Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Die gelingende Revolution

Gedanken zum einundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten."

Einen solchen Wechsel bringt jede Revolution. Als 1848 der Pariser Königspalast vom Volk gestürmt wurde, ließ (erzählt Flaubert) ein schwarzbärtiger Proletarier in Unterwäsche sich stieren Blicks auf dem Thron nieder, bevor der aus dem Fenster geworfen wurde. Freilich waren solche Ersten bald wieder Letzte; so ist der Lauf der Welt, es können nicht Millionen zu den oberen Zehntausend gehören. Anders bei der gewaltlos-gewaltigen Revolution, die mit der Weltherrschaft überhaupt Schluß macht und Gottes Reich in Kraft setzt. Sie ereignet sich nicht in der Zeit sondern betrifft die Zeit als ganze. Weil in der Zeit auch die neuen Ersten wieder Letzte würden, deshalb müssen die jetzt Letzten, wollen sie ihre Hoffnung klug verstehen, die gültige Rangordnung nicht um 180 Grad umkehren, so daß aus Unten Oben würde und aus Oben Unten, sondern sozusagen um 90 Grad kippen: diese ganze Dimension der Rivalität gilt zuletzt nicht mehr. Zuletzt! Denn in einer Zwischenetappe gilt Jesu Satz schon wörtlich. Als gleich kann eine ehedem Erste sich erst fühlen, nachdem sie die Schande ihres Hochmuts ausgekostet hat und deshalb weiß, daß sie den letzten Platz verdient.

In der Welt wird auch Sport oft zum bitteren Ernst. Entsetzt sahen gestern Nacht Millionen, wie die chinesischen und russischen Synchronspringer durch Patzer aus führender Position ins Nichts stürzten, da sind Erste buchstäblich im Nu Letzte geworden. So geht es in der Welt zu, nicht in Gottes Reich. Es weltlich mißzuverstehen ist zwar eine Dauerversuchung religiöser Menschen (nicht nur von Christen), lebendiger Glaube erliegt ihr aber nicht sondern wandelt irdischen Ernst in himmlischen Sport. Dessen Regeln sind nicht immer klar. Spielen wir auf diesem Rasen jetzt eigentlich Fußball oder Handball? Ist ein geworfenes Tor gültig - oder verdient es einen strafenden Pfiff? Schiedsrichter A pfeift so, Schiedsrichter B anders, da ist von den Akteuren ein Riesenmaß an Flexibilität verlangt! Als hübsches Modell erscheint mir jene von zwei Ordenspriestern geleitete Pfarrei, wo der Obere der Kaplan und der ihm Untergebene der Pfarrer ist - da kann das Kirchenrecht ohne Freundschaft nicht funktionieren.

"Niemand ist unnütz", hieß es früher in der DDR, "er kann mindestens als abschreckendes Beispiel dienen." Und viel Nutzen stiften. Als mein Mitstudent und Mit-Schütz-Sänger Kurt Krenn bei der römischen Priesterweihe am 7. Oktober 1962 kraft des Alphabets neben mir ausgestreckt am Boden lag, konnte niemand ahnen, welch positive Entwicklung er in der Kirche anstoßen würde. Immerhin geht die wichtige katholische Weltbewegung "Wir sind Kirche" von Österreich aus, als Anti-Krenn-Protest hat sie seinerzeit begonnen. Drum freue ich mich doch wohl mit Recht darauf, DANN wieder, wie ehedem, mit ihm zusammen in großer Gemeinschaft zu feiern: wenn einer, der als Papstfavorit und Medienstar zu den Ersten zählte und derzeit bei den Letzten am Pranger steht, schließlich als erlöstes Glied gleichberechtigt mitlebt im Leib Dessen, der allein "der Erste und der Letzte" ist (Offb 22,13). Innerhalb eines gesunden Leibes wäre jede Rangrechnerei schreiender Unsinn. Sollte beispielsweise dein Auge sich hochmütig über ein Darmstück erheben und meinen: weil ich es besser habe, bin ich etwas Besseres - dann braucht der Darm nur zu streiken und schon hat das Auge an der prächtigsten Landschaft keinen Spaß mehr. In jedem deiner Organe bist du, je anders, doch die- oder derselbe, und ich glaube, auch insofern bist du "nach Gottes Bild und Gleichnis" geschaffen. Jesus nahm seine Gleichnisse aus dem Alltagswissen der Hörer, da dürfen auch wir staunend erkennen: Ähnlich wie eine tüchtige Genlaborantin in jedem deiner Organe, sogar in einem Härchen oder Hautfetzen (hoffentlich nie unter dem Fingernagel eines Mordopfers gefunden) dein einmaliges Genmuster entdeckt, weil du buchstäblich alles in allen deinen Zellen bist, so wird sich im Ewigen Licht als Grundmuster dieser Welt "Gott Alles in allem" erweisen (1 Kor 15,28).

Damit dieser biblisch hoffende Pan-Theismus nicht auf üble, unsere Verantwortung weglügende Weise "pantheistisch" mißverstanden werde, empfiehlt sich das achtsame Hören auf die zweite Lesung. "Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat. Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet. Gott behandelt euch wie Söhne. Denn wo ist ein Sohn, den sein Vater nicht züchtigt?" Solches hört der Zeitgeist nicht gern. Ist es nicht mancherorts in Europa Eltern schon gesetzlich verboten, ihre Kinder zu schlagen? Nun ist die Pädagogik eine der modeanfälligsten Wissenschaften; aus ihrer Fachdiskussion hält ein Prediger sich besser heraus. Unbestritten ist aber die Schädlichkeit einseitiger Extreme. Die Früchtchen radikal antiautoritärer (Nicht-)Erziehung sind unerträglich, bis ihre Sehnsucht nach klaren Grenzen erfüllt wird; umgekehrt kann mancher von Glück sagen, wenn die ihm eingeprügelte Antihaltung ihn später nie zu schlimmen Mißgriffen verleitet hat.

"Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Schmerz; später aber schenkt sie denen, die durch diese Schule gegangen sind, als Frucht den Frieden und die Gerechtigkeit." Dazu fragt Christa Bing: "Wollten wir das nicht sowieso? Vielleicht meinten wir aber, uns den schwierigen Weg dorthin ersparen zu können? Gott will schon - aber nicht ohne uns."

Läßt das heilsame Gleichgewicht himmlischer Pädagogik sich denken? Versuchen wir es. Die Sätze aus dem Hebräerbrief (12,6-7) wenden sich gegen das heute beliebte Götzenbild eines Kuschelgottes im Dienst unseres verwöhnten Ego. Ihm steht als Gegengötze der unmenschlich streng fordernde und strafende Gott-Tyrann gegenüber, der das ängstliche Ich seiner Opfer allmächtig zertritt. Beide Götzen sind nicht Gott sondern - wegen ihrer lügnerischen Einseitigkeit - gegensätzliche Teufelsfratzen. Gott ist die LIEBE, die jedes verschreckte Ichlein huldvoll stützt aber auch jedes lieblose Ego solange an seine Nichtigkeit mahnt, bis es von seinem Anti-Wir-Wahn abläßt. Solange es sich mit dem identifiziert, wird es den Anspruch der Liebe allerdings als für sich tödliche Tyrannei empfinden. So entsteht das eine der zweideutigen Bilder. Das andere, der Kuschelgott, mag zunächst nur den Protest gegen den Tyrannen ausdrücken. Solange er ein schwaches Ich gegen seine Angst stützt, darf er uns als (wenngleich einseitiges) Bild des wahren Gottes gelten. Das wird aber falsch und gehört voll Gottesfurcht zerfetzt, sobald es ein Ich nicht mehr gegen seine Angst stärkt sondern über die Ansprüche seiner Mitmenschen auf Achtung und Dienst selbstsicher hinwegtrampeln läßt. Dann soll hinter dem zerrissenen Teddy-Gott das strenge Antlitz unseres Richters sichtbar werden, der gerade die letzten Menschen am meisten mag und den Ersten nichts von dem durchgehen läßt, was sie ihnen antun.

Könnte diese Glaubenseinsicht die enge Tür zum Reich Gottes sein, von der Jesus spricht? Die Tür ist eng, weil sie zwischen den bedrängenden Mauern der beiden weltlichen Gottesbilder nur einen schmalen, stets neu freizulegenden Durchschlupf offen hält. Die einen lassen den lieben Gott einen guten Mann sein, fürchten nicht seine Züchtigung für ihr unerträglich arrogantes Verhalten. Sie werden sich irgendwann erschrocken wundern, hoffentlich noch in der Zeit. Die andern fühlen sich von den Drohungen des Allmächtigen eingemauert. Die enge Tür des Glaubens an die LIEBE steht aber immer offen, nur sie jedoch, nicht irgendein Geheimportal für Privilegierte. "Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken", jeden Sonntag und oft auch noch werktags! Das macht es nicht. Es ist aber auch nicht nichts: wofern es nicht als über andere hinaushebendes Vorrecht vollzogen wird sondern als dankbarer Ausdruck hoffenden Glaubens an Gottes Liebe zu uns allen.


Zum Weiterdenken:

Die heilige Kirchenlehrerin Therese von Lisieux (+ 1897, mit 24 Jahren) berichtet von ihrer Romreise mit 14 Jahren. Der Abschnitt war in der »Geschichte einer Seele« unterdrückt, wurde erst 1955 veröffentlicht [... von ihr, keine Auslassungszeichen]:
„Ich kann noch nicht begreifen, warum die Frauen in Italien so leicht exkommuniziert werden, in jedem Moment sagte man uns: ‚Treten Sie hier nicht ein, treten Sie da nicht ein, Sie würden exkommuniziert!’ ... Ah, die armen Frauen, wie werden sie verachtet! ... Indessen lieben sie den lieben Gott in weit größerer Zahl als die Männer, und während des Leidens unseres Herr hatten die Frauen mehr Mut als die Apostel, denn sie trotzten den Schmähungen der Soldaten und trauten sich, das anbetungswürdige Antlitz Jesu abzutrocknen ... Zweifellos deshalb erlaubt er, dass ihnen auf Erden Verachtung zuteil wird, weil er die für sich selbst gewählt hat ... Im Himmel wird er gut zeigen können, dass seine Gedanken nicht die der Männer sind, denn dann werden die letzten die ersten sein [weibliche Fassungen: -ières!]. Mehr als einmal habe ich während der Reise nicht geduldig den Himmel erwartet, um die erste zu sein ...“

"Gott Alles in allem": Um das pantheistische Mißverständnis des Pan-Theismus auszuschließen, haben die für die Einheizübersetzung Verantwortlichen sogar den Bibeltext selbst zunächst auf unglaubliche Weise verwässert. Zu meinem Protest stehe ich immer noch.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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