Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb im Lesejahr A

Noch wartet Christus

Gedanken zum Fest "Erscheinung des Herrn"


Von drei Königen ist im Evangelium gar nicht die Rede, sondern von Sternkundigen, Leuten also, die sich mit Astronomie und Astrologie auskannten. Was jener Stern gewesen sein könnte - man vermutet eine besondere "Konjunktion" von Planeten - ist bei den Gelehrten umstritten und für uns nicht wichtig. Worauf ich Sie zu achten bitte, ist dies: Menschen von weither sind unterwegs zu Jesus, fragen bei den Fachleuten, wie sie ihn finden können, und was geschieht? "Als König Herodes das hörte, erschrak er, und mit ihm ganz Jerusalem." Statt Freude: Abwehr, statt Anbetung: Mordpläne. Nicht die Worte der offiziell Zuständigen führen die Fremden zum Ziel, nur ihr eigener Stern. So war das damals. Ist es heute vielleicht ähnlich?

Der Name "Jesus" bedeutet: "Gott rettet". Danach haben jene drei Wanderer gesucht. Ihr Herz hat gespürt: Irgendwo muß es ihn geben, einen Menschen der uns klar macht, daß Gott rettet und wie Gott rettet. Bei der Art, wie man bei uns lebt, da fehlt etwas. Zurecht kommen wir, das schon. Aber irgendwie kann das, was bei uns als Sinn des Lebens gilt, nicht alles sein. Nach so etwas zu fragen ist zwar unfein, schickt sich nicht in guter Gesellschaft. (Ähnlich wie zu Sigmund Freuds Jugendzeit kein anständiger Mensch das Wort "Unterhose" in den Mund nahm.) Aber wir widerstehen dem modernen Tabu. "Gott rettet" - wenn es den Menschen gibt, bei dem das ganz stimmt, dann wollen wir ihm in die Augen schauen. Weiter also, dem Stern nach.

Sie merken: Wenn wir die Stimmung der Pilger so verstehen, dann sind auf unserer Erde derzeit nicht bloß drei Menschen auf der Suche nach Jesus, sondern viele Milliarden. Und das Schlimme ist: Allzuoft stimmt auch der Fortgang der Geschichte. Die Suchenden kommen zu den offiziellen Autoritäten des Volkes Gottes und erkundigen sich: Wo ist denn nun das Neue Sinn-Antlitz, das unser innerer Stern verspricht? Ihr müßt es doch wissen, ihr seid die Spezialisten in Sachen Lebenssinn. "Gott rettet", was heißt das gerade für uns, mit unserer Herkunft und unseren Gewißheiten, die wir selbstverständlich nicht preisgeben dürfen? Wir kommen ja auch nicht mit leeren Händen. Schaut, da draußen stehen unsere Kamele, reich bepackt mit den besonderen Gaben, die nur wir dem Retterkind bringen können, denn bei euch hier gibt es die anscheinend gar nicht. Sagt uns also: Wo finden wir ihn, dem wir begegnen wollen, damit unser Herz spürt, wie wunderbar Gott rettet - nicht irgendwen rettet, sondern genau uns? Bitte weist uns den Weg.

Und was geschieht? In der heiligen Stadt erschrickt man. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten (heute lauten ihre Titel anders aber nur ein bißchen anders), sie können zwar ungefähr die Richtung sagen: Geht nach Bethlehem. Genau aber wissen sie vor allem, was die Kamele alles Verbotenes mitführen, was dem Kind - sollte ES denn wirklich geboren sein - keinesfalls gebracht werden darf ... Zum Glück zeigt sich wieder der Stern und führt, die ihm folgen, unfehlbar zum Ziel. "Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar."

Und was tut das Kind, heute wie damals? Es lächelt die Fremden an. Und weil es nicht nur ein Mensch ist sondern zugleich Gott in Person, bewahrt es die Erinnerung an diese Begegnung, läßt sich auch von ihr prägen, wird dank diesen dreien ein etwas anderer Mensch als es ohne sie geworden wäre. Gott vergißt ja nichts, sein treues Gedächtnis wird einmal unser Ewiges Leben sein. Weil Jesus wirklich ist, was er heißt: "Gott rettet", deshalb will er auf die Gaben angewiesen sein, die seine Sucher ihm bringen: all das nämlich, was Gott retten soll.

Lange hat es gebraucht, erfreulicherweise weiß die Christenheit aber zu Beginn ihres dritten Jahrtausends, daß sie herunter muß vom hohen Roß ihrer einzigen Wahrheit. Nicht Lüge will Gott ja retten sondern menschliche Wahrheiten, nicht Plunder und Unsinn haben die fremden Wanderer dem Jesuskind gebracht sondern ihr Bestes. So auch heute. Und ES freut sich darüber, nimmt gern an, worüber man die Nase rümpft. Ich erlaube mir deshalb, Ihnen einige aufrüttelnde Sätze mitzuteilen, wie ich sie im Sommer 2001 beim Vortrag des klugen Schriftgelehrten Gisbert Greshake im Kreise vieler Priester und Hoherpriester mitgeschrieben habe:

Wer Gott ist, kommt erst in der Geschichte heraus. Die endgültige Bewahrheitung steht noch aus. Jesus Christus ist keine Privatperson. Erst dann ist Christus zur Vollendung gekommen, wenn sich alles Wirkliche so von ihm bestimmen läßt, daß er als Haupt mit allen Gliedern seines Leibes auch wirklich vernetzt ist. Christus selbst hat eine unabsehbare Zukunft vor sich. Der letzte Sinn all dessen kann sich nur im Durchgang durch die gesamten zwischenmenschlichen Begegnungen zeigen. Christus hat noch viel vor sich. Christus wartet: auf die offene Zukunft, die öffentliche Begegnung zwischen ihm und dem, was noch nicht ausdrücklich zu ihm gehört. Auch das Christentum hat noch eine Zukunft vor sich. Was es selbst ist, kommt in einem geschichtlichen Prozeß der Begegnung zwischen ihm und dem ihm noch Fremden erst heraus. Die Botschaft muß nicht nur verkündet werden sondern auch angenommen. [Das bringt] eine neue Tiefe, ein neues Material. Das Christentum wird erst allgemein, wird erst zu sich selbst gebracht. Die Kirche bleibt defizient katholisch weil die Juden nicht christlich sind. Dieser Ur-Riß setzt sich analog fort. Die Kirche ist auf die anderen angewiesen. Die Katholizität hat die Kirche nie anders, als daß sie von sich selbst auf Christus zeigt. So gehört die Zukunft der Großen Ökumene.

Verglichen mit dem, was man üblicherweise "katholisch" nennt, sind das neue Töne. Es sind aber die echten. "Erscheinung des Herrn" heißt unser Fest. Sagen Sie seinen tröstlichen Sinn Ihren Freunden weiter, gerade auch solchen, die nicht in der irdischen Stadt Gottes wohnhaft sondern fern von ihr auf der Suche nach "Gott rettet" sind: Nicht als Tyrann will der Herr erscheinen, auch nicht wie die oberschlaue Lehrerin die alles besser weiß. Sondern als Kind, das seine Händchen lachend nach dem ausstreckt was du ihm bringst: die Zweifel und Sorgen, Hoffnungen und Freuden jeder Stunde deines einzigen Lebens.

"Auf einem anderen Weg" sind die drei Fremden damals heimgezogen, nicht über Jerusalem. Das Bild dieser Karawane hilft mir, wo immer jemand den ich schätze von meiner christlichen Wahrheit nichts wissen will. Wichtig ist, daß sie oder er Jesus begegnet, d.h. Gottes Menschenfreundlichkeit, ein bißchen hoffentlich auch durch mich, und als erlöster Mensch den eigenen Weg geht. Wenn das geschieht, ist der Herr wahrhaft erschienen. Wer weiß wann, vielleicht nach Generationen oder auch erst in der Ewigkeit wird die jetzige Lebenswahrheit dieses Menschen sich als mit der kirchlichen vereinbar zeigen, kompatibel sagt man heute, dann stimmen beide Programme zusammen.

Bis dahin heißt es die Spannung aushalten, die zwei gegensätzliche Sinnpole aufeinander bezieht. In ihrer Wurzel sind beide göttlich. Der eine ist Gottes schöpferischer Wille tief in jedem Menschen, versinnbildet durch die mitgebrachten Schätze auf den Kamelen. Jeder Mensch, jedes Volk, jede Glaubensgemeinschaft trägt zum Sinn des Ganzen etwas Unersetzliches bei, eine besondere Farbe, die im Spektrum des weißen Gotteslichtes heimlich schon enthalten ist, aber auch als bestimmtes Geschöpf deutlich werden soll, so daß sie sich von den anderen sichtbar unterscheidet. Der andere Sinnpol offenbart sich im Kind in der Krippe, der geschichtlichen Erscheinung des allumfassenden Guten uns Einzelnen sichtbar gegenüber, wie wenn auf einem Gemälde neben farbigen Flächen eine weiß leuchtet. Während das weiße Licht alle Farben enthält, tut die weiße Leinwand das nicht; soll ihre ganze Licht-Wahrheit erscheinen, ist sie deshalb auf die bunten Bildteile angewiesen.

Christliche Lebenskunst besteht auch darin, in betendem Kontakt mit Gottes Licht immer wieder neu zu spüren, welche Farbe mir jetzt ausdrücklich dran ist (so heißt auf deutsch der biblische "kairós", die rechte Zeit): eine aus dem bunten Kreis oder aber mein Zeugnis für das historisch erschienene christliche Weiß. Wenn dieses dran ist, wäre der Entschluß zu jener nichts als heidnischer Egoismus. Spricht ein Gewissen aber zugunsten einer Sonderfarbe, dann ergäbe auch der bestgemeinte Zwang zum Weiß nicht dieses sondern bestenfalls ein ideologisch verdorbenes Grau, wenn nicht gar einen Schmutzfleck bigotter Sklaverei.

Vor allen solchen "Häresien", d.h. so oder anders einseitigen Abschaltungen einer göttlich-heilsamen Spannung, warnen zahlreiche schlimme Beispiele aus der Kirchengeschichte bis hin zur jüngsten. Der Wunderstern des Evangeliums verbindet hingegen beide Sinnpole, leitet die Fremden samt ihren Schätzen hin zum erschienenen Gottesheil. Mühen wir uns um achtsame Augen des Herzens, dann werden auch wir, sooft wir den Stern erblicken, immer wieder wie jene drei Pilger "von sehr großer Freude erfüllt".


Zum Weiterdenken:

"Unterhose": Der Vergleich des heutigen Sinn-Tabu mit dem damaligen Sex-Tabu stammt meines Wissens von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie.

Offizielle Autoritäten: Dazu eine wahre Geschichte. Seit einigen Monaten Seminarist im römischen Priesterkolleg Germanikum, verlor ich 1957 schnell meine kirchliche Naivität, die ich durchs bayerische Benediktinergymnasium und ein paar Semester Jura hindurchgerettet hatte. Angewidert von Intrigen, Zynismen und geistlosen Realitäten um mich her, schütte ich eines Tages während des vorgeschriebenen Gespräches mit dem Spiritual meine Empörung vor ihm aus. Ruhig hört Pater Wilhelm Klein zu, an die 68 war er damals, erst im Januar 1996 sollte er 106jährig sterben. Dann fragt er mit seiner unvergeßlichen Stimme: "Sagen Sie mal, wer hat denn Jesus ans Kreuz gebracht?" Ich antworte, was man als Christ so weiß: Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten. "Ja," nickt er, "die religiösen Autoritäten. Und so muß es immer bleiben."

"Die Kirche bleibt defizient katholisch": Deshalb ist "Dominus Iesus" nur als ein Pol wahr, keineswegs klotzhaft (miß)verstanden.

üblicherweise "katholisch": Es ist hilfreich, zwischen katholisch und kat-holisch zu unterscheiden.

Licht/Farben:

a) Für Religionslehrer brauchbar ist das Gleichnis der bunten Friedenslampe.

b) Geistlich läßt sich nicht nur von Newton lernen sondern auch von Goethe.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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