Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Raupe und Falter ergänzt einander!

Was feiern wir an Pfingsten?


Wenn sie wüßten, was sie an Pfingsten feiern, wären viele Christen begeistert und auf die Kirche, statt sauer, herzlich stolz. Sie wissen es aber nicht, nach wie vor bleibt der Heilige Geist ihnen der unbekannte Gott. Zum Vater im Himmel beten sie vertrauensvoll, in der Freundschaft mit dem auferstandenen Christus fühlen sie sich geborgen - für die sogenannte "dritte" göttliche Person aber finden sie, wenn sie ehrlich sind, in ihrem Glaubensdenken keinen Platz.

Das ist schade. Denn wir leben seit Jahrzehnten in einer ausgesprochen pfingstlichen Epoche. Ohne zu verstehen, was der Glaube an den Heiligen Geist für unser alltägliches Leben bedeutet, werden wir weder uns selbst noch unseren Mitmenschen gerecht sondern verhalten uns wie Raupen, die weiterhin über Blätter kriechen, statt sich nunmehr als Schmetterlinge im Frühlingswind zu wiegen. Fragen wir uns: Wie verwandelt eine Raupenseele sich zum Falter?

Indem sie sich auf das Kirchenjahr einläßt, d.h. dessen Heilsrhythmus als innere Form des eigenen Lebens anerkennt und immer deutlicher ausprägt. Wann beginnt das Kirchenjahr? Offiziell im Advent. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Der Advent bedeutet die Jahrtausende des Wartens der Menschheit auf die Geburt des Gottmenschen. Innerhalb dieser Zeit geschah nun aber ein herausragendes Ereignis, das im Kirchenjahr lange vor den vier Adventswochen ebenfalls gefeiert wird, genau neun Monate vor Christi Geburt. Am 25. März begehen Katholiken das Fest Mariae Verkündigung, dank großartigen Kunstwerken ist der "Engelsgruß" auch minder kirchlichen Herzen vertraut. Laut Lukas (1,35) sprach der Engel Gabriel zu Maria: "Heiliger Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden."

Von der Frage der Jungfrauengeburt sehen wir ab. Egal ob das, was Jesus war, auch von Josef stammte, ist dem Glauben eines unstrittig: Die Tatsache, daß Mariens Kind zuinnerst Gott selbst ist, verdankt sich dem Heiligen Geist. Dieser bestimmte, unverwechselbare, einmalige Mensch ist wunderbarerweise von eben der göttlichen Dimension hervorgebracht worden, die am Pfingstfest alle Sprachgrenzen sprengt, die Enge der ängstlichen Jüngergruppe zur weltumspannenden Heilsgemeinschaft weitet. In unserem Gleichnis von vorhin sieht diese Doppelwahrheit so aus: Zum einen gäbe es ohne Raupe keinen Schmetterling, dankbar soll dieser sich seiner als Raupe erinnern und alles dafür tun, daß es auch fortan Raupen gibt. Zum andern darf schon die Raupe ihrer Schmetterlings-Sehnsucht trauen und ihre Mitraupen ermutigen, wenn die sich vor der beginnenden Verpuppung vielleicht fürchten.

Neun Monate nach jener Engelsbotschaft feiert die Christenheit die Geburt des Erlösers. Das Baby in der Futterkrippe hatte eine ganz bestimmte Augenfarbe, später wird Jesu Stimme Freunden wie Gegnern unverkennbar klingen. Und nicht nur wie sondern auch was er spricht, wird jeweils nur ganz genau so und nicht anders sein. Das ist ein Grundgesetz von Gottes Schöpfung: In der Realität gibt es nur Bestimmtes. Sogar Nebel hat, physikalisch betrachtet, je eine exakte Struktur. Erst recht müssen Zeichen eindeutig sein. Wer das Wort "burro" hört, sollte wissen, ob spanisch oder italienisch geredet wird, sonst kann er nicht entscheiden, ob jener burro eselsgrau oder buttergelb ist.

Ohne das "weihnachtliche" Eindeutigkeitsprinzip wäre vernünftiges Leben somit unmöglich. Bezeichnenderweise gab es 2003 beim Berliner ökumenischen Kirchentag keinerlei Protest, als der orthodoxe Bischof um Verständnis dafür bat, daß Katholiken und Evangelische nicht zur Kommunion zugelassen seien; das gesegnete Brot am Schluß der Liturgie war uns - für jetzt freilich nur, während wir uns nach der vollen Gemeinschaft angespannt ausstrecken! - als Pfand der Einheit genug. Damit die Botschaft einer Gruppe vernehmbar sei, muß man wissen können, wer zu ihr gehört und wer nicht, soviel sieht jeder ein. Solcher Ausschluß wertet die anderen nicht ab, auch Frau Huber will ihre Nachbarin Schmitt nicht kränken, wenn sie deren Buchstaben S und i aus der eigenen Unterschrift aussperrt.

Allerdings sollte keiner der Damen ihre Unterschrift als wichtigstes Wort gelten. Nur wenn die zum Wörtlein wir in Beziehung gesetzt wird, entgeht sie der Gefahr sektiererischer Isolation. In diesem Punkt sind unsere europäischen Sprachen geradezu plump, weil sie für die verschiedenen wir-Begriffe nur ein einziges Wort haben. In der Sprache eines Stammes im Himalaya gibt es drei Wörter für unser "Wir": eines, wenn man alle Anwesenden einschließt, ein anderes, wenn die eine Gruppe sich von der anderen abgrenzt, ein drittes für ein Paar mit sich allein. Jene Bergmenschen denken weitaus genauer, wo es ums Wichtigste, um die menschlichen Beziehungen geht. Wir gehören zu uns, ihr gehört zu euch, stellt der Konfessionalist fest. Und hat nicht unrecht.

Vergißt aber allzuleicht, »wes Geistes Kinder wir sind«: der göttlichen WIR-Gemeinschaft nämlich, die über jeden wir/ihr-Widerspruch hinaus und tief in ihm verborgen immer gilt. SIE, die wir an Pfingsten feiern, bestimmt den entgegengesetzten "Takt" des christlichen Heilsrhythmus. Er war der Gemeinde bei jener anderen Eucharistiefeier dran, als der katholische Priester Gotthold Hasenhüttl ausdrücklich auch die evangelischen Glaubensgeschwister zum Tisch des gemeinsamen Herrn einlud. Ich war dabei und bezeuge: Damals galt für uns das Pfingstprinzip der Grenzöffnung. Im Heiligen Geist waren wir spürbar eins. Die vor einem halben Jahrtausend aufgetürmte Trennmauer zwischen päpstlicher und protestantischer Glaubenssprache war auf einmal weg, wie am ersten Pfingsttag hörte jeder alles Gesagte "in seiner Muttersprache" (Apg 2,8). "Contra factum non valet argumentum", wurde uns vor bald fünfzig Jahren im römischen Logik-Kolleg beigebracht, gegen eine Tatsache gilt kein Einwand. Auch nicht gegen die Tat-Sache, die aus jener Pfingsttat in Berlin unmittelbar hervorging. Der im Kirchenjahr entfaltete Heilsrhythmus prägt ja, weil ewig, als ganzer jeden Augenblick. Derselbe Gottes-Atem, der als Pfingstgeist die alten Mauern zerbröselt hatte, wirkte sofort als die fruchtbare Quellmacht der Verkündigungsszene, kam belebend, wie dereinst über Maria, über die gläubige Versammlung, bildete in ihr eine jetzt-aktuelle Gestalt des Leibes Christi.

Daß jene Verkündigung und Geburt ausgerechnet in einer Gethsemani-Kirche geschahen, empfinde ich als passend. Wie auf Weihnachten die Passionszeit folgt, so war es keine Überraschung, als Gottholds Priestertum bald darauf sein gewaltsames Ende fand. Der Karsamstag ist für ihn noch nicht vorbei. Doch Ostern kommt.

Klärt sich der Sinn von Pfingsten? Versuchen wir es mit einem geometrischen Gleichnis.

Senkrecht zur horizontalen "Logos-Dimension" gegensätzlicher Wort-Gestalten, nennen wir sie: die konfessionellen Wörter p (AT) und q (BT), erstreckt sich die "Pneuma-Dimension" der gleichfalls zueinander gegensätzlichen Stimmungen des Heiligen Geistes: Unten [TD] (bei der Verkündigung an Maria) offenbart das Pneuma sich als Ursprung eines abgegrenzt Bestimmten, oben [TC] (an Pfingsten) als entgrenzend versöhnender Friede der (waagrechten) Widersprüche. Entscheidend sind zwei Einsichten.
a) Spirituell ist nicht nur der ökumenische Akzent (oben). Gemeinsame Betonung der konfessionellen Identität (unten) kann ebenfalls vom Heiligen Geist verlangt und bewirkt sein, z.B. als Einverständnis der Professoren Ratzinger und Jüngel. Ökumenismus als verbohrte Ideologie wäre nicht besser als andere.
b) Umgekehrt darf auch grenzstolze Bekenntnistreue nicht allzu selbstsicher auftreten. ES gibt wahrhaft pfingstliche Momente. In über einem Vierteljahrhundert Mitarbeit bei der Weltbewegung Religionen für den Frieden sind mir, uns, beglückende Überraschungen geschenkt worden. "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit", mahnt Gottes Wort (Koh 3,1) aus dem Mund eines Nachdenklichen, der wie wir im Schnittpunkt gegensätzlicher Wahrheitsansprüche aushielt.

Die senkrechte geistliche Polarität unten/oben (weihnachtlich-konfessionell / pfingstlich-ökumenisch) verschränkt sich mit jedem der unzählbaren waagrechten logisch-verständigen Gegensätze widersprüchlicher Bekenntnisse zu jenem heilsdramatischen Kraftfeld, innerhalb dessen ein waches Gewissen jeweils vernimmt, welcher Pol ihm jetzt dran ist (das scheint mir die angemessenste Übersetzung des biblischen Wortes "kairós"), ohne daß seine Gewißheit sich rational rechtfertigen ließe. Sowohl ein horizontaler Widerspruch (z.B. jüdisch/christlich, evangelisch/katholisch, islamisch/christlich, humanistisch/religiös) als auch der vertikale Gegensatz zwischen trennender Glaubenstreue und friedenstiftender Offenheit überfordert jeden korrekt denkenden Verstand. Denn gemäß der eigenen Sinn-Perspektive hat jeder Glaube ebenso recht - wie sofort unrecht, sobald sein Ausdruck vom fremden Vollzug her perspektivisch verzerrt und folglich wahrheitsgemäß verworfen wird. Die Problemstruktur ist aufgeklärten Fachleuten sämtlicher Richtungen längst selbstverständlich, der Umgang mit ihr wird in jahrelangem Studium eingeübt; da ist es an der Zeit, daß auch das sogenannte Volk in diesem Kraftfeld unbefangen zu schwingen lernt, damit die je eigene Glaubensgestalt sich weder (unten) konfessionalistisch verkrampft noch (oben) relativistisch auflöst.

Helfen die beiden hier vorgestellten Gleichnisse (Raupe/Schmetterling und geometrisches Polaritäten-Kraftfeld) Ihnen zu pfingstlich nüchterner Trunkenheit?


Zum Weiterdenken:

Jungfrauengeburt

In der Realität gibt es nur Bestimmtes: Jedenfalls in der uns Menschen verfügbaren Realität »mittlerer Größe«. Subatomar scheint es anders zu sein. »Denn in der Quantenmechanik treten nichtlokale Effekte auf. Sie können nicht erklärt werden, wenn man die Dinge als voneinander losgelöst betrachtet – es handelt sich um eine globale Aktivität ... Das kommt dem Konzept der Geistigkeit als etwas ontologisch Fundamentalem im Universum gleich« (Walter Romahn).

Kirchentag 2003: Damalige Predigt

Angespannt ausstrecken: Aufmunterndes Erlebnis bei der Chorprobe

Geistliche Polarität: Von ihr sprach Papst Benedikt in seiner Rede an die Kurie am 2. Dezember 2005. Er wandte sich beim Thema Konzil gegen eine "Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches", die habe "sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die "Hermeneutik der Reform", der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität; die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg ... Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform."

Dieser Satz verbirgt ein Zitat, das es in sich hat. Am 20. Oktober 1953 hielt der evangelische Exeget E.Käsemann eine Rede, die berühmt wurde. Ihr Kernsatz hieß: "Die Frage nach dem historischen Jesus ist legitim die Frage nach der Kontinuität des Evangeliums in der Diskontinuität der Zeiten" [zitiert von Balthasar, Theodramatik II/2,71]. Daß der Papst - unauffällig aber deutlich - das Verhältnis des jüdischen Rabbi Jeschua zum Christus unseres Glaubens mit dem der vorkonziliaren zur nachkonziliaren Kirche parallelisiert, läßt mich hoffen, er werde zu einer später verblaßten Einsicht seiner Jugend zurückfinden, als er Joachim von Fiore selig nannte und den heiligen Bonaventura an ein neues Heil in der Geschichte, innerhalb der Grenzen dieser Weltzeit, glauben ließ. Ja, wir leben seit Jahrzehnten in einer ausgesprochen pfingstlichen Epoche, das Gebet von Papst Johannes dem Guten um ein Neues Pfingsten erfüllt sich. Gottes Wort ist stets dasselbe, und doch geschah vor zweitausend Jahren seine Neue Offenbarung. Gottes Heiliger Geist ist stets derselbe, und doch ereignet sich in unserer Lebenszeit sein entscheidender Einbruch in die Welt. VENI SANCTE SPIRITUS FLECTE QUOD EST RIGIDUM !


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/falter.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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