Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Gehört der Fremde zu uns?

Gedanken zum zweiten Fastensonntag


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Die Szene im IC

Fremdenhaß ist a) natürlich

b) wegen der christlichen Mutation: veraltet

Schmerzliche Spannung Schöpfungs- / Gnadenordnung

Zweite Lesung: Das himmlische Bürgerrecht

Evangelium: Das Geheimnis der weißen Farbe

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Die Szene im IC

Hoffentlich geht er vorbei! Keiner im IC-Abteil sagt ein Wort und doch spüren alle fünf, daß sie sich in dieser Hoffnung einig sind. Man macht sich breit, auf dem freien Platz liegt allerlei. Und tatsächlich: Der Schnauzbärtige mit dem Riesenkoffer läßt die Tür zu, geht weiter, der Blick aus dem Gangfenster in die schöne deutsche Landschaft ist wieder frei. Erleichtert atmen die Eingesessenen auf; der Fremde ist draußen geblieben und die Gruppe sich gleich. Nicht ganz allerdings. Einem der fünf ist die Szene verwandelt. Er sieht sich auf einer weiten Ebene, zahl­lose Blicke richten sich auf ihn, und eine Stimme sagt: Fremdling war ich - und du hast mich nicht aufgenommen. Warum hast nicht du die Tür geöffnet und mich hereingebeten? Warum nicht? - Aber die anderen, Herr, die wären doch wütend auf mich gewesen! - Ach was, die anderen! "Wenn die Welt euch haßt, so wißt: mich hat sie zuerst gehaßt" (Joh 15,18). Schade, daß du so ein Feigling bist. Nein, mein Lieber, dieses Stückchen deines Lebens gehört auf die Unheilsseite, für ewig. Dein Glück, daß du nicht ganz so bist wie eben. Bereust du? - Ja, Herr. - Dann trau dich beim nächsten Mal. Der Zug ist voll, bald komme ich wieder.

Fremdenhaß ist a) natürlich

Ablehnung des Fremden ist das Natürlichste der Welt, reicht weit ins Tierreich zurück. Die Biene, die sich verfliegt, wird von den Stockwächtern totgestochen. Nicht besser ergeht es der fremden Taube, gar nicht sanft fallen die einheimischen mit den Schnäbeln über sie her. Argwohn gegen die Fremden ist ein Faktor des irdischen Lebens, wächst bei dessen Entwicklung mit und führt dazu, daß in manchen alten Sprachen das Wort "Mensch" nur die eigenen Stammesangehörigen meint, während Fremde schon sprachlich nicht als Menschen gelten. Als die Nazis "Untermenschen" sagten, standen sie in dieser Tradition, leider auch in einer christli­chen; hatten nicht vor vierhundert Jahren Theologen ernsthaft gefragt, ob die Indios eine menschliche Seele hätten? Behandelt werden sie bis heute oft so, als hätten sie keine! Und auch aus Gegenden, die uns näher sind, berichtet die Zeitung täglich von Untaten der einen Menschen gegen andere nur deshalb, weil sie Fremde sind. Damit wir die ererbte Neigung dazu auch in uns selbst erkennen, uns nicht hochmütig-lügnerisch aus dem gemein­samen Teig verabschieden, darum die Geschichte aus dem Abteil.

b) wegen der christlichen Mutation: veraltet

Zum Glück ist Haß gegen Fremdes aber nur die eine Seite. Es gibt seit jeher auch die andere: Grenzen werden durchlässig, Hund und Katze mögen einander, in Trauer um Julia und Romeo versöhnen sich zwei feindliche Familien, die alte Gegnerschaft von Bayern und Preußen lebt nur mehr in Witzen fort. Wird es bei Polen und Deutschen auch bald so sein? Für solche Versöhnung sollen die Christen arbeiten, jeder an seiner konkreten Front. Warum gerade die Christen? Weil Christus "unser Friede" ist (Eph 2,14). In Jesus hat sich (gemäß der überzeugenden These des Theologen Gerd Theißen) die entscheidende "Mutation" ereignet, nämlich die Evolution der Evolution selber, vom Prinzip Selektion zum Prinzip Solidarität. Heute hat zwar noch nicht jene Mutation, wohl aber die Einsicht in ihre Notwendigkeit sich allgemein verbreitet: Wir wissen, daß die Biosphäre von Terra nur überleben kann, wenn das Neue Evolutionsgesetz die Alleinherrschaft des alten bricht. Alle Menschen sind aufgerufen, endlich auf der Höhe der Zeit zu sein.

Schmerzliche Spannung Schöpfungs- / Gnadenordnung

Machen wir uns aber nichts vor. "Seid umschlungen, Millionen" - das ist eine erhabene Idee. Sie taugt jedoch nicht als § 1 im Einwanderungsgesetz zu einer Zeit, da Milliarden ihre Wünsche, viele auch schon die ersten Schritte nach Westeuropa lenken. Ähn­lich wie die Gesetze des Lebens die niederen der Physik nicht leugnen, nur anwenden (so daß ich trotz der Schwerkraft meinen Arm heben kann, aber nicht für lange), so ähnlich überschreitet das höhere Prinzip der Solidarität zwar das niedere der Selek­tion, setzt es aber nicht außer Kraft. Die Spannung zwischen Schöpfungs- und Gnadenordnung bleibt, um so schmerzlicher, je grenznäher sie erlebt wird. Wer Fremde nicht kennt, liebt sie leicht; Grenzpolizist und Asylrichter jedoch erfahren bitter, wie recht der Barbarologe (Fremdenforscher) T. Todorov hat, wenn er nüchtern feststellt: "Die Ausdrücke "Menschenrechte" und "Weltbürger" enthalten beide einen inneren Widerspruch: um Rechte zu genießen, muß man nicht Mensch, sondern Bürger sein; doch - mit Verlaub, Voltaire! - nur die Staaten haben Bürger, nicht die Welt". So ist es, und doch ist das nicht die Wahrheit, sondern nur ihr Naturpol. Bezieht er sich nicht, je und je neu, in belebender Spannung auf den Heilspol universaler Solida­rität, der sich in jenen utopischen Begriffen ausdrückt, dann geht diese unsere Welt buchstäblich zum Teufel - der ja (Joh 14,30) immer schon ihr Herr ist, solange er nicht vom Sieg der göttlichen Liebe entmachtet wird.

Zweite Lesung: Das himmlische Bürgerrecht

Vor solchem Hintergrund machen zwei Sätze der Liturgie dieses Sonntags uns Mut. In der zweiten Lesung beschwört Paulus seine Lieblingsgemeinde in Philippi: "Unsere Heimat ist im Himmel." Die Übersetzung greift zu einem deutschen "Herzwort", ist aber wenig präzis. Wörtlich bedeutet "politeuma" (wie schon der Klang zeigt) etwas Politisches: Unser Bürgerrecht ist in den Himmeln. Deshalb darf der Christ sich weder mit seinem irdisch-begrenzten Bürger­recht zufriedengeben noch mit der bloß unverbindlichen Schwärmerei himmlischer, all-umspannender Universalität. Nein: Jeglicher Mensch, dem wir begegnen, ist ein Landsmann in der Fremde dieser Welt. Und wir Christen wissen das. Jeder von uns, nicht nur Kirchenprofis, ist sozusagen ein Konsulatsbeamter des Himmelreiches, der für seine gestrandeten, in der Fremde verlorenen Mitbürger ihre Heimat darstellt und glaubhaft machen soll. Gelegentliche, auch dauernde, ja grundsätzliche Überforderung ändert doch nichts an diesem Amt.

Evangelium: Das Geheimnis der weißen Farbe

"Sein Gewand wurde leuchtend weiß," berichtet das Lukas-Evangelium von Jesu Verklärung. Mattäus (17,2) unterscheidet zwischen dem Weiß der Kleider und Jesu Antlitz, das wie die Sonne leuchtete. Da zeigt sich eine packende Symbolik zum Thema "wir und die anderen": Das Sonnenlicht enthält alle Buntfarben, beim Regenbogen oder in glitzernden Tauperlen werden sie offenbar. Die Kleider hingegen sind nur weiß, nicht auch rot und blau. Als Christi Gewand können wir, die Kirche, uns verstehen, während die anderen Glaubensweisen miteinander die bunte Fülle des geistigen Kosmos bilden. Haben wir Christen die ganze Wahrheit? Ja und nein. Wer nur weiße Wände und Kleider um sich sähe, dem fehlte vom Reichtum der Farben fast alles. Wohl bedeutet unser Weiß den vollen Glanz der Sonne, Christus den Sinn in Person. So wie eine rein weiße Projektionswand beim Diavortrag jede Farbe brillant wiedergibt, so soll der Christ jede fremde Buntheit gern anerken­nen, gelten lassen, ja bestärken; denken wir an Charles de Foucauld und seine muslimischen Freunde. Weiß kann nicht Rot werden (sonst wäre es nicht mehr es selbst und würde dem Grün nicht gerecht), die weiße Wand soll aber rot strahlen, wenn Rot dran ist. Weil das Sonnen-Antlitz des Gottmenschen in seinem Weiß alle Farben aus­sendet, darum dürfen wir zwar keine Buntfarbe werden, aber auch gegen keine sein. Vor Farbspritzern seien die kirchlichen Saubermänner auf der Hut - nicht aber sollten sie, damit es bestimmt nicht Rot werden kann, das Weiß schwärzen!

Himmlisches Bürgerrecht und weißes Kleid Christi: beide Symbole helfen uns, mit der Dauerspannung zwischen Ausgrenzung und Annahme des Fremden bewußter, mutiger umzugehen. Was wir auch tun - an Kritik wird es nie fehlen. Doch der uns richtet, ist der Herr. Steht Er da nicht schon wieder zögernd vor der Abteiltür?


Zum Weiterdenken:

Fremdenforscher: Tzvetan Todorov, Nous et les autres (Seuil / Paris 1989), 211

Zum Thema Bürgerrecht bemerkt meine Denkhilfe: „Ich habe mit dem Thema Recht in Zusammenhang auf Gott meine Schwierigkeiten, irgend etwas wehrt sich in mir gegen diesen Begriff. Rechte kann ich unter meinesgleichen geltend machen, aber Gott gegenüber will ich das nicht. Da entspricht mir die Heimat deshalb eher, weil sie eher war als ich und ich bin in sie hineingeboren ... Nun werden Sie sicher verstehen, dass dies für mich kein Recht ist, sondern mich begleitendes Geschenk.“

Das ist eine wichtige Klarstellung. Gott gegenüber gibt es, braucht es kein Recht. Wohl schenkt die LIEBE uns alles, auch das himmlische Bürgerrecht. Nicht vor IHR wedele ich mit meinem Paß, aber keck vor jeder Instanz, die mein gottgeschenktes Himmelsrecht bezweifelt: dem Spott der Welt, der eigenen Ängstlichkeit, klerikalen Schergen, die aus guten Leitlinien ungedeckte Folgerungen für eine konkrete Situation ziehen, obwohl das Gewissen ihrem Kalkül entschlüpft. Solche Uniformierte, zuhöchst auch das verkorkste Gottesbild Gottvergifteter, müssen doch den Himmels-Pass gelten lassen - und tun sie es nicht, gehören sie bei ihrer obersten Dienststelle angezeigt: eben dem Herzen des Himmelsstaates, der meinen Paß ausgestellt hat.

Weiß alle Farben: Hier ausführlicher


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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