Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Über die Freude

(Zur Erinnerung an eine andere Zeit)

Predigt am dritten Adventssonntag 1970 in St. Elisabeth, Nürnberg


Meine lieben Zuhörer,

die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen; jeden Satz, den wir in der Kirche hören, hat irgendwann ein Mensch aufgeschrieben. Ich will noch einmal die Sätze aus dem Philipperbrief vorlesen. Welches war die Stimmung des Schreibers, und wie haben die Empfänger sich gefühlt? Vielleicht versuchen Sie einmal, sich beim Hören diese Frage zu stellen.

"Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren."

Manche unserer jungen Menschen haben einen interessanten neuen Zugang zum Christentum. Zum Beispiel kenne ich einen, der ziemlich entsetzt ist über das, was in seiner Pfarrei geschieht, oder besser, nicht geschieht. Aber er kennt viele Versuche junger Menschen, lebendige Gemeinschaften zu bilden. Natürlich sagt er nicht Gemeinschaften, sondern Kommunen. Die allermeisten solcher Kommunen hatten aber keinen langen Bestand. Sie sind früher oder später gescheitert, auseinandergesplittert. Da fragt er sich, wie kommt es, daß die ersten Christen bei ihrem Unternehmen nicht gescheitert sind. Sie haben es geschafft. Ihre Gemeinschaften haben nicht bloß Monate, sondern Jahrhunderte lang gehalten.Warum? Er meinte, vielleicht finden die heutigen Kommunen nicht das richtige Verhältnis zur Freude. Es gibt nämlich zwei ganz verschiedene Arten solcher Gruppen.

Die einen wollen einfach Spaß miteinander haben. Sie treffen sich mit mehr oder weniger Sex, mit oder ohne Rauschgift. Sie suchen mitsammen die Freude. Aber komisch, es klappt nicht. Es gibt Spaß, es geht lustig zu, aber bald wird alles von einer unfaßbaren, grundlosen Langeweile überzogen und traurig geht man wieder auseinander.

Andere Gruppen dagegen meinen es ernst, sie sind kolossal davon überzeugt, daß es schlimm steht mit der Welt. Jeder, der bei ihnen mitmacht, ist zutiefst durchdrungen vom Schmerz Hamlets: O Gram, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam. Strukturen müssen verändert, Machtverhältnisse umgeschichtet werden, und das alles ist schrecklich ernst. Auf einem Erdball, wo der Vietnam-Krieg mordet, wo Atom-Minen an unseren östlichen Grenzen lauern und der Bodensee womöglich bald zu einer stinkenden toten Pfütze umkippt, da gibt es, so fühlen sie, kein Recht zur Freude. so sitzen sie denn beisammen, rauchen und diskutieren grimmig herum. Weil sich aber dadurch natürlich auch nichts ändert, kommt früher oder später die Stunde der bitteren Verzweiflung, man gibt auf und geht auseinander. Dort bloß Freude, hier keine Freude. Anders war es bei den ersten Christen. "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit ... Eure Güte werde allen Menschen bekannt."

Packen wir den Stier bei den Hörnern. Die Optimisten und die Pessimisten, beide haben sie unrecht. Dem Optimisten wird der Christ das Kreuz entgegenhalten und ihm sagen: Meinst du wirklich, es sei alles gut? Mach doch deine Augen auf. So viele Menschen, die genauso fühlen wie du, krümmen sich vor Schmerz in diesem Augenblick. Andere sind dabei, sich selbst umzubringen, weil sie es nicht mehr aushalten im Leben.Wohin du schaust, herrschen Unterdrückung und Bosheit. Also bekehre dich. Steck deinen Kopf nicht mehr länger in den billigen rosa Sand deiner eigenen kleinen Gemütlichkeit, sondern setz dich der wirklichen Welt aus. Und wenn einer kommt mit seiner Last und möchte ein bißchen auf dich abladen, dann lauf nicht davon, laß ihn nicht stehen, sondern mach ihm die Freude, so gut du es kannst. Nur dann darfst du ein Optimist bleiben. Natürlich kannst du dein Temperament nicht ändern, sollst es auch nicht. Wenn dir aber die Freude leichter fällt als anderen, dann sei bitte so gut und streng dich an, sie weiterzugeben, und nicht bloß mit Worten sondern mit allem, was du bist und hast. Deine Freude soll wie eine Schippe sein, auf die du den Dreck der Welt kehrst, um ihn wegzutun. Je größer die Schippe deiner Freude, um so besser.

Dem Pessimisten dagegen wird der Christ mit zwei Gläsern voller Osterwein gegenübertreten, eines ihm geben und dazu sagen: Du lehnst die Freude ab, weil sie angeblich oberflächlich macht. Du meinst, wenn einer sich freut, dann kann er das nur, weil er die Augen verschließt vor dem Elend der Welt, und du für deinen Teil wählst eher die Wahrheit als eine solche Freude. Darin, sagt der Christ, gebe ich dir recht. Eine Freude, die die Augen zumachen muß um leben zu können, verdient gar nicht den Namen Freude. Das ist höchstens ein schwindsüchtiges Vergnügen. Nein, die Augen sollen offen sein und sie sollen den Dreck sehen. Was aber dann? Was soll mit dem Dreck geschehen? Wenn du aus lauter Angst vor Illusionen die Freude verbietest, dann kann es ja grundsätzlich keinen Fortschritt geben. Aller Fortschritt kann doch nur den Sinn haben, möglichst vielen Menschen möglichst viel Freude zu bringen. Wenn aber die Freude überhaupt schon die größte Sünde ist, was in aller Welt willst du erreichen? Welches Programm bietest du uns an? Wenn du jedem Lachenden auf den Mund schlägst und ihn zwingen möchtest, mit dir über das Elend der Welt zu weinen, wie willst du dann die Weinenden trösten? Natürlich sollst auch du dein Temperament nicht ändern. Bleib ruhig der Pessimist, der du bist. Reibe dich weiter wund an der bösen Wirklichkeit und wecke uns immer wieder auf. Denk aber daran, in dem Wurm der Welt sitzt selbst schon der Wurm. Der Tod ist getötet.

Es ist also ziemlich verwickelt mit dar Freude. Vorvorletztlich herrscht der Wechsel von Regen und Sonne, von Lachen und Weinen. Da gibt es nichts Gewisses. Vorletztlich hat die Freude unrecht, denn immer wird es auf Erden Gewalt und Unterdrückung geben. Weder Zahnweh noch Liebesleid ist aus der Welt zu schaffen. Die meisten von uns wissen, wie weh beides tut. Und sterben müssen wir alle. Letztlich aber hat die Freude recht, denn Jesus lebt und auch du, wenn du nur willst, lebst jetzt schon und wirst leben.

Verstehen wir jetzt, welch ungeheure Spannung in den beiden Sätzchen des Paulus eingefangen ist? Freude ohne Drecksarbeit ist bloß Illusion. Drecksarbeit ohne Freude ist bloß sinnlose, ja verderbliche Plackerei. Beides müssen wir uns merken. Ein Satz ohne den anderen wäre falsch, zusammen aber sind sie die Wahrheit. Die einzige, die unserer Welt wirksam helfen kann. "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit. Eure Güte werde allen Menschen bekannt." Amen.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/freude.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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