Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Gott ist Familie

Familie verankert im Ewigen Grund


Gott ist Familie. Warum haben wir das so deutlich nicht im Religionsunterricht gelernt? Wie können wir verstehen, daß eine wichtige Glaubenswahrheit in der offiziellen Kirchensprache nur indirekt, sozusagen versteckt vorkommt? "Familien-Erfahrenen" leuchtet die Antwort ein: Nicht jede Wahrheit einer Teilbeziehung paßt ins öffentliche, gemeinsame Gespräch. Manches, was zwei Schwestern zu besprechen haben, ist nicht für die Ohren der Eltern bestimmt, und umgekehrt. Bis es irgendwann soweit ist, daß alle beisammen sitzen und jede Teilperspektive offen auf die anderen trifft. Dann fliegen erst einmal die Fetzen, im besten Fall einigt man sich aber schließlich auf eine neue, allseits anerkannte Rollenbalance.

Vor demselben Problem steht, innerhalb der Menschheitsfamilie, die Gruppe der Christen. Daß Gott Familie ist, wurde bisher kaum gesagt; klingt es doch allzu mißverständlich, nach Vielgötterei nämlich, und das müßte die Ohren unserer jüdischen oder muslimischen Glaubensgeschwister noch schlimmer kränken, als die geheimnisvolle Rede von der Dreifaltigkeit es seit jeher tut. Wie vor Juden und Muslimen, müssen wir Christen unsere Worte allerdings auch vor den Indiovölkern in Mittel- und Südamerika verantworten; sie aber verehren immer schon das Göttliche Paar. Ein Franziskaner, der lange Jahre mit dem Indio-Bischof Proaño in Ecuador zusammengearbeitet hat, berichtet: "Beim Volk der Kuna (in Panama) ist Gott Mann und Frau zugleich, Paba und Nana, Vater und Mutter ... Paba allein ist noch nicht Gott, und Nana allein ist nicht Göttin, beide zusammen erst sind Gott. Ihre Beziehung zueinander ereignet sich von gleich zu gleich. In der Zweiheit der Person Gottes erscheint sein väterliches und mütterliches Antlitz zugleich." [E. Rosner, Der Traum von einer indianischen Kirche (S. 20). Nr. 60 (1995) der Schriften der Missionszentrale der Franziskaner (Postfach 200953, D-53139 Bonn)] SIE und ER - wo diese Beziehung gelingt, tut sie es in der Kraft des Allerwirklichsten. »Sagt meiner Frau, daß ich sie liebe!« hieß am 11. September der letzte Satz eines Todgeweihten, andere konnten es noch persönlich sagen: »Ich liebe dich.« Ja: die unendliche Würde der Beziehung ER-SIE ist nichts nur Antikes, Exotisches, Esoterisches sondern unser aller erfahrenes oder ersehntes Fünklein göttlichen Feuers.

Für Jesus war - kraft der Grammatik seiner Muttersprache - der Heilige Geist kein ER (und auch nicht, wie das griechische "Pneuma", ein ES), sondern eine SIE. Dank dem Geheimnis der Dreieinigkeit können Christen so vielleicht doch von ferne verstehen, wieso die Rede von der göttlichen Familie nicht gegen den jüdischen und islamischen Glauben verstößt, und wie zugleich unser Bekenntnis zum einen Gott sich mit der Verehrung jener Indios für Göttin und Gott verträgt. Das Mißverständnis nach außen können wir vermutlich nie ganz vermeiden; doch sollen Christen miteinander, und jeder für sich, wenigstens ahnen, wie wir der Herzenswahrheit sowohl unserer nahöstlichen wie unserer mittelamerikanischen Mitmenschen gerecht werden können. So ausgeschlossen das scheint: "Bei Gott ist kein Ding unmöglich."

Wir lesen im katholischen Weltkatechismus (Nr. 2205): "Die christliche Familie ist eine Gemeinschaft von Personen, ein Zeichen und Abbild der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist." Innige Gemeinschaft von Personen, das ist auf irdisch-alltägliche Weise die Familie, auf unendlich-ewige Weise ist es die Heiligste Dreifaltigkeit. Bei ihr ist die Gemeinschaft der Personen so unfaßbar vollkommen, daß ihr Zueinander von keinerlei Auseinander gestört wird. Deshalb bedeuten die Beziehungen der Personen trotzdem keine Vielheit in Gott, erst recht keine Vielgötterei, vielmehr bekennen wir Christen des einzigen Gottes lautere Einheit ebenso fest wie Juden und Muslime auch, und können trotzdem, anders als diese, zugleich die Beziehungen der göttlichen Personen zueinander preisen und uns deshalb dankbar freuen: Auch als Familie sind wir Menschen Gottes Bild, denn Gott ist Familie.

Natürlich behauptet niemand, daß wir begreifen können, wie so etwas möglich sei. Im Gegenteil ist Gottes Unbegreiflichkeit in allen Kirchen ein unbezweifeltes Dogma. Auf der Erde stehen gewissermaßen die beiden Pfeiler der Glaubensbrücke. Auf der einen Seite erhebt sich die Einheit des geistigen Bewußtseins, wie sie jeder Mensch in sich erlebt. Ich bin ich und weiß mich als ein Selbstbewußtsein, ob ich den Schnee vor dem Fenster rieseln sehe, die Uhr ticken höre oder mit dem Fuß den festen Boden spüre. Die Gegensätzlichkeit, wechselseitige Versperrtheit der drei Erfahrungen (dem Auge tickt nichts, unhörbar ist der Boden) spaltet nicht die reine Einheit meines Selbstgefühls: MICH weiß ich in allen als ganz denselben. Ähnlich lebt tief in uns allen, egal wie fremd wir einander sind, das eine unendlich einfache Selbstbewußtsein, das wir Gott nennen. Solche Gewißheit verbindet jüdische und islamische Mystiker mit den christlichen; sie ist der eine Pfeiler der Glaubensbrücke.

Auf der anderen Seite ragt das Zueinander gegensätzlicher Personen auf, wie wir es in der Familie erfahren. Beide Pfeiler sind uns vertraut. Die geistige Brücke freilich, die beide verbindet, sie führt, uns unsichtbar, durch die Wolken des Himmels. Wie derselbe Gott ein einziges Bewußtsein ohne Vielheit und zugleich das Zueinander unendlicher Beziehungspole ohne Verschmelzung sein kann, das begreift kein Verstand.

Aber die glaubende Vernunft kann es ahnen. Denn an beiden Pfeilern ist, zu unserer Belehrung, ein Bild der ganzen Brücke angebracht. Jedes Einzelbewußtsein enthält auch in sich selbst schon Spuren personhafter Gegensätze. Sagt die Frau vor dem Spiegel: ich finde mich schön, so enthält das mich schon einen Gegensatz zum ich, fast so etwas wie ein du; das wird vielleicht, wenn sie morgen einen Kater hat, auch ausgesprochen: meine Liebe, wie schaust du denn aus! - Umgekehrt erlebt eine Familie, wenn am Wohnküchentisch mitsammen gelacht wird, zuweilen Momente solcher Einheit, daß jeder Person Bewußtsein vom gleichen Inhalt erfüllt ist. - Wenn wir nun das eine Bewußtsein, das sich vor dem Spiegel duzt, neben die Beziehung halten, die sich in dir, mir und uns desselben Inhalts bewußt ist: dann begreifen wir zwar immer noch nicht, wie Gott zugleich ein Bewußtsein und die Beziehung gegensätzlicher Personen sein kann; wir können aber ahnen, warum die unendliche Vollkommenheit gerade im Zusammenstimmen dieses scheinbaren Widerspruchs besteht. Und wir sehen eines ein: wie dumm jemand daherredet, der den Dreieinigkeitsglauben für Unsinn erklärt, weil eins doch nicht zugleich drei sein könne. Kurz: Daß Gott drei-einig ist, glauben wir; wie Gott das ist, begreifen wir nicht, können es aber - dank geistiger Erfahrungen - dunkel ahnen und deshalb wissen, daß dieser Glaube nichts Vernünftigem widerspricht.

Das Jahr 2006 geht zu Ende, wie vor kurzem ein ereignisreiches Jahrtausend. Die Familie aber hört nicht auf. Ihre Gestalt ändert sich: Früher haben Eltern ihre Kinder erzogen, neuerdings erziehen auch die Kinder ihre Eltern. Das ist ein Fortschritt zum Guten, gibt es doch viele ungezogene Eltern. Auch mit der Menschheitsfamilie geht es nie zu Ende. Sogar wenn es ihr in ferner Zukunft auf Erden zu heiß geworden sein wird, trifft sie sich doch - als ganze, so wie sie durch die Jahrhunderttausende hin je jetzt lebt - DANN beim himmlischen Familienfest. Es will jetzt schon arrangiert sein. Wir können uns gar nicht vorstellen, was das für ein Erzählen gibt! Sehen wir zu, daß unsere Geschichte der kommenden Woche uns und unseren Zuhörern DANN gefällt!


Zum Weiterdenken:

Göttin
ein Selbstbewußtsein
die Heilige Gischt

Klärung:

"wieso die Rede von der göttlichen Familie nicht gegen den jüdischen und islamischen Glauben verstößt" - Das klingt zunächst unsinnig; doch verstehe ich das Wort »Glauben« hier in seinem tiefen, eigentlichen Sinn. So ist jeder Glaube unfehlbar, keineswegs nur der katholische. Einfach deshalb, weil Glaube göttliche Selbstmitteilung ist. Was einander widerspricht, sind die Glaubens-Ausdrücke. Jede Glaubensweise ergreift sozusagen einen anderen Zipfel der unbegreiflichen Gotteswahrheit und hält ihn fest; nur so federt das Sprungtuch des Heils. Mithin widerspricht zwar die eine Glaubensrede der anderen, keine aber dem von irgendeiner eigentlich gemeinten Glauben selbst. Wo das geschähe, spräche nicht Glaube, sondern irrige Theologie. Die es allerdings gibt, und nicht selten.



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HIer findet sich eine Langfassung dieser Predigt.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/familie-kurz.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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