Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Im Himmel gebunden wie auf Erden - in welchem Sinn?

Gedanken zum dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein" (Mt 18,18).

Ein kühner Satz, und ein gefährlicher. Wir wissen nicht, ob Jesus vor seinem Tod so gesprochen oder ob - wahrscheinlicher - die Urgemeinde den auferstandenen und verherrlichten Herrn so verstanden hat. Mindestens dieses Zweite steht fest, und das ist erstaunlich. Wenn man sich das winzige Häuflein der Christen mitten im Völkergewimmel der Antike vorstellt, kann einem schwindlig werden angesichts dieses Anspruchs: "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein". Ein griechischer Philosoph oder römischer Jurist damals, dem dieser Satz zu Ohren gekommen wäre, hätte vermutlich geschmunzelt ob solcher Hochfahrenheit eines esoterischen Grüppchens.

Was zu Beginn nur kühn war, wurde später gefährlich, gar nicht mehr zum Lachen. Als die Kirche sich zur machtvollsten Institution des Abendlandes entwickelt (verkehrt?) hatte, taten ihre Autoritäten aus politischen Gründen ganze Landstriche in den Bann, exkommunizierten Fürsten samt Untertanen, belegten Städte mit dem Interdikt, so daß dort keine Messe mehr gefeiert werden durfte. Galt solche Willkür wirklich auch im Himmel? Sind die Protestanten, seit Martin Luther exkommuniziert wurde, von Gott getrennt? Das zu sagen traut sich heute nicht einmal mehr der sturste katholizistische Fanatiker. Ist die Vollmacht zu binden und zu lösen erloschen? Das nicht, doch glaube ich: Man hat sie mißverstanden. Ein Umweg soll uns zu mehr Klarheit helfen.

In einem spanischen Bestseller dieses Jahres stellt der Autor fest: "Sich in Privatwahrheiten zu verschanzen, die der Gläubige als mit absoluter Gültigkeit ausgestattet ansieht, führt früher oder später zu Fanatismus und Aufzwingung" [181 f]. Das wird von der Religionsgeschichte vielfach bestätigt, auch von der Kirchengeschichte bis zum jüngsten Konzil, zum Teil sogar darüber hinaus ... Vielfach - aber nicht immer. Also drückt der Satz kein unabänderliches soziologisches Gesetz aus. Über lange Zeiten hinweg haben in vielen Ländern Gläubige gegensätzlicher Glaubensweisen in Frieden neben-, auch miteinander gelebt. Und heute - weiß ich aus Erfahrung - hat solche Friedlichkeit sich sogar einen institutionellen Rahmen geschaffen, der sich von Jahr zu Jahr verstärkt, regelmäßige Welttreffen abhält und vielerorts Freundschaft zwischen Andersgläubigen stiftet. Unterscheiden wir deshalb bei jenem Satz zwischen einem wahren und einem falschen Sinn, je nachdem wie man seine Hauptbegriffe des näheren auffaßt.

Was ich mit "verschanzen" übersetzt habe, heißt im Original "encastillamiento", von "castillo" = Burg, Schloß. "Ein' feste Burg ist unser Gott", singen wir und glaubt jeder Gläubige; nicht Gott wird aber hier zur Burg erklärt sondern eine "Privatwahrheit". Diesen Begriff wendet der Autor - mit dem Recht dessen, der seine Denkzeuge definiert und offenlegt - auf jede religiöse Überzeugung deshalb an, weil - im Gegensatz zu Alltags- und wissenschaftlichen Wahrheiten - kein Glaubensausdruck sich gegen andere auf dem Feld öffentlicher Diskussion intersubjektiv durchsetzen kann. So verstanden, wäre dieser Sprachgebrauch unanfechtbar. Dennoch empfiehlt er sich nicht: weil wichtige Religionen ihn ablehnen müssen.

Ein sehr spanisches Bild sehen wir. In ihren wohlbewehrten Burgen hocken die maurischen und christlichen Herren und versuchen, von dort aus mit dem Schwert möglichst viel Land für ihren wahren Glauben zu erobern. So steht es bis heute, stellt der Autor fest: "Die barbarische Zerstörung der Zwillingstürme von New York, die religiösen Fanatikern zugeschrieben wird, die sich mordend selbst töteten, in einem gewaltsamen Akt des Selbst- und Fremdopfers, ist ein leider unwiderleglicher Beweis" (182). Ich unterscheide: Daß es weithin so ist, stimmt. Daß aus dem Glauben an die absolute, öffentlich zu verkündende Wahrheit der je eigenen Religion mit Notwendigkeit gewaltsamer Fanatismus folgt und stets folgen muß, stimmt hingegen nicht. Der Verfasser hofft selbst, daß die Religionen den längst begonnenen Weg ihrer Vermenschlichung weitergehen, indem sie, jede auf die eigene Weise, die universale Ethik der Menschenrechte bejahen (219).

Wo ich ihm widersprechen muß - im letzten Absatz (226) lädt er dazu ein - ist seine willkürliche Beschlagnahme der "öffentlichen Wahrheit" für Wissenschaft und Ethik (207). Nie werden Christentum und Islam einer Redeweise zustimmen, die ihre Wahrheit aus dem öffentlichen Gespräch verbannt und als "privat-kollektive Wahrheit" in private Zirkel einsperrt, seien die auch so riesig wie die gesamte Christenheit und Umma. Christi Missionsbefehl "Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu Jüngern" (Mt 28,19) ist auch eine religiöse Wahrheit, wahrlich keine private jedoch. Öffentlich Zeugnis zu geben verbietet einer Religion, die das fordert, keine Ethik. Doch wissen aufgeklärt Fromme, daß solches Zeugnis stets nur die Freiheit der Menschen anspricht, durch den geringsten Hauch von Zwang - und sei es bloß ein angeblich logischer! - sich selbst zerstört.

Hier mündet der Umweg wieder in den Gang unserer Frage ein. Welche Vollmacht des Bindens und Lösens hat Christus seiner Kirche übertragen? Achten wir auf den Zusammenhang. Es geht da keineswegs um alles in der Welt. Thema ist vielmehr, wie die Jüngergemeinde mit solchen Mitgliedern umgehen soll, die sich nicht an das in ihr Gebotene halten. Dann soll es zuerst ein Gespräch unter vier Augen geben. Bewirkt das nichts, "dann nimm einen oder zwei Männer mit dir ... Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein."

Das bedeutet: Von den anderen, von der großen Mehrzahl der Menschen, die nicht zur Gemeinde gehören, ist hier überhaupt nicht die Rede; wie Jesus mit Zöllnern umging, ist im übrigen bekannt. Das zweimalige "alles" bezieht sich nur auf Fragen innerhalb der Gemeinde, ähnlich wie wenn ein Kind sagt "ich hab' alles aufgegessen." Dann meint es nicht, es habe den Eisschrank leergefuttert, sondern bezieht sich nur auf das, was auf seinem Teller lag.

"Wenn dein Bruder sündigt", beginnt der Abschnitt. Das klingt nach gemeindlicher "Standardsituation": Ehebruch, Betrug, üble Nachrede usw. Wie steht es mit dem, was später "Sünde gegen den Glauben" heißen sollte und als extra schlimm mit dem Feuertod bestraft wurde? Wenn also jemand oder eine Gruppe in der Gemeinde eine abweichende Meinung darüber vertritt, was wahres Christentum ist? Wird der Spruch der irdischen Gemeinde - wer weiß, auf welche Weise zustande gekommen - auch dann vom Himmel bestätigt? Wenn nicht, scheint die Vollmacht des Bindens und Lösens inhaltsleer; fast jeder "Sünder" kann sich auf ein anderes Sinnverständnis berufen. Wenn aber ja: Muß es dann nicht zur übermächtigen alleinseligmachenden Kirche kommen, zu jener erstickenden Unterdrückungsmaschinerie, die so viele Jahrhunderte der Christenheit verdüstert hat? In welchem Sinn bestätigt der Himmel, was die christliche Gemeinde auf Erden bindet?

Ich bringe zuerst ein Gleichnis, dann ein deutliches Beispiel. Wie es in einem gesunden Leib nicht nur einzelne Zellen gibt sondern Organe, wo die Zellen sich in ein Gesamtprogramm einfügen, so ähnlich braucht der SINN des Seins, will er sich - Ziel der Schöpfung - auf endliche Weisen darstellen, nicht nur Individuen sondern auch Gemeinschaften. Neben natürlichen Gemeinschaften - Familien, Städten, Völkern oder einer Operntruppe, die den Tannhäuser aufführt - gibt es nach dem Glauben der Buchreligionen auch Gemeinschaften, die vom Gott der Heilsgeschichte auf besondere Weise zum Zeugnis für IHN erwählt worden sind. Damit solches Zeugnis deutlich sei, muß die Gemeinschaft als Zeichen wirken, das kann sie aber nur, wenn die Mitglieder ihre individuellen Besonderheiten dem Ganzen so unterordnen, daß dessen Zeichenhaftigkeit nicht beschädigt wird. Wenn zu viele Stellen des Verkehrsschildes, die rot sein sollten, willkürlich lieber weiß sind, ist das Zeichen irgendwann nicht mehr erkennbar. Wenn in dem Text, den Sie gerade lesen, alle Buchstaben dieser Zeile x sein möchten, weil das gerade Mode ist, wären Sie mit Recht verärgert.

Nun das Beispiel. Eine dieser erwählten Gruppen ist die katholische Kirche. Weil ihre hochzeitliche Verbindung mit Christus ein wichtiges Heilszeichen ist (Eph 5,32), deshalb kann eine katholische Ehe nicht aufgelöst werden. Bis heute ist dies einer der Fälle, daß eine Gemeinde auf Erden bindet. Nun ist eines klar: Wer leugnet, daß es Ehen gibt, die eigentlich keine Ehen mehr sind, der leugnet Tatsachen. Bleibt eine solche Nicht-Ehe trotzdem auch im Himmel gebunden? Nein und ja.

Nein: im persönlichen Gewissen. Kannst du vor Gottes Angesicht mit einem neuen Partner einen wahren Lebensbund schließen, dann trau dich. "Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben", sagt Christus (Joh 10,10), und "zur Freiheit seid ihr befreit" (Gal 5,13), stimmt Paulus ein.

Und ja: in anderem Sinn gilt die Bindung im Himmel für solche, die im vollen Sinn katholisch sein wollen, und so lange, bis die Kirche (vielleicht bald?) die Gewichte anders tariert, etwa das Zeichen der Verzeihung und des Neubeginns auch offiziell für wichtiger erklärt als das Zeichen der Treue. Solange sollst du um des heiligen Ehezeichens willen bereit sein, von deinen Rechten als Katholik ein wertvolles ruhen zu lassen: Wo man dich kennt, darfst du nicht zur Kommunion gehen. Setz dich (nicht ganz hinten) in eine Bank und bleib sitzen, wenn alle nach vorn gehen. Das könnte ein hilfreiches Zeichen für manche sein, die gerade um ihre Ehe ringen und dein Zeugnis brauchen. Als aufgeklärter Katholik weißt du ja, daß deine geistliche Kommunion nicht weniger wert ist als die sakramentale der übrigen; wo man von deiner Situation nichts weiß, erlaubt dir der Heilige Geist vielleicht auch das Sakrament.

"Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen" (Joh 14,2). Wer zur katholischen Hauptwohnung den Schlüssel verloren hat, heiße den Vater in einer anders ausgestatteten Nebenwohnung willkommen. Das heutige Evangelium schließt mit der seligen Verheißung "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Simone Weil macht darauf aufmerksam, daß Jesus nicht von Tausenden sondern von zweien oder dreien mit ihm Versammelten spricht. Nichts gegen einen Riesentrubel in der Hauptwohnung, der ist nicht ohne - für alle, die ihr Band umschließt. Wem es sich aber gelöst hat, sei getrost. Einen oder zwei findet er bestimmt.


Zum Weiterdenken:

Bestseller: José Antonio Marina, "Dictamen sobre Dios", Barcelona 2001

Beschlagnahme: Dem, was Marina mit der Unterscheidung privat/öffentlich meint, stimme ich voll zu, sachlich gibt es zwischen uns keinen Gegensatz; denn daß er "kein religiöses Temperament hat", wie er im ersten Satz bekennt, ich hingegen schon, diese Spannung gehört in den Bereich der Privatwahrheiten, beeinflußt nicht die Argumentation. Umstritten ist der Sprachgebrauch. Ich habe den Eindruck, Marina werde seinem gewaltigen Thema noch nicht gerecht. Es wäre sehr schade, müßte sein wahrhaft überlebenswichtiger Vorschlag (183) zur Verständigung von Religion und Ethik deshalb scheitern, weil er ein untaugliches "Mem" (wie jemand, analog zum Gen, die Denkzeuge genannt hat) in den Kampf ums geistige Dasein entlassen hat.
Wie kann denn "die Religion in die natürliche Ebene eine unendliche Dimension einführen" (214), wenn sie von der nur hinter verschlossenen Türen sprechen darf? Könnte es sein, daß des Autors Konzeption von "öffentlich" unvermerkt von seiner Jugend in der Franco-Zeit geprägt ist? Die Vermutung kommt mir beim Lesen dieser Sätze (224): "Jede Person kann eine Idee von der Gottheit haben, sie als wahr leben und fühlen, daß es Verrat wäre, auf sie zu verzichten. Wenn man vergißt, daß diese Wahrheiten privat sind, kann solche Sicherheit die Grenzen der Intimität überschreiten und versuchen, sich den anderen aufzuerlegen." Solches Überschreiten mit Auferlegen, Aufzwingen ineinszusetzen - auf diesen Gedanken kommt kaum, wem eine offene Gesellschaft selbstverständlich ist. Nach 24 Jahren Mitarbeit bei der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden - die Marina nie nennt - weiß ich, daß mein öffentliches Eintreten für die katholische Wahrheit niemandem etwas auferlegen will.
In meinem Lieblingsgleichnis gesagt: Als Herzzelle im Dialog mit Lungen- und Nierenzellen versuche ich keineswegs, jenen mein Programm aufzuerlegen, achte ihre Wahrheiten als ebenso absolut (für sie) wie die meine für mich, sind wir doch allesamt (gegensätzliche) Lebensprogramme unseres gemeinsamen absoluten ICH, so daß unsere Wahrheiten an seiner Absolutheit teilhaben und insofern nicht nur vereinbar sondern füreinander notwendig sind, obwohl sie einander auf der Programm-Ebene widersprechen: eine Magenzelle gibt weiter, was die Niere ausscheiden muß ...
Ich schlage deshalb vor, nicht zwischen privaten und öffentlichen Wahrheiten zu unterscheiden sondern zwischen existentiellen Wahrheiten des Herzens, allgemeingültigen Vernunftwahrheiten (im Buch: Ontologie und Ethik) sowie den Verstandes-Richtigkeiten in Alltag und Wissenschaft. In der Öffentlichkeit tummeln dürfen sich alle, mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit freilich nur die Vernunftwahrheiten und die Richtigkeiten der Wissenschaft. Die existentiellen Wahrheiten der Religionen und des humanistischen Atheismus präsentieren sich ebenfalls öffentlich: weil das, was sie verkünden, sehr wohl für jeden Menschen wahr und wichtig ist [auch der Atheismus? Allerdings: daß in der Aida kein Verdi auftritt, sollte jede Figur wissen!], wiewohl die Weise, wie sie es verkünden, in der Öffentlichkeit nur als Angebot an die fremde Freiheit auftreten darf, nie als Zwang ohne, gar gegen sie. Denn jedes Herz ist für den ganzen relationalen SINN des Absoluten offen und bestimmt, kann es auch nie alle Pole dieses Spannungsgefüges zugleich bewußt realisieren.Vernehmen soll jede Orchestermusikerin stereo das ganze Konzert, selbst ausdrücken immer nur ein Mono-Signal.

Christentum: Gegen jeden totalen Anspruch der weltlichen Obrigkeit mußten und müssen Christen sich wehren, im Namen ihres wahren Herrschers, dessen Reich nicht von dieser Welt ist aber in ihr öffentlich wirken will, wider die Anmaßung des jeweiligen Obergötzen, sei das damals der Kaiserkult oder heute ein Kapitalismus, der die Unterscheidung Haben/Nichthaben zur einzig beachtlichen verabsolutiert. So schrieb 1937 Erik Peterson ["Zeuge der Wahrheit" (Theologische Traktate, München 1951),189]: Das "Offenbarwerden" Jesu Christi in der "Glorie" bedeutet, daß "dem Herrn" eine "Öffentlichkeit" nach Analogie der politischen Öffentlichkeit zukommt. Das zeigen deutlich die politischen Herrschaftssymbole, die in der geheimen Offenbarung auf Christus übertragen werden. Die sieben Leuchter, die den Menschensohn im Himmel umgeben, entsprechen den Kandelabern an den Höfen hellenistischer und römischer Herrscher, die mit ihrem Feuer die ewige Dauer ihrer politischen Herrschaft symbolisieren. Die sieben Sterne, die Christus in der Hand hält, begegnen uns auch auf den Münzbildern römischer Kaiser zur Bezeichnung der Allgewalt der Herrschaft. [Wußten Sie, daß der "Kranz von zwölf Sternen" auf der EU-Fahne gleichfalls aus dem letzten Bibelbuch stammt (12,1)? Einige der großen alten Männer, die Europas Einheit beförderten, waren gläubige Katholiken und hatten ihre heimliche Freude, Maria als Patronin Europas auf diskret-öffentliche Weise zu ehren.]
Christus ist der Herr. Von diesem Anspruch können die Christen nicht lassen, haben sie doch auf der Weltbühne deren endgültige Wahrheit darzustellen: daß die Bühne ihren Sinn nicht länger von dem bezieht, was sich auf ihr tummelt, vielmehr vom Urteil des HERRN in der Loge. Solche Relativierung ärgert die Herren dieser Welt. Von den römischen Kaisern über Nazis und Stalinisten und die Auftraggeber der Männer, die am 24. März 1980 in einer Klinikkapelle von San Salvador den Bischof Oscar Romero am Altar erschossen, bis ins neue Jahrtausend fließt das Blut der Martyrer durch die Zeiten. Wo Machthaber über der eigenen Willkür keine Instanz anerkennen, erwidern die Christen ihnen ruhig: Ihr irrt. Die Fakten sind anders. Vielleicht nicht die auf der Bühne, da gilt eure Stärke. Doch untersteht die Bühne samt ihren Reichen schon dem wahren Reich der Gerechtigkeit. Wer gegen dessen Recht auf der Bühne seinen Mitspielern Unrecht tut, verfällt dem Herrn des Festes. Blutbefleckt, ohne hochzeitliches Gewand darf niemand mitfeiern, außer sein Kleid wurde in Reuetränen gewaschen, erneuert durch die Verzeihung der Gequälten und Dessen, der in ihnen allen litt: Christus, der tatsächliche Herr.
Marina hat recht, daß diese Begründung weltlicher Gerechtigkeit keine öffentliche Anerkennung als allgemeine Wahrheit fordern darf. Daß sie deshalb jedoch "im privaten Bereich verbleiben muß" (219), also z.B. nicht im Gerichtssaal als eindrucksvolle Missionspredigt erklingen darf, dieses Verlangen ist, perdón, fataler Unsinn. Das hätten Diokletian und Adolf Hitler gern so gehabt, die öffentlich verklagten Christen konnten ihren Schergen diesen Gefallen aber nicht tun.

Wie wäre es mit diesem Sprachgebrauch: Es gibt a) die öffentliche Kenntnis allgemeiner Wahrheiten der Vernunft und Wissenschaft, b) das öffentliche Zeugnis für bestimmte existentielle Wahrheiten, die eben deshalb aber nicht privat heißen dürfen. Daraus ergibt sich, daß auch der Gegenbegriff "öffentliche Wahrheiten", als allzu mißverständlich, tunlich zu meiden ist. Mir scheint, eine solche leichte Adaptierung von Marinas Theorie, die sein Anliegen nicht tangiert, wäre kein zu hoher Preis dafür, daß sie Christen und Muslimen eher annehmbar würde.

Institutioneller Rahmen religiöser Friedlichkeit: WCRP, Weltkonferenz der Religionen für den Frieden.

Erwählt: Vgl. diese und diese Predigt.

Der leugnet Tatsachen: So sagte zu mir in Rom, wenige Monate vor seinem Tod, der ehrwürdige Pater Hürth SJ, Mitverfasser der Ehe-Enzyklika "Casti Connubii" des Papstes Pius XI. Ausführlicher zu diesem Thema hier.

Nebenwohnung: Siehe dazu den Auszug aus meinem Katechismus-Kommentar von 1993.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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