haben sich die meisten Theologen daran gewöhnt, den Sündenfall gerade nicht in die Geschichte sondern irgendwie vor sie zu verlegen. Doch schließen beide Verständnisse sich nicht aus. Das harmlose Dasein der "Aasesser" darf uns als noch tierisch gelten; zur menschlichen Geschichte gehört laut der Bibel die Faszination durch Gewalt:

In der neueren Erbsündentheologie wird wahrgenommen, dass die Bibel die Ursünde als den Startpunkt einer rasant eskalierenden Gewaltgenese gestaltet: Der Ursünde aus Begierde (Gen 3,6) folgt unmittelbar der Brudermord aus Neid (Gen 4,5-7). Von da spannt sich der Bogen bis zur Einleitung der Flutgeschichte, die erklärt, dass die "Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer böse war " (Gen 6,5). Der Schlüsselbegriff zur Kennzeichnung dieser "Schlechtigkeit" in der so genannten Priesterschrift lautet "châmâs ","Gewalttat" (6,9.13 u.ö.). Eine der Pointen, mit denen die Fluterzählung abschließt, besteht darin, dass Gott keinen weiteren Vernichtungsversuch an den Menschen wegen ihrer Bosheit mehr unternehmen wird, "denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an." (Gen 8,21).

Andere Überweltlichkeit: das Gute

Nicht nur als wilde Übermacht aber, die sklavische Diensucht und zugleich neidische Rivalität provoziert, begegnet uns Menschen die übersteigende Dimension der Wirklichkeit, vielmehr auch auf entgegengesetzte Weisen: als zarte Huld oder hilflose Lieblichkeit. Anders aber nicht minder als der Gewittersturm rührt uns ein schlummerndes Kind. Wofern man bedenkt, daß jeder Mann seine weibliche und jede Frau ihre männliche Seite hat, stimmt die Kurzformel: Durch den Anruf der Übermacht wird das Männchen zum Mann, vor dem Antlitz des bedürftigen Anderen das Weibchen zur Frau. Beide göttlichen Dimensionen gelten - weil sie göttlich sind - zusammen und ineinander; ein irdischer Verstand wird jedoch von ihrer Einheit total überfordert. Ist das Ganze schrecklich, so daß ich vor ihm Angst haben muß, mit ihm aber auch rivalisieren kann? Oder ist ES lieb, und ich kann mit ihm spielen?

Zweierlei Wahn: a) Mörderischer Götzendienst

Der Drang, auf "männliche" Art wie Gott zu sein, hat Männer und Frauen zu den bekannten blutigen Greueln verlockt. Aus der Gewaltfaszination stammen die Menschenopfer nicht nur der Antike, nicht nur der Azteken, deren Priester auserwählten Jünglingen das zuckende Herz aus der Brust rissen, zum Entsetzen der spanischen Eroberer, sondern ebenso in deren Heimat die Scheiterhaufen der Inquisition, später die unter der Guillotine im Namen der Göttin Vernunft aufquellenden Blutströme sowie dann, im 20. Jahrhundert, die Millionen Opfer mörderischer Ideologien. Das Wort "Opfer" steht hier im religionswissenschaftlichen Vollsinn. Diese Menschen starben und sterben keineswegs aus natürlichen Gründen, werden vielmehr DEM, was ihre Mörder für heilig halten, als Opfergaben dargebracht, in unseren Tagen dem Allah-Wahn rachsüchtiger Terroristen, aber auch dem nur scheinbar sachlichen, in Wahrheit unheimlich faszinierenden Götzen Weltmarkt, der nicht nur im Zusammenspiel mit dem Götzen Sadismus im Kino und vor dem Bildschirm virtuelle Gewaltorgien feiert sondern auch Millionen Kinder elend umkommen läßt, weil Trinkwasser und Arzneien für sie sich nicht rentieren, Waffen für ihre Unterdrücker hingegen schon.

b) Flucht ins Einerlei

Wie steht es mit der anderen Faszination, auf "weibliche" Weise göttlich zu sein? Hilflose Schwäche scheint ungefährlich, mütterliche Fürsorge sogar höchst wertvoll. Vorsicht jedoch! In der tatsächlichen Welt wirkt auch diese Einseitigkeit sich fatal aus; das höhnische Wort "Gutmensch" deutet an, warum. Wer sich alles gefallen läßt, bodenlos naiv überall unterschiedslos nur das Gute sehen will, unterstützt ungewollt oft das Böse. Wieviel hätten Hitler und seine Leute ohne das Millionenheer braver Mitläufer erreicht? Ichlose Mutterbindung ist ebenso heillos wie die selbstsüchtige Identifikation mit einem gewalttätigen Herrschervater.

Jesus überwindet beide,

"Für wen haltet ihr mich?" Wir Christen glauben, daß Du der Mensch warst und bleibst, der - damals in jener Zeit - dank wahrhaft göttlicher Ichstärke durch sein Leben und Sterben beide Faszinationen, die der mörderischen Gewalt wie die des friedlichen Einerlei, als einseitige Wahnweisen zerstört und sie zum einzig gültigen echt göttlichen Leben gewandelt und verbunden hat.

verbindet sie zum Neuen Leben

Nicht Macht an sich ist göttlich sondern allein die Macht der LIEBE; wer vor Gott Angst hat, ist von Jesu Geist noch nicht durchdrungen. Und nicht Gutheit an sich ist göttlich ("So mancher meint, ein gutes Herz zu haben, und hat nur schwache Nerven") sondern nur solche, die sich energisch, auch kampfbereit, für Bedürftige und gegen Unrechtsgötter einsetzt ("den Alten ist gesagt worden ... ich aber sage euch"). Durch sein prophetisches Auftreten gegen die Mißbräuche der religiösen Obrigkeit hat Jesus alle brave Resignation als ungöttlich erwiesen; in seinem gewaltlosen Leiden und Sterben hat er es geschafft, ebenso den alten religiösen Gewaltritus "von innen heraus zu durchbrechen und diesen Mechanismus als sinnloses Imponiergehabe sichtbar zu machen".

Beide getrennten Linien der Menschwerdung (die "Wahrnehmung einer übersteigenden Dimension der Wirklichkeit" reißt uns aus der Tierheit ins Unendliche) hat dieser erste voll Mensch Gewordene aus ihrer zueinander widersprüchlichen Isolation gelöst und so der Menschheit ihr Neues Programm geliefert, wie Männer und Frauen gemeinsam, dem Doppelbann mörderischer Gewalt und bequemer Schwäche entrissen, ein gelingendes, weil wahrhaft göttliches Leben führen können. Die von Jesus verwirklichte Lebensgestalt hat die uralten Wahnstrukturen zwar noch nicht real transformieren können - auch nicht in der Christenheit - doch hat sie in den (nach Evolutionsmaß) überaus kurzen zweitausend Jahren schon Erstaunliches erreicht. "Im gesellschaftlichen und staatlichen Bereich brach sich das Neue Bahn im Erstarken des Humanitätsideals und in den politischen Befreiungsbewegungen, im kirchlichen Bereich gewann es z.B. in den Orden Gestalt in der Zuwendung zu den Kranken und Armen, im Bau von Spitälern und Krankenhäusern. Heute, nachdem im Grauen der Weltkriege und in der drohenden Selbstzerstörung des Erdballs durch den Menschen sich der Kriegs- und Schreckensgott gleichsam selbst ad absurdum geführt hat und auf diese Weise noch einmal - wie in der Passion Jesu - als leerer und sinnloser Gewaltmechanismus entlarvt wurde, ist vielleicht die Zeit gekommen, die genuin jesuanische Gestalt menschlichen Lebens losgelöst von den morphischen Feldern der Gewalt und der Weltentsagung unmittelbar in der ihr eigenen Qualität zu sehen und zu entfalten."

Natürlich gehört mehr als diese Andeutungen dazu, "ein mögliches evolutives Verständnis des Christusereignisses zu erarbeiten" (Georg Baudler hat dies eindrucksvoll unternommen). Es ging hier nur um einen kurzen Impuls zu einem überzeugenden, an kritische Zeitgenossen weitergebbaren Christus-Begriff.

mit dem er uns, wie die Jünger, immer wieder überrascht

Schließen möchte ich mit dem Kommentar von Christa Bing. Sagt sie nicht, anders, genau dasselbe? "Man könnte geradezu meinen, Jesus will den Jüngern im Evangelium den Spaß verderben. Und hat er damit nicht recht? Wenn er ihnen etwas vormachte, sie in ihren Vorstellungen von Erfolg mit ihrem tollen Rabbi ließe; was nützte das? Würde die Wirklichkeit des Lebens sie nicht ins Unglück stürzen? Dass er in seiner Liebe das Leid umfängt, es also nicht abschafft oder ausblendet, hat (schwere) Folgen für die Seinen. Es wird gewiss ein Weg zu anderen Bedingungen als sie es sich dachten; auf die haben sie sich einzustellen. Innere Freiheit ist nicht billig, weil man schnell dabei ist, sich festzumachen an dem, was man kennt und zu haben meint. Er aber will ihnen dazu verhelfen, mit den leidvollen Erfahrungen, mit denen zu rechnen ist, neu umzugehen, sie nicht als lebenszerstörend anzusehen, sondern sie als Bestandteil des Heilswegs zu betrachten. Er weiß sich verbunden mit allen, die solches schon erfahren haben und es noch erfahren werden. Mit allen und für alle geht er den Weg, der ihm wohl in seinem Gebet in der Einsamkeit aufging.
Wir werden von ihm heute nicht mehr persönlich gefragt, wer er für uns sei. Aber die Situationen unseres Lebens, die uns widerfahren, die werden uns diese Frage schon stellen."


Zum Weiterdenken:

Steppenlöwe: Dieses und die letzten vier Zitate bei Georg Baudler, Gott und Frau (München 1991), 46, 351, 11, 399, 12

Von der neueren Erbsündentheologie berichtet Ralf Miggelbrink im Internet.

Diensucht: Siehe hier

Angst: Dazu ein erhellender Gedanke des Earl of Shaftesbury (1671-1713)

Gutes Herz - schwache Nerven: Ein Aphorismus der Marie von Ebner-Eschenbach


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/gewalt.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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