Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Wann Spaltung wann Friede?

Gedanken zum zwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


»Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung« (Lk 12,51). Auch das steht im Evangelium! Derselbe Jesus, der die Friedensstifter selig preist, bewirkt Zwietracht zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Schwiegertochter und Schwiegermutter. Wie kommt unser Glaube mit solchem Widerspruch zurecht? Wer ist Christus denn wirklich, Friedensfürst - oder Aufhetzer zum Streit?

Ergreifend berichtet die heilige Perpetua vom Gespräch mit ihrem Vater, bevor sie um das Jahr 203 in der Arena von Karthago von einer wilden Kuh zerfleischt wurde: "Wenige Tage später ging das Gerücht um, daß wir verhört werden sollten. Da kam mein Vater aus der Stadt, von Gram verzehrt. Er war zu mir heraufgekommen um mich zu Fall zu bringen. Deshalb sagte er: Hab Mitleid, Mädchen, mit meinen grauen Haaren, hab Mitleid mit deinem Vater! Ich verdiene es doch wahrhaftig, dein Vater genannt zu werden. Wenn ich dich mit diesen meinen Händen bis zu deinem blühenden Alter aufgezogen, wenn ich dich allen deinen Brüdern vorgezogen habe, so mach mir doch jetzt keine Schande vor den Menschen! Denk an deine Brüder, denk an deine Mutter und deine Tante, denk an dein Kind, das ohne dich nicht leben kann! Leg deinen Starrsinn ab, richte uns nicht alle zugrunde! Niemand von uns kann sich ja noch sehen lassen, wenn dir etwas zustößt. Das sagte er als Vater in seiner Zuneigung zu mir, dabei küßte er mir die Hände; er warf sich mir zu Füßen und nannte mich unter Tränen nicht mehr Tochter, sondern Herrin. Mein Vater tat mir leid, weil er allein von meiner ganzen Verwandtschaft sich nicht über meine Passion freuen konnte. Ich sprach ihm Mut zu und sagte: Auf jenem Schaugerüst wird nur das geschehen, was Gott will. Du mußt nämlich wissen, daß wir nicht in unserer Gewalt sind, sondern in der Macht Gottes stehen. Da ging er betrübt von mir weg."

Wer von der Wahrheit des Gottesreiches ergriffen ist, kann nicht anders als sie öffentlich zu bekennen, selbst wenn das in tödliche Konflikte führt, heute in China ebenso wie damals im römischen Reich oder vor Jahrzehnten unter den Nazis bei uns.

Oder vor vierhundert Jahren in Japan. »Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!« Dieses Jesuswort des heutigen Evangeliums erklärend, führt der Jesuit Cornelius a Lapide, bedeutender Exeget der Barockzeit, seine Leser an die Stätte eines schmerzlich realen Feuers: "In diesem unserem Jahrhundert brannten und brennen in demselben Feuer die Japaner, die für den Glauben Christi auf kleinem Feuer stundenlang geröstet werden und darin - unzähmbar und unbesiegt - bis zum Tod ausharren. Zu ihnen gehörten auch mehrere aus unserer Gesellschaft, als Bannerträger des Ordens, darunter auch P. Camillo aus Italien, der drei Stunden lang im Feuer unbeweglich, ja heiter und jubelnd aushielt, immerfort mit lauter Stimme Gott preisend oder die Gefährten zu Festigkeit ermunternd oder dem Volk predigend (was wir von Märtyrern bisher noch nicht gelesen haben), bis der Brand in die innersten Eingeweide vordrang und ihm die Stimme samt dem Leben entriss, so dass er fiel, als ruhmreiches Holocaust-Opfer für Gott."

Von welchen Flammen schreibt Cornelius hier nicht? Sie hatten, als er 32 war, durch ganz Europa hin geflackert, nachdem im Februar 1600 auf dem römischen Blumenmarkt der Ex-Dominikaner Giordano Bruno wegen Ketzerei eingeäschert wurde. Hat Jesus auch dieses Feuer gebracht? So fragen dürfen, müssen – mit Václav Havel – auch wir Christen. Meine Antwort ist: Nein. Man darf dem Gekreuzigten, der noch im Sterben seinen Henkern verziehen hat, nicht die Gewalttätigkeiten vorwerfen, die später einer üblen Mischehe entsprossen, die seine Kirche mit dem oder jenem Staat eingegangen war.

Vermutlich gab es zur Zeit der heiligen Blutzeugin Perpetua auch andere Familien, wo Christus in gläubigen Herzen nicht um seiner Botschaft willen Zwietracht forderte, sondern um seiner Liebe willen Frieden gestiftet hat. Wir sollten endlich einsehen: Christliche Wahrheit ist nicht logisch-systematisch sondern je dramatisch-existentiell. Führen Kardinal Lehmann und Bischof Huber miteinander ein brüderliches Gespräch, dann erscheinen – ihnen und uns – die harten Konturen von vor einem halben Jahrtausend in anderem Licht als den Christen, die damals mitten im Drama ihren Part agieren mussten. Die Katholiken wussten sich für das gute Alte verantwortlich, die Evangelischen für den Kampf gegen eingerissene Übel, während die Versöhner um Erasmus sich als Zeugen für die weiterhin gültige und künftig hoffentlich auch wieder sichtbare Einheit fühlten.

Wollte Christus damals die Spaltung? Davon war überzeugt, wer Luther als Teufel portraitierte, und auf der Gegenseite, wer den Papst als Antichrist malen ließ. Hatte von ihnen einer recht, war Erasmus bloß ein humanistisches Weichei? Oder sahen die um Frieden Bemühten am tiefsten und bekommen heute zusehends deutlicher wieder recht? Und was folgt aus all dem für unsere heutige Frage z.B. nach dem gemeinsamen Abendmahl?

Wer auf solche Fragen »objektiv« zu antworten sich vermäße, stünde zuletzt eher als Hochstapler statt als Richter da. In welcher Situation welcher Satz Jesu wem als Wink des lebendigen Herrn der Geschichte gelte, ob je jetzt profilscharfe Spaltung oder ein Friede über alle Vernunft »dran« sei, d.h. dem von Gott gewollten Kairós entspreche: darüber befindet weder Wissenschaft noch Obrigkeit noch Eigenwillkür, sondern allein das gläubige Herz Aug in Auge mit seinem Schöpfer und Ziel. Deshalb: Richtet nicht.

Lasst uns mitten in allen Spaltungen dennoch ahnen, dass jedes kleine und große Drama auf unserer Weltbühne umbraust wird vom Jubel des Ewigen Festes, das um die Bühne her längst im Gange ist. Dort warten deine Lieben schon auf deinen Sprung von der Rampe. Nimm deine Rolle ernst!


Zum Weiterdenken:

Perpetua: Hier der Originalbericht aus den antiken Märtyrerakten

Václav Havel fragte im Oktober 1989 in seiner Friedenspreisrede: "Wie war eigentlich das Wort Christi? War es der Anfang der Geschichte der Erlösung und einer der machtvollsten kulturschaffenden Impulse in der Weltgeschichte - oder war es der geistige Urkeim der Kreuzzüge, Inquisitionen, der Ausrottung der amerikanischen Kulturen und schließlich der gesamten widersprüchlichen Expansion der weißen Rasse, die so viele Tragödien verursacht hat, einschließlich der, daß heute der größte Teil der menschlichen Welt in die traurige Kategorie einer angeblich erst Dritten Welt fällt?"


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Siehe auch des Verfassers alten

Predigtkorb von 1996 an

und

seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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