Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Erntedank in hungriger Welt

Gedanken zum Entedank-Sonntag


Wieder liegen Früchte aus Feld und Garten vor dem Altar, liebevoll aufgebaut sehen wir Äpfel und Birnen, Gurken, Karotten und Blumenkohl, auch der wuchtige Kürbis darf nicht fehlen. Gern möchte unser Herz sich freuen angesichts der bunten Pracht, möchte dem Schöpfer für die reiche Ernte danken. Doch ach, das fällt uns nicht mehr so leicht wie unseren Vorfahren. Die hatten es wohl oft schwerer als wir, länger war ihr Arbeitstag, und gar bei Zahnweh will der Ärmste von uns bestimmt nicht mit dem Reichsten von damals tauschen. Im Großen und Ganzen aber: konnten sie sich da nicht leichter freuen als wir? War eine gute Ernte glücklich unter Dach und Fach, dann durfte dankbare Fröhlichkeit sich ungehindert entfalten, keine fremde Traurigkeit von weither hat den seelischen Frieden der Menschen gestört.

Uns geht es anders. Keller und Eisschrank sind voll guter Dinge; doch sobald wir selbst guter Dinge sein möchten, schlägt in unsere Heiterkeit der Blitz eines grausigen Bildes von anderswo her. Hungrige Bettelkinder in Südamerika, ausgemergelte Mütter in Afrika, ohne Milch für ihre Säuglinge, weil wieder Weideland zu Wüste wurde. Und Minute um Minute gibt es mehr hungrige Menschenmägen. Gewiß, wir werden satt. Zu satt oft. Auch glücklich aber? Wie kann ein Kind glücklich sein, während neben ihm sein Bruder, seine Schwester elend umkommt?

Die Frage ist bitter ernst. Wer sie aber schon für die Antwort hält und nicht weiter fragt, der ist ausweglos im Unsinn gefangen. Zu ihm sage ich: Wenn du jedem Lachenden auf den Mund schlägst, wie willst du die Weinenden trösten? Gäbe es aber keinen Trost, was wäre deine Solidarität dann wert? Welches Ziel könnte sie haben? Wäre jedes Glück bloß feige Selbsttäuschung, warum sollten wir auf die Wahrheit dann überhaupt Wert legen? Wäre das andere Motto da nicht besser: Augen zu und durch, nach uns die Sintflut? Kein Zufall, daß viele Menschen, die in der Jugend hochsinnig die Welt verbessern wollten, in reiferen Jahren behäbige Zyniker werden. Was ist, dagegen, die christliche Antwort?

"Selig die Trauernden," hat Jesus gesagt (Mt 5,4). Finden wir den Mut, diesen ungeheuren Satz zu glauben? Und was könnte Jesus damit meinen? Machen wir es wie er: lassen wir ein Gleichnis sprechen. Mit dem Himmelreich ist es, wie wenn jemand sich das Knie aufschlägt. Obwohl die Ärztin ihm weh tun muß, ist er dennoch froh. Der Heilung im Kleinen gleicht im Großen das Heil. Auch Gottes Leib, die Menschheit, blutet aus zahllosen Wunden. Wer da nicht wegschaut, den drückt Trauer. Doch ist keine Zelle des Großen Leibes für den Tod bestimmt, sondern wir sollen leben. Wie lange wollen Sie denn noch leben? - wenn ein 103jähriger Ordensmann so gefragt wurde, antwortete er: genauso lang wie Sie, natürlich ewig! Ja, der Glaubende ist überzeugt: Das Leid hat ein Ende, die Freude nicht. Meine Schmerzen und die der anderen, so bitter sie uns quälen, sind etwas Vorläufiges. Mein Glück aber und das der anderen, so klein oder kurz es auch scheine, ist bereits der Strahl einer Sonne, die nie mehr untergeht. Für dieses wunderbare Licht dankt, bei Freude und Erfolg, der Glaubende seinem Schöpfer, nicht aber - das wäre unchristlich - dafür, daß es ihm besser als anderen geht. Wer Gott gegen andere danken wollte, würde sich gegen die Liebe versündigen, sein Dank käme nirgends an.

Mit den anderen aber und für sie kann dankbar auch sein, wer selber gerade nichts zu lachen hat; denken wir an die Großmutter, die auf dem Sterbebett ihr jüngstes Enkelkind segnet. Selig die Trauernden, wenn sie eigenes und fremdes Leid nicht wegschieben, nicht aus dem Bewußtsein abdrängen, aber im Glauben an den Auferstandenen entgiften. "Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" - Wer beim Brahms-Requiem diesen Triumphgesang im Innern mitsingt, den können danach alle Elendsbilder sämtlicher Tagesschauen nicht daran hindern, sein Brot in Freude zu essen. Weil die Mitte der Wirklichkeit Gott und Gott die Liebe ist, deshalb sind Sein und Nichts eben nicht gleichwertig, sondern das Sein ist, und das Nichts ist - letztlich - nicht! Das Zeichen des Eherings ist nicht symmetrisch: Sein Besitz bedeutet die Treue der Geliebten, sein Verlust nicht ihren Verrat.

Laßt uns deshalb getrost Erntedank feiern und beim nächsten Biß in einen Apfel bedenken, daß auch er eine Kommunion mit dem Sinn der Welt ist, nicht so ausdrücklich wie bei der Kommunion in der Kirche, aber ebenso wirklich. In jedem Stückchen Materie begegnet uns Gottes Freundschaft. Im Wein spüren wir sie köstlicher, im Zahnarztbohrer härter, fehlen kann sie uns nie. - Soviel zum unmittelbaren, direkten Sinn von "Erntedank".

Die Früchte vor dem Altar bedeuten aber auch noch eine andere Ernte: die ganz persönliche Lebensernte eines jeden von uns. Auch sie wächst, wie die Pflanzen der Erde, in einem winzigen, kostbaren Bezirk. Hauchdünn ist ja die Basis unseres Lebens. An die 12000 km dick ist die Erde, der fruchtbare Boden aber, von dem wir uns ernähren, mißt weniger als einen halben Meter. Wie unglaublich fein und verletzlich ist doch diese belebende Haut! Ohne sie wäre unser Planet bloß toter Fels. Was daraus für das rechte Umweltbewußtsein folgt, kann jeder selbst erschließen. Uns soll es jetzt um einen anderen Gedanken gehen.

Das Erdinnere ist ein Gleichnis für die Tiefe der Vergangenheit, der weite Himmel entspricht der unabsehbaren Zukunft. Zwischen beiden liegt das winzige, flüchtige, lebendige Jetzt. Halten läßt es sich nicht; wollen wir es packen, zerbröselt es uns wie Erde zwischen den Fingern. Und doch wächst nirgends als nur im jeweiligen Jetzt die Ernte deines Lebens, alles wovon du ewig zehren wirst. Wo man sät, dort wird auch geerntet. Nicht unterirdisch fahren die Mähdrescher und fliegen auch nicht über die Felder. Nur wo das Korn wächst, wird es geschnitten: im Jetzt. Das heißt: Sterben, Gericht, Fegfeuer, Hölle, Himmel, all das kommt nicht irgendwann später, sondern vollzieht sich in jedem Augenblick.

Beim Blick auf meine Digitaluhr erkenne ich: Aus dem Nichts taucht diese Sekunde auf, jetzt geschieht die Schöpfung. Wohin verschwindet sie? Scheinbar wieder ins Nichts, ich weiß aber: dieser Schein trügt. Sondern in Gottes Ewigkeit hinein verabschiedet sie sich, nichts Gewesenes will der Schöpfer vergessen. Was daran Stroh war, wird bei der Ernte verbrannt, das Korn kommt auf den Festtisch ohne Ende. Bemühen wir uns deshalb um "geistliche Umweltsorgfalt". Hüten wir die kostbare Ackerkrume des Jetzt, halten wir sie frei vom Schwermetall der Resignation, dem DDT des Fanatismus, den Disteln der Selbstsucht - jeder kennt seine Gifte und Schädlinge. Dann sproßt aus dem guten Humus unserer Lebensminuten die Ernte, für die wir Gott und einander nach der Zeit danken werden beim ewigen Fest der Erlösten.

Von den Drachen, die sich über abgeernteten Feldern im Winde wiegen, laßt uns lernen, daß es auf die rechte Spannung ankommt. Könnte der Drachen denken, dann würde er sich vielleicht wünschen, die Fessel los zu sein. Was geschähe? Kurze Zeit wäre er scheinbar frei, dann müßte er abstürzen. Nichts anderes erreicht das Kind, das den Drachen allzu brüsk nach unten zerrt. Auch dabei reißt die Schnur und das Spiel ist aus. Das Gleichnis zeigt: Wer allzu ungebunden sein will oder wen man allzu heftig an die Leine nimmt, der scheitert.

Das bedenke bitte jeder, wenn gleich die Sammelkörbchen für unsere Patengemeinde in Lateinamerika herumgehen. Wer da sagt: was gehen mich die anderen an, der reißt sich los und lebt als Heide. Wer umgekehrt "schon wieder!" stöhnt, vom Zwang zum Abgeben aus aller Freude gerissen und total niedergedrückt wird, der lebt als Sklave des Gesetzes. Sofern eine Seele aber erlöst ist, glaubt sie von Herzen, daß Gott ihr das Glück gönnt, und kann gar nicht anders, als auch selbst den anderen ihr Glück zu gönnen und dafür etwas zu tun. Ach, keiner soll die Welt retten wollen, niemand braucht sich freizukaufen, jeder wisse aber: in der ausgehaltenen Spannung zwischen Gott meinem Schöpfer und demselben Gott, der im letzten seiner Geschwister auf meine Freundlichkeit wartet, allein darin, daß wir uns von der Kraft dieser seligen Spannung tragen lassen, besteht unser Glück und Heil.


Zum Weiterdenken:

Digitaluhr: Ihr Vergleich mit der Zeigeruhr scheint mir überaus instruktiv, um unsere eurasische Zivilisation besser zu verstehen.

Der Dank an sich ist eine wichtige Seite der Liebe, hat mit Freiheit, Achtsamkeit zu tun und auch damit, dass wir bestimmte Dinge nicht immer haben. Um so mehr schätzen wir sie dann, wenn ihre Zeit wieder ist. Dank ist übrigens eine Sache der Ewigkeit wie Freude und Staunen (Christa Bing).

Hier noch ein aktueller Hör-Tip:

Sonntag, 7. Oktober
08.05 - 08.30 Uhr - Bayern 2 Radio - Katholische Welt


Judentum, Christentum, Islam, Humanismus, Bahai:
Etappen einer großen Liebesgeschichte
von Jürgen Kuhlmann


Zur selben Zeit im Internet hören:
Später hören.

Viel Freude und geistlichen Gewinn!


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/erntdank.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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