Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Ob längst oder neu berufen - nimm die Einladung an!

Gedanken zum achtundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Schon als Kind hat mich dieses Evangelium verwundert. Da schickt der König seine Knechte aus und läßt, weil die zur Hochzeit geladenen Ehrengäste nicht kommen wollen, allerlei Fremde rufen: "Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen." Die hatten also gar keine Zeit, sich umzuziehen. Dann aber erblickt der König einen Gast ohne Hochzeitsgewand und läßt ihn furchtbar bestrafen. Das paßt, dachte ich, doch nicht zusammen. Tatsächlich erklären die Bibelwissenschaftler, daß der Evangelist hier zwei verschiedene Gleichnisse Jesu zusammengestellt hat. Im einen wird von der verschmähten Einladung und dem Ersatz der Unwürdigen durch die von der Straße Hereingeholten berichtet, das andere - über die Bestrafung des schlecht Gekleideten - hat Matthäus [anders als Lukas: 14,15-24] angefügt, damit die Christen aus der Einladung der Vagabunden von draußen nicht falsch schließen, sie dürften sich drinnen schlampig aufführen. Die Unlogik der Geschichte fällt also nicht Jesus zur Last, er hat die beiden Teile unabhängig voneinander zu verschiedenen Anlässen erzählt.

Ist das Gleichnis noch aktuell? Scheinbar nicht. Die Situation, die Jesus mit ihm beleuchtete, ist längst vorbei. Mit den zum Hochzeitsfest zuerst Geladenen meinte er die Menschen des auserwählten jüdischen Volkes, vor allem seine religiösen Obrigkeiten, die Schriftgelehrten und Pharisäer. Weil die meisten von ihnen Jesu Werben zurückstießen, von seinem Ruf nichts wissen wollten, deshalb wurden damals andere berufen, zunächst die von den besseren Kreisen Verachteten im eigenen Volk, Sünder, Zöllner, Huren, nach Jesu Auferstehung dann die Heiden, die zuvor von Gottes Volk fern gewesen waren.

Das alles ist aber doch schon so lang her. Warum wird es den Christen jetzt vorgelesen, was sagt das Gleichnis jemandem, der in seiner Kirchenbank sitzt, bereit, es als Wort zu hören, das der ewige SINN heute an ihn richtet?

Die Frage kann ungehörig scheinen. Wenn Gott einem Menschen etwas sagen will, braucht er keinen Dolmetscher. Viele Berufene fanden sich plötzlich auf einem neuen Weg, weil ein altvertrautes Bibelwort sie auf nie geahnte Weise angesprungen und umgewendet hatte. Und doch hat Jesus seine Jünger beauftragt: "Gebt ihr ihnen zu essen." Das heißt auch: Backt das kirchlich tiefgefrorene Brot meiner Worte so knusprig auf, daß die Hungrigen es beißen können.

Eins steht fest: Die Geschichte handelt von uns, egal in welcher inneren Situation wir uns gerade befinden. Alle Menschen sind zum göttlichen Fest eingeladen. Aber nicht alle auf dieselbe Weise. Da sind die einen, die wissen schon länger, daß sie eingeladen sind, nur der Termin steht bisher noch nicht fest. Ihnen "wird, nach orientalischer Sitte, durch Diener des Gastgebers die Stunde des Beginns des Mahles mitgeteilt". Das heißt: Ihre schon bestehende Würde, Festgäste zu sein, aktualisiert sich auf einmal und fordert eine Anstrengung von ihnen. Man muß die richtige Garderobe besorgen, sich umziehen und hinfahren. Weil das vielen lästig ist, kümmern sie sich nicht um den Ruf, treiben ihre Geschäfte weiter, "der eine geht auf seinen Acker, der andere in seinen Laden."

Aktuell verstanden, gilt dieser Teil der Geschichte den Christen. Sie kennen ihre Einladung schon seit langem. Deshalb sind sie in der Gefahr, diese ungeheure Gnade nicht mehr zu schätzen. Man gewöhnt sich an alles. Man trägt das Einladungsschreiben - noch ohne Termin - solange mit sich herum, bis es ganz zerknittert ist, und beurteilt das Fest, zu dem es lädt, schließlich nach der Unansehnlichkeit dieses Papiers, so daß man den unerwartet eintreffenden Aktualisierungsbescheid auch nicht ernst nimmt. Man steckt den neuen Zettel zu dem alten, macht sich aber zu dem jetzt anstehenden Fest nicht auf, sondern bleibt daheim in seinem Trott. Schade, denn für dieses versäumte Ereignis ist man auf der Welt.

Was steht denn aber des näheren in einem solchen Aktualisierungsbescheid? Das weiß jede(r) nur für sich selbst, in unsagbar vielen Formen kann Gottes Reich in den Alltag einbrechen. Zwei Grundweisen lassen sich unterscheiden. Entweder belebt sich neu der reine Glaube an die Botschaft vom Ewigen Leben, oder eins seiner zeitlichen Symbole wird dem Menschen geschenkt. Auf beide Weisen wird ein Menschenherz eingeladen, neu sein großes JA zum SINN des Ganzen zu vollziehen. Ein erfahrenes Symbol des göttlichen Heils läßt das Ewige Fest schon spürbar ahnen, die gehörte Glaubensbotschaft bedeutet es. Beides gehört zusammen, läßt sich aber trennen. Therese von Lisieux lebte zuletzt im reinen Glauben ohne jedes gefühlte Zeichen, andere erfahren sich existentiell im Heil, ohne ausdrücklichen Bezug auf eine Glaubenswahrheit.

Der christliche Glaube (ähnlich wie auf seine andere Weise auch der jüdische) wird nicht allen geschenkt, das von ihm geglaubte Wort Gottes meint aber alle. Das sei durch ein schockierendes Bild verdeutlicht (das jedoch nicht übertreibt; tatsächlich wurde jeder von uns schon mit dem Todesurteil um den Hals geboren, nur das Datum der Exekution bleibt zu ergänzen): Was ändert sich für mich dadurch, daß ich an Ostern glaube? Alles. So, wie einem, der in der Todeszelle dem Fallbeil entgegenzittert, plötzlich die ganze Welt verwandelt ist, wenn er erfährt, er sei doch noch freigesprochen worden und werde nicht geköpft, vielmehr würden die bald erscheinenden Wächter ihn statt zum Schafott in die Freiheit geleiten, und ebenso ergehe es seinen Mitgefangenen auch.

Ja: Jedes Jetzt, jeder einzelne meiner Augenblicke ist in der Wurzel geheilt, radikal entgiftet, wenn ich ihn nicht länger als Treppenstufe des Abstiegs ins grausige Nichts erleide, sondern dank Ostern als winzige aber unvergängliche Szene des einen göttlichen Dramas, das sich in alle Ewigkeit ereignet und ich bin für immer dabei, weil auch die Szene dieses lebendigen Moments nie vergangen sein, sondern DANN stets jetzt bleiben wird, DANN freilich im Licht des ewigen Gesamtbildes leuchtend, nicht mehr, wie während dieser Werdezeit, in bunte Sinnsplitter zerhackt. Alles ist, dank Ostern, schon total anders.

Für alle verantwortlich Lebenden jedoch, keineswegs bloß für die Christen. Nicht sie allein sind von der Botschaft des Evangeliums gemeint. Sie künden es weiter, tanzen mit dem Freispruchbescheid jubelnd durch die gemeinsame Todeszelle, lesen ihn laut vor; denn er betrifft alle. Gerade auch die zweite Gruppe von Gästen. Sie wissen nichts von einer königlichen Einladung. Irgendwo draußen treiben sie sich herum, bei Hecken und Zäunen. Wie des Königs Diener kommen und sie zu einem Fest mitnehmen wollen, sind sie gleich dabei. So etwas läßt sich ein Vagabund nicht zweimal sagen. Für wen stehen diese Gäste, die nicht wissen, wie ihnen geschieht? Ich erblicke in ihnen die vielen Menschen, die von keiner Beziehung zu irgendeinem König des Alls wissen. Ihnen hat Gott sich nicht geoffenbart. Oder, wenn früher doch einmal, halten sie sein damals erblicktes Antlitz inzwischen für eine Illusion. Nicht auf große Ziele aus, rechnen sie mit keiner festlichen Freude, sind in kleinen Umständen mal lustig mal verdrossen - und hoch überrascht, wenn auf einmal ein Bote des ganz Anderen sie packt: Komm mit! Du bist eingeladen, ab jetzt lebendig zu sein.

Wie der neue Ruf an die schon Vorinformierten, kann auch solche Ersteinladung auf unfaßbar bunte Weisen geschehen. Da gibt es die klassischen Konversionen eines Weltkindes hin zum strahlkräftigen Wirken in einer Kirche. Häufiger scheint das Ewige Licht als unoffizieller Glanz in die Zeit. Das Glück, oder die Gewißheit, oder was immer jemanden jetzt so tief anrührt, davon hat er in keiner Religionsstunde je gehört. Doch ist es eben das, was unser Evangelium meint. Sein Fest findet in vielerlei Sälen statt, in jedem geht es anders zu, gelten unterschiedliche Kleidervorschriften. Wer den Narrensaal in Frack oder Abendkleid beträte, würde ausgepfiffen, umgekehrt ist das Karnevalskostüm beim Diplomatenball verpönt. "Eines schickt sich nicht für alle."

Zu welcher der beiden Gästegruppen jemand gehört, steht uns nicht immer fest. Einer hat vielleicht die Einladung noch in der Tasche, weil er irgendwann getauft worden ist, er hat sie aber vergessen und ist gerade zu seinem Acker oder Laden unterwegs, als der Diener ihn zusammen mit den anderen draußen bei den Zäunen trifft und mit zum Feiern schleppt. Da kann es sein, daß der Überrumpelte gar keine Beziehung zwischen dem Brief in seiner Tasche und dem plötzlichen Fest erkennt. Das macht nichts. Der Inhalt der Einladung ist ja für beide Gruppen derselbe. Sie trifft uns in der Zeit und ruft uns zum Ewigen Leben - das bekanntlich nicht erst nach der Zeit kommt sondern jetzt schon in und um uns lebt, wenn wir nur dabei sind.

Lernen wir darum wieder neu, wachsam zu leben, nicht überspannt aber auch nicht abgespannt sondern stets gespannt auf das Eigentliche, das dann und wann aufblitzt, dank der Begegnung mit einer Person, einem Buch, einem Mißgeschick. Wenn ihre und seine Liebe ein glückliches Familienleben stiftet, dann hat sich in solchen Jahrzehnten das ewige Fest angebahnt. Jede Frau und jeder Mann ist wohl einmal von der Ahnung angeweht worden, daß dieser Augenblick jetzt gültig ist, unvergänglich, rund und sinnvoll in sich, von keinem Tode bedroht. Anlaß mochte der Blick auf ein schlafendes Kind sein, der Beginn einer Liebe, ein tröstlicher Sonnenuntergang, ein Vogellied am frühen Morgen oder ein Fest mit Freunden. Plötzlich war da die Welt für einen Wimpernschlag hell. Mag sein, solche Erleuchtung war in der nächsten Sekunde schon vorbei, und grau lagerten wieder die Wolken der Banalität über der trüben Erde. Die Erinnerung an jenes sonnige Jetzt aber bleibt, und stärkt sich, sooft eine Kirchenglocke oder ein Osterei von außen her dasselbe sagt wie im Innern der Glanz von damals: Tot ist der Tod, es lebe das Leben!

Auf tausend Weisen verkleiden sich die Boten des Königs. Nicht alle schreien so laut, daß ihr Ruf dein Ohropax durchdringt. Mancher ist heiser, kann nur flüstern - schade, wenn du ihn überhörst.

* * *

Den Schluß des Gleichnisses lasse ich einen heiligen Kirchenvater erklären. Wofür steht das Hochzeitsgewand? Papst Gregor der Große deutet es so:

"Was anderes als die Liebe sollen wir unter dem hochzeitlichen Kleide verstehen? Denn jener geht zu dem Hochzeitsmahle, findet sich aber mit einem hochzeitlichen Kleide angetan bei demselben nicht ein, der zwar in der heiligen Kirche neben den andern ist; aber die Liebe nicht hat. Und gewiß mit vielem Grunde nennen wir die Liebe das Hochzeitkleid. Selbst unser Erlöser war mit diesem Kleide angetan, als er in der Absicht vom Himmel kam, sich mit seiner Braut, der Kirche, zu vermählen. Einzig durch die Liebe unsers Gottes geschah es, daß sein Eingeborner die Herzen der Auserwählten mit sich vereinte. Deswegen sagt auch der heilige Johannes: ‚So hat Gott die Welt geliebet, daß er für uns seinen Eingebornen Sohn dahin gab.' Der also durch die Wege der Liebe zu den Menschen gekommen ist, hat deutlich genug zu erkennen gegeben, daß eben diese Liebe das Hochzeitkleid ist. Wer immer also aus euch in die Kirche eingegangen ist und dem Worte Gottes seinen Glauben verpflichtet hat, der ist schon in den Hochzeitsaal eingetreten; wenn er aber dabei die Liebe nicht hat, so ist er ohne Hochzeitkleid hineingekommen. Und gewiß, meine Brüder! Wenn je einer aus euch zu einem Hochzeitfest geladen wäre, würde er ohne Zweifel seine Kleider wechseln, und selbst durch eine anständige Kleidungbeweisen und zeigen wollen, daß er an dem Freudenfeste des Bräutigams und der Braut freudigen Anteil nehme, und er würde sich schämen, vor einer muntern und feierlichen Gesellschaft mit einem verächtlichen Kleide zu erscheinen. Und wir kommen zu einem göttlichen Hochzeitmahl, und ändern den innern Anzug der Seele nicht. Die Engel erfreuen sich, wenn die Auserwählten in den Himmel aufgenommen werden; wie unbedeutend sind also die geistlichen Feierlichkeiten in unsern Augen, die wir nicht einmal die Liebe, jenes Hochzeitkleid anziehen, das uns allein zieren könnte?"


Zum Weiterdenken:

Verschiedene Gleichnisse: Ein Mann wird vom König im Festsaal ohne Festgewand angetroffen und hinausgeworfen. Bei dem letztgenannten Zug (V. 11-13) ist am leichtesten und sichersten zu erkennen, daß er mit dem Grundgedanken des Gleichnisses nicht in Einklang steht.
Denn die Frage des Königs stimmt nicht zusammen mit V. 9 f, wonach die Bettler und Landstreicher von den Straßen weg, "Böse und Gute", eingeladen wurden. Die Annahme, diese Leute seien vom König mit einem Festgewand beschenkt worden, trägt gerade den entscheidenden Zug in die Parabel erst hinein und widerspricht auch dem Text. Der Vorwurf des Königs geht nicht dahin, daß der Mann das Festgewand abgelehnt hat, sondern daß er selbst keines mitgebracht hat. Der Mann ist eben deshalb keiner von den zuletzt geladenen Landstreichern. Er kann aber auch keiner von den Erstgeladenen sein, weil diese ja die Einladung des Königs ablehnten. Auch der plötzliche Wechsel in der Ausdrucksweise ist zu beachten. Während bisher immer von den Knechten des Königs gesprochen wurde, werden jetzt (V. 13) die Diener genannt, die doch von den Knechten nicht unterschieden werden können. Daraus folgt, daß das Stück V. 11-13 kein ursprünglicher Bestandteil des Gleichnisses vom Gastmahl bzw. königlichen Hochzeitsmahl ist. Es hat auch deutlich eine andere Moral als das Hauptgleichnis, nämlich die: für den Eintritt ins Gottesreich sind bestimmte sittliche Voraussetzungen gefordert (vgl. 13, 24-30. 36-43. 47-50). Die drei Verse bilden den Rest eines selbständigen Gleichnisses, das Matthäus unter Weglassung seiner Einleitung systematisierend an das Hauptgleichnis angefügt hat, und zwar aus dem Grund, um jedem Mißverständnis des V. 10 vorzubeugen, als ob es bei der Aufnahme ins Gottesreich auf die moralischen Qualitäten der Gerufenen nicht ankäme (vgl. auch oben zu V. 14).
Aber auch V. 6f, wonach ein Teil der Geladenen die Knechte des Königs ohne jeden ersichtlichen Grund tötet, worauf dann dieser, vor Beginn des bereits zubereiteten Mahles, einen Feldzug gegen ihre Stadt unternimmt, um dann nach dessen Beendigung nochmals eine Einladung zu dem Gastmahl ergehen zu lassen, sind nicht bloß in sich äußerst überraschend, sondern unterbrechen auch den Zusammenhang zwischen V. 5 und 8. Nach V. 8 sind die Knechte noch am Leben, und das Wort des Königs "Die Geladenen waren der Einladung unwürdig" ist am Platze, wenn es auf V. 5 zurückblickt, wirkt dagegen matt, wenn es sich auf die in V. 6 f genannten Mörder bezieht. Außerdem wirkt überraschend, daß gerade diese Mörder der Königsboten alle in einer anderen Stadt wohnen. V. 6f sind demnach ein störender Fremdkörper und müssen als ein Einschub betrachtet werden, den der Evangelist von sich aus im Blick auf das zu seiner Zeit bereits zur geschichtlichen Tatsache gewordene Strafgericht über die Stadt Jerusalem vom Jahre 70 gemacht hat.
(So Joseph Schmid in seinem Matthäuskommentar von 1956)

Nach orientalischer Sitte: So Joseph Schmid.

Therese von Lisieux: Erschütternd, was sie in ihrem Todesjahr berichtet. Wie sie seit ihrer Kindheit innerlich gewiß war: "So wie das Genie des Christoph Kolumbus ihn ahnen ließ, daß es eine neue Welt gab, wo doch niemand davon geträumt hatte, so fühlte ich, daß eines Tages eine andere Erde mein sicherer Wohnsitz sein würde. Plötzlich aber werden die Nebel, die mich umgeben, dichter, sie dringen in meine Seele ein und verhüllen sie so, daß ich in ihr nicht mehr das so liebe Bild meiner Heimat wiederfinden kann, alles ist verschwunden! Wenn ich mein Herz - müde von der Finsternis um es her - beruhigen will durch die Erinnerung an das lichte Land, nach dem ich mich sehne, verdoppelt sich meine Qual; die Finsternis scheint die Stimme der Sünder anzunehmen und mich auszulachen: ‚Du träumst vom Licht, von einer Heimat voll der lieblichsten Düfte, du träumst vom ewigen Besitz des Schöpfers aller dieser Wunder, du glaubst, eines Tages herauszukommen aus den Nebeln um dich her! Nur zu, nur zu, freu dich auf den Tod der dir bringen wird, nicht was du hoffst, sondern eine noch tiefere Nacht, die Nacht des Nichts.'" [Sainte Thérèse de l'Enfant Jésus, manuscrits autobiographiques (Lisieux 1957), 252]

Auch der jüdische Glaube: In der Erzählung von der ersten Anrede Gottes an Abraham in Gen 12, heißt es nach der Berufung Abrahams und der Zusage der göttlichen Führung und des göttlichen Segens für ihn abschließend: "In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde" (V. 3). Schon in diesem ersten Gespräch Gottes mit Abraham sind die Völker, sind wir mitbedacht und mitgenannt. Es ist also keineswegs so, wie antijüdische Behauptungen es oft hinstellen, als sei der Gedanke der Erwählung Israels Ausdruck einer jüdischen Arroganz, die sich um den Rest der Menschheit nicht kümmere. Die Völker oder, wie es in Gen 12 wörtlich heißt, "alle Familien der Erde" sind von Anfang an mitgemeint. Gewiß nicht in derselben Weise wie Israel, aber so, daß Israel mit seiner von Gott herausgehobenen Stellung zugleich die Aufgabe hat, "Licht für die Völker" zu sein, damit Gottes Heil "bis an die Enden der Erde" gebracht werde, wie es in Jes 49,6 heißt. [Rolf Rendtorff, Christen und Juden heute (Neukirchen-Vluyn 1998), 31 f. Auf S. 100 zitiert er Elie Wiesels Bericht, wie er als Judenkind zu den Christen stand:]
"Ich empfand ihnen gegenüber nicht die geringste Feindseligkeit. Nicht einmal zur Weihnachts- oder Osterzeit, wenn sie in unserer verängstigten Gemeinde eine Atmosphäre des Entsetzens verbreiteten, haßte ich sie. Ich sagte mir: sie beneiden uns, deshalb verfolgen sie uns; sie beneiden uns und sie haben recht: sie sind mehr zu bedauern als wir. Indem sie uns quälen, beweisen sie ihre Schwäche, ihre innere Unsicherheit. Dank uns besteht die Wahrheit des Himmels auf der Erde und in den Herzen der Sterblichen fort. Gott hat beschlossen, durch uns seinen Willen kundzutun und seine Absichten deutlich zu machen; durch uns und mit uns wollte er seinen Namen heiligen. An ihrer Stelle würde ich den gleichen Unwillen empfinden. Wie sollten sie auch nicht neidisch sein? Seltsam, je mehr sie mich verfolgten, um so mehr fand ich mich damit ab. Das ging so weit, daß ich ihnen gegenüber, wie ich jetzt erkenne, eine Mischung aus Stolz, Mißtrauen und Mitleid empfand."

Ein Vagabund: Im mittelalterlichen Paris hat man aus unserem Evangelium einen Ritus gemacht. Gelegentlich lud der König lauter Bettler an seine Tafel; Ludwig der Heilige soll zum Zeichen seiner Demut zuletzt das auf deren Tellern übrig Gelassene verzehrt haben.

Konversionen: Ich empfehle das Buch "Die Konvertiten" von Christian Heidrich. Meine Rezension.

Wachsam leben: Hilfreich ist es, sich als Konkretisierungen der Einladung zum FEST selber Rituale zu erfinden, persönliche Sakramentalien. Saunafreunden empfehle ich, beim Tauchbad im kalten Becken ihre Taufe zu vergegenwärtigen: So, wie mein Körper samt seiner verbrauchten Luft jetzt untertaucht, so gehe mein ich-verhafteter alter Mensch sterbend zugrunde, der Ego-Kerker werde niedergerissen - und frei sei in Christus mein Selbst, aus Wasser und Heiligem Geist so neu geboren, wie mein Leib jetzt aus dem Wasser auftaucht und die belebende frische Luft, Symbol der göttlichen Windsbrauch Ruach heilsgierig in sich saugt. Auf diese Weise können Angehörige der Großkirchen den geistlichen Vorteil der Baptisten ausgleichen, daß die sich ihr Leben lang an den Moment der Taufe erinnern.
Schlaflosigkeit läßt sich in Meditation wandeln. "Sei ganz in deinen Nasenlöchern", riet mir ein weiser alter Buddhist, da vollzieht sich der Austausch mit dem All. Beim Einatmen "danke!", beim Ausatmen "ja!", so schwingt eine Zelle an Christi Leib sich ein in sein innergöttliches Atmen.

Gespannt auf das Eigentliche: Das scheint mir eine packende Übersetzung jenes "téndere ad perfectionem", was nach traditioneller Lehre von jedem Christen gefordert wird, als "Streben nach Vollkommenheit" aber für heute wohl allzu betulich wiedergegeben würde.

Eines schickt sich nicht für alle, weiß Goethe:

Beherzigung

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!

Papst Gregor der Große [ca 540-604], Predigt auf den neunzehnten Sonntag nach Pfingsten, übersetzt von P. Maurus Feyerabend, Benediktiner-Prior in Ottobeuren (Kösel, Kempten 1810, S. 399 f)


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/festmahl.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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