Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Ist geistige Farbenblindheit heilbar?

Gedanken zum dreißigsten Sonntag im Jahreskreis


"Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland und sammle sie von den Enden der Erde, unter ihnen Blinde und Lahme." - "Jesus sagte zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich geheilt. Und sogleich konnte er wieder sehen."

Versprengte werden heimgebracht, ein Blinder kann wieder sehen. Beide Berichte der heutigen Liturgie meinen nichts Vergangenes, mitten in diesen Geschichten lebt, wer sie heute hört oder dies jetzt liest. Denn das Wort des lebendigen Gottes handelt nicht von Totem. Denken wir beide biblischen Szenen so zusammen, daß unsere eigene Geschichte sich zeigt. Wenn wir die Vertreibung des Gottesvolkes an die Enden der Erde nicht geographisch sondern geistig auffassen und in dem Blinden des Evangeliums einen extrem farbenblinden Menschen erkennen, dann sticht uns die eigene Not ins Auge, und mit Glück erfüllt uns die im Glauben erfahrene Heilung: "Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den andern Völkern: Der Herr hat an ihnen Großes getan. Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich" (Ps 126, Antwortpsalm von heute).

Auf den Wiesen der endgültigen Heimat, die der Schöpfer in seiner "vielbunten Weisheit" (Eph 3,10) uns bereitet, leuchten prachtvolle Blumen aller möglichen Farben - wir aber sind für ihre Fülle so gut wie blind. Farbenblindheit macht uns zu Verbannten im eigenen Land. Seine Schönheit sollte allen gehören, vielen unter uns ist ihr größter Teil aber verborgen. So erfaßt des einen Blick nur Gelbes, während alles Violette ihm sinnlos grau vorkommt. Wenn die Frau an seiner Seite auf Lila steht und dessen Gegenfarbe schlicht nicht sieht, können wir uns den Spaziergang des Paares durch die Blumenwiese vorstellen. Sie sprechen fast nur über Gras.

Oder ein farbenblinder Katholik sagt zum Evangelischen: Mein Glaube ist rot und ich weiß, wie hell er leuchtet. Du sagst ja selbst, daß deiner grün ist, das Gegenteil zu meinem, also ist er logischerweise finster. Der andere hat in langen Jahren immer wieder erleben dürfen, daß sein Glaube hell erstrahlt, somit muß er - wie er meint - dessen Gegensatz für dunkel oder trüb erklären. Muß er? Sollten sich nicht lieber beide nebeneinander an den Straßenrand setzen und warten, bis Jesus vorbeikommt und sie von ihrer Farbenblindheit heilt?

Oder Christa hört von ihrer Freundin Fatima: Wie kannst du nur glauben, daß Gott dreifaltig ist? In Gott kann es doch keine Vielfalt geben! Glaubt ihr Christen nicht auch, daß Gott das überhelle, unendlich reine Geistlicht ist, wofür ER uns als Gleichnis das strahlend weiße Sonnenlicht geschaffen hat? Die Sonne ist doch nicht bunt! - Stimmt, liebe Fatima. Dein Glaube an Gottes ungetrübte Einheit ist auch der meine. Daß die Sonne nicht bunt ist, sieht überall auf Erden jedes Kind. Schau aber, was ich hier habe. Das halte ich nun ins Sonnenlicht. Und jetzt schau dort die weiße Wand an. Was siehst du? - Oh! Ein leuchtend buntes Muster aller Regenbogenfarben. - Ja. Und so, wie erst ein Prisma die innere Buntheit des Sonnenlichtes zeigt, so glauben wir Christen, daß nur dank dem Jesus-Ereignis der innere Beziehungsreichtum Gottes sich uns offenbart. Der übrigens die absolute Einheit nicht aufhebt. Damit wir die nicht vergessen, sind wir für euren berechtigten Widerspruch gegen alles Viele in Gottes Einfachheit sogar dankbar. Anscheinend können wir Gläubige nur miteinander Gottes unbegreifliche Größe würdig ehren. -

Unterscheiden wir drei Zustände: a) Farbenblindheit zur Zeit der Verbannung, b) Heilungsbeginn bei der Wanderung in die Heimat, c) Dort das volle Heil.

a) So unnormal ideologische Farbenblindheit ist, so fast überall ist diese Geisteskrankheit unter uns Menschen verbreitet, von Anfang an. In den ältesten Sprachen heißen Fremdstämmige nicht einmal Menschen. Zum erschütternden Extrem hat der Wahn sich bei den Nazis gesteigert; Hans Frank, Hitlers "Vizekönig" in Krakau, bezeichnete es als seine Aufgabe, Polen "von Läusen und Juden zu säubern".

Derart total wirkt die Blindheit für Fremdes sich selten aus, ihre übliche Erscheinungsform besteht darin, daß jemand nur die eigene "Meinung" für wahr hält - welch tief-genaues Wort! - die "Deinung" seines Mitmenschen aber für falsch, zu einer Unserung reicht es kaum je. Der Grund dafür können unvermeidliche Interessengegensätze sein; nur einer kann die angehimmelte Frau heiraten, die erstrebte Planstelle besetzen. Halte ich mich für den geeignetsten Bewerber, lehne ich andere Meinungen dazu natürlich ab. Krankhaft ist das dann, wenn ich mein praktisches Nein in die Wahrheits-Frage einschmuggle und den Mitbewerber, weil er mir schadet, überhaupt und an sich für schlecht erkläre.

Oder die eine Meinung verwirft die andere Deinung aus sprachlichen Gründen, weil beide einander in Worten widersprechen. Der eine glaubt an Gott, beim andern steht auf dem Denkmal "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde". Nach des einen Meinung ist der Nachfolger des Petrus Grundstein der Kirche, nach des andern Deinung hingegen ein Satan und Ärgernis; daß Jesus den ersten Papst im selben Bibel-Kapitel (Mt 16) beides genannt hat, böte sich als Motiv einer ökumenischen Unserung an. Und so fort. In der Tat finden zahlreiche Angehörige des einen oder anderen oder dritten oder sonstigen Gottesvolkes sich farbenblind in der Verbannung vor und meinen, je sie allein hätten die Wahrheit.

b) Doch gibt es überall auch schon solche, die ein heilender Frühlingswind gepackt hat und auf den Weg zur Heimat hin weht. Logisch verstehen können sie zwar immer noch nicht, wieso ihre offiziellen "Gegner" irgendwie auch in der Wahrheit leben, trotzdem fangen sie an, damit zu rechnen, es beim einen oder der anderen sogar fest zu glauben. In unserem Gleichnis: Bei üblicherweise bedecktem Himmel nehmen sie die Leuchtkraft der fremden Blumen nicht wahr, sehen sie bloß stumpf grau. Blitzt aber einmal ein Sonnenstrahl auf eine taubenetzte Blüte neben ihnen, dann belebt deren Farbe sich so wunderbar, daß ein eben noch farbblindes Auge wenigstens für diesen Augen-Blick gesundet und ich merke: Oh, dein Orange ist immer noch die Gegenfarbe meines Blau, trotzdem leuchtet es mir jetzt ebenso hell wie meine Wahrheit. - Auch wenn ein solcher Stereo-Blitz gleich vorbei und die Welt scheinbar wieder mono ist, bleibt die Erinnerung, daß es für einen seligen Moment anders wurde. Und ich hoffe, es werde einmal für immer anders sein. Je lebendiger die Glaubenserfahrung von gestern und die Hoffnung von heute uns erfüllen, um so wacher achten wir morgen auf den winzigsten Sonnenstrahl, der uns wieder eine fremde Blüte neu erschließt, um so kraftvoller treibt der heilende Geist uns aus dem Elend heim.

c) Wie es DORT DANN sein wird, wenn wir ganz und gar geheilt sind, das vermag unterwegs niemand zu sagen, ebensowenig wie eine von Geburt an Blinde das sonnenfunkelnde Glasfenster einer Kathedrale beschreiben könnte. Werden nach der Zeit, wenn es keine Interessengegensätze mehr gibt, auch die sprachlichen Widersprüche der verschiedenen Wahrheitswelten sich ähnlich elegant auflösen wie der Streit zweier Südfrauen, ob "burro" gelb oder grau sei? Erst nachdem sie sich in erbittertem Eifer mit faulen Äpfeln beschmissen hatten, kamen sie darauf, daß die Italienerin Butter und die Spanierin Esel meinte ... Keineswegs kränkend, wohl aber warnend und beruhigend will meine Vermutung sein, die strittigen Worte von Tora, NT und Koran seien vielleicht gleichfalls so vieldeutig, daß respektvoller Friede - wie er vor genau 20 Jahren beim Weltgebetstag der Religionen in Assisi vorgelebt wurde - nicht nur höflich ist sondern die einzig wahrheitsgemäße Haltung.

Weil jede Farbe ihr Recht hat, deshalb ist ein überzeugt Bekenntnistreuer dann kein Fundamentalist, wenn er die eigene Wahrheit verficht und sich dabei des Urteils über fremdes Zeugnis enthält. Weil anderseits Bunt wirklicher ist als Einfarbig, deshalb ist ein überzeugter Ökumeniker dann kein Relativist, wenn er die einzelnen Farben nicht zu Braun mischt oder grau zusammenhuschen läßt, sondern mit seinen Glaubensgenossen zusammen die eigene Farbe betont und zugleich fremde Überzeugungen nicht weniger ehrt als das Ja seiner Denkgenossen zur prinzipiellen Gleichwertigkeit verschiedener Glaubensweisen. Hügel und Berge bilden zusammen die Gotteslandschaft, dieser Psalmvers (72,3) gehört auswendig gelernt: "Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Hügel Gerechtigkeit."


Zum Weiterdenken:

Ausführlicher erörtert wird das Thema in einem neuen Essay "Ist Glaubensfriede denkbar?" Er ist soeben auf Italienisch in einer angesehenen Zeitschrift erschienen (Studia Patavina, Padova), auf Deutsch nur im Netz.

Dort findet sich zur selben Frage auch ein ganzes neues Buch.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/farbblind.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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