Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Hinauf!

Textsammlung zum Fest Christi Himmelfahrt


"Gott ... hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben." [Eph 2,6]

"Ihr seid entsetzt über den Durst nach Unabhängigkeit und Vergnügen, der sich wie ein Feuer über die Welt ausbreitet. Ihr sucht ein Mittel, den Individualismus in Zucht und Ordnung zu bringen und die Niederträchtigkeit zu unterdrücken. Ihr werdet kein anderes finden, als vor den Menschen die Größe des Ganzen zu preisen, das sie verkennen und dessen Gelingen ihr Egoismus in Frage stellen würde. So lange nur ihr individueller Vorteil in dem irdischen Abenteuer auf das Spiel gesetzt zu sein scheint und so lange sie sich nur durch eine von außen kommende Vorschrift an die Arbeit gebunden fühlen, werden die Menschen unserer Zeit niemals ihren Geist und ihren Willen einem sie Übersteigenden unterwerfen, was immer es auch sei. Enthüllt ihnen dagegen ohne Zögern die Majestät des Stromes, zu dem sie gehören. Laßt sie das unermeßliche Gewicht der aufs Spiel gesetzten Anstrengungen spüren, für die sie die Verantwortung tragen. Erreicht, daß sie sich als bewußte Elemente der ganzen Masse der Lebenden erkennen, als Erben einer Arbeit, die ebenso alt ist wie die Welt, und als beauftragt, ihr vermehrtes Kapital all denen weiterzugeben, die kommen müssen; und dann werdet ihr zugleich ihre Neigung zur Trägheit und zur Unordnung überwunden und ihnen das gezeigt haben, was sie anbeteten, vielleicht ohne ihm einen Namen zu geben.
Denn darin liegt die höchste Bedeutung der gegenwärtigen menschlichen Phase der irdischen Geschichte, daß die sittliche Krise, von der wir befallen sind, durch die Erneuerung und die Steigerung irgendeines in der doppelten Gestalt einer Notwendigkeit und einer Anziehung von einem Absoluten ausgehenden göttlichen Druckes auf unser Wesen ausgeglichen wird.
Um die undisziplinierte Menge der denkenden Monaden im Dienste der vitalen Arbeit zu halten, gibt es, so sagten wir, nur ein Mittel: nämlich bei ihnen der Leidenschaft für das Ganze vor dem elementaren Egoismus den Vorrang zu schaffen, was praktisch heißt, bei ihnen das Bewußtsein der allgemeinen Evolution zu steigern, zu der sie gehören. Doch weshalb sollten sie sich dieser Evolution unterwerfen, wenn sie nicht auf dem Wege zu irgend etwas sind, das für immer sein soll? Immer deutlicher enthüllt sich dem geringsten der Arbeiter der Erde das Dilemma, in das das menschliche Tun eingeschlossen ist:
- Entweder strebt das Leben keinem Ziel zu, das sein Werk aufnimmt und vollendet - und dann ist die Welt absurd, selbstzerstörerisch, durch den ersten reflektierten Blick verurteilt, den sie um den Preis eines unermeßlichen Bemühens hervorgebracht hat; und das bedeutet wiederum Auflehnung, diesmal nicht mehr nur als eine Versuchung, sondern als eine Pflicht.
- Oder aber, es gibt Etwas [jemanden], in dem jedes Element nach und nach in seiner Vereinigung mit dem Ganzen die Vollendung dessen findet, was in seiner Individualität an Rettbarem aufgebaut wurde: und dann lohnt es die Mühe, sich der Mühsal zu beugen und sogar sich ihr zu weihen; allerdings in einem Bemühen, das die Form einer Anbetung gewinnt.
So verlangt das innere Gleichgewicht der Noosphäre, wie wir sie genannt haben, die von Individuen wahrgenommene Gegenwart eines höheren Pols oder Zentrums, das das ganze Strahlenbündel unseres Bemühens lenkt, trägt und sammelt. Würden wir zu weit gehen und den Erfahrungsbereich verlassen, wenn wir hier eine neue Feststellung einführten? Ist dieses von der Natur der Dinge zur Legitimierung unseres Tuns geforderte göttliche Zentrum nicht gerade jenes, dessen Einfluß für uns durch die Tendenz nach größerer Kohäsion und Gerechtigkeit und Brüderlichkeit hindurch deutlich zu spüren ist, die seit einem Jahrhundert das ermutigendste um uns herum beobachtbare Symptom in der inneren Entwicklung der Menschheit ist?
Ein Atem der Auflehnung durchweht unseren Geist, das ist richtig. Doch ein anderer, aus denselben Ausweitungen des Bewußtseins entstandener Hauch geht durch die menschliche Masse hindurch: ein Hauch, der uns alle durch eine Art lebendiger Affinität zu der herrlichen Verwirklichung irgendeiner erahnten Einheit hinzieht. Häufig bestritten, verdächtigt, lächerlich gemacht, entsteht das Einheitsstreben im Politischen, im Denken, im Mystischen überall um uns herum; und weil es nicht zum Gegenstand hat, was materiell und plural ist, sondern das, was es an Geistigem und allem Gemeinsamem in jedem von uns gibt, scheint keine Kraft der Gewohnheit oder des Egoismus fähig zu sein, es aufzuhalten: unwiderstehlich durchdringt es alles und löst nach und nach die alten Rahmen und die falschen Schranken auf.
Wir wollen in dieser höchsten Bekundung der uns umgebenden biologischen Kräfte einen letzten und unmittelbaren Grund dafür suchen, die eindeutige Existenz einer Noosphäre einzuräumen und an ihre gesicherte Zukunft zu glauben. Die unfehlbare Anziehung, die, da sie seit jeher die Launen des Zufalls, die Unordnung der Materie, die Trägheit des Fleisches und den Stolz des Geistes überwand, den Menschen verwirklicht hat und weiterhin bewirkt, daß sich fast spürbar durch unsere Seelen hindurch eine höhere Wirklichkeit knüpft - diese Anziehung, so möchte ich sagen, resümiert und bestätigt [in einer Tatsache und in einem Glauben] all das, was uns im Laufe dieser Untersuchung die Analyse des menschlichen Phänomens offenbart hat. Durch ihre Kontinuität beweist sie die Kohärenz der Grundbewegung, die von der Materie ausgehend im Geiste kulminiert. Durch die höhere Form, die sie in unseren Fähigkeiten der Reflexion und des Liebens annimmt, kennzeichnet sie die Art der Vollendung, die das Erwachen des menschlichen Denkens für das irdische Leben darstellt. Und schließlich bezeugt sie gerade durch ihren Erfolg und durch ihre dauernde Erneuerung, daß jetzt schon eine vitale Verbindung zwischen unserem Bemühen, das die Fortschritte der Hominisation vorantreibt, und dem sie lenkenden höheren Ziel besteht."
[Pierre Teilhard de Chardin, Schluß eines Essays über die Hominisation, Paris, 6. Mai 1925]

"Der Sinn der Erde öffnet sich nach oben und bricht in einen Sinn Gottes aus; und der Sinn Gottes wurzelt nach unten im Sinn der Erde und findet in ihm seine Nahrung. Der transzendente persönliche Gott und das in Entwicklung begriffene Weltall bilden nicht mehr zwei sich abstoßende Pole, sondern verbinden sich in einer abgestuften Ordnung, um die Masse der Menschen in einer einzigen Flutwelle emporzutragen.
Die Idee einer geistigen Evolution des Universums hat diese bemerkenswerte Wandlung hervorgebracht, eine Wandlung, die sich theoretisch vorausahnen läßt und die sich praktisch auf eine wachsende Anzahl von Denkern auszuwirken beginnt, möge es sich um Freidenker oder Gläubige handeln ...
Trotz der Welle von Skeptizismus, die die zweifellos zu einfältigen und materialistischen Hoffnungen, von denen das 19. Jahrhundert gelebt hatte, hinweggefegt hat, ist der Glaube an die Zukunft in unseren Herzen nicht tot. Vielmehr ist er es, vertieft und gereinigt, der uns offenbar retten soll. In der Tat erweist sich der Gedanke an ein mögliches Erwachen unseres Bewußtseins zu irgendeinem Über-Bewußtsein täglich nicht nur als durch die Erfahrung wissenschaftlich besser begründet und als psychologisch notwendiger für die Erhaltung des menschlichen Tatendranges; dieser gleiche Gedanke erscheint vielmehr, wenn man ihn logisch zu Ende denkt, auch allein fähig zu sein, das große Ereignis vorzubereiten, das wir erwarten: nämlich die Entdeckung einer synthetischen Gebärde der Anbetung, in der sich ein leidenschaftliches Verlangen, die Weit zu erobern, und ein leidenschaftliches Verlangen, uns mit Gott zu vereinigen, miteinander verbinden und aneinander entfachen; das ist ein spezifisch neuer Akt des Lebens, der jenem neuen Zeitalter der Erde entspricht."[Pierre Teilhard de Chardin, Memorandum 1941]

2, 6. Uns mitauferweckt und mitsitzen gemacht in den Himmeln in Christus Jesus.
"Daß er uns mitauferweckt hat, ist nach dem Vorgesagten klar: wenn wir in einer Einheit mit Christus vom Tode zum Leben gekommen sind, so begreifen wir, daß dieser Vorgang innerhalb seiner Auferweckung stattfindet. Aber der Vater läßt uns nach dieser Auferstehung nicht einfach in der Welt stehen, sondern er nimmt uns mit Christus zusammen in den Himmel auf. Er trennt uns auch hier nicht vom Sohn. In einer unzerreißbaren Einheit mit ihm rücken wir an den ihm vorbestimmten Ort in den Himmeln ein. Wir sind, mit andern Worten, von unserer Mitauferstehung her mitteilhaftig des ewigen Lebens. Wir werden nicht mehr eingesperrt in ein begrenztes irdisches Dasein, sondern werden mitaufgenommen in den Himmel, und unsere Seele erhält jetzt schon teil an den Freuden des ewigen Lebens. Wir erhalten teil daran in einer Einheit mit dem Herrn, dessen Liebe zur Kirche und in der Kirche auf Erden wie im Himmel lebt, so daß uns Erde und Himmel in ihm neu geschenkt sind und der Christ von nun an behaupten kann, er lebe im Glauben - das heißt in Christus Jesus - ebensosehr im Himmel wie auf Erden. Die Schranken zwischen beiden sind gefallen; sie sind vom Vater im Sohn aufgehoben worden; aber weil wir in einer Einheit mit dem Sohn uns befanden, hat diese Aufhebung auch uns betroffen. Und was immer uns von nun an in irgendeiner Weise treffen kann, das trifft uns in dieser Doppelbeziehung des Lebens auf Erden und im Himmel. Der Sohn hat uns in seiner Menschwerdung diese doppelte Existenz in Vollkommenheit vorgelebt. Und zwar als etwas, das mit seiner Himmelfahrt nicht abgeschlossen war, sondern durch die Zeiten hindurch in ihm und in uns immer neu entsteht. Er lebt nach seiner Himmelfahrt droben im Himmel, aber er fährt fort, in uns, seinem Leib, auf Erden zu leben. Und wir, sein Leib, leben auf Erden, aber in ihm, unserem Haupte, leben wir im Himmel."
[Adrienne von Speyr, Kinder des Lichtes. Betrachtungen über den Epheserbrief (Wien 1950, 71 f.]

"Die Ewigkeit kommt nicht nach der Zeit, sondern ist die reine Gültigkeit des in der Zeit für immer Vollbrachten."
[Karl Rahner in einer Himmelfahrtsbetrachtung in GEIST UND LEBEN, vor ca 40 Jahren]

... Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Christus? Ist es dasselbe? Nein. Christus ist Jesus plus wir. Das ändert alles. Wäre Christus nur als Jesus auferstanden, hätte er nichts getan. Mit uns ersteht er auf. Christi Auferstehung ist ein Ereignis, das uns betrifft, und die Himmelfahrt auch. Wir sind mit einbezogen.
Unser Traum, Gott zu sein, erfüllt sich. Der Traum des Adam, der Babelturm-Erbauer, dieser Traum, den wir alle in uns tragen. (Fliegen zu können: wer hätte das nicht schon geträumt!) Christus sagt: Dieser Traum ist nicht falsch. Er bestätigt diesen Traum der Vergottung, der theosis. [Kommentar: So sagen die griechischen Kirchenväter, nicht etwa "Vergöttlichung" (theiosis). Vergöttlicht hieße: Wie Gott werden. Das kann niemand. Gott ist einzig, seinesgleichen kann nichts sein. Aber vergottet wollen und dürfen wir werden: zu ihm selbst gehören als Glieder seines kosmischen Leibes, die Anteil haben an der Person des Einziggeborenen der nicht wie Gott ist sondern Gott selbst, ähnlich wie meine Finger und Zehen nicht wie ich sind - das wäre grotesk - aber ich sind sie, ich spüre es genau: ich schlage, als Finger, gerade die Tasten an.] Die Bestätigung dieses Traumes ist die Himmelfahrt: Du wirst eines Tages Gott sein.
"Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." Und gleich ist er weg. Wie denn: Gehst du oder bleibst du? "Er entschwand ihren Augen." Kein Abschied sondern ein Verschwinden. Bei der Himmelfahrt fängt eine neue Weise von Christi Gegenwart bei uns an. Jesus von Nazaret war beschränkt in Raum und Zeit, punktuell. Die Auferstehung läßt diese Endlichkeit zerplatzen. Er wird ko-extensiv mit Raum und Zeit. Darum mußte sein physischer Leib verschwinden, um in die neue, mystische Dimension seines Leibes einzutreten. Christi Verschwinden bedeutet einen Übergang zur Allgegenwart im mystischen Leib. Das bedeutet nicht nur eine geographische und historische Erweiterung. Sondern eine Verinnerlichung seiner Gegenwart: Als Himmel, der uns alle verbindet, ist Christus eine dynamisierende Kraft geworden. Deshalb ist er das Alpha und das Omega ...
[Henri Boulad SJ, mitgeschrieben am 23. April 2002 bei einem Vortrag in Nürnberg]

Predigten finden sich im alten Korb:

Christi Himmelfahrt

Zum Thema "Taufbefehl": Die Taufe - Heilszeichen für alle

Erde im Himmel

Himmelfahrt? Ich fahr mit!

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Lassen die Gegensätze von Juden, Christen, Muslimen, Bahais, Humanisten sich als sinnvoll so denken, daß jeder Überzeugte die fremden Überzeugungen nicht bloß tolerieren sondern herzlich - als für seine Freunde hoffentlich wahr - achten kann?

Dieses neue Buch zeigt, wie das geht.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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